Glasfaser-Kühe, methanfrei und wetterfest

Fast dreizehn Millionen Rinder werden in Deutschland gehalten. Das heißt, je sechs Bürger teilen sich rechnerisch eine Kuh. Für eine mittlere Großstadt wie Heidelberg mit gut 150 000 Einwohnern müssten also  etwa 25 000 Rinder gehalten werden (zusätzlich zu noch viel mehr Schweinen und Hühnern). Während aber Wildtiere wie Fuchs oder Turmfalke sich in unseren Städten heimisch fühlen und etwa jeder zehnte Bürger einen Hund hält, die im Stadtbild zu sehen sind, gibt es von den Nutztieren weit und breit keine Spur.

Wo sind die Tiere?

Die werden erstens nicht regional gehalten und zweitens schon gar nicht unter freiem Himmel, wo man sie sehen könnte, sondern in den großen Fleischfabriken in Schleswig-Holstein, Bayern oder Niedersachsen. Ein alltäglicher Anblick sind sie dennoch in der ganzen Republik – zur Unkenntlichkeit zerteilt in der Kantine, im Supermarkt oder beim Metzger.

Umso größer die Freude, wenn man sie in Feld und Flur entdeckt: Immer öfter umgeben ganze Herden von Kühen aus wetterfestem Kunststoff und in fröhlichen Farben unsere Ballungsräume. Da dienen sie als Eyecatcher um für Erdbeeren, Spargel, Blumen oder andere landwirtschaftliche Erzeugnisse zu werben, die allesamt überhaupt nichts mit Kühen zu tun haben – sondern nur mit der Illusion von naturnah erzeugten Lebensmitteln in einer heilen Welt.

Es soll hier gar nicht darum gehen, wie eine naturgemäße, nachhaltige Ernährung von 82 Millionen Menschen, mit 98 % der Erwerbstätigen in Berufen außerhalb der Landwirtschaft, zu bewerkstelligen wäre.

Kühe im Getreidefeld – lebende Exemplare wären dem Bauern Grund zur Verzweiflung. Aber für die Vorüberfahrenden sieht der Acker aus wie eine Wiese – einfach nur schön grün (eigenes Foto).

Mich interessiert hier nur unsere Entfremdung, von der die irgendwo im Bereich zwischen Gartenzwerg, Denkmal und Werbeschild angesiedelten Kunststoffkühe zeugen. Die Herkunft der heute per auch Online-Shop zu erwerbenden Rindviecher (Kosten ca. 1000 Euro pro Tier, „Für jeden Garten und für jedes Werbeprojekt finden Sie hier die richtige Kuh“) lässt sich bis vor ziemlich genau 19 Jahren nachverfolgen.

Kuh-Paraden

Von privaten Sponsoren finanziert, stellten im Juni 1998 Künstler und Schulklassen aus Zürich und Umgebung mehr als 800 bemalte, lebensgroße Kühe aus einem Glasfaser-Polyester-Gemisch in der Zürcher Innenstadt auf – als Touristenattraktion. Die Aktion wurde schnell zur Geschäftsidee, in Chicago und New York wurden ähnliche Projekte durchgeführt (die Kühe wurden am Ende für viel Geld verkauft), es gründete sich sogar eine „CowHolding Parade AG“ und etliche Merchandising Produkte wurden entwickelt. Schließlich übertrug man die Idee auch auf andere Tiere, besonders erfolgreich waren (und sind) Wappentiere wie der Bär oder der Löwe.

Künstlerin beim Bemalen einer lebensgroßen Kuh (eigenes Foto)

Bei diesen sogenannten „Tierparaden“ werden die Tierfiguren bewusst deplatziert – in der Stadt haben Kühe, Löwen und Bären nichts zu suchen. Die Kühe im Getreidefeld (obwohl genauso deplatziert) sollen aber genau das Gegenteil suggerieren: Als fände hier die Tierhaltung statt, als gehe es hier noch ganz natürlich zu. Und obwohl das Aufstellen der künstlichen Kühe doch geradezu ein Fingerzeig darauf ist, dass die Kühe in unseren Landschaften ganz überwiegend fehlen, so wundert sich anscheinend kaum jemand darüber.

Dieser Blog enthält Gedanken, die ich sonst nirgendwo unterbringe. Die aber rauswollen.

5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Wenn man eine Werbetafel irgendwo in der Natur aufstellt – muss man hohe Hürden bürokratischer Art überwinden: ´Kühe´ werden als lustig – und nicht als Werbeanlage – empfunden.

  2. Ha ha, wenn diese Kühe nun noch Milch aus Gras machen könnten, dann wäre die Replikatortechnik schon so gut wie …!?

  3. Hmm, Sie schreiben, „Bei diesen sogenannten „Tierparaden“ werden die Tierfiguren bewusst deplatziert“. Bei der Ulmer Spatzeninvasion vor einigen Jahren wurde ein Tier künstlerisch verarbeitet, dass zum Stadtbild gehört wie kaum ein anderes. Es ist halt selten, dass ein gewöhnliches Tier zum Stadtwappen gehört.

    • Da müssen wir hoffen, dass die Spatzenbestände nicht weiter zurückgehen. Soweit ich weiß, stehen die Vögel schon auf der Vorwarnliste zur Roten Liste der gefährdeten Arten.

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