Diversität sichtbar machen

Menschen sind vielfältig. Wir haben unterschiedliche Nationalitäten, kommen von verschiedenen Kontinenten, sind jung, alt oder dazwischen. Wir haben unterschiedliche Geschlechter (sei es biologisch oder sozial) und glauben an unterschiedliche Dinge. Jede*r von uns hat Fähigkeiten und auch Einschränkungen. Dies sind nur einige Punkte, in denen wir uns voneinander unterscheiden. Doch in manchen Bereichen unseres Lebens spiegelt sich diese Diversität nur sehr eingeschränkt wider. So zeigt sich in der Wissenschaft (auch in der Chemie) häufig ein nicht sonderlich diverses Bild. Viele Strukturen mögen historisch gewachsen sein, jedoch geht das Bild, das sich ergibt, heute häufig an unserer gesellschaftlichen Realität vorbei. Längst gibt es in Wissenschaft und Spitzenforschung die unterschiedlichsten Persönlichkeiten. Nun liegt es also an uns, diese auch sichtbar zu machen.

Auch die Gesellschaft Deutscher Chemiker gab lange Zeit ein relativ monotones Bild ab. In den Anfängen hatte das auch simple Gründe: Früher war in Deutschland die Chemie eine fast ausschließlich männliche Domäne. Auch bei der Nationalität gab es wenig Varianz: In der Gesellschaft Deutscher Chemiker schlossen sich natürlich in erster Linie die Vertreter des Faches aus Deutschland zusammen. So wundert es auch wenig, dass sich bis zum späten 20. Jahrhundert die Vorstände der Gesellschaft zumeist aus Chemikern im fortgeschritten Alter zusammensetzen und dass fast alle Auszeichnungen der GDCh an dieselbe Klientel gingen. Ein Blick in die 1953 durch die GDCh erhobenen Statistik der Chemiestudiengänge zeigt, dass zu diesem Zeitpunkt nur rund zehn Prozent der Chemiediplome von Frauen erworben wurden. Der Einstieg in den Beruf stellte für Chemikerinnen eine weitere Hürde dar, wie auch eindrucksvoll das folgende Clipping zeigt:

Ausriss aus den Nachrichten aus Chemie und Technik vom 7. Januar 1954

1990 war der Anteil der Diplomandinnen bereits auf 27 Prozent gestiegen. Auch in der GDCh machte sich dieser Wandel bemerkbar. Immer mehr Frauen engagierten sich als Funktionsträger und übernahmen führende Positionen in Fachgruppen oder Ortsverbänden. Um die Chancengleichheit innerhalb der Chemie voranzutreiben, richtete die GDCh dann im März 2000 den Arbeitskreis Chancengleichheit in der Chemie (AKCC) ein. Vorrangiges Ziel des Arbeitskreises war es zu diesem Zeitpunkt, die Position von Frauen in der Chemie auf allen Ebenen zu stärken. Der Arbeitskreis setzte sich zunächst insbesondere für die Chancengleichheit als Binnenaufgabe, Frauen im Beruf, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie und die Mädchenförderung ein. Im Jahr 2012 wurde dann mit Prof. Dr. Barbara Albert, TU Darmstadt, erstmalig eine Präsidentin an die Spitze der GDCh gewählt.

Barbara Albert, Technische Universität Darmstadt, GDCh-Präsidentin 2012-2013

Im Jahr 2016 richtete der GDCh-Vorstand die Kommission Chancengleichheit in der Chemie ein, die den Arbeitskreis ablöste. Damit wurde dem wachsenden Stellenwert und der Notwendigkeit für mehr Einsatz für Chancengleichheit Rechnung getragen. Eine der ersten Aktivitäten der Kommission war die Entwicklung des GDCh-Leitbilds für Chancengleichheit in der Chemie, das 2018 vom Vorstand verabschiedet wurde. Dort heißt es unter anderem: „Chemikerinnen und Chemiker repräsentieren eine Vielfalt an Menschen aus verschiedenen Kulturen, mit unterschiedlichem Hintergrund und unterschiedlichen Diversitätsmerkmalen sowie Erfahrungen. Die GDCh ist bestrebt, chancengerecht, respektvoll und einbeziehend gegenüber ihrer vielfältigen Gemeinschaft zu handeln und ist entschlossen, jeglicher Form von Diskriminierung entgegen zu wirken. […] Sie sieht sich in der Verantwortung, die Fähigkeit zur Einbeziehung und Zugänglichkeit zu stärken, um die Vielfalt zu verbessern.“ Der vollständige Wortlaut ist unter www.gdch.de/chancengleichheit abrufbar.

Heute versucht die GDCh deutlich stärker Diversität und Chancengleichheit zu würdigen, zu fördern und sichtbar zu machen. Denn Chancengleichheit bildet die Grundlage für eine vielfältige und inklusive Gesellschaft, in der alle Menschen sich ihren Interessen und Fähigkeiten entsprechend einbringen können. Unser Vorstand und unsere Funktionsträger*innen geben schon lange kein so einheitliches Bild mehr ab, wie noch vor einigen Jahren. Und auch unsere Auszeichnungen werden immer häufiger an Preisträgerinnen verliehen. Wenn man dann noch sieht, dass im Jahr 2019 bereits 38 Prozent aller Studierenden, die einen Masterstudiengang in Chemie absolvierten, weiblich waren, weiß man, dass hier in Zukunft noch einiges zu erwarten ist. (In den separat erfassten Studiengängen Biochemie und Lebensmittelchemie sind die Frauen sogar in der Mehrzahl, so dass der Anteil der weiblichen Studierenden in allen Chemiestudiengängen noch etwas höher liegt.).

Aber natürlich steht Diversität nicht nur für das Sichtbarmachen von Frauen in unserer Disziplin. Heute steht die GDCh Mitgliedern aus aller Welt offen, sofern sie sich mit unseren Werten identifizieren. Tatsächlich stammen unsere Mitglieder 2021 aus (fast) aller Welt.

Geburtsländer der GDCh-Mitglieder

Um ein weiteres Zeichen für mehr Diversität und Chancengleichheit zu setzen hat die GDCh im vergangenen Jahr den mit 7500 Euro dotierten Hildegard-Hamm-Brücher-Preis für Chancengleichheit in der Chemie eingerichtet. Ausgezeichnet werden sollen Einzelpersonen, Teams, Gruppen oder Organisationen, die sich mit innovativen Projekten für Chancengleichheit einsetzen oder eingesetzt haben. Projektfelder könnten dabei unter anderem sein: die Aufklärung und Maßnahmen gegen Diskriminierung, die Förderung einer Kultur der Vielfalt oder die Beseitigung von Hindernissen, um Minderheiten Zugang zu Ausbildung und eine Karriere in der Chemie zu ermöglichen. (Die Ausschreibung ist übrigens noch bis zum 28. Februar 2021 möglich. Weitere Infos gibt es unter www.gdch.de/hhb-preis).

Die Auszeichnung haben wir nach der Chemikerin Hildegard Hamm-Brücher (1921-2016) benannt. Nach Kriegsende wurde sie Wissenschaftsredakteurin bei der Neuen Zeitung, wo sie mit Theodor Heuss, ihrem politischen Mentor, und vielen anderen demokratisch Gesinnten zusammentraf. Hildegard Hamm-Brücher galt als „Grande Dame“ der deutschen Nachkriegspolitik. Sie stand nicht nur für Freiheit und Demokratie, sondern auch für ein konsequent wertebasiertes Handeln und kämpfte unermüdlich gegen Missstände an. Hildegard Hamm-Brücher setzte sich unter anderem für ein besseres Bildungssystem ein und ermutigte Frauen, sich mehr zu engagieren. Im Jahr 1994 wurde sie als erste Frau für die Bundespräsidentenwahl nominiert. Neben ihren öffentlichen Ämtern zeigte sie großes gesellschaftliches Engagement und erhielt zahlreiche Ehrungen.

Hildegard Hamm-Brücher
(© Bundesarchiv, B 145 Bild-F049586-0029 / Gräfingholt, Detlef / CC-BY-SA 3.0)

Wie man sieht, ist in den letzten Jahren einiges geschehen: Wir haben uns auf den Weg gemacht. Sicher, es ist noch ein weiter Weg und wir werden auch noch vieles lernen müssen, aber wir kommen stetig voran. Allerdings brauchen Veränderungen in großen und basisdemokratischen Organisationen manchmal ihre Zeit.

PS: Bevor eine entsprechende Anmerkung kommt: Uns ist bewusst, dass der Name unserer Gesellschaft leider schon längst nicht mehr alle unsere Mitglieder inkludiert. Tatsächlich hat eine Umfrage im letzten Jahr jedoch ergeben, dass ein Großteil unserer Mitglieder sich diesem tradierten Namen verbunden fühlt und ihn momentan in dieser Form beibehalten möchte.

Veröffentlicht von

Maren Mielck ist Wissenschaftskommunikatorin aus Überzeugung. Sie begeistert sich für die Naturwissenschaften und insbesondere die Chemie. Selbst nicht vom Fach, sondern mit klassischer Kommunikations- und Journalismusausbildung, möchte sie im Namen der Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh) auch anderen ihre Faszination für Chemie näherbringen.

8 Kommentare

  1. Zitat:

    Uns ist bewusst, dass der Name unserer Gesellschaft leider schon längst nicht mehr alle unsere Mitglieder inkludiert.

    Nun, welch anderer Name käme denn in Frage? Ein neuer Name sollte sich in meinen Augen an den Namen chemischer Gesellschaften in anderen Ländern orientieren. Es gibt beispielsweise die American Chemical Society, abgekürzt ACS. Das ist kurz und prägnant und auch ein neuer Name für eine Chemiker-Gesellschaft in Deutschland sollte kurz und prägnant sein. Diversität bedeutet in meinen Augen nicht, dass der Name „divers“, also lang und gar eine Aufzählung aller Diversitäten, sein sollte.
    Deutsche chemische Gesellschaft wäre für mich naheliegend, allerdings denkt man hierbei eventuell an eine Firma und nicht unbedingt an die Personen, die sie ausmachen. Sicher falsch wäre ein Name wie Gesellschaft deutscher Chemiker und Chemikerinnen oder gar Gesellschaft deutscher Chemiker*innen, denn diese Namen sind entweder zu lang und nicht inklusiv, denn warum sollten nur gerade die beiden Geschlechter männlich und weiblich vertreten sein wie in Gesellschaft deutscher Chemiker und Chemikerinnen, oder sie sind gar nicht aussprechbar wie in Gesellschaft deutscher Chemiker*innen.

    Wenn schon, dann wäre Deutsche chemische Gesellschaft immer noch am besten. Einfach, weil kurz und bündig und angelehnt an American Chemical Society.

    • Ganz so einfach ist es nicht, da einige mögliche Namen aufgrund unserer Vorgängergesellschaften historisch vorbelastet sind. Es gibt aber auch kurze prägnante Versionen, die in Frage kämen. Wenn das Thema aktuell werden sollte, wird sich sicher eine geeignete Lösung finden, die auch die Zustimmung unserer Mitglieder findet.

    • Feedback :

      Das mit der “deutschen chemischen Gesellschaft” (das anführende D muss nicht groß geschrieben werden) klingt m.E. nicht schlecht, allerdings ist jede Gesellschaft sozusagen chemisch, Biologie basiert u.a. auch auf Chemie, wäre potentiell missverständlich, Vorschlag von Dr. Webbaer :

      Gesellschaft der Chemisierenden in der BRD’

      Dr. W befürchtet, dass der Bezug zum (deutschen) Staat letztlich nicht herauszukriegen sein wird.

      MFG
      Dr. Webbaer

      • Deutsche Chemische Gesellschaft wäre analog zu anderen Chemiegesellschaften naheliegend. Eine der beiden Verläufergesellschaften der GDCh trug diesen Namen. Dass der Name trotzdem nicht weitergeführt wurde, fasst Wikipedia gut zusammen:

        Da die deutsche chemische Industrie durch die Rolle der I.G. Farben in der Zeit des Nationalsozialismus erheblich kompromittiert worden war, wurde die DChG unter diesem Namen nicht fortgeführt.

        Weitere Informationen dazu liefert das Buch “Chemiker im “Dritten Reich” – Die Deutsche Chemische Gesellschaft und der Verein Deutscher Chemiker im NS-Herrschaftsapparat”. Leider ist das Buch recht teuer, aber inzwischen mit Sicherheit in vielen (wissenschaftlichen) Bibliotheken zugänglich.

        • Vielen Dank für Ihre Ergänzung, Frau Mielck, ich verstehe die Problematik nun besser, ich glaube aber nicht daran, dass Wörter von bösen Menschen entscheidend und sozusagen für alle Zeit kontaminiert werden können.
          MFG
          Dr. Webbaer

  2. Maren Mielck schrieb (22. Jan 2021):
    > […] Längst gibt es [in] Wissenschaft und Spitzenforschung die unterschiedlichsten Persönlichkeiten. Nun liegt es also an uns, diese auch sichtbar zu machen. […]

    p.s.

    Auf Anhieb würde ich eine Gesellschaft von Persönlichkeiten in Wissenschaft und Spitzenforschung, die sich deren Sichtbarmachung widmet und durch ihren Namen auch auf die Diversität ihrer Mitglieder weist,

    “Society of Personalities in Science and Top Research”

    nennen.

  3. Auch die politische Bildung muss dieser Pluralität Rechnung tragen. Diversity Management heißt nicht nur, für die unterschiedlichen Zielgruppen passgenaue Angebote zu entwickeln, sondern bezieht die Vielfalt der Zielgruppen in die Organisation der Maßnahmen mit ein.

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