Bloggewitter: Bologna oder der deutsche Hang zum Klagen

Gedankenwerkstatt

Die Stimmen zur Umstellung der Studiengänge auf das Bachelor/Master-Verfahren sind bei den Scilogs erstaunlich vielfältig und beleuchten viele Aspekte. Erwartungsmäß verweisen Befürworter auf die Erfolge, während einige der Gegner auf dem Bologna-Prozess allen ihren Frust abladen.

Bologna

Wenn ich die Beiträge und Kommentare auf diesem Server lese, habe ich den Eindruck, die Argumentation mancher Kritiker lautet etwa so: Der Staat hat eine Bringeschuld, er muss Bildung kostenlos zur Verfügung stellen. Die Universitäten sollen mindestens 40% jedes Jahrgangs mit zeitgemäßer Ausrüstung in Kleingruppen ausbilden, und zwar jeden nach seinen eigenen Interessen. Die Anforderungen des späteren Berufs dürfen dabei keine Rolle spielen. Der Bologna-Prozess hat aber die Universitäten in Schulen verwandelt und das muss sich ändern. Woher das Geld dafür kommen soll? Ich bitte Sie: Es ist eines Akademikers unwürdig, sich um so profane Dinge zu kümmern. Es hat da zu sein, schließlich ist Bildung ein RECHT, nicht ein Privileg.
Muss man sich da wundern, wenn der Protest die Politiker nicht einmal im Bundestagswahlkampf kratzt? Hat denn noch niemand gemerkt, dass selbst die Opposition nur mit unverbindlichen, wohlerwogenen Worten eine gewisse Sympathie erklärt hat? Selbst die Grünen fordern (am Ende einer langatmigen Erklärung) lediglich, das Bologna-System „weiterzuentwickeln“ und die Bachelor- und Master-Studiengänge neu „auszugestalten“. Parteien wollen gewählt werden, und eine erneute Reform der Hochschulen ist offenbar nicht populär. Vielleicht sollten sich die Kritiker des Bologna-Prozesses einmal fragen, was sie falsch machen. Einige Vorschläge:
1. Es ist absolut nicht zu vermitteln, dass ein Studium nicht der Berufsausbildung, sondern der persönlichen Vervollkommnung dienen soll. Auch für mich als Mediziner ist das kaum nachvollziehbar. Als ich mein Studium begonnen habe, wollte ich Arzt werden, und zwar so schnell wie möglich. Wenn man vorgibt, dass fast die Hälfte jedes Jahrgangs studieren soll, dann kann das Studium nur eine Vorbereitung auf den Beruf sein, weil nur eine kleine Minderheit ihr Leben der Forschung verschreiben kann.
2. Man kann nicht gleichzeitig mehr Freiheit und mehr Einheitlichkeit verlangen. Man kann nicht gleichzeitig eine Überarbeitung des Systems und seine Abschaffung verlangen. Sollten Akademiker nicht in der Lage sein, grundlegende logische Widersprüche in ihrer Argumentation zu erkennen?
3. Wenn man sinnvolle Forderungen sicher gegen die Wand zu fahren will, kombiniert man sie mit möglichst vielen utopischen Ideen. Dann macht man es den Entscheidungsträgern einfach, den ganzen Katalog zu ignorieren. Unzweifelhaft müssen beispielsweise sehr viele Gebäude der Universitäten saniert oder neu gebaut werden. Aber das geht derzeit im allgemeinen Geschrei unter. Wer alles fordert, bekommt nichts.
Jetzt muss ich noch einige unangenehme Wahrheiten loswerden:
1. Akademische Freiheit ist nicht möglich, wenn die Universitäten für jeden Jahrgang gleichzeitig einen Großteil der Berufsausbildung leisten soll. Wilhelm von Humboldt ist kein Zeuge einer idealen Universität. Dazu gibt es in der aktuellen ZEIT (Nr. 26/2009 Seite 35) einen guten Artikel (Falsches Vorbild) .
2. Jedes Studium hat ein Mindestpensum, das ein Student am Ende des Bachelorstudiums beherrschen sollte. Die akademische Freiheit besteht nicht darin, die weniger interessanten Fächer nicht lernen zu müssen.
3. Die Politik ist nicht für die Fehler der Fakultäten bei der Umsetzung der Vorgaben verantwortlich. Das muss in den Hochschulen ausgebügelt werden.
4. Wer seinen Beruf aufnimmt, kann Wissensmängel nicht mit Massenuni, Bologna oder Verschulung entschuldigen. Das interessiert keinen Arbeitgeber. Wer schlechtere Leistungen als andere Bewerber vorweist, bekommt den Job nicht. So einfach ist das. Jeder ist selber dafür verantwortlich, dass er genug lernt. Einige Hochschullehrer mögen sich mit den Protesten „solidarisch“ erklären, aber wenn sie selbst Assistenten einstellen, fragen sie nach Leistung, nicht nach Entschuldigungen.
5. Ganz gleich, wer an die Regierung kommt: Die Massenuniversität bleibt. Die Leistungsanforderungen bleiben. Die Verschulung bleibt. Bei fast 2 Millionen Studenten und der schlechten Finanzlage der Länder ist eine durchgreifende Verbesserung schlicht undurchführbar. Protest dagegen ist legitim, aber eine Verweigerungshaltung ist realitätsfern.
Ich habe in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre studiert. In der Medizin hatten wir für jedes Semester einen Stundenplan wie in der Schule. In vielen philologischen Studiengängen aber herrschte absolute Freiheit: Es gab vielfach nicht einmal eine Studienordnung. Wer glaubte, für das Abschlussexamen gerüstet zu sein, nahm seine Scheine und ging zu den Professoren seiner Wahl. Sie beurteilten dann, ob ihnen das ausreichte und setzten einen Prüfungstermin fest. Waren die Studenten damit glücklicher? Keineswegs: Es war nämlich keineswegs sicher, dass den Professoren die Scheine ausreichten. Sie forderten also nach, und zwar auf individueller Basis. Nicht selten mussten die hoffnungsvollen Prüfungskandidaten noch zwei weitere Semester auf ihre Prüfung warten und derweil die fehlenden Scheine nachholen. Sie empfanden das nicht den als notwendigen Preis der akademischen Freiheit, im Gegenteil: sie forderten eine Studienordnung.
Carsten Könneker hat moniert, dass sich Wissenschaftler in der Öffentlichkeit schlecht präsentieren. Er hat recht. Warum bloß vermitteln sie der Öffentlichkeit vielfach das fatale Bild, sie forderten alles, aber nur von anderen, einschließlich eines Sonnenscheinkontingents und einer neuen Politur für ihren Elfenbeinturm?
Thomas Grüter

Veröffentlicht von

www.thomasgrueter.de

Thomas Grüter ist Arzt, Wissenschaftler und Wissenschaftsautor. Er lebt und arbeitet in Münster.

19 Kommentare

  1. klapp,klapp

    Hallo,
    alle Achtung. Ihre Kritik ist wohl weder falsch noch unberechtigt. Mein Problem ist aber eher die Werbung mit der uns dieses Tütensüpchen als Gourmet-Wissenschaftsentwicklung verkauft wird.
    Was mir auch noch nie wirklich eingeleuchtet hat ist man mit internationaler Wettbewerbsfähigkeit (unserer Wirtschaft?)der eigenen Studenten lokale Arbeitsmärkte
    schützen will (Abwanderung).

    Ich erinnere mich noch an die Greencarddiskusionen zu Schröders zeiten.

    Das war es neue Mathematik, die ihre intellektuelle Heimstatt nur in Indien und den USA hatte, sie muste herhalten für einen Wissenschafts(ler)import, der so in dieser Breite nie stattgefunden hat, zu rechtfertigen.

    Braucht denn die Industrie wirklich die
    überqualivizierten Querdenker, wohl kaum. Eine akademische Ammeisenherde wie in Indien auf die Beine zu stellen, dürfte schon mangels Masse, nicht hinhauen.

    Das wir es uns aber immer noch aus Standesdünkel leisten Talente im dreigliedrigem Schulsystem zu zerreiben, hat natürlich keine Konsequenzen für die
    zukünftige Wissensgesellschaft. Auf detaillierte Gesellschaftskritik möchte ich an dieser Stelle verzichten.

    Ihre Kritik ist alles andere als unberechtigt aber die Politik handelt bestenfalls viertelherzig, ist unehrlich
    und geht mit sich keinesfalls härter zu Gericht, als sie es von anderen verdeckt erwartet.

    Gruß Uwe Kauffmann

  2. Also gar keine Schulen mehr

    Wer schlechtere Leistungen als andere Bewerber vorweist, bekommt den Job nicht. So einfach ist das. Jeder ist selber dafür verantwortlich, dass er genug lernt.

    Okay, dann können wir die ganzen Bildungsausgaben endlich streichen, die Schulen und Hochschulen dicht machen und stattdessen doch noch Arcandor und ein paar Banken retten? So einfach kann das sein.

    Das Medizinstudium ist übrigens ein schlechtes Beispiel, da hier — anders als bei den meisten Studiengängen — von Anfang an ein klares Berufsbild besteht, an dem sich die Mehrheit der Studierenden orientieren kann. Wie oft haben Sie sich denn die Frage anhören müssen: “Und was willst du damit später mal machen?”

    Gerade Medizin halte ich aber für ein gutes Beispiel, was “eigene Verantwortung” hier bedeuten kann: Gute Beziehungen, Seilschaften und Geldbeutel der Eltern.

    Es führt meines Erachtens völlig am Thema vorbei, ob es eine deutsche “Klagementalität” gibt — die Frage muss sein, ob die Klagen berechtigt und begründet sind.

    Dass auf die Hochschulen und innerhalb von ihnen ein Druck zur ökonomisierung der Bildung ausgeübt wird, darüber wurde schon viel geschrieben; das engt auch die Freiheitsgrade der Instute ein. Was soll denn Ihrer Meinung nach ein Institut für Indologie noch gestalten, wenn die Hochschulleitung beschließt, dass die einzige Professur nicht mehr neu besetzt wird?

    Sorry, aber in Ihrer Analyse entdecke ich nicht die Hochschule wieder, die mir bekannt ist.

  3. “Als ich mein Studium begonnen habe, wollte ich Arzt werden, und zwar so schnell wie möglich. “

    Komisch, wo Sie sich doch so sicher waren, warum sind sie dann auch noch unter die Softwareunternehmner gegangen und arbeiten nicht im Krankenhaus oder haben eine Arztpraxis?
    Manchmal ist es nicht so klar, was man denn später machen möchte und die Universität soll hier Entwicklungsmöglichkeiten geben, anstelle eines vollgespickten Stundenplans, der keinen Zeitraum für Individualität lässt.
    Außerdem stellen Sie hier wirtschaftliche Interessen über alles Andere. Wo kommen wir denn hin, wenn wir alles auf seine Wirtschaftlichkeit überprüfen müssen? Immer muss sich etwas lohnen, nie macht man etwas, nur um der Sache willen.
    Bildung ist natürlich ein RECHT! Es ist genauso ein Recht wie die freie Meinungsäußerung.

  4. BaMa vs Diplom

    Ich finde es nicht so hilfreich, das Thema anhand von Extremen wie dem Medizin- oder Philologiestudium zu diskutieren. Und Kommentare wie “Es ist absolut nicht zu vermitteln, dass ein Studium nicht der Berufsausbildung, sondern der persönlichen Vervollkommnung dienen soll.” oder “Die akademische Freiheit besteht nicht darin, die weniger interessanten Fächer nicht lernen zu müssen.” gehen vielleicht auch an den Problemen vorbei. In der Medizin mag es sinnvoll sein, daß alle Studenten eine einheitliche Ausbildung bekommen – ein späterer Allgemeinarzt kann schließlich nicht vorhersehen, welche Krankheiten ihn im Laufe seines Berufslebens einmal beschäftigen werden. In anderen Fächern macht es aber schon Sinn, Leuten Wahlfreiheit bei der Auswahl der Fächer und Themen zu lassen. Nicht nur zur persönlichen Vervollkommnung, sondern auch im Interesse der späteren Arbeitgeber. Diese müssen dann nicht aus einer Masse gleich ausgebildeter Bewerber auswählen, sondern können sich diejenigen suchen, deren speziellen Fähigkeiten zum jeweiligen Profil passen. Abgesehen davon ist es (nicht in der Medizin, aber in vielen anderen Fächern) ohnehin so, daß im Beruf weniger spezielle Kenntnisse (die ohnehin in 5 Jahren nicht mehr aktuell sind) sondern eher spezielle Fähigkeiten gefragt sind. Darum dient(e) ein Studium eben nicht der Berufsausbildung, sondern der ‘persönlichen Vervollkommnung’. Mein persönlicher Eindruck in meinem Fach ist jedenfalls, daß (unter den Studenten, die in die freie Wirtschaft gehen) später in der Regel diejenigen die attraktiveren Jobs bekommen, die sich nicht schon im Studium mit Blick auf ihre spätere Berufstätigkeit einseitig spezielle Kenntnisse (z.B. im Versicherungswesen) erworben hatten, sondern sich im Studium mit anspruchsvolleren (wenn auch evtl. praxisfernen) Themen beschäftigten.

    Vielleicht sollte man auch noch mal klarstellen, daß die stärkere Verschulung keineswegs eine Hebung (oder auch nur Sicherung) der Anforderungen an die Studenten bedeutet. Eine Masterarbeit (erst recht natürlich eine Bachelorarbeit) stellt erheblich geringere Anforderungen als eine Diplomarbeit. (Nicht nur inhaltlich, sondern vor allem methodisch, also bzgl. der Befähigung zum selbständigen Arbeiten.) Zwar hatte man früher (vor allem im Hauptstudium) mehr Freiheit in der Wahl der Lehrveranstaltungen und hätte die notwendigen Scheine im Prinzip auch erwerben können, in dem sich überall die einfachsten Vorlesungen heraussucht. Aber um eine Diplomarbeit zu schreiben, mußte man eben die notwendigen Vorkenntnisse mitbringen und da half es dann auch nicht, sich vorher bei den Scheinen irgendwie durchgemogelt zu haben.

  5. Bachelor

    Sehr geehrter Dr. Grüter,
    Ich denke, Sie werden mir zustimmen, wenn ich behaupte, die Medizin ist eine Randerscheinung der Universitätslandschaft. Das Medizinstudium grenzt schon fast an eine (wissenschaftliche) Berufsausbildung; es gibt ein klares Ziel, nämlich das Praktizieren in einer Klinik oder einer Privatpraxis. Natürlich tut dies nicht jeder, doch von der Mehrzahl der Studierenden wird dies erwartet. Anders ist es bei Studiengängen wie Philologie, Aegyptologie oder Musikwissenschaften. Kann man ernsthaft erwarten, dass ein Philologe einen Bachelor macht? Nach drei Jahren, lediglich mit Grundkenntnissen der Romanistik ausgestattet, irgendetwas leisten kann? Mit einem Magister kann ein Geisteswissenschaftler zumindest noch mit etwas Glück eine Anstellung finden. Der Master mag equivalent sein, doch was, wenn man es nicht in den Masterstudiengang schafft, weil die Note nicht gut genug ist? Dann hat man bei (am Arbeitsmarkt) weniger gefragten, aber (bei Studierenden) eher beliebten Studiengängen Pech. Wer es an die Universität schafft, und die Kurse besteht, hat auch das Recht, einen anständigen Abschluss, also Diplom oder Magister, zu machen. Bei den meisten Studiengängen gibt es kein klares Berufsbild, anders als bei der Medizin. Wer einen Abschluss hat, also ein Diplom oder einen Magister, kann sich idealerweise in vielen Berufen zurechtfinden. Denn im Studium geht es nicht darum, Wissen zu sammeln, sondern darum, sich wissenschaftliche Fertigkeiten anzueignen. Der Bachelor ist nichts als der Versuch, eine Masse von Absolventen zu schaffen, die sich mit einem Universitätsabschluss rühmen können, ohne wirklich gebildet zu sein. Es ist nicht ungewöhnlich wenn man davon hört, dass man nur mit Bachelor kaum eine gute Anstellung bekommt.
    Ich stimme Ihnen zu, dass die Universität nicht alles auf einmal kann. Man kann nicht erwarten, dass eine Berufsausbildung stattfindet, und jeder Student trotzdem sein Studium ganz frei studieren kann. Aber die Universität hatte nie die Aufgabe, ihre Studenten für einen Beruf auszubilden. Das widerspricht dem Ziel der Universität, nämlich der wissenschaftlichen Bildung. Gab es denn je ein Problem mit der Qualität deutscher Absolventen? Wohl eher nicht. Praktika kann sich jeder Student selber suchen. Im Grunde ist die berufliche Ausbildung während des Studiums sowieso für die Katz. Die meisten werden eh‘ in einem anderen Feld arbeiten oder die Karriere im Laufe ihres Lebens wechseln.
    Zu guter Letzt, muss ich Ihnen Recht geben. Studienordnungen sind notwendig. Doch das ist nicht das grundsätzliche Problem des Bachelors; die verlorengegangene Freiheit äussert sich in meist verplanten Studienordnungen und Anwesenheitspflicht. Die Verschulung des Systems wird wohl kaum den Wissensstand der Absolventen dramatisch verbessern.
    MfG,
    Tim

  6. An Herrn Uwe Kaufmann

    ACHTUNG: Tütensüppchen” wird mit zwei “p´s” geschrieben…..!!!!…nur mal so zur Anmerkung!!!

  7. @Stephan Schleim

    Okay, dann können wir die ganzen Bildungsausgaben endlich streichen, die Schulen und Hochschulen dicht machen und stattdessen doch noch Arcandor und ein paar Banken retten? So einfach kann das sein.
    Diesen kühnen Schluss kann ich nicht nachvollziehen. Er lässt sich aus meinem Beitrag nicht ableiten.
    Gerade Medizin halte ich aber für ein gutes Beispiel, was “eigene Verantwortung” hier bedeuten kann: Gute Beziehungen, Seilschaften und Geldbeutel der Eltern.
    Die Vorurteile gegen Mediziner haben sich seit meinem Studium offenbar nicht verändert. Sie aber noch immer nicht richtiger.

    Was soll denn Ihrer Meinung nach ein Institut für Indologie noch gestalten, wenn die Hochschulleitung beschließt, dass die einzige Professur nicht mehr neu besetzt wird?
    Ein Institut ist am Ende, wenn die einzige Professur nicht neu besetzt wird. Das Problem gab es immer schon, es hat nichts mit dem
    Bologna-Prozess zu tun. Solange die Universität selbst über das Schicksal von Lehrstühlen beschließt, liegt es auch in ihrer Verantwortung, bestimmte Bereiche zu fördern oder zu schließen.

  8. @Sebastian

    Mit persönlichen Angriffen schwächen Sie ihre Argumentation. Zum Thema Recht auf Bildung: Es ist mit dem Recht auf freie Meinungsäußerung nicht ohne weiteres vergleichbar. Vom in der UN-Charta festgeschriebenen Recht auf Bildung lässt sich kein Recht auf kostenlose tertiäre Bildung ableiten.

  9. @ Grüter: Von Irrtümern und Strohmännern

    Natürlich lässt sich aus Ihrer These, jeder sei für seine Bildung selbst verantwortlich, die Unnötigkeit öffentlicher Bildungseinrichtungen ableiten; was sind sie denn sonst, wenn nicht Beispiele dafür, dass der Staat die Verantwortung für die Bildung übernimmt? Ihre Aussage ist also — zumindest für die BRD und jedes andere mir bekannte zivilisierte Land — faktisch falsch. Sie widersprechen sich dann auch an anderer Stelle, wenn Sie doch wieder den Professoren und Hochschulen die Verantwortung geben, ihren Gestaltungsraum zu nutzen. Ist es nun man selbst oder sind es doch die Institutionen, die für die Bildung verantwortlich sind? Man kann einen Kuchen nicht gleichzeitig essen und behalten.

    Was Sie meine Vorurteile nennen, das beruht auf Berichten aus meinem Bekanntenkreis und zwar von Medizinern in Deutschland und Österreich; klar ist das nicht in allen Fällen so. Von mir aus schenke ich Ihnen diesen uninteressanten Punkt aber auch. Es würde mich aber mal interessieren, was für Sie “eigene Verantwortung” überhaupt heißt. Das steht bei Ihnen ja nirgends, obwohl Sie das Wort so gern in den Mund nehmen.

    Im Übrigen fackeln Sie mit Ihrem Philologen aus den 70er Jahren einen Strohmann ab — da es noch nicht mal Ihr Lehrer war, dürfte es sich hier wohl um Ihre Vorurteile handeln. Bei meinem Studium war die Form ganz klar geregelt, doch die Inhalte waren — anders als mit Bolognese-Reform — weitgehend frei. Das hatte alles seine Ordnung und war im Zweifelsfall sogar einklagbar. Tatsächlich gab es einen Dozenten, der in 68er-Tradition die Benotung unnütz fand — am Ende des Semesters hat er dann aber doch Noten gegeben.

    Sie irren sich ein weiteres Mal, wenn Sie die Veränderung von Fächerlandschaften von Bologna trennen. Haben Sie überhaupt schon mal ein Bachelor-Curriculum gelesen? Haben Sie überhaupt ein Ahnung, wie das Studium vor der Umwälzung geregelt war? Ganz offensichtlich nicht. Natürlich mussten und müssen manche Fächer dicht machen, wenn sie keinen eigenen Bachelor-Studiengang auf die Beine stellen; erklären Sie doch bitte mal den Betroffenen, wie das mit einem Lehrstuhl funktionieren soll.

  10. @Hannah Baum

    Hallo,
    vielen Dank, die entfallene Entschleunigung des ü’s ist mir gar nicht aufgefallen. Früher ist bei konzentriertem Nachdenken, meine Rechtschreibung komplett weggebrochen.
    Irgendwie habe ich da ein Problem mit dem
    Corpus callosum, entweder ist er nur feldwegmäßig Ausgebaut oder in der Mautstelle rechts arbeitet ein total fauler
    Hund.
    Aber ich arbeite noch daran (Neurogenese/Sprache benutzen).

    M.f.G. Uwe Kauffmann

    (* lifetime burning *)

    http://www.youtube.com
    /watch?v=fAWurnyKZUM

  11. Wess Geistes Kind………

    Woran wir glauben: Neoliberalismus, homo oeconomicus und den Schlaf der Gerechten.

    Was wir dafür bekommen:new market, Immobilienblase, Wirtschaftskrise und eine Welt in der Menschen untergeackert werden wie Mist.

    Der amerikanische Traum, jeder kann es schaffen, muss es schaffen können, sonst funktioniert das mit dem Selbst- und Weltbild nicht. (Home of the brav… mähhh, mähh………

    Ich hätte die Amieeeees nicht aus dem Zaun befreit, nur damit der Kapitalismus
    keine Kratzer bekommt.

    Gruß Uwe Kauffmann

    (* I have had a dream……

  12. @tk

    Mein Beitrag ist absichtlich als Polemik geschrieben, also gewollt überspitzt und einseitig. Er soll eine Diskussion in Gang bringen, die ein ausgewogener Besinnungsaufsatz nie lostreten könnte. Deshalb habe ich mit voller Absicht Extreme gegeneinander gesetzt. Nur die Extreme zeigen die Spannweite der universitären Ausbildung.

    Sie schreiben (wie der Link in Ihrem Kürzel verrät) aus der Sicht des Mathematikers. Das bisherige Vorstudium der Mathematik gilt als recht verschult und ausgesprochen anstrengend (korrigieren Sie mich, wenn das nicht stimmt), so dass der Bachelor keine großen Änderungen bringen sollte (es sei denn, er soll auch noch das Hauptstudium mit abdecken).

    Die Masterarbeit soll ähnliche Anforderungen wie die Diplomarbeit stellen, und es würde mich schon interessieren, warum das in Ihrem Fachbereich nicht so ist. Das würde den Masterabschluss in der Tat abwerten.

    Ob sich ein Student spezielles Wissen oder sinnvolle Fähigkeiten aneignet, muss er selbst entscheiden. Mein Argument geht dahin, dass ein Student kein Schüler mehr ist, der das und nur das lernt, was ihm vorgesetzt wird. Die Verschulung durch das Bachelor/Master-Studium sollte also niemanden dazu verleiten, nur das geforderte Wissen zu lernen.

  13. @Stephan Schleim

    Seien Sie doch so freundlich, die Diskussion auf der sachlichen Ebene zu führen. Persönliche Angriffe bringen das Thema nicht voran.
    Zum Thema der persönlichen Verantwortung und der staatlichen Vorsorge: Ich möchte mit einem Vergleich antworten:
    Wenn ich die Verantwortung jedes einzelnen für die Brandverhütung in seiner Wohnung betone, dann verlange ich damit nicht implizit die Abschaffung der Feuerwehr. Die Gemeinschaft stellt ein Angebot zur Verfügung, und jeder sollte es optimal nutzen. Aber was optimal ist, muss jeder selbst definieren.
    Das ist kein unauflöslicher Gegensatz.
    Ich habe während meines Studiums Stundentenpolitik betrieben und sass drei Jahre im Studentenparlament (damals hieß es offiziell Studentenparlament und nicht Studierendenparlament). Ich habe mich also notwendigerweise mit den Lernbedingungen in anderen Fachbereichen befasst. Ich glaube Ihnen gerne, dass ihre Erfahrungen im Studium von 2000-2005 nicht mit denen in Münster von 1977-1980 zu vergleichen sind. Hatte ich auch nicht erwartet.
    Und wie gesagt: Eine etwas weniger aufgeregte Diskussion kommt uns allen zugute.

  14. @Uwe kauffmann (Wes Geistes Kind …)

    Lieber Herr Kauffmann,

    die bloße Aufzählung von Schlagworten ist noch kein Argument. Sie haben zwar ein beeindruckendes Bild der kapitalistischen Hölle und ihrer Folterwerkzeuge beschworen, aber es ist mir nicht ganz klar, was sie damit ausdrücken wollen.

  15. @ Grüter: Idiosynkrasie

    Ich wüsste nicht, wo ich Ihre Person angegriffen haben sollte, Herr Grüter; ich habe doch gar nicht darüber gesprochen. Jemanden auf Inkonsistenzen hinzuweisen und um die Präzisierung seines Standpunkts zu bitten, das sind für mich wesentliche Bestandteile des rationalen Diskurses.

    Wenn Sie zwischen den Aussagen, dass Öffentlichkeit und Individuum für die Bildung verantwortlich sind und dass jeder selbst für seine Bildung verantwortlich ist keine Spannung empfinden, dann halte ich das zwar für äußerst idiosynkratischen Sprachgebrauch, sehe aber in der Sache keine Differenzen.

  16. privat nonsens

    Hallo,
    na überhaupt nichts, außer das ich die Hölle gern für alle ein bisschen wärmer,
    geräumiger und weicher gepolstert hätte.

    (ODER)

    Das es nichts gibt woran wir uns festhalten können. Keinen Neoliberalissmus, keine romantischen Vorstellungen von Bildung.

    Einfach das es Versachlichung nicht gibt,
    weil wir Menschen sind.

    http://www.philosophie.uni-mainz.de
    /metzinger/publikationen/SMT-light2.pdf

    Gruß Uwe Kauffmann

    (*Wer’s glaubt wird selig, wer’s nicht glaubt kommt auch in den Himmel.*)

  17. @Grüter

    Hallo Herr Grüter,

    ich schrieb:Einfach das es Versachlichung nicht gibt,
    weil wir Menschen sind.

    Dies entbindet uns natürlich nicht von der Tatsache ja Verpflichtung unser Bewustschwein über die grünen Weiden von Realität, gedachter Realität und Wissenschaft zu treiben.
    Auch wenn dem Hirten die Zäune von Kybernetik 1. Ordnung und die Tatsache das das Ganze dann oft doch mehr ist als die Summe der Teile ist, oft den geraden Weg verbauen.

    In der Reihe Grenzgänger

    DLF/Essay und Diskurs

    Der Quantenphysiker Thomas Görnitz
    Von Hans-Jürgen Heinrichs

    Grenzgänger thematisieren auf eine neue, noch unerhörte Weise Brennpunkte, Schnittstellen und Gefahrenzonen in der Gesellschaft, in politischen, künstlerischen und wissenschaftlichen Ausdrucksformen.

    Statt Selbstbegrenzung auf einen Blickwinkel oder eine Perspektive praktizieren sie das grenzüberschreitende Denken und exponieren sich dabei, stärker als die Vertreter einer Disziplin, mit ihrer ganzen Person. Sie unterstellen sich zumeist einer Vision und einer Wahrheitssuche in größeren…..

    Die Umschreibung gibt keineswegs die Qualität des Beitrages wieder, die ist nämlich höher.

    M.f.G. Uwe Kauffmann

  18. Super Beitrag!

    Lieber Thomas,

    danke für diesen Beitrag! Er spricht mir in vielem aus dem Herzen!

    Im eigenen Beitrag zum Bloggewitter hatte ich ja beklagt, dass zwar allenthalben über Bildung & Forschung geklagt wird, aber die wirklich Betroffenen (Kinder & der akademische Mittelbau) kaum zu Wort kommen. Hier hast Du m.E. sehr präzise aufgezeigt, warum auch das Getöse der letzten Wochen an Politik & Öffentlichkeit in Teilen vorbei ging. *Applaudiert*

  19. lemonque

    Akademische Freiheit ist nicht möglich, wenn die Universitäten für jeden Jahrgang gleichzeitig einen Großteil der Berufsausbildung leisten soll. Wilhelm von Humboldt ist kein Zeuge einer idealen Universität. Dazu gibt es in der aktuellen ZEIT (Nr. 26/2009 Seite 35) einen guten Artikel (Falsches Vorbild) .

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