EU kann auch sinnvoll: Verbot dünner Plastiktüten

Dünne Plastiktueten sind zweifellos praktisch - hier mit Kartoffeln

Das Problem ist so alt wie die Menschheit: Wer beim Herumstreifen im Busch oder in der Einkaufsstraße mehr Kräuter, Wurzeln und Beeren findet, als er essen kann, möchte die Vorräte gern mit nach Hause nehmen. Aber die menschlichen Hände sind als Traggefäß unzulänglich und im Unterschied etwa zu den Bienen verfügt der Mensch nicht über praktische Körbchen an den Hinterbeinen.

Die Lösung des Problems – eine Traghilfe, die leicht, reißfest, bequem zu tragen und wenig aufwendig in der Herstellung ist – gehörte folglich zu den ersten Werkzeugentwicklungen des Menschen.  Körbe und Netze aus Pflanzenfasern blieben über die Jahrzehntausende fast unverändert im menschlichen Gebrauch (anders etwa als Faustkeile und ähnliches Gerät, die ständiger technischer Verbesserungen unterlagen).

Urform der Plastiktüte? Ein Köcher aus Blättern
Die Urform: Ziemlich leicht (65 Gramm) und haltbar, allerdings nicht ganz so praktisch beim Einkauf im Supermarkt – Behälter aus geflochtenen Blättern.

Eine ideale Erfindung, könnte man also meinen. Aber in den 1960er-Jahren trat die Plastiktüte ihren Siegeszug durch die ganze Welt an. Zunächst als Taschenersatz für umfangreichere Einkäufe, seit etwa 20 Jahren in ihrer superdünnen Form auch einfach nur als Hilfsmittel, um Obst und Gemüse auf die Waage zu legen, wieder herunter zu nehmen, sauber getrennt von den anderen Einkäufen nach Hause zu bringen und dort wieder der Lagerung zuzuführen.

Woher kommt der Erfolg der Plastiktüte?

Der Preis kann es nicht sein. Für die für den Verbraucher kostenlose Tüte bezahlt der Obsthändler etwa 3 Cent, etwa doppelt so viel wie für die früher meist zum Wiegen verwendete (und immer noch erhältliche) Spitztüte aus Papier (deren Ökobilanz auch nicht glänzend ist). Aber die Plastiktüten sind unschlagbar leicht. Und praktisch: Man kann sehen was drin ist und, indem man sie an den Henkeln oder an den geknoteten Enden packt, ruckzuck übergeben oder auf der Theke abstellen, ohne dass etwas rausfällt. Der Nächste bitte.

Nach dem Verbot: Gibt es eine Alternative zur dünnen Plastiktüte?

Was, wenn das EU-Verbot der dünnen Plastiktüte wirklich kommt? Fast alle Vorteile der dünnen Plastiktüte bieten auch Tüllbeutel, die manche schon jetzt als wiederverwendbare Alternative zur Plastiktüte benutzen. Deren Nachteil: Der multifunktionale Mensch muss schon morgens auf dem Weg zur Arbeit an den Einkauf auf dem Nachhauseweg denken und sich entsprechend ausrüsten.

So wie unsere Vorfahren. Wer die leckeren Heidelbeeren anderen überlassen musste, weil er keine Transporthilfe dabei hatte, war spätestens beim übernächsten Mal entsprechend gewappnet.

Tuell statt Plastik
Fast so praktisch wie eine Plastiktüte, aber rechtzeitig dran denken muss man halt: Ein auch als Wäschenetz gebräuchlicher Tüllbeutel (13 Gramm).

 

Dünne Plastiktueten sind zweifellos praktisch - hier mit Kartoffeln
Ist mit 4 Gramm besonders leicht – und das ist auch ihr größtes Problem: Durch Verwehung geraten die Tüten auch unbeabsichtigt in die Umwelt und sind unter anderem für den Tod von unzähligen Tieren verantwortlich.

 

 

Weidenkorb mit Plastiktüte
Der Weidenkorb ist seit vielen Tausend Jahren beliebt zum Heimtragen des Sammel- oder Einkaufsertrags.

 

 

Ich bin Kunsthistorikerin und arbeite freiberuflich als Redakteurin/Lektorin/Autorin. Dieser Blog enthält Überlegungen und Informationen, die ich sonst nirgendwo unterbringe. Die aber rauswollen.

9 Kommentare

  1. Der typische Lebensweg einer Plastiktragetasche beginnt im Geschäft und endet in der Müllverwertung.
    Insofern ist dem Verbotsweg nicht direkt zuzustimmen, verbietet die EU doch zunehmend und steigert sich in Reglementierungswut ohne hinreichend (sinngemäß Martin Schulz (!) zitierend) demokratisch legitimiert zu sein.

    MFG
    Dr. W

  2. Polyvinylalkohol wird unter anderem als wasserlösliche Folie für die Herstellung von Verpackungsbeuteln verwendet.

    Ein Verpackungsbeutel aus Polyvinylalkohol löst sich schon im Freien beim ersten Regen restlos und in ungiftiger Form auf.

  3. Ich würde sagen, nicht der typische, sondern der ideale Weg einer Plastiktüte endet in der Müllverwertung. Tatsächlich gelangen aber offensichtlich viel zu viele insbesondere der dünnen Tüten in die Umwelt.In vielen Ländern sind die Tüten schon verboten oder mit Steuern belegt.
    Vielleicht bietet Polyvinylalkohol irgendwann tatsächlich eine unproblematische und zugleich bequeme Lösung? Hauptsache, die Beutel lösen sich nicht schon auf dem Nachhauseweg im Regen auf.

    • Gebrauchte Plastiktragetaschen des Schreibers dieser Zeilen gelangten regelmäßig in die Müllverwertung, das liebe Tier in der Natur wird wohl nicht mit deutlich höherer Wahrscheinlichkeit an einer Plastiktragetasche sterben als der Bundesbürger im Straßenverkehr, herkömmliche Plastiktragetaschen kompostieren nach ein paar Jahren [1], sie trocknen aus und verlieren den Zusammenhalt & es sollte schon bürgernah entschieden werden, denn dieses Abwälzen auf die EU-Lobbykratie gefällt vielen nicht.

      MFG
      Dr. W

      [1] das ist vor einem Vierteljahrhundert experimentell vom Webbaer geprüft worden – btw: die Behauptung, dass Plastiktragetaschen persistieren kam so vor 35 Jahren in ökologistischen Kreisen auf

  4. Laut dem Dokument Plastiktüten des UBA besteht 3/4 des Mülls im Ozean aus Kunststoffen. Diese schaden vielen Lebewesen im Ozean und zwar sowohl in Form von kleinen Plastikteilen( die z.B. von Fischen gefresssen werden) als auch in Form von Mikroplastikteilchen, die entweder beim Abbau des Plastiks entstehen oder aber schon als Mikroplastik erzeugt werden (zum Beispiel als Bestandteil von Zahnpasten).
    Zitat: “Inwieweit Plastiktüten, oder im speziellen Plastiktüten aus Deutschland, zu der Meeresverschmutzung beitragen, ist aus den verfügbaren Befunden nicht ersichtlich.”
    Aus den vorliegenden Daten europäischer Meere wird jedoch klar ersichtlich, dass Kunststoffe die Müllfunde in den Spülsäumen europäischer Meere dominieren. Aktuelle Daten von der deutschen Ostsee (Fehmarn und Rügen) zeigen, dass dort weitaus mehr kostenfreie kleine Plastiktüten als kostenpflichtige Einkaufstüten aus dem Lebensmitteleinzelhandel gefunden werden.

    Fazit: Ein Verbot von Plastiktüten reduziert den Plastikabfall in den Ozeanen etwas, allerdings löst es ihn nicht, denn es gibt noch weit mehr Quellen von Plastik als Plastiktüten, sogar in Form von Mikroplastikteilchen, die nur unter dem Mikroskop sichbar werden aber schädliche Auswikungen haben.

  5. Man könnte das Umweltbewusstsein viel einfacher beeinflussen, wenn auf jedem Kassenzettel für die gesamten eingekauften Produkte stehen würde, als Summe, welche Art von Verpackungsmaterial verwendet wurde und wie hoch die Kosten dafür sind.
    Mit den heutigen elektronischen Kassen dürften diese Angaben kein Problem sein. Auf diese Weise kann jeder Kunde schwarz auf weiß sehen, wieviel Geld für Verpackung ausgegeben wurde.

  6. Der Spektrum-Artikel Bedrohliche Plastiksuppe (Spektrum 11/13) geht auf die im Ozean umherschwimmenden Kleinplastikteile in der Grössenordnung von Millimetern bis hinunter zu Mikrometern ein. Viele dieser Kleinplastikteile entstehen scheinbar durch Verwitterung grösserer Kunstoffteile, sie stammen aber auch aus den Mikroverunreinigungen, die Abwasserwerke passieren, wobei häufig Kunststofftextilien die Quelle sind, die in Waschmaschinen Fasern abgeben. Auch Kosmetika mit Peelings (Plastikkügelchen) spielen eine Rolle.
    Dieses Mikroplastik geht in die Nahrungskette ein und tranpsortiert auch Schadstoffe, die sich anheften in die Organismen. Plastikteilchen können auch invasiven Arten als Transportvehikel dienen.
    Das Verbot der Plastiktüte löst das Problem der Plastikverschmutzung des Ozeans kaum, es verringert es vielleicht ein bisschen. Richtig wäre eine systematische Suche nach den Quellen des ozeanischen Mikroplastiks und die Beseitigung dieser Quellen. Dass Abwasserwerke Quellen von Mikroplastik sein können, spricht dafür, diese mit einer weiteren Klärstufe zu versehen, welche solche Mikroverunreinigungen entfernt.

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