Glücksveilchen

Schornsteinfeger, Schweine, Hufeisen, Kleeblätter – wenn ich Ihnen Glück zum neuen Jahr wünschen wollte, könnte es gut sein, dass ich meine Wünsche mit einem von diesen Symbolen schmücken würde. Und Sie würden gleich verstehen, was damit gemeint ist.

(credit: Pixabay)

Wenn ich mich jetzt entschließe, Ihnen mit diesen Veilchen meine guten Neujahrswünsche zu übermitteln, finden Sie das sicher eher komisch.

Ich jedenfalls habe zuerst mal gar nichts verstanden, als ich beim Durchsehen von alten Grußkarten auf diese aus dem Jahr 1910 gestoßen bin.

Glücksklee und Veilchen mit Glückwünschen zum Neuen Jahr 1910 (Foto: gemeinfrei)

Der Klee als Glückssymbol ist uralt und in der Literatur gut belegt. Über das Veilchen kenne ich vergleichbare Berichte nicht. Eine erste Idee, die mir zu dem Motiv kam, trifft nicht: Es ist offenbar nicht die ähnliche Form, die die Veilchen hier zum Partner des Glücksklees macht. Denn bei den Anbietern alter Ansichtskarten im Netz finden sich sehr viele Motive, bei denen die Veilchen als Glücksbringer fungieren – auch ohne Klee. Da schmücken Veilchen ganze Autos und quellen aus Handkarren oder regnen vom Himmel. Eine zeitliche Häufung gibt es in den Jahren zwischen 1900 und 1910. Danach habe ich das Motiv bisher nur sehr vereinzelt gesehen. Und früher? Vorher kann es keine längere “Veilchentradition” auf Neujahrskarten gegeben haben, denn das massenhafte Versenden von Postkarten mit Illustrationen kam überhaupt erst Ende des 19. Jahrhunderts auf. Heute werden zumindest Neujahrskarten kaum noch versandt, man packt die guten Wünsche üblicherweise gleich mit auf die ungeich populärere Weihnachtskarte.

Veilchen: international beliebt

Veilchen finden sich nicht nur auf deutschen, sondern auch auf französischen und englischen Neujahrs-Karten vom Anfang des 20. Jahrhunderts. Und sie sind auch auf anderen Glückwunschkarten zu sehen, etwa auf Geburtstagskarten und Osterkarten – wobei sie bei letzteren sicher wenig erstaunen, leuchten sie doch als Frühlingsboten unmittelbar ein.

Tatsächlich sind neben Veilchen auch andere Blumen – Schneeglöckchen oder Rosen, zum Beispiel – auf Neukahrskarten abgebildet, allerdings (nach meinen eher unsystematischen Spontan-Recherchen) weitaus seltener. Vielleicht hat das auch etwas mit der Beliebtheit der Veilchen in der Jugendstildekoration zu tun. Auf Porzellan etwa findet man sie auch oft. Es scheint zudem, als sei das Veilchen um 1900 eine Modepflanze gewesen, die auch gern im Knopfloch getragen wurde.

Was aber auch ins Auge sticht, wenn man die einschlägigen Karten um 1900 ankuckt, sind die Weihnachtskarten, auf denen damals gern üppige Blumen gezeichnet waren, ein schöner Hinweis, dass doch gleich wieder alles zu sprießen anfangen wird.

Weihnachtsgruß 1908 (Foto: gemeinfrei)

Die Frühjahrs- und Neubeginnssymbolik (die das zyklische Zeitempfinden, das immer mit dem Jahreswechsel einhergeht, verdeutlicht) war in Form von Veilchen und anderen Blümchen – anders als der Glücksklee – ein vorübergehendes Phänomen und wir verstehen sie nicht mehr, Aber schön ist sie trotzdem, selbst wenn der Winter gerade erst anfängt.

In diesem Sinne: ein frohes neues Jahr!

 

Ich arbeite als Kunsthistorikerin freiberuflich als Redakteurin/Lektorin/Autorin. Dieser Blog enthält Überlegungen und Informationen, die ich sonst nirgendwo unterbringe. Die aber rauswollen.

9 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. EvaBambach
    Glückssymbole sind der einfachste Weg Glück zu verbreiten.
    Vielleicht sollten wir mal ein Ranking probieren, welches Glücksymbol am stärksten ist.

    Ich tippe mal auf das vierblättrige Kleeblatt.
    Bei den ersten Christen war der Fisch das Symbol für das Christentum, das die Glücksseligkeit verspricht.

  2. Veilchen haben für mich einen romantischen, auch femininen Touch mit einer Unternote von Sehnsucht bis Trauer.
    Ich bin überzeugt, es wird bald schon ein Veilchen-Revival geben. Eine Widerbelebung der Veilchensymbolik müsste heute wohl von einer Social-Media-Plattform ausgehen

  3. Veilchen hatten schon für die alten Griechen eine symbolische Bedeutung (übersetzt von DeepL):
    Im antiken Griechenland bezeichnete der Dramatiker Aristophanes Athen als “Veilchengekrönte Stadt”, weil Ion, der legendäre Gründer von Athen, der dort gekrönt wurde, im Namen mit “ion” exakt übereinstimmte – dem griechischen Wort für Veilchen. Der Legende nach führte Ion sein Volk nach Attika und wurde von Wassernymphen empfangen, die ihm Veilchen als Zeichen ihrer guten Wünsche schenkten. So wurden Veilchen zum Wahrzeichen der Stadt, und kein Athener Haus, Altar oder Hochzeit war ohne sie komplett. Persephone, die Tochter der Erdenmutter Demeter, sammelte Veilchen, als Pluto sie entführte, um mit ihm in der Unterwelt zu leben. Veilchen wuchsen dort, wo Orpheus schlief, und es war die Venus, die Veilchen blau machte. Im Streit mit ihrem Sohn Amor darüber, wer schöner war, sich selbst oder eine Gruppe junger Mädchen, bevorzugte Amor die Jungfrauen. Venus geriet in eine solche Wut, dass sie ihre Konkurrenten besiegte, bis sie blau wurden und zu Veilchen wurden. Ihre Verbindung zur Venus machte Veilchen zu einem beliebten Liebestrank und Aphrodisiakum.

    Sowohl Griechen als auch Römer verbanden Veilchen mit Beerdigungen und Tod. Veilchen wurden routinemäßig um Gräber herum verstreut, und als Symbole für Unschuld und Bescheidenheit waren Kindergräber routinemäßig so mit Veilchen überzogen, dass das Grab vollständig bedeckt war.

  4. Blumen und Tiere mit symbolischer Bedeutung gibt es seit eh und je, jedenfalls mindestens so lange schon, wie es Geschriebenes von Menschen über Menschen gibt. Man kann sogar sagen, dass die jüngste, die Internet-Moderne, Ikonen und Symbolen noch mehr Raum gibt – beispielsweise in Piktogrammen, Emoticons und den Computerapplikationen beigeordenten Icons. Wenn Nick Bostrom sein Buch SuperIntelligence mit einer Eule ziert, so weiss jeder, was das bedeutet.
    Ja, nicht nur das Veilchen, auch die Eule war ein Symbol das jeder Bürger des antiken Athen schon kannte. Die Menschheit hat sich nie von Symbolen verabschiedet – wahrscheinlich, weil das menschliche Denken (und Fühlen?) inhärent mit Symbolen verbunden ist.

  5. Das ist der Zeitgeist einer vergangenen Epoche der uns da entgegen duftet. Statt Handys schrieb man in blumengeschmückten Poesiealben selbstgemachte Reime immerwährender Freundschaft und Liebe,gab sich bieder und autoritätshörig und überall herrschte preußische Zucht und Ordnung.Der Spruch “Für Kaiser ,Gott und Vaterland” wurde auch gern mit Blumen-sicher auch mit Veilchen- umkränzt.Und die Soldaten bekamen auch Blumensträuße an ihre Gewehre geheftet als sie in den Krieg zogen.Diese damalige Zeit duftete eben überall nach Veilchen…

  6. Sie haben sich die Frage nach dem Grund für die Blumenmotive auf diesen alten Neujahrskarten fast selbst beantwortet:

    “Veilchen finden sich nicht nur auf deutschen, sondern auch auf französischen und englischen Neujahrs-Karten vom Anfang des 20. Jahrhunderts. Und sie sind auch auf anderen Glückwunschkarten zu sehen, etwa auf Geburtstagskarten und Osterkarten – wobei sie bei letzteren sicher wenig erstaunen, leuchten sie doch als Frühlingsboten unmittelbar ein.”

    Das neue Jahr wurde von unseren Vorfahren im März / April gefeiert, je nachdem wann das Frühjahrsäquinoktium stattfand, ab dem die Tage länger wurden als die Nacht. Es ergab ja auch Sinn, das neue Jahr zu feiern, wenn die Natur wieder aufwacht und aufblüht. Wir halten davon heutzutage nichts, leben wir doch in einer künstlichen Welt. Wir feiern das neue Jahr mitten im Winter, wenn die Natur schläft und die Sonne an ihrem Tiefpunkt steht. Der Kalender, der uns zunächst vom römischen Imperium gegeben und dann vom Vatikan mit einem Update versehen wurde, sagt uns halt, dass das neue Jahr beginnt, wenn nach dem 31.12. der 01.01. kommt.

    Der 1. April wird im englisch-sprachigen Raum als “April Fools’ Day” bezeichnet. Auch bei uns gibt es spätestens seit dem Ende des 20. Jahrhunderts die Tradition, unsere Mitmenschen am 01.04. mit erfundenen Geschichten zu schockieren, zu verblüffen oder zu veralbern. Eingeführt wurde diese Tradition, um die “Ungläubigen” oder “Heiden” lächerlich zu machen, die ihr neues Jahr im Frühling feierten.

    Menschen jüdischen Glaubens sind z. B. April Fools, weil sie seit mittlerweile 5779 Jahren einen Kalender benutzen, dessen neues Jahr im März oder im April beginnt.

    In unserem künstlichen System gibt es keine Zufälle. In unseren natürlichen System gibt es keine Zufälle.

    • Der Hinweis auf den April Fools’ Day ist interessant, wenn auch der Ursprung des Brauchs und seine Verbindung zum Jahreswechsel m. E. nicht eindeutig ist. Aber es passt zu dem Befund, dass es “früher” auch viele scherzhafte Neujahrskarten gab.

  7. Ja, der Ursprung des April Fools’ Day ist leider – wie so ziemlich alles in der uns überlieferten Geschichte – kaum vollständig zu recherchieren. Anders gesagt: Man kommt nie zu einem konkludenten Ergebnis.

    Ich persönlich wurde in einem Land geboren, in dem die endogene Bevölkerung (zu der ich nicht gehöre) das neue Jahr im März oder April gefeiert hatte – je nachdem wann das Frühjahrsäquinoktium stattfand. Meine Peers, die mit diesen Leuten eher wenig zu tun hatten, haben sich über sie lustig gemacht und sie u. a. als dumm dargestellt, weil sie immer noch naturverbunden lebten und die technologischen Fortschritte nicht annahmen. Anstatt in Siedlungen mit festen Häusern zu wohnen, sind diese Leute mit ihrem Vieh und ihrer Familie halt weiterhin über das Land gezogen.

    In diesem Land war der April Fools’ Day unbekannt, aber die Verhaltensweisen der fremden Eindringlinge gegenüber den Einheimischen an deren Neujahrstag waren ähnlich. Man fühlte sich diesen Leuten einfach überlegen.

    Wir – in der westlichen Welt – fühlen uns ja auch allen anderen Völkern aus den sog. “Entwicklungsländern” überlegen. Dabei sind wir heutzutage nicht mal mehr im Stande, eine Notre Dame, eine Cheops-Pyramide, Angkor Wat, oder eines der anderen prachvollen Bauwerke zu bauen. Manche von ihnen verfallen, weil wir keine Ahnung haben, was getan werden muss, damit sie weiterhin die Zeit überdauern. Schauen Sie sich Stonehenge an… Das, was da heute steht, hat nichts mehr mit dem einstigen Gebilde gemein. Beton und Stahl sind mittlerweile signifikante Bestandteile dieses Baus.

    P. S. Veilchen gehören übrigens zu den Pflanzen, die überwiegend winterhart sind. Mglw. haben die Leute sie deswegen auf den “neuen” Neujahrsgrüßen abgebildet, um zumindest einen kleinen Bezug zum alten Bild des Aufblühens der Natur zu suggerieren.

Schreibe einen Kommentar