Krebs: die vergessenen Angehörigen

Diagnose Krebs. Von einem Moment auf den anderen ist das Leben nicht mehr wie vorher. Auch für Angehörige. Wir sollten sie nicht vergessen. Ein Erfahrungsbericht.

Als ich 25 war, wurde bei meiner Mutter ein bösartiger Tumor am Eileiter entdeckt. Es hat nur ein paar Minuten gedauert, bis ich recherchiert hatte, dass die Erkrankung in rund 75% der Fälle in einem fortgeschrittenen Stadium entdeckt wird und dann nicht mehr heilbar ist.

Ich weiß noch genau, wo ich an dem Tag war, an dem die Diagnose kam. Meine Mutter war wegen des Verdachts auf eine andere Erkrankung operiert worden, nachträglich hatten histologische Untersuchungen gezeigt, dass da ein Tumor ist. Das Ergebnis kam telefonisch. Meine Mutter rief mich an, ich war damals wissenschaftliche Hilfskraft an einem Forschungsinstitut am Münchner Stadtrand. Nach dem Telefonat ging ich zu meinen Kolleginnen, die Mutter einer der beiden lag gerade mit Bauchspeicheldrüsenkrebs im Sterben. Ich war in Tränen aufgelöst, die beiden schickten mich nachhause. Auf dem langen Heimweg hatte ich Zeit mich über die Diagnose zu informieren. Schnell wurde ich in dem bestätigt, was ich eigentlich schon wusste: die meisten Menschen, die die Diagnose meiner Mutter bekommen, überleben die Erkrankung langfristig nicht. (Damals habe ich noch nicht Medizin studiert, kannte mich durch mein Biochemiestudium aber mit der Biologie von Krebs aus)

Mit diesem Wissen in meinem Kopf fuhr ich zu meiner Mutter. Ich habe außer zu ihr leider keinen Kontakt zu meiner Familie. Eine eigene habe ich nicht. Einen Tag vor Diagnose hatte ich mir noch den Kopf darüber zerbrochen, ob ich mich um eine Promotionsstelle bewerben oder einen anderen Weg einschlagen will. Einen Tag vor der Diagnose hatte ich noch einen Exfreund hinterhergetrauert.

Ich hatte Probleme, die eine 25-Jährige ohne ernste Probleme eben hat. Ich saß in dem Bus und fragte mich, ob ich jetzt meine einzige Familie auf der Welt verlieren würde. Und wie ich, wenn es so kommen sollte, weiterleben sollte. In diesem Moment habe ich mir meine banalen Probleme zurückgewünscht.  

Meine Mutter musste noch einmal operiert werden, es mussten Lymphknoten und andere Gewebe untersucht werden. Die Ergebnisse würden dann zeigen, ob die Erkrankung sich im Körper ausgebreitet hat. Und – das wusste ich durch mein Vorwissen und meine Recherche – über Leben oder Tod entscheiden.

Als ich während ihrer Operation gewartet habe, waren das die längsten Stunden meines Lebens. Ich hatte Angst, dass die Ärzte aus der OP kommen würden, mir sagen würden, dass sie in ihrem Körper noch mehr Krebs gesehen haben. Ich hatte Angst, dass an diesem Tag ihr Todesurteil gefällt werden würde – und damit auch das meines Lebens, wie ich es kannte.

Das Glück war auf ihrer Seite, auf unserer Seite: der Krebs hatte nicht gestreut. Acht Jahre nach der Diagnose ist sie gesund, sie lebt. Aber ihr Leben war danach nicht wie vorher. Die Angst vor dem Rückfall, die Angst vor den Nachsorgeuntersuchungen, die bleibt. Nach einer Krebserkrankung ist es nicht mehr wie vorher.

Auch für mich nicht. Ich habe erlebt, dass von einem Moment auf den anderen plötzlich alles vorbei sein könnte. Und bin gerade noch einmal mit dem Schrecken davongekommen. Heute, acht Jahre nach der Diagnose, bin ich selbst Ärztin. Auf einer Krebsstation. (Die Erfahrung damals hat mich darin bestärkt diesem späten Ausbildungswunsch noch nachzugehen). Heute erlebe ich, wie es anderen Krebspatienten und Patientinnen und ihren Angehörigen geht.

Den Eltern eines 19-Jährigen, die ihr Kind bald zu Grabe tragen müssen. Den Kindern, die sich von ihrem Vater verabschieden, der Ehefrau deren geliebter Partner viel zu früh stirbt.

Und auch in Fällen mit gutem Ausgang bleibt der Weg von der Diagnose durch die Therapie. Die Chemotherapiezyklen, die Untersuchungen, die Nachsorgetermine, die Ungewissheit – das habe auch ich mit meiner Mutter erlebt.

Die Angehörigen sind es, die in dieser Zeit stark sein und für die Patientinnen und Patienten da sein wollen. Sie sind es, die ihre kranken Angehörigen nicht mit ihren eigenen Sorgen belasten wollen. Sie sind es, die die Dinge am Laufen halten.

Und sie sind es, die im schlimmsten Fall zurückbleiben. Und damit weiterleben müssen.

Deshalb ist mein Wunsch: vergesst die Angehörigen nicht.

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Marisa Kurz ist Assistenzärztin an einem Universitätsklinikum und befindet sich in der Ausbildung zur Fachärztin für Hämatologie und Onkologie. Vor dem Medizinstudium hat sie ein Studium der Biochemie (M. Sc., B. Sc.) und der Philosophie mit Nebenfach Sprache, Literatur und Kultur (B. A.) abgeschlossen. Nebenbei schreibt sie als freie Journalistin, u. a. für den Georg Thieme-Verlag. Sie promoviert in der Krebsforschung zu Immuncheckpoints bei Lungenkrebs. Mein Ziel: Ich will, dass Patienten ihre Erkrankungen und Therapien besser verstehen. Deshalb möchte ich Medizin leicht verständlich ohne Fachbegriffe erklären. Nur gut informierte Patienten können autonome Entscheidungen über ihre Behandlungen treffen. Und gut informierte Patienten fühlen sich, so bin ich überzeugt, besser aufgehoben.

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