Jan Vermeers Mädchen mit der Perle – hautnah

Es ist in den letzten Jahren eines der populärsten Bilder der Welt geworden: Jan Vermeer van Delfts “Mädchen mit der Perle”, um 1665 gemalt und seit dem Jahr 1903 im Mauritshuis Den Haag zu Hause. Dort war das Bild seither ohne Unterbrechung zu sehen und es wurde insbesondere seit den 1990er-Jahren vom Museum mit einem gewissen Aufwand promotet. Seit einer Reinigung und Restaurierung im Jahr 1994 sind die Farben noch leuchtender (und möglicherweise näher am Originalzustand). Das Ergebnis wurde mit einer großen Ausstellung publik gemacht und entfachte einen ziemlichen Hype um die “Mona Lisa des Nordens”. 2001 erschien ein Roman, der sich ungeheuer gut verkaufte und mit Scarlett Johannson und Colin Firth dann bald verfilmt wurde. Es ist eine erfundene und romantisch verklärte Entstehungsgeschichte des Bildes und es geht natürlich vor allem um das Mädchen: Wer war die geheimnisvolle Fremde? Dabei ist es unwahrscheinlich, dass das Bild das Porträt einer bestimmten Person sein sollte. Es war eher ein Tronie, eine Art allgemeine Charakterstudie, wie sie damals in den Niederlanden offenbar en vogue waren.

Closeup: Das Mädchen mit der Perle

 

Johannes Vermeer
Girl with a Pearl Earring, c. 1665
Mauritshuis, The Hague

Und jetzt erregt das Mädchen mit der Perle wieder Aufmerksamkeit. Diesmal scheinbar ganz nüchtern und ohne spekulatives Geraune: Ein internationales Forscherteam, unterstützt vom Niederländischen Institute for Conservation, Art and Science (NICAS), dem Rijksmuseum, der TU Delft und der Cultural Heritage Agency der Niederlande (RCE), rückt dem Bild im Mauritshuis zu Leibe – und zwar publikumswirksam in einem Glaskasten im “Goldenen  Saal” des Museums, wo die Besucher die Arbeiten beobachten können.  Die Untersuchungstermine sind veröffentlicht, und in einem nett aufgemachten Blog wird über einige Ergebnisse berichtet. Zum Beispiel kann man verfolgen, wie Vermeer das Gesicht des Mädchens aufgebaut hat, und das gar nicht mal nur bierernst, sondern auch mit einem Make-up-Tutorial  illustriert. Der Blog zeigt auch hochaufgelöste Fotos und Röntgenbilder, digitale Hirox 3D-Mikroskopaufnahmen, Infrarot- und UV-Aufnahmen und vieles mehr. Man sieht die sagenumwobene Perle in 140-facher Vergrößerung und auch die Spuren vergangener Restaurierungen, die das Licht auf der Perle plattgemacht haben. Und natürlich leider auch die vielen, vielen haarfeinen Risse in der Farbschicht.

Auch so funktioniert Verklärung … Und für mich ist es eine echte Alternative zur Sonderausstellung. Näher kann man dem Original nicht kommen.

 

 

Ich arbeite als Kunsthistorikerin freiberuflich als Redakteurin/Lektorin/Autorin. Dieser Blog enthält Überlegungen und Informationen, die ich sonst nirgendwo unterbringe. Die aber rauswollen.

5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Zitat: Es wahr eher ein Tronie, eine Art allgemeine Charakterstudie, wie sie damals in den Niederlanden offenbar en vogue waren. Ja, im 17. Jahrhundert, dem Goldenen Zeitalter Hollands und der holländischen Malerei gab es mehr Gemäldemaler als Ärtze ( um 1650 arbeiteten in den Niederlanden circa 700 Maler, die jährlich etwa 70.000 Gemälde fertigstellten) und die meisten dieser Maler waren auf ein kleines Thema, eine ganz spezielle Bildgattung, spezialisiert, beispielsweise auf Tronje, also porträtähnliche Kopf- und Charakterstudien meist anonymer Personen mit interessanter Physiognomie oder Kostümierung.
    Vermeer (37 Bilder) war wie Leonardo da Vinci (15 Bilder) ein werkgeiziger Maler, wobei Vermeer anders als Leonardo nur gerade als Maler tätig war. Doch Vermeer wird bis heute vom Publikum und von vielen heutigen Kollegen bewundert – als Künstler, der die Moderne in gewissen Aspekten vorweggenommen hat. Im Guardian-Artikel ‘I could hear these paintings’ wird er von 6 heutigen britischen Künstlern beurteilt und die schreiben Dinge wie
    – The work is very photographic, so accurate and so true to life. I thought of Gerhard Richter.
    – Lucian Freud said once that the figures in Vermeer look like they’re not really there. He’s really interested in the shape of figures and they are often silhouetted.
    – You almost feel like you know the people in them. It’s a very intimate experience.
    – The fact that he used the camera obscura over 300 years ago has been a big influence on contemporary artists who use projection to do the same job
    – if you look at the woman in The Procuress and then at the milk maid they are almost identically dressed, except one looks whore-like and the other looks innocent and demure. .
    – He’s into optical effects and there’s something about optical illusion. He has a focus on everyday life which seeps into everyday gestures. .

    Vermeer gehört wohl in die Liste der Leute, die Jahrzehnte, ja Jahrhunderte vorwegnahmen. Wer sind die Leute von heute, die Jahrhunderte vorwegnehmen?

  2. Vermeer inszeniert das Gewöhnliche und macht zugleich die Grundelemente des Malens (Farben, Schatten, Reflexe) zum Thema selbst. Doch damit ist er natürlich nicht allein, ja nicht einmal ohne Vorgänger. Das lässt sich bereits bei Jan van Eyck feststellen, beispielsweise in van Eyck’s Gemälde Portret van Giovanni Arnolfini en zijn vrouw

  3. Ein geheimisvoll schönes Bild.
    Dieses junge Mädchen zeigt uns (symbolisch) ihre Schulter. Dass heißt, sie geht noch auf Distanz zum Betrachter, wehrt ihn ab, verschließt sich noch dem “Fremden” dem sie sich noch nicht zuwendet,dem sie noch nicht vertraut. Da ist Skepsis und Vorsicht im Gesicht zu erkennen.Auch etwas Angst…Unschlüssigkeit. Andererseits aber auch wiederum kindliche Neugier mit einem Hang zur Koketterie. Welcher Teil in ihr wird siegen ?

    • Das haben Sie gut analysiert. Diesen Reichtum an Gefühle hat Vermeer in einen kurzen “Augenblick” eingefangen und man fragt sich, wie es weitergeht, wird sie den Betrachter anlächeln oder sich abwenden?
      Neben diesem psychologischen Realismus bei der Fokusierung auf einen kurzen Augenblick, tritt die Kleidung in ihrem Realitätsgehalt etwas zurück, der Betrachter sieht zugleich die Illusion und die Kunstfertigkeit. Dadurch lenkt sie nicht zu sehr vom Gesicht ab.

  4. Sehr interessante Artikel und danke dass Sie uns zitiert haben.

    Es war ein große Ehre ein teil dieser Projekt zu sein und dieser fabelhafte Gemälde zu scannen!

    Das war auch ein technologische Herausforderung da wir – für das erste mal – ein 10 Milliarden Pixel Multifokus Panorama gemacht haben – über 100.000 Bilder in XYZ innerhalb 15 Stunden.

    Wenn Sie mehr Information über die Ergebnisse bekommen möchten, stehe ich zur Verfügung: emilien@hirox-europe.com.

    PS: Deutsch ist nicht meine Muttersprache, Verzeihung falls es Fehler in dieser Text gibt 🙂

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