Handlungsbedarf

BLOG: Formbar

Plasmen im Mittelpunkt
Formbar

Ich gebe es zu: anfangs hielt ich die Meldungen über die geklauten Passagen in Karl-Theodor zu Guttenbergs (KT) Doktorarbeit für albern, da hat er halt einmal vergessen, etwas zu kennzeichnen. Mein Problem ist, dass ich gerne an das gute im Menschen glaube und nachdem KT die Anschuldigungen abgestritten hatte dachte ich, bald würde wieder ein anderes Thema die Medien beherrschen. Wie naiv ich doch war. Wie komme ich auch darauf, meinem Verteidigungsminister zu glauben. Ich weiß auch immer noch nicht was ich schlimmer finde, die Bestnote Summa Cum Laude, das anfängliche Abstreiten oder das Verhalten der Uni Bayreuth (im Nachbarblog Sprachlog sehr schön nachzulesen) und ob der Schaden für den durchschnittlichen deutschen Politiker oder den Wissenschaftler größer ist?

gewitter-Ehrlichkeit

 

Dem Ansehen der Wissenschaft hat KT meiner Meinung nach in jedem Falle einen gehörigen Schlag versetzt (auch in Kombination mit dem bereits angesprochenen Verhalten der Uni Bayreuth). Hat der Doktorgrad bzw. die Promotion jetzt an Ansehen und Wert verloren? Vermutlich. Der Eindruck mag entstehen, dass Wissenschaftler tun und lassen können was sie wollen und, vor allem, alle nicht-Wissenschaftler für dumm verkaufen können und das auch tun. Deckt man ihre Fehler auf, hat das auch keine allzu schlimmen Konsequenzen. Vor allem deswegen wünsche ich mir hier deutliche Worte und zwar nicht nur von den politischen Gegnern von KT. Ich wünsche mir aber noch mehr: ich wünsche mir Konsequenzen, sonst nimmt bald niemand mehr Wissenschaftler ernst, wie es die Sueddeutsche voraussagt. Allerdings ist das hier kein Wunschkonzert und man kann nur hoffen, dass KT in einer ruhigen Minute sich des Schadens bewusst wird, den er angerichtet hat und eventuell noch anrichten kann und entsprechend handelt.

Nun ist KT Jurist und Jura ist eine Geisteswissenschaft. In den Geisteswissenschaften muss man im Regelfall sehr viel lesen, über das gelesene nachdenken, seine Schlussfolgerungen ziehen und das ganze dann wieder aufschreiben. Dabei muss man darauf achten, dass alle Gedanken, die zu den eigenen Schlussfolgerungen hinführen auch korrekt und vollständig zitiert werden. In den Naturwissenschaften muss man auch viel lesen, dann allerdings meistens ins Labor (auch ein Computer kann als "Labor" dienen, ebenso eine Tafel oder ein Blatt Papier), anschließend über seine Ergebnisse nachdenken und diese dann aufschreiben. Natürlich muss auch hier zitiert werden, allerdings sind es meistens nur Fakten derer man sich bedient und keine vollständigen Textpassagen. Sind die Naturwissenschaften deswegen vor gefälschten Doktorarbeiten oder Forschungsergebnissen gefeit?

Gerne würde ich diese Frage mit "ja" beantworten. Kann ich aber nicht. Man denke nur an den Fall des deutschen Physikers Schön, der in seiner besten Zeit eine unglaubliche Publikationsfrequenz an den Tag legte: alle 8 Tage einen Fachartikel. Man handelte ihn schon als potentiellen Nobelpreiskandidaten. Dann griffen aber irgendwann doch die Kontrollmechanismen der Naturwissenschaften: Es war einfach nicht möglich, seine Messreihen zu wiederholen. Bei genauem Hinsehen kam dann heraus, dass die Messdaten von Schön teilweise gefälscht wurden – das Wort "frisiert" finde ich in diesem Zusammenhang absolut unpassend, verniedlicht es doch den ganzen Vorgang.

Welchen Schluss kann man jetzt daraus ziehen? Zunächst, dass naturwissenschaftliche Arbeiten nicht so "einfach" auf Fehler überprüft werden können, wie das bei KTs Arbeit der Fall war. Oft wird teure Laborausrüstung notwendig sein, um Experimente und ihre Ergebnisse zu überprüfen. Was also tun? Ersteinmal einen Kaffee aufsetzen und die ganze Sache aussitzen? Nein, mit Sicherheit nicht. Einige wichtige Schritte sollten getan werden, um unser öffentliches Ansehen etwas zu verbessern. Ich denke, die Wissenschaft sollte alles daran setzen Forschungsergebnisse, also Publikationen, frei zugänglich zu machen, damit zumindest jeder die Möglichkeit hat, Experimente und Schlussfolgerungen nachzuvollziehen. Kollege Lars Fischer hat mit seiner open-access Initiative vielleicht einen Stein ins Rollen gebracht (wie gesagt, ich bin Optimist 😉 Aber nicht nur Publikationen sollten frei zugänglich sein, man sollte auch eine Möglichkeit finden, die dazugehörigen Rohdaten in einer Art Datenbank einzutragen.

Außerdem sollten wir uns Zeit nehmen, unsere Forschung der Öffentlichkeit zu erklären. Ich empfehle da ganz besonders Schulklassen, denn kaum jemand ist so ehrlich wie kleine Kinder es sind 😉 Das Bild des abgehobenen und weltfremden Wissenschaftlers hilft schließlich niemanden. Deshalb finde ich Projekte wie scilogs.de unheimlich wichtig, denn hier kann man Wissenschaftler in den Kommentaren der blogs direkt ansprechen.

Bevor ich jetzt noch etwas unpassendes über die Doktor-KT-Affäre sage – unsere Institutskaffeerunde hätte ich heute gerne mitgeschnitten – beende ich lieber diesen Artikel schaue mir das VfB-Spiel an. Und das wird mir als Stuttgarter vermutlich mehr Freude bereiten, als weiter über die Konsequenzen der Doktor-KT-Affäre nachzudenken 😉

Alf Köhn-Seemann

Veröffentlicht von

Alf Köhn-Seemann hat in Kiel Physik studiert und in Stuttgart über Mikrowellenheizung von Plasmen promoviert. Von 2010 bis 2015 war er dort als Post-Doc tätig. Nach mehreren Forschungsaufenthalten im englisch-sprachigen Raum, arbeitet er von 2015 bis Ende 2017 am Max-Planck-Institut für Plasmaphysik in Garching. Seit Ende 2017 forscht und lehrt Alf Köhn-Seemann wieder an der Uni Stuttgart.

9 Kommentare

  1. …und es hört ja garnicht mehr auf! Gestern sagte zu Guttenberg, er habe den wissenschaftlichen Dienst des Bundestages viermal beauftragt und daraus seitenlange Texte für die Doktorarbeit verwendet. Heute waren es schon sechs. Die Lügerei nimmt kein Ende. Das kann doch absolut nicht mehr tragbar sein.

  2. “Man kann nicht auf der einen Seite erklären, Bildung sei die wichtigste Ressource dieses Landes, um auf der anderen Seite die Qualifikationsstandards dem Populismus zu überlassen.” SZ

  3. tja, das VfB-Spiel hat wahrhaftig nicht soo viel Freude gemacht

    @Lars: das ist natürlich genau die Art und Weise, mit der man sich das Vertrauen der Bürger zurückholt. Manman.

    @Sebastian: wer weiß, wie weit das noch führt. Seine Amtszeit dauert ja noch ein Weilchen an….

    @Katja: word

  4. Wie oft wurde der wiss. Dienst plagiiert

    @Sebastian R.

    Gestern sagte zu Guttenberg, er habe den wissenschaftlichen Dienst des Bundestages viermal beauftragt und daraus seitenlange Texte für die Doktorarbeit verwendet. Heute waren es schon sechs.

    Das fiel mir auch auf. Erst war es ein Gutachten. dann zwei. dann vier. Nun sechs.

    Na, wenigstens ist der Anstieg nicht mehr quadratisch …

  5. wissenschaftlicher Dienst

    wie muss ich mir den wissenschaftlichen Dienst im Bundestag eigentlich vorstellen? Sitzt da eine Gruppe von Wissenschaftlern, denen man alle möglichen Arten von Fragen stellen kann bzw. denen man konkrete wissenschaftliche Fragestellung gibt, die sie dann lösen sollen, ohne dass der Auftraggeber das rechtfertigen oder begründen muss?
    Hat hier jemand nähere Erfahrungen?

  6. Wissenschaftliche Dienste des BT

    Offenbar haben die eigene festangestellte Experten, holen sich aber auch bei Bedarf externe Expertise.

    http://www.bundestag.de/…lichedienste/index.html

    Ich bin selbst bereits mit Anfragen zu sehr spezifischen Themen aus meinem Arbeitsgebiet kontaktiert worden, weiß aber nicht mehr genau, ob diese von Mitarbeitern der wissenschaftlichen Dienste oder direkt von Mitarbeitern von Politikern kamen.

  7. Rechstwissenschaft

    As österreichischer Sicht: An Österreichischen Unis fällt das Studium der Rechstwissenschaften nicht unter die Geisteswisenschaften. In der Alten Rigoroenordnung, war es nicht üblich eine Dissertation abzugeben, es wuren lediglich die entsprechenden Rigorosen (Staatsprüfungen) abgelet, ähnlich bei den Medizinern.

    Das Problem sehe ich in der Masse der Absolventen, wo sind denn wirklich die Themen für wirklich neue Dinge in der Juristerei … ujdnwer kann die Doktoranden denn alle betreuen …

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