Placeboeffekt ohne Täuschung des Patienten?

An dieser Stelle will ich einen kurzen Hinweis auf die derzeit kursierenden Berichte zu dieser Studie von Harvard-Forscher Ted Kaptchuk in PLOS One über die Wirkung des Placeboeffekts geben.

Bisher ging man davon aus, dass dieses komplexe Phänomen erst ausgelöst wird, wenn man den Patienten hinreichend vorgetäuscht hat, dass die Zuckerpillen eine echte Wirkung besitzen. Homöopathische und Schüsslersche Globuli etwa sind Scheinmedikamente und sollen lediglich eine unspezifische Wirkung entfalten, wenn man an sie „glaubt“. Die neue Studie zeige nun, dass die Placebos auch wirken, wenn man den Patienten vorher über die Wirkstofffreiheit informiert. Schon das Ritual der ärztlichen Zuwendung wäre hinreichend für die Auslösung eines Effektes. Damit wäre es nicht mehr nötig, den Patienten im Rahmen einer Placebotherapie zu belügen und als Arzt hätte man ein ethisches Problem weniger.

Genau das wird allerortens von den Mainstream-Medien und auch den Autoren selbst breitgetreten, teilweise aber mit Hinweis darauf, dass das sehr vorläufige Ergebnisse sind, schon allein, weil die Studie sehr klein ist.

Meine Lieblingsblogs Not Exactly Rocket Science und Science Based Medicine haben sich nun des Themas angenommen und kritisieren einige Punkte an der Studie und warnen vor vorschnellen Schlussfolgerungen für den klinikrelevanten Alltag. Beide Artikel sind sehr lohnenswert zu lesen! Die wichtigsten Kritikpunkte in aller Kürze:

  1. Die Effekte sind äußerst gering und das wird so kaum kommuniziert. Im Gegenteil behaupten die Autoren eine klinische Relevanz, obwohl das durch die Studie nicht gedeckt sei.
  2. Bei diesen geringen beobachteten Effekten können in der kleinen Studie leicht Effekte auftreten, die einfach durch die Unterschiede zwischen Kontroll- und Testgruppe bestehen. Beide Gruppen müssten idealerweise nahezu identisch sein, was bei einer kleinen Studie schwer zu erreichen ist.
  3. Obwohl man auch objektive Messungen an den Patienten hätte durchführen können, wurden Daten von den Studienteilnehmern nur anhand von Fragebögen erhoben. Neben diesen rein subjektiven Daten wären „härtere“, objektive Daten wünschenswert gewesen, um die Hypothese besser zu prüfen. So spielt die Erinnerungsverzerrung bei Beantwortung der Fragen eine Rolle.
  4. Die Studie erzählt nichts Neues, denn was dort gemessen wurde, ist der gewöhnliche Placeboeffekt, der auf Täuschung beruht. Damit trifft es nicht zu, dass mit der Untersuchung ein derartiger Effekt „without deception“ nachgewiesen wurde.

Der letze Punkt ist meiner Meinung der wichtigste, denn in der Tat wurde den Studienteilnehmern erzählt, dass Placebos „in strengen klinischen Studien“ gezeigt hätten, dass sie „starke Geist-Körper-Heilungsprozesse“ anstoßen könnten – mit diesem Slogan wurden die Studienteilnehmer sogar rekrutiert. Man kann also davon ausgehen, dass die Teilnehmer an eine mystische Wirkung des Scheinmedikaments glauben, allein weil eine „Placebowirkung“ suggeriert wurde. Damit zeigt die Studie nichts anderes, was nicht schon andere Untersuchung zum Placeboeffekt gezeigt hätten. Die Autoren geben einige dieser Kritikpunkte offen zu, nur fehlt es der allgemeinen Berichterstattung wohl an Motivation, diese Kritik auch in ihren Artikeln abzubilden.

Links zur Leseempfehlung

Not Exactly Rocket Science: „Evidence that placebos could work even if you tell people they’re taking placebos“

Science Based Medicine: „Placebo effects without deception? Well, not exactly…“

PLoS Blogs, NeuroTribes: „Meet the Ethical Placebo: A Story that Heals“

Martin Ballaschk ist Biologe. Das Blog dient ihm als Verdauungsorgan für seine Gedanken: Er denkt hier öffentlich nach über Dinge, die ihn erstaunen, ihm unklar sind oder ihn aufregen. Oder über die er mit Anderen diskutieren möchte. Beruflich als Wissenschaftskommunikator, hier privat unterwegs.

Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. leider, im Jahr 2010: wiedermal schade…

    … dass Studien halbfertig designed werden.

    Möchte keine Diskussion über das dumme Finanzierungswesen & Marktschreiereien darum im Wissenschaftsbetrieb lostreten, aber ich vermute die Ursache genau dort.

    Die offensichtlichste Frage, warum keine reine Placebogruppe (Behandlung mit Placebo, ohne Kenntnis davon) mitgelaufen ist, kann man vllt irgendwie noch auf die eh schon kleine Populationsgröße abwälzen. Ob das aber relevant ist, nachdem man sich bei 2×40 ohnehin nichts besseres erwarten kann?

    Ohne dem Vergleich der 3. Gruppe (placebo ohne Kenntnis d Wirkungslosigkeit) ist das zwar alles schön & logisch, aber für die Praxis extrem unbrauchbar.

    ad Punkte 1 & 2
    jein, finde ich nicht so krass, wenn sauber gruppiert.

    ad Punkte 3 & 4
    großer Kritikpunkt. Somit erhält man quasi binäre Ergebnisse & hält Errorbars schön klein. Persönlich angepasste Fragestile runden das dann noch wie gewünscht ab.
    Kann wer berichten, welche Daten verlässlich hätten verwendet werden können.

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