Globale Kunstgeschichte

Seit zwei Jahrhunderten arbeitet sich die Wissenschaft der Kunstgeschichte an der Herausarbeitung regionaler Schulen, der Identifikation des einzelnen Künstlergenies und dessen Scheidung von Nebenfiguren, an der Authentifizierung eines Originals, also schlichtweg an dem Einzigartigen und Besonderen ab. Man kann darin einen Spiegel eines europäisch geprägten Gesellschaftsmodells sehen, in der das Individuum und – auf höherer Ebene – die Nation die zentralen Ideen sind.

Aber vielleicht gar nicht mal anders als in den Wirtschaftswissenschaften die Herausstellung der Leistung des einzelnen Unternehmers der Wahrnehmung des Anteils aller Stakeholder zunehmend Raum gibt, so ist in den letzten Jahren auch in der Kunstgeschichte ein Wandel zu erkennen. Vor gut zehn Jahren wurde in Heidelberg der erste Lehrstuhl für Globale Kunstgeschichte eingerichtet – als erster und bislang einziger in Deutschland. Es gibt – bislang wenige – parallele Einrichtungen, etwa in den Niederlanden und England. Doch schon seit einigen Jahren greifen Sonderausstellungen der Museen und Weltausstellungen wie die documenta (nicht immer glücklich) den Gedanken auf, dass globalen und transkulturellen Zusammenhängen mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden muss.

Die Globale Kunstgeschichte ist auch in den Führungspositionen deutscher Museen angekommen: Die in Heidelberg geschulte Kunsthistorikerin Noura Dirani übernimmt im Oktober 2022 die Leitung der Lübecker Kunsthalle. Sie hat nicht nur in Heidelberg studiert und am Lehrstuhl gearbeitet, sondern auch entsprechende Ausstellungserfahrungen gesammelt, als sie in Dresden als Kreativleitung des Japanischen Palais einige aufsehenerregende, weil aus dem typischen Museumsmuster ausbrechende Ausstellungen organisierte.

Ab Oktober 2022 ist Noura Dirani Leiterin der Kunsthalle St. Annen in Lübeck (Foto: Dirani)

Doch wird die Aufgabe natürlich nicht nur in Lübeck erkannt. In Berlin zum Beispiel läuft derzeit kuratiert von einem indigenen Kuratorium die Ausstellung “Songlines: Sieben Schwestern erschaffen Australien” – im Humboldt Forum, das sich noch mehr als andere Ort der Frage stellen muss, wie die überlieferte Scheidung zwischen Ethnologie und Kunstgeschichte überwunden werden kann.

Es ist kein Zufall, dass die Wissenschaft der Kunstgeschichte ihre Entstehung dem 19. Jahrhundert verdankt. Mit der Einführung von Nationalstaaten suchte man nach einheitlichen Merkmalen, wie der Sprache oder eben der Kunst, um sich von anderen Gesellschaften abzugrenzen. Die imperiale Expansion Europas erreichte mit neuen Kolonien in Asien und insbesondere Afrika einen neuen Höhepunkt.

Auf die Kunstgeschichte hatten die damit verbundenen Fragestellungen einen bis heute reichenden entscheidenden Einfluss. Schon seit den 1980er-Jahren etwa gab es Entwicklungen, mit dieser Prägung kritisch umzugehen. Doch auch, wenn die Grenzen um die Forschungsgegenstände der Kunstgeschichte fließender werden, sind die damit verbundenen methodischen Probleme enorm.

Symptomatisch für die Asymmetrie unserer Welt ist schon allein, dass der internationale Austausch meist in europäischen Sprachen stattfindet. Und wie kann eine systematische Forschung aussehen, die nicht von den Begriffen und kanonischen Kategorien der europäischen Kunstgeschichte ausgehen möchte? Alltagskultur ist zum Beispiel eines der Themenfelder, die neu in den Fokus geraten müssen. Und wie befreit man die museale Präsentation etwa von afrikanischer Kunst in Europa von ihrer kolonialhistorischen Prägung? Das 2006 eröffnete Musée du quai Branly in Paris etwa versucht sich mit einer ausschließlich nach ästhetischen, nicht ethnologischen Gesichtspunkten arrangierten Dauerausstellung afrikanischer, asiatischer, indianischer und ozeanischer Objekte. Abgesehen von der auch in Bezug auf dieses Haus heftig umkämpften Frage nach der Rechtmäßigkeit des Erwerbs der einzelnen Ausstellungsstücke macht schon allein das Konzept dieses Museums mit seiner immanenten Unterscheidung des „Westens und des Rests“ das Problem deutlich, das unweigerlich im Zentrum jeder global gedachten Kunstgeschichte steht.  

Ich bin Kunsthistorikerin und arbeite freiberuflich als Redakteurin/Lektorin/Autorin. Dieser Blog enthält Überlegungen und Informationen, die ich sonst nirgendwo unterbringe. Die aber rauswollen.

6 Kommentare

  1. Die Kunst gehört zu einem Kulturkreis wie der Name zu einer Person.
    Durch den Tourismus und auch durch die Ausstellungen in Museen wird die außereuroäische Kunst auch für den Normalbürger erfahrbar.

    Jetzt zum Namen „Kunstgeschichte“. Diese Bezeichnung ist irgendwie irreführend.
    Das Wesen der Kunst ist doch ihre Einzigartigkeit und die damit verbundene Identifikation. Also die Abgrenzung zu anderen Kulturkreisen.
    Oder meint Kunstgeschichte einen zeigtlichen Längsschnitt einer bestimmten Kunst in ihrem zeitlichen Wandel. Also z.B bei den Sakralbauten Romanik, Gotik, Renaissance …….

  2. Symptomatisch für die Asymmetrie unserer Welt ist schon allein, dass der internationale Austausch meist in europäischen Sprachen stattfindet. [Artikeltext]

    Dafür gibt es einen Grund, die Europäische Aufklärung, die u.a. auch die sog. industrielle Revolution induziert hat und allgemein die liberale Demokratie und die moderne Wissenschaftlichkeit.
    Zuvor ist Europa selbst Aggression unterworfen gewesen, bspw. aus dem arabischen und osmanischen Raum.
    (Auch die Sklavennahme meinend, der Sklave ist sozusagen der Slawe, den Balkan betreffend, zuletzt fanden vor etwas mehr als 200 Jahren sogenannte Barbareskenkriege statt.)

    Wie genau mit dem Kolonialerbe umzugehen ist, weiß der Schreiber dieser Zeilen nicht, nimmt aber im dankenswerterweise bereit gestellten Text einen differenzierten Umgang wahr.

    Mit freundlichen Grüßen
    Dr. Webbaer

  3. Bonuskommentar hierzu :
    <blockquote<Abgesehen von der auch in Bezug auf dieses Haus heftig umkämpften Frage nach der Rechtmäßigkeit des Erwerbs der einzelnen Ausstellungsstücke macht schon allein das Konzept dieses Museums mit seiner immanenten Unterscheidung des „Westens und des Rests“ das Problem deutlich, das unweigerlich im Zentrum jeder global gedachten Kunstgeschichte steht. [Artikeltext, letzter Absatz, letzte Absätze haben oft etwas Fazitäres]
    Auf die Besitzverhältnisse will der Schreiber dieser Zeilen an dieser Stelle nicht eingehen, er meldete sich nur noch einmal wegen der Dichotomie “Westen und andere”, so geht es nicht.
    Der “Westen” kann vielleicht im Sinne der Europäischen Aufklärung gedacht bleiben, ‘global’ gedacht werden kann im gemeinten Sinne nicht.
    Sichten müssen einen Standpunkt haben.

  4. Bonuskommentar hierzu :

    Abgesehen von der auch in Bezug auf dieses Haus heftig umkämpften Frage nach der Rechtmäßigkeit des Erwerbs der einzelnen Ausstellungsstücke macht schon allein das Konzept dieses Museums mit seiner immanenten Unterscheidung des „Westens und des Rests“ das Problem deutlich, das unweigerlich im Zentrum jeder global gedachten Kunstgeschichte steht. [Artikeltext, letzter Absatz, letzte Absätze haben oft etwas Fazitäres]

    Auf die Besitzverhältnisse will der Schreiber dieser Zeilen an dieser Stelle nicht eingehen, er meldete sich nur noch einmal wegen der Dichotomie “Westen und andere”, so geht es nicht.
    Der “Westen” kann vielleicht im Sinne der Europäischen Aufklärung gedacht bleiben, ‘global’ gedacht werden kann im gemeinten Sinne nicht.
    Sichten müssen einen Standpunkt haben.

    Sorry !!!

  5. Zitat aus obigem Beitrag von Eva Bambach:

    Das 2006 eröffnete Musée du quai Branly in Paris etwa versucht sich mit einer ausschließlich nach ästhetischen, nicht ethnologischen Gesichtspunkten arrangierten Dauerausstellung afrikanischer, asiatischer, indianischer und ozeanischer Objekte.

    Ja, und ich war am 4. August im Musée Quai Branley. Und tatsächlich hält man es als europäischer Besucher in einem solchen Museum der nicht-europäischen und nur begrenzt asiatischen Kunst nur dann einen Tag lang aus, wenn es Highlights gibt wie monumentale Kunstwerke oder was gerade aktuell war am 4. August im Musée Quai Branly, Karneval-Kostüme aus Brasilien, denn ein Grossteil der nichteuropäischen und indigenen Kunst erscheint einem westlichen Betrachter zuerst einmal als monoton, mit fehlendem Ausdruck, fehlender Individualität. Die Aussteller des Musée du quai Branly scheinen das erkannt zu haben und sie haben darauf mit dem richtigen Arrangement und den richtigen, spektakulären Objekten reagiert wie etwa den Clubs, das sind im Prinzip riesengrosse Schläger (ähnlich Baseball-Schlägern) , die aber nicht nur als Waffen dienten, sondern auch als Prestige- und Kunstobjekte. Es sind also im Musée Quai Branley einerseits ästhetische Ordnungsprinzipien auszumachen wie auch eine Konzentration auf spektakuläre Objekte wie Clubs oder Karnevalskostüme. Zum Glück ist das so. Das macht den Museumsbesuch erst erinnerungswert.

  6. Zitat aus obigem Beitrag von Eva Bambach:

    Symptomatisch für die Asymmetrie unserer Welt ist schon allein, dass der internationale Austausch meist in europäischen Sprachen stattfindet.

    Die Kunstgeschichte als Studienfach entstand ja in Europa. Und Europäer sprechen nun mal europäische Sprachen, aich dann, wenn sie einen Kunstgegenstand untersuchen, der nicht in Europa entstand. Globale Kunstgeschichte bedeutet zuerst einmal eine Ausweitung des Studieninteresses: nicht mehr nur europäische oder asiatische Kunst wird Gegenstand der Kunstgeschichte, sondern eben die Kunst der ganzen Welt. Es bedeutet nicht unbedingt, dass nun auch Indigene Kunstgeschichte betreiben. Genau so wie in Europa ja die bedeutendsten Produktionsorte von Kunst nicht zusammenfallen müssen mit den aktivsten Zentren der Kunstgeschichte. Künstler und Kunstgeschichtler sind wahrscheinlich sowieso ganz verschiedene Leute.

    Allerdings ist auch offensichtlich, dass es ein Problem gibt, wenn Leute aus einem ganz anderen Kulturkreis andernorts entstandene Kunst beurteilen und verstehen wollen. Denn Europäern fehlt womöglich das nötige Hintergrundswissen. Ausser sie haben es sich bei Ethnologen geholt.

    Längerfristig gesehen löst sich das Problem wohl dadurch, dass Studienrichtungen wie Kunstgeschichte nicht nur mehr Europäern und Amerikanern vorbehalten bleibt, sondern überall studiert werden kann. Allerdings muss man sich bewusst sein, dass, wer in Mexiko Kunstgeschichte studiert, mit grosser Wahrscheinlichkeit eher einen europäischen Hintergrund hat als einen originär mexikanischen, einfach darum, weil die europäische und amerikanische Kultur in die ganze Welt diffundiert ist.

    Oder auf den Punkt gebracht: Ein Grossteil der aussereuropäischen Kunst ist und bleibt Geschichte und wird nicht mehr praktiziert.
    Das gilt zwar auch für einen Grossteil der älteren europäischen Kunst. Doch das kulturelle Umfeld etwa eines Rembrandt oder eines Renoir kennen wir dennoch sehr gut. Weil es sehr viele Zeitdokumente gibt und weil uns die Denkweise trotz einem Abstand von einigen Jahrzehnten oder Jahrhunderten trotzdem gut vertraut ist.

    Fazit: Aussereuropäische Kunst zu verstehen ist und bleibt wohl tatsächlich schwierig.

Schreibe einen Kommentar