Fritz Schwegler in Mannheim – Avantgardist und Schwabe

Leider viel zu spät entdeckt habe ich die nur noch bis zum 8. Januar 2017 in der Kunsthalle Mannheim laufende Ausstellung eines der einflussreichsten deutschen Künstler der Gegenwart. Sein Name ist kaum bekannt. Umso schöner: Die liebevoll kuratierte Ausstellung eignet sich gut, um mindestens einen halben Tag lang einzutauchen in Fritz Schweglers ganz und gar eigenwillige Sprach- und Bildwelt, die ebenso skurril ist wie feierlich, ebenso witzig wie ernst.

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Fritz Schwegler in Breech im Jahr 2001 – Bronzeskulpturen ordentlich im selbstgeschreinerten Regal aufgereiht, Einfälle fortlaufend nummeriert und sauber in Ordnern abgeheftet: So machte der Künstler seine Welt aus überbordenden Einfällen beherrschbar, um sie noch nach Jahrzehnten  wieder hervorzuholen (Foto:Barbara Klemm, 2001)

 

Fritz Schwegler, geboren 1935 in dem kleinen Weiler Breech in der Region Stuttgart und dort auch im Jahr 2014 gestorben, hatte zunächst eine Schreinerlehre absolviert, um den väterlichen Betrieb weiterzuführen. Als Wandergeselle bereiste er dann 1955-59 die Welt. Nach der Meisterprüfung begann Schwegler 1961 ein Studium der Bildhauerei an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, das er an der City and Guilds of London Art School fortsetzte. Seit 1962 arbeitete er als freier Bildhauer. 1972 und 1987 war er zur Documenta-Teilnahme eingeladen. Seit 1973 lehrte er an der Düsseldorfer Kunstakademie, wo er als Professor Künstler wie Thomas Schütte, Thomas Demand, Katharina Fritsch, Martin Honert oder Thomas Huber geprägt hat, deren auch internationaler Bekanntheitsgrad den ihres Lehrers weit übertrifft.

Die “Urnotizen”

Seit 1962 hat Schwegler seine Ideen und Eingebungen in Bild und Wort, die “Urnotizen”, notiert und nummeriert in Aktenordnern zu jeweils hundert Blättern gesammelt, als ein Lebensarbeitsprogramm, das über alle  Werkphasen hinweg Gültigkeit hatte.  Auf dieser Grundlage entstanden über die Jahrzehnte Skulpturen und Bilder, Performances und Kurzfilme für das Fernsehen, oft aber auch nur Handlungsanweisungen für die Umsetzung im Kopf des Betrachters.  Zwischen Bildhauerei und Literarischem gibt es dabei keine scharfe Grenze – das ist Teil der Faszination, die von seinem Werk ausgeht.

Fritz Schwegler: MORITAFEL „Die Kunstläuferin“ aus der Serie der Olympischen Effeschiaden (1972) Papier und Farbstift / 100 x 70 cm

Wie ein Bänkelsänger seine Moritaten trug Fritz Schwegler seine Einfälle auch im rituellen Gesang vor, begleitet von einfachen Musikinstrumenten und unterstützt von Schautafeln – “Moritafeln” (Fritz Schwegler: Moritafel „Die Kunstläuferin“ aus der Serie der Olympischen Effeschiaden, 1972, Papier und Farbstift / 100 x 70 cm) Credit: © VG-Bild-Kunst, Bonn 2016, Foto: Frank Kleinbach

Fritz Schwegler und seine Effeschiaden

Eine sehr typische Werkgruppe entstand in der ersten Hälfte der 1970er-Jahre: Ausgehend von seinen Initialen “F” und “Sch” schuf der Künstler Hunderte von Effeschiaden  – Kombinationen aus farbiger Skizze und einer als Skulptur zu begreifenden, präzisen Handlungsanweisung, die er auch als Partitur bezeichnete.

Fritz Schwegler mit Bilderlese-Darstellung, Galerie Schmela 1974

Fritz Schwegler bei einer persönlichen Vorlesung, Galerie Schmela 1974 ( © VG-Bild-Kunst, Bonn 2016, Foto: Bernd Jansen, Düsseldorf)

Einer der Höhepunkte der Mannheimer Ausstellung ist die Projektion einiger für das Fernsehen als Kurzfilm umgesetzter Effeschiaden. Parallel zur Handlung verliest der Künstler hier selbst mit monotoner Feierlichkeit seine als Text gefassten Anweisungen. Zum Beispiel:  Zwei unauffällig gekleidete Männer mit unnatürlich (von einem Bild des Surrealisten René Magritte inspirierten) gebogenen Nasen begegnen sich auf der Mitte einer Kreuzung.

Anderes Beispiel: Die Partitur “Fußkasten”, sie beginnt wörtlich: “In einem Kasten wundermild – außen ganz weiß, innen gelb – sind die rauhen, schwarzen Füße eingenistet und gelagert. Der an der hinteren Wand ist am Schenkel und am Fuß rechtwinklig geknickt …” – dazu eine nicht besonders kunstvolle, aber unmissverständliche Zeichnung. Die Magie der Sprache lässt sich besonders im mündlichen Vortrag durch den Künstler selbst erleben, aber zum Beispiel auch bei der Begegnung mit der 1975 für die Düsseldorfer Kunsthalle geschaffenen “täglichen Jubelrolle” (hier soll man auf insgesamt 365 Leinwände geschriebene Kurztexte selbst zu Gehör bringen, etwa “NUN/WACH-/SE” oder “NA/DA/RENNST/DU/WID-/ER”) .

Fritz Schweglers Spätwerk

Dennoch kehrte der fleißige Künstler am Ende zur klassischen Skulptur zurück. Von 1990 bis 1999 schuf er genau tausend “Notwandlungsstücke”: kleinformatige, farbige Bronzen als Unikate, denen im Jahr 2000 111 “Seezungen-Fortsetzungen”  und später noch weitere Plastiken folgten. Aber diese Rückkehr erlebt der Betrachter nicht als Bruch. Wort und Bild, Handlung und Raum, die Idee und ihre Materialisierung sind im Werk des Künstlers von Beginn an eng verwoben.

Fritz Schwegler: Notwandlungsstücke, 1990-99, Bronze, farbig gefasst / Größe variiert (10-20 cm)

Fritz Schwegler: Notwandlungsstücke, 1990-99, Bronze, farbig gefasst / Größe <20 cm (© VG-Bild-Kunst, Bonn 2016, Foto: Frank Kleinbach)

Brüder und Väter

„Zu den Vätern rechne ich Klee, Brancusi, Matisse, Braque, Max Ernst, Magritte, Giacometti, zu den Brüdern Beuys und Donald Judd“, erklärte Schwegler 1997. Und das dürften noch lang nicht alle Einflüsse sein, die in dem wahrhaft merkwürdigen Werk Schweglers kondensieren, das ganz und gar eigenwillig und doch auch dem Zeitgeist der späten 1960 und frühen 1970er verpflichtet ist: Beim Gang durch die Ausstellung kommen dem Betrachter vielleicht Szenen aus Monty Python’s “Schule des Gehens” in den Sinn, oder die Leidenschaft der Zeit für Piktogramme.

Schweglers Glaubwürdigkeit

Bei Schwegler erscheinen Wortschöpfungen wie “Seezungen-Fortsetzungen” nicht als Kalauer, sondern sie entwickeln poetische Kraft – oft so schön, dass man sich ein Hörbuch mit Schwegler-Texten wünscht, am liebsten vorgetragen von ihm selbst. Denn in seiner unprätentiösen, fast naiv ernsthaft klingenden Vortragsweise entfalten die Texte beschwörende Wirkung. Es offenbart sich die große Ernsthaftigkeit, mit der der Künstler seine Einfälle umsetzte. Nicht zu vergessen: die Konstanz und letztlich ein schwäbischer Fleiß mit dem er den in den Urnotizen verankerten Gedanken auch bei mehrmaliger Wiederholung selbst im Detail treu blieb.

“Es gibt eine neue Sprache, die heißt Baum.”  Das ist so ein Beispiel für die Sachen, die der Künstler verkündet hat. Ich glaube es ihm einfach.

Dieser Blog enthält Gedanken, die ich sonst nirgendwo unterbringe. Die aber rauswollen.

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Eva Bambach,
    danke für die Information über die Schwegler Ausstellung in Mannheim.
    Hier in Stuttgart erfährt man darüber nichts. Denn für die Schwaben ist Mannheim kulturell und auch sonst Ausland.
    Als Mannheimer weiß ich, wovon ich spreche.

  2. Was von Schwegler bleibt sind also archivierte Urnotizen, Setzkästen voller 20×20 cm hohe Skulpturen, Effeschiaden als Kombinationen von Bild und beschreibendem Text/Handlungsanweisung und diverse textliche, plastische, filmische und performatorische Aus- und Aufführungen seiner Urnotizen und Effeschiaden.
    Im Prinzip lässt sich bei Schwegler einiges beobachten was auch für Andy Warhols Schaffen in seiner Factory galt, nur dass Warhol mehr von seinen Ideen realisierte oder realisieren liess, Warhol mehr Leute kannte und traf und dazu alles noch x-Mal repliziert wurde.

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