Wenn die Tage gezählt sind

BLOG: Das Sabbatical

Abenteuer Auszeit
Das Sabbatical

„Weißt Du, dass Deine Tage hier gezählt sind?“, fragt mich kürzlich ein besonders humorvoller Ex-Kollege. „Unser aller irgendwie“, antwortet glücklicherweise trocken mein Chef. Ich war froh, denn Schlagfertigkeit gehört derzeit nicht gerade zu meinen herausragenden Eigenschaften.

Knapp zwei Wochen sind es noch bis zum Abflug in die Auszeit und mit mir geschehen merkwürdige Dinge. Schon das ganze Jahr über war ich seltsam sensibel. Die Jahreszeiten, das Grün der Blätter, Begegnungen verschiedenster Art, ich habe sie intensiver, irgendwie wesentlicher wahrgenommen. So als sei nicht nur mein Blick, sondern auch meine Empfindung geschärft.
Quasi präventiv, wohl wissend, dass es im peruanischen Arequipa, wo ich das Jahr 2015 als Freiwillige im Projekt „Casa Verde“ verbringen werde, Winter, Sommer, Herbst und Frühling nicht gibt, habe ich deren Sinnesreize stärker registriert als sonst.

Das ging einher mit mehr Frusttoleranz, beispielsweise gegenüber Regen im Sommer, aber auch stärkerer Empfindsamkeit gegenüber der Dunkelheit und Trübe derzeit. Ich kann mich nicht erinnern, dass es mir so schwer gefallen ist zu wissen, dass ich bei Dunkelheit aus dem Haus gehe und bei Dunkelheit von der Arbeit zurückkomme. Ohnehin ist stundenlanges, bewegungsloses Sitzen für mich keine „artgerechte Haltung“, dazu habe ich definitiv zu viele Hummeln im Hintern, aber jetzt fehlt mir auch das Licht fast schmerzlich. Aufrecht hält mich, dass ich bald mehr als genug davon bekommen werden und aufrecht hält mich die menschliche Wärme, die mich schon jetzt umgibt.

Das Feld bestellen

Mein ganzes Leben lang war ich Projektionsfläche für andere, auch wenn das oft gar nicht viel mit meiner Persönlichkeit zu tun hatte. Doch was mein Ansinnen nun auslöst, ist wirklich erstaunlich. Kollegen, die jahrelang freundlich, aber distanziert waren, berichten mir mit strahlenden Augen von ihrer Reise zum Machu Picchu. Von einer anderen Kollegin erfahre ich, dass sie als Entwicklungshelferin in Bolivien tätig waren, und wieder eine andere erzählt mir von ihrer Sehnsucht aufzubrechen und was sie davon abhält. Freundinnen aus längst vergangenen Tagen melden sich.Viele wollen mir gute Wünsche mit auf die Reise geben. Und mit allen werden die Gespräche in kürzester Zeit enorm intensiv.

Manche finden meine Entscheidung, eine Jahr lang mein Leben hier zu quittieren, mutig, können aber auch verstehen, dass ich selbst das gar nicht so empfinde, wenn ich auf alle meine Unsicherheiten und Zweifel blicke. Doch darum geht es nicht. Von Mut oder auch Neid zu sprechen, ist nur der Anlass. Das Anliegen dahinter ist, über Themen wie die Endlichkeit des Seins und darüber, was unser Leben wirklich ausmacht, miteinander ins Gespräch zu kommen.

Mein Weg der Klarheit mit dem Wunsch, ein bestelltes Feld zu hinterlassen und das Reden darüber, macht andere nachdenklich. So beispielsweise, als ich von der Patientenverfügung erzähle, die ich ausgefüllt habe. Eine Auseinandersetzung mit Sterben und Tod – in sich hinein zu hören und zu spüren, was man denn wollen würde, im Falle eines Falles. Darüber nachzudenken, ob das eigene Leben jetzt schon als erfüllt gelten könnte, wenn es denn in der nächsten Sekunde vorbei wäre….

Das alles sind Fragen und Antworten, hinter die ich nun weder zurück kann noch zurück will. Sie bringen mich weiter, machen mir das Herz schwer und erschöpfen mich, dann aber machen sie mich leichter und geben Kraft – anscheinend mit Ausstrahlung auf meine Mitmenschen.

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Ich bin von Natur aus neugierig, will Menschen und ihre Beweggründe verstehen und ich liebe gute Geschichten über alles: Das macht mich zur Journalistin. Ich möchte aber den Dingen auch auf den Grund gehen und verstehen, was die Welt im Innersten zusammenhält: Das erklärt meine Faszination für Wissenschaft und Forschung. Nach dem Studium der Germanistik und Politikwissenschaft habe ich als Zeitungsredakteurin für viele Jahre das Schreiben zum Beruf gemacht. Später kamen dann noch Ausbildungen zur zertifizierten Mediatorin und zum Coach hinzu, die mich in meiner Auffassung bestärkt haben, dass das Menschliche und das Allzumenschliche ihre Faszination für mich wohl ein Leben lang nicht verlieren werden. Das Organisieren habe ich als Büroleiterin einer Europaabgeordneten gelernt, bevor ich im Juli 2012 als Referentin des Chefredakteurs bei Spektrum der Wissenschaft begonnen habe. Von dieser Tätigkeit bin ich nun erst einmal ab 1. Januar 2015 für ein Sabbatical beurlaubt. Und ganz gespannt, was das „Abenteuer Auszeit“ für mich bereithalten wird.

2 Kommentare

  1. Liebe Kirsten,

    ich wünsche Dir und Frank von Herzen alles Gute.
    Hoffe, Du meldest Dich ab und zu per Mail – werde aber auf Deinem Block nachschauen, wie es Dir geht.
    Werde Dich sooooo vermissen!

    Alles Gute für Dich!

  2. Liebe Kirsten,
    als wir uns im Odenwald trafen bei den Bibern sind wir knapp aneinander vorbeigeschrappt. Das kann doch mal passieren. Ich will Dir nur sagen, dass ich von Anfang an eine tiefe Freundschaft zu Dir empfinde weil Du mir immer die menschliche Substanz vermittelt hast, welche ich meistens bei anderen vermisse. Wer Deine Wärme nicht spürt der ist es nicht wert, dass Du empfindlich auf ihn reagierst.
    Aus einem Jahr gezählter Tage wurden es bei mir 45 Jahre bisher als ich von meinen Freunden vorläufig Abschied nahm damals. Du (und Frank?) wirst hoffentlich übers Jahr wieder zurück sein. Und Dein Abschied jetzt schließt vielleicht auch ein wenig mit dem Krimskrams hier ab und öffnet Dich für eine andere Sicht auf unsere Lebensweise hier. Bring uns bitte indianische Weisheit mit und impfe uns damit. Schon deshalb musst Du bald zurückkehren. Dass Du jetzt nach dem Sinn des Seins suchst finde ich richtig. Er wird Dir in diesem Jahr gesagt werden, da bin ich mir ganz sicher und Du wirst ihn verstehen weil Du Dich auf die Seele unserer Erde einlassen kannst. Sie wird Dir dort eher begegnen als hier vermute ich.
    In einem Jahr will ich den Film über den Disput zwischen Darwin und dem Insektenforscher fertig haben. Da bräuchte ich Dich wieder für die Sprache im Film und wäre froh, wenn Du noch wolltest.
    Ganz liebe Grüße
    vom Hardtmuth

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