Napoleon, Karl der Große und die Bauwirtschaft

An der L 419 nahe Ingelheim am Rhein gibt es ein bemerkenswertes Denkmal. Häufig als „Napoleonstein“ bezeichnet, unterscheidet es sich von den sonst mit diesem Namen belegten Denkmalen. Die erinnern an die Gefallenen der napoleonischen Kriege und wurden in der Regel ab etwa 1840  von entsprechenden Veteranenverbänden errichtet.

Das Denkmal zwischen Ingelheim und Wackernheim stammt dagegen schon aus dem Jahr 1807, aus der Zeit, als die Gebiete links des Rheins zu Frankreich gehörten. Obwohl der Name Napoleons hervorgehoben und gut lesbar an der der Straße zugewandten Seite des Sockels prangt, wird jedoch auch nicht eine unmittelbare Tat oder Anwesenheit des französischen Kaisers gefeiert. Und der vom Sockel aufragende Obelisk ist nicht, wie ich erst dachte, eine Anspielung auf die von Napoleon im Rahmen der Ägyptischen Expedition entführten Kunstwerke (der Obelisk auf der Place de la Concorde in Paris wurde erst 1836 aufgestellt und war ein Geschenk des osmanischen Königs von Ägypten an seinen französischen Kollegen Louis Philippe).

Denkmal für eine Straße!

Auf der Anhöhe zwischen Nieder-Ingelheim und Wackernheim steht dieses obeliskförmige Denkmal – Breitengrad : 49.977884 | Längengrad : 8.090755. Eigenes Foto, CC-BY

Das Denkmal an der L 419 soll auf etwas aufmerksam machen, was zunächst gar nicht Sache Napoleons, sondern die Eigeninitiative eines linksrheinischen französischen Präfekten war. Um die Infrastruktur in seinem Verwaltungsgebiet zu verbessern, wollte Jeanbon St. André, der Präfekt des „Département du Mont-Tonnère“ („Donnersberg-Département“), an der linken Seite des Rheins entlang eine Straße von Koblenz nach Mainz bauen – ein zum Teil sehr schwieriges Unterfangen,  bei dem auch große Felsen gesprengt werden mussten. Der Präfekt baute zunächst ohne die Erlaubnis der Pariser Regierung. Napoleon soll sehr verärgert gewesen sein, bevor er am Ende (nachträglich) zustimmte.

Die Inschriften und die Fragen der Rechtschreibung

Der Sockel trägt auf allen vier Seiten in den Stein gemeißelte Inschriften. Der Obelisk ist nur vorn und hinten beschriftet und trägt den Namen, den die damals neue Straße haben sollte: Route Charlemagne, Straße Karls des Großen. Eigenes Foto, CC-BY

Die der Straße zugewandte Seite ist auf französisch verfasst, hinten findet sich die deutsche Übersetzung. Eigenes Foto, CC-BY

„Vollendet im 1. Jahre/der  Regierung Napoleons/Kaisers der Franken/unter der Sorgfalt des Herrn/Jeanbon der St. André Prefecten/des Dept. vom Donnersberg“. Die deutsche Übersetzung entspricht genau der französischen Inschrift  auf der Vorderseite. Bis auf ein Wort. Aus dem französischen „Empereur des Français“ („Kaiser der Franzosen“) ist ein „Kaiser der Franken“ geworden. Napoleon in einer Linie mit Karl dem Großen – so wurde die Zugehörigkeit der linksrheinischen Gebiete zu Frankreich in die Tradition des Karolingerreichs gestellt. Auffällig ist die Schreibung „Strase Karls des Grosen“  – eine Unsicherheit in der Behandlung des „ß“ im Grossbuchstaben? Andererseits: Es gab damals in Deutschland –  anders als in Frankreich – keine einheitlichen Rechtschreibregeln. Vielleicht spiegelt die Schreibweise die regionale Aussprache?

Helden der neuen Zeit: Auf der Seite des Sockels finden sich die Namen der den Straßenbau leitenden Ingenieure. Eigenes Foto, CC-BY

Er hat alles bezahlt: Der Bauuternehmer Kraetzer aus Mainz, der vermutlich bei dem Ganzen nicht schlecht verdient hat. Eigenes Foto, CC-BY

Einen eindeutigen Schreibfehler aber gibt es in der Überschrift des französischen Textes auf einer der beiden Seiten. TRAVUX statt TRAVAUX. Wie kann man sich das erklären? Ungebildete Steinmetze, des Französischen nicht mächtig? Aber bei einem so aufwendigen Denkmal und der Sorgfalt bei der sonstigen Steinbearbeitung sollte man eine Kontrolle auch  des Textes eigentlich annehmen.

Ein Obelisk als Vermessungspunkt

Der Obelisk hat mich auf eine Spur geführt, die in meinen Augen viel Charme hat. Auf dem Lousberg bei Aachen (damals zum Département de la Roer gehörig) gibt es nämlich einen ganz ähnlichen, wenn auch größeren Obelisken. Im Unterschied zu dem hier abgebildeten ist es kein Monolith, sondern ein gemauertes Monument. Es diente den napoleonischen Vermessern als Bezugspunkt für das Triangulationsverfahren. Zwar wurde das Denkmal nach der Absetzung Napoleons 1814 zerstört, ein Jahr später aber wieder aufgerichtet, weil es von den  Preußen für die topographische Aufnahme des Rheinlands weiter genutzt wurde. Der Obelisk soll am 17. Oktober 1807 errichtet worden sein – und damit genau einen Tag nach dem Stein bei Ingelheim, wo es heißt: „L‘ entrepreneur Msr Jaques Kraetzer de Mayence à fait poser le présent monument le XVI octobre MDCCCVII“. Also am 16. Oktober 1807. Geschah der Fehler beim Schreiben einfach nur aus Eile, weil man den Stein schnell fertig kriegen wollte, in einer Art Wettstreit zwischen unterschiedlichen Départements, als erstes seinen Obelisken aufzustellen? So was soll es geben … Jedenfalls ist es sicher nicht falsch, einen Zusammenhang zwischen den beiden Monumenten anzunehmen.

Ein Hoch auf die Bauwirtschaft

Auch der Stein bei Ingelheim ist am höchsten Punkt einer langen Steigung und zudem noch etwas künstlich erhöht aufgestellt. Der Obelisk war damit als Vermessungspunkt geeignet. Das Denkmal erweist sich damit als ein ebenso nützliches wie repräsentatives Zeugnis der Ingenieurskunst. Ja(c)ques Kraetzer stellt sich als potenter Unternehmer und Geldgeber dar. Und auf der gegenüberliegenden Seite kommen die beteiligten Ingenieure zu ihrem Recht (und der Bürgermeister von Nieder-Ingelheim in unklarer Rolle). Ein aussagekräftiges Detail: Die Schriftgröße für die Worte „Entrepreneur des Travaux“ und „Directeurs des Travux“ entspricht der von „Napoleon“ und  „Strase Karls des Grosen/Route de Charlemagne“.

Hier sieht man deutlich die ergänzten Fehlstellen an der Vorderseite des Obelisken. Eigenes Foto, CC-BY

Die Bedeutung des Denkmals als technisches Bauwerk könnte auch durch folgende Ungereimtheit bestätigt werden: Die Fertigstellung der Straße wird auf  das erste Jahr der Regierung Napoleons als Kaiser datiert, das wäre 1805. Die Errichtung des Denkmals aber soll erst am 16. Oktober 1807 erfolgt sein.Vielleicht, weil genau dann dort wie in Aachen ein Triangulationspunkt gebraucht wurde? Seit 1801 war der französische Geograph Jean Joseph Tranchot mit der Kartierung des Rheinlands beschäftigt, ein Unterfangen im persönlichen Auftrag Napoleons, das dieser ungeduldig beobachtete.

In landesgeschichtlichen Texten ist von abgeschlagener und möglicherweise später erneuerter Schrift die Rede. Es wird vermutet, dass Inschriften mit Bezug auf Napoleon entfernt und später wieder ersetzt wurden. Aber es gibt dafür keine sichtbaren Hinweise. Doch sieht man, dass eine Fehlstelle über die ganze Breite des Steins vorn mit zwei etwa zwei Zentimeter starken Platten ersetzt wurde. Gut möglich, dass sich hier etwas befand, was beseitigt wurde. Aber was?

Danke an Dr. Dieter Emrich, er hat mich mit einem Vortrag über Jeanbon St. André auf das Denkmal aufmerksam gemacht. Hinweise zu dem Straßenbaudenkmal finden sich auf der Website des historischen Vereins Ingelheim (ingelheimer-geschichte.de).

Dieser Blog enthält Gedanken, die ich sonst nirgendwo unterbringe. Die aber rauswollen.

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