Wir sind dann mal weg!

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Abenteuer Auszeit
Das Sabbatical

Ein Jahr Auszeit nehmen. Mal ganz was anderes machen. „Ja, das wär’s doch“, sagen viele – und machen es doch nie. Bei uns steht das “Sabbatical” unmittelbar bevor. Im Januar geht’s los, aber bis dahin ist noch so viel zu erledigen. Mit schwirrt der Kopf. Unbändige Vorfreude und tiefsitzende Existenzängste geben sich die Klinke in die Hand.
„Na, da kannst du locker drei Jahre einplanen”. Fragend starre ich eine Freundin zu Beginn dieses Jahres an. Gerade habe ich ihr erzählt, dass ich 2015 ein Sabbatjahr nehmen werde. “Ist doch logisch”, fährt sie mit einem süffisanten Schmunzeln fort, “ein Jahr zur Vorbereitung, eins dort und eins zum Zurückkommen”.

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Wie Recht sie hat. Gleichzeitig ist die Reaktion typisch. Wer eine Auszeit plant, muss sich auf vieles gefasst machen: Arbeitgeber reagieren überraschend kooperativ, Eltern sind hingerissen, Kinder neidisch, beste Freunde tief besorgt – oder alles umgekehrt. Es gibt nichts, was es nicht gibt, wenn sich Menschen, weit jenseits des Abiturs und noch lange diesseits des Rentenalters, für eine längere Zeit aus ihrem gewohnten Leben verabschieden. Nur eines ist sicher: Gleichgültig lässt das Ansinnen niemanden. Wünschen sich doch knapp 60 Prozent der Deutschen nichts sehnlicher, als die Seele eine Zeit lang baumeln zu lassen. Und die Chancen, diesen Traum zu verwirklichen, waren selten so günstig wie jetzt. Denn Unternehmen müssen sich heute ins Zeug legen, um ihre Zugpferde nicht zu verlieren und lassen deshalb in Sachen Auszeit immer häufiger mit sich reden.

Mit 50 noch einmal einen neuen Job anfangen zu wollen, das wäre vor zwanzig Jahren beruflichem Harakiri gleichgekommen. Heute, da die Lebensarbeitszeit ohnehin länger und länger dauern wird, löst das nicht einmal mehr Stirnrunzeln aus. Zumal die berechtigte Hoffnung winkt, dass der Kollege oder die Kollegin mit neuer Schaffenskraft an den Schreibtisch oder die Werkbank zurückkehrt.

Das Sabbatjahr hat Tradition

Ins moderne Arbeitsleben eingeführt wurde das “Sabbatical” (oder Sabbatjahr) durch Professorinnen und Professoren an amerikanischen Hochschulen, die sich in gewissen Zeitabständen für ein Forschungssemester vom Lehrbetrieb freistellen lassen konnten. Diese Zeit sollte Raum geben, für konzentrierte wissenschaftliche Arbeit, aber auch für Weiterbildung beziehungsweise zum Nachdenken über die künftige Ausrichtung des eigenen Tuns. Ursprünglich kommt der Begriff aus dem Hebräischen und bedeutet so viel wie „aufhören“ oder „innehalten“. Er steht für das Ruhejahr des Ackerlandes, das nach sechs Jahren Anbau ein Jahr brach liegen darf.

Nach und nach übernahmen zunächst die amerikanische, dann die skandinavische und nun vermehrt auch die mitteleuropäische Wirtschaft sowie der Öffentliche Dienst das Modell der Auszeit. Vor allem für jüngere Arbeitnehmer sind entsprechende Angebote, bei denen sie mit Lohnverzicht oder Arbeitszeitkonten das Sabbatical regelrecht “ansparen” können, ungemein attraktiv. Das Vorgehen hat auch den Vorteil, dass während dieser Zeit, Versicherungen und Gehalt bezahlt werden.

Genützt wird der Ausstieg auf Zeit längst nicht nur für die berühmt-berüchtigte Weltreise, sondern immer häufiger für Freiwilligenarbeit im In- oder Ausland oder, um ganz bewusst eine Partnerschafts- oder Familienphase einzulegen. Auszeiten, das zeigen die Erfahrungen, sind nachweislich eine der besten Vorbeugemaßnahmen gegen das gefürchtete “Ausbrennen”. Den Kopf frei bekommen, sich orientieren und Kräfte sammeln, das ist für die Allermeisten der Antrieb. Nicht wenige treibt auch die Dankbarkeit. Sie sind glücklich darüber, dass es ihnen gut gegangen ist in ihrem bisherigen Leben, sie eine hervorragende Ausbildung genießen konnten, ihren Beruf lieben oder einfach eine gesunde Familie haben. “Ich möchte etwas zurückgeben”, lautet ihr Motto – und das ist auch bei uns eine starke Motivation.

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Illusionen sollte sich freilich niemand machen: Ein Sabbatical ist nicht billig zu haben und erfordert jede Menge Papierkram im Vorfeld. Ob Krankenkasse, Rente oder Berufsunfähigkeitsversicherung, mit allen gilt es in Verhandlungen zu treten. Manches kann ruhen, anderes muss mit einem Mindestbeitrag fortbezahlt werden, um Ansprüche nicht zu verlieren. Aber Vorsicht: Wer sich zu spät kümmert, den erwarten hohe Kosten. Es ist ganz erstaunlich, wie lange Lauf- und Kündigungszeiten es gibt. Sei es das Fitnessstudio, die Mitgliedschaft im Mieterverein oder die Autoversicherung.

Ausstieg auf Zeit

Welche Lösung die beste ist und welche Risiken vertretbar sind, muss letztlich jeder mit sich ausmachen. Am besten kommt alles akribisch auf den Prüfstand, so entsteht eine gute Gelegenheit, all die Abos und Mitgliedschaften zu durchforsten, die in einem normalen Erwachsenenleben so zusammenkommen. Sich hier Klarheit zu verschaffen, hat etwas ungemein Befreiendes. Aber auch die Ängste fordern ihren Raum. Die Wohnung zu kündigen, sich unbezahlten Urlaub zu nehmen – all dies entwurzelt und die Furcht, hier nicht mehr ankommen zu können, nimmt mitunter gewaltige Dimensionen an.

Da ich selbst als Coach und Mediatorin arbeitete, weiß ich um solche Prozesse und habe mir Hilfe geholt. Ein Sabbatical ist eine selbst ausgelöste, ungemein anstrengende Krise, bei der auf nicht allzu viel Verständnis im Umfeld zu zählen ist. Jeder kocht sein eigenes Süppchen. Bei den einen ist es Bewunderung, bei den Anderen Neid, bei den Dritten Sorge um das Wohlbefinden der Freundin und Angst davor, sie vielleicht ans Ausland zu verlieren. Deshalb tut es gut, einen Profi an der Seite zu haben, der einen spiegelt, die richtigen Fragen stellt und auch mit Projektionen umzugehen weiß. Goldene Sätze und kostbare Fragen nehme ich aus meinen Sabbatical-Coachings mit. Kostprobe gefällig? „Wer so viele Spuren hinterlässt, kommt auch wieder in die Spur“ oder auch „Wie soll der Mensch aussehen, der zurückkommt?“ oder das Bild einer durch Zwänge wie weiland Gulliver an den Boden gekettete Raupe, aus der dann einfach ein Schmetterling schlüpft, der ganz andere Bedürfnisse hat als die Raupe zuvor.

Sabbatical hat Hochkonjunktur

Was hat eine Auszeit mit dem Blinddarm gemeinsam? Wer sich damit beschäftigt, trifft auf viele andere, die das Thema gerade umtreibt. So lerne ich Claudia kennen. Die 53-jährige Managerin hat mit ihrem afrikanischen Ehemann drei Kinder. Das Jüngste möchte nun endlich seine väterlichen Wurzeln kennenlernen; also entschließt sich die ganze Familie zu drei Monaten Auszeit auf dem Schwarzen Kontinent.

Oder Harald: Er galt als eines der deutschen Top-Führungstalente in der Energiewirtschaft. Bis er mit knapp über 40 den Sinn im täglichen Tun nicht mehr erkennen konnte und ein sechsmonatiges Sabbatical einreichte. In seiner Auszeit reiste er viel, dachte nach und schrieb ein Buch über seine Großeltern. Seinen Job quittierte er am Ende trotzdem, seine Prioritäten haben sich verschoben. Oder Martina, Sonderpädagogin, 49 Jahre, enorm erfolgreich, aber kurz vor dem Burnout. Ohne finanzielles Netz, aber unter großem Bedauern ihres Kollegiums und mit viel Unterstützung ihrer Familie gönnt sie sich nun eine Zeit des Nachdenkens.

Vorgeschichten gibt es immer

Vorgeschichten gibt es immer. Aus dem Blauen heraus entschließt sich niemand zu einem solchen Schritt. Bei uns war es vor allem mein Liebster, ein versierter Weltenbummler, den das Fernweh schon immer umtreibt und der seine Vorstellung von globaler Gerechtigkeit aktiv verwirklichen will. Ich zögerte lange. Außer einem Jahr als Assistenzlehrerin in Frankreich vor knapp 25 Jahren habe ich wenig an Abenteuerlust vorzuweisen. Am Ende war es dann das tiefe Bedürfnis, ein Jahr lang innezuhalten, mich zu konzentrieren, neue Erfahrungen zu sammeln und ganz bewusst meinen Lebensweg zu gehen, was den Ausschlag gab.

Zu zweit einen solchen Schritt zu planen, ist erfüllend, erfordert aber auch viel, viel Zeit. In stundenlangen Gesprächen tarierten wir aus, was wir uns von unserer Auszeit wünschen, welche Sicherheitsbedürfnisse wir haben, was wir zu investieren bereit sind, was wir auf keinen Fall wollen, wann wir zusammen, wann jeder für sich entscheiden soll. Das klingt mühsam, hilft aber immens. Am Ende dieses Prozesses hatten wir dann ein Exposé auf Deutsch und Englisch entworfen, in dem wir darlegten, was wir in unserem Freiwilligenjahr an Kompetenzen einzubringen gedachten und was wir uns wünschen würden. Das schickten wir an Menschen, denen wir im Laufe unseres Lebens begegnet waren und von denen wir dachten, dass sie wiederum andere kennen könnten…

Unsere Strategie

Die Strategie ging auf. Freilich nicht immer so, wie wir uns das vorgestellt hatten. Viele, von denen wir wussten, dass sie Kontakte in alle Welt hatten, rührten sich gar nicht. Andere legten sich mächtig ins Zeug. Fast Fremde nahmen sich Zeit, uns zu treffen und machten uns immer wieder Mut.

Auch in uns selbst begann sich manches zu verändern. So war ich – obwohl wir zwei Jahren eisern auf unsere Auszeit gespart hatten – zu Beginn wie versessen, auf jeden Fall irgendwoher ein Einkommen zu generieren. Nach 30 Jahren selbst verdientem Leben schien es mir schier unmöglich, mir ein lohnloses Sabbatical zu gönnen. Das ging so lange, bis mich eine meiner allerbesten Freundinnen regelrecht ins Gebet nahm. Sie fürchte, so sagte sie mir, dass ich nur ein Hamsterrad durch ein anderes ersetzen könnte. Dabei sei doch mein erklärtes Ziel, wesentlich zu werden und zur Ruhe zu kommen. Diese Sorge setzte sich in mir mit Widerhaken fest. Und so entschieden wir uns dazu, unsere Zeit uns und anderen Menschen zu schenken. Nicht gebunden an Verträge, sondern aus freien Stücken, in jedem Augenblick.

Am Ende des Denk- und Recherche-Prozesses konzentrierten wir uns auf drei Projekte in Indien, Brasilien und Peru. Und auch dann galt es noch einmal viele Aspekte abzuwägen. Ein Jahr ist lang. Was am Ende entscheidend war? Das Bauchgefühl! Arequipa in Peru wird es sein, wo wir das nächste Jahr verbringen wollen. “Casa verde” http://www.blansal-casaverde.org/ ein Projekt für misshandelte Kinder, das mein Schulfreund Volker Nack vor einem Vierteljahrhundert gegründet hat, dort wollen wir uns einbringen und lernen, lernen, lernen. Wünscht uns Glück: Wir sind dann mal weg!

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Ich bin von Natur aus neugierig, will Menschen und ihre Beweggründe verstehen und ich liebe gute Geschichten über alles: Das macht mich zur Journalistin. Ich möchte aber den Dingen auch auf den Grund gehen und verstehen, was die Welt im Innersten zusammenhält: Das erklärt meine Faszination für Wissenschaft und Forschung. Nach dem Studium der Germanistik und Politikwissenschaft habe ich als Zeitungsredakteurin für viele Jahre das Schreiben zum Beruf gemacht. Später kamen dann noch Ausbildungen zur zertifizierten Mediatorin und zum Coach hinzu, die mich in meiner Auffassung bestärkt haben, dass das Menschliche und das Allzumenschliche ihre Faszination für mich wohl ein Leben lang nicht verlieren werden. Das Organisieren habe ich als Büroleiterin einer Europaabgeordneten gelernt, bevor ich im Juli 2012 als Referentin des Chefredakteurs bei Spektrum der Wissenschaft begonnen habe. Von dieser Tätigkeit bin ich nun erst einmal ab 1. Januar 2015 für ein Sabbatical beurlaubt. Und ganz gespannt, was das „Abenteuer Auszeit“ für mich bereithalten wird.

9 Kommentare

  1. Gratulation für Euren Mut und die Zuversicht!
    Macht diese äußere Reise unbedingt auch zu Eurer inneren Reise.
    Bin sehr gespannt auf die nächsten Berichte.

  2. Es gibt ja diese Becks-Werbung, in der sich ein anzunehmenderweise beruflich erfolgreicher Mensch einfach mal fallen lässt, in den Sand.
    Das war schön symbolisiert.
    Nichts spricht gegen die zeitweilige Ab- oder Einkehr, auch um danach wieder gestärkt zu reentern.

    MFG
    Dr. W

    PS:
    ‘Generieren’ (vs. ‘gerieren’) ginge auch.

  3. Hallo meine Lieben,
    herzliche Weihnachtsgrüße heute aus Neuseeland! Ich verfolge gespannt weiterhin alles was so geschehen wird und wie es euch so geht. Schön dass es jetzt endlich losgeht…
    Eure Susanne (Stgt)

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