Ricks Kampf für die aufgegebenen Kinder

BLOG: Das Sabbatical

Abenteuer Auszeit
Das Sabbatical

Gibt es Zufälle im Leben? Die besten Geister streiten darüber. Jedenfalls bin ich an diesem Sonntag überglücklich, nachdem mich das Sammeltaxi am falschen Markt ausgesetzt hat, kurz darauf Rick Daviscourts Cowboyhut in der Ferne zu erblicken. In den weniger guten Vierteln Arequipas fällt der 59-Jährige auf, auch wenn sich in seine typisch-amerikanische Art der Lässigkeit schon eine gute Portion peruanischer Zurückhaltung mischt. Rick ist kein Tourist, er hat eine Mission. Und er würde Gabriel García Márquez gewiss zustimmen, der einmal gesagt hat: „Alles, was geschieht, geschieht aus einem bestimmten Grund“.

P1030363

Seiner hier zu sein, heißt „restoring children“ oder „familia internacional“. So lautet der Name seiner Organisation und seines Kinderheims in Arequipa. 18 Mädchen zwischen drei und 18 Jahren haben hier derzeit Zuflucht gefunden. Wer ihn fragt, was ihn trieb, sein Leben als Geschäftsmann zu quittieren, Frau und Familie etliche Monate im Jahr allein zu lassen und stattdessen sich der mühevollen Aufgabe zu stellen, den „niñas abandonadas“ (auf Deutsch: den aufgegebenen Mädchen) ein familiäres Zuhause zu bieten, erhält eine lapidare Antwort: Gott hat zu ihm gesprochen.

Diese Motivation ist unter den privaten Betreibern der etwa 40 Kinderheime in Perus zweitgrößter Stadt nicht selten. Denn, wer so etwas tut, muss nach allen Maßstäben der wirtschaftlichen Vernunft verrückt sein – oder eben berufen. 4500 US-Dollar muss Rick jeden Monat beschaffen, um Lebensmittel, Unterkunft, Kleidung, Wasser, Strom, Schulen, Psychologen und natürlich Betreuungspersonal zu bezahlen. Der Staat nimmt zwar die Kinder aus den Familien, weist sie den Heimen zu und kontrolliert diese akribisch, aber finanzielle Unterstützung gibt es nicht.

Die 100.000 Dollar aus seinem privaten Familienvermögen sind längst schon verbraucht, doch die Arbeit geht weiter. Jedes Husten der Weltökonomie bringt auch Ricks Finanzkonstrukt ins Wanken. „Die Amerikaner sind zwar sehr großzügig“, lässt er auf seine Spender nichts kommen, „aber, wenn das Geld knapper wird, ist ihnen die eigenen Haut näher“.

Zwei Mal im Jahr klopft er in seinem Heimatland an alle Türen, die sich ihm öffnen könnten. „Das ist unheimlich hart“, erzählt er mit seiner ruhigen Stimme, „oft fühle ich mich wie ein Fisch in einem Teich, wo es schon viel zu viele von uns gibt“. Manche Sachen macht er trotzdem nicht, beispielsweise Patenschaften für einzelne Kinder zu vergeben. Das findet Rick schlicht ungerecht, bei ihm kann man 25 Dollar im Monat für ein Bett spenden.

Über Kuba und Mexiko führte ihn seine Suche nach dem richtigen Projekt nach Peru. Auch das kein Zufall. Noch in den USA lernte er einen Pastor aus diesem Land kennen, ausgerechnet in einer Kirche, die sich „Centro de Vida“ (Zentrum des Lebens) nannte. 1998 weilte er dann während eines „Sabbaticals“ in Lima, als sein Bruder ihn mit Arequipa bekannt machte. Hier hat er nun schon seit fast 15 Jahren seinen vielleicht wichtigsten Wirkungsort, seinen Nabel der Welt, gefunden.

P1030358

Wie vielen hier sträuben sich auch Rick beim Namen „Waisenhaus“ die Nackenhaare. „A children’s home“ (ein Zuhause für Kinder), das ist es, was er bieten möchte, nicht eine Aufbewahrungsanstalt. Außerdem sind die meisten der Mädchen allenfalls „Sozialwaisen“, das heißt es gibt Vater oder Mutter. Aber in ihren Familien herrschte Gewalt, sie wurden seelisch, körperlich, sexuell misshandelt, waren unterernährt, genossen keine Bildung und hatten keine Perspektive.

Auch, wenn die Behörden und die Politik es nicht gerne hören, die Kinderheime sind nur ein Tropfen auf dem heißen Stein und egal, wie viel das Ausland spendet, es wird den Staat nie davon entlasten können, endlich selbst aktiv zu werden. Knapp 1500 Kinder in den „albergues“(Heimen) stehen 10.000 Jungen und Mädchen in der Region gegenüber, die als hochgefährdet gelten.

P1030360

„Wir arbeiten mit Kindern, die gebrochen sind“, bringt Daviscourt seine Aufgaben auf den Punkt. Und diese Brüche sind seiner Ansicht nach am besten in einer Atmosphäre zu heilen, die einer liebevollen Familie mit festen Regeln nahe kommt, in denen jeder seinen Platz und seine Verantwortung hat. Das ist am Umgang der Mädchen untereinander überall zu spüren. Dass sie Rick und seine Direktorin Sandra „Papi“ und „Mami“ nennen, lassen die sich gerne gefallen. Pflicht ist es nicht. „Aber für manche der Mädchen bin ich der einzige Vater, den sie je haben werden“, macht sich Rick keine Illusionen. Sein Ziel ist klar: Den Kindern das Gefühl zu geben, geliebt zu werden und etwas wert zu sein.

Manche würden ihn als Feministen bezeichnen. „Mir ist wichtig, dass diese Mädchen keine Männer brauchen“, formuliert er, „Mädchen brauchen Bildung und einen Beruf“. Sonst findet die Spirale von Gewalt, früher Schwangerschaft, Gewalt und Perspektivenlosigkeit für Mutter und Kinder nie ein Ende. Wenn aber ein Mädchen, um das er und seine Mitarbeiterinnen lange gekämpft haben, sich am Ende doch entschließt, abzuhauen, ein Kind erwartet und sich nicht vorstellen kann, das zur Adoption freizugeben (in Peru ist Abtreibung streng verboten), dann sind sie mit dem Latein am Ende. Hier gilt das Prinzip des Loslassens. „Wir versuchen, sie zu beschützen, manche auch vor sich selbst, aber einige verlieren wir“, es klingt weder bitter, noch resigniert, wenn Rick das sagt – eher Gott ergeben. „Wir können die Mädchen nicht zwingen zu wollen“, fährt er fort, „sie haben die Wahl zu kooperieren oder nicht“.

Vor allem Teenagermädchen nimmt er nicht gerne auf. Häufig haben sie schon einiges an Erfahrung mit Alkohol, Drogen, sexuellen Beziehungen bis hin zu Prostitution hinter sich und befinden sich in einer rebellischen Phase. „Das Schlimme ist“, berichtet er, „so ein Verhalten ist ansteckend, wir müssen das stoppen, schon um die anderen zu schützen“.

Umso jünger die Mädchen sind, umso eher gelingt es, die Persönlichkeit zum Positiven hin zu formen. Doch nicht nur die hat „Papi“ im Blick. Er muss mit knappen Spendenressourcen kalkulieren. Und wenn das Leben eines Mädchens nicht zu verbessern ist, weil es nicht will, dann gibt er auf. Als letzte Station bleibt dann oft nur noch ein staatliches Erziehungsheim, das eher einem Gefängnis gleicht.

Manchmal unterstützen sich die im „Red“ (Netzwerk) zusammengeschlossenen Heime Arequipas. Sie wissen, oft hilft eine neue Umgebung den Jugendlichen, sich neu zu erfinden. Es ist alles eine Frage des richtigen Maßes. Das hat Rick auch für sich verstanden. Expandieren will er nicht mehr. Dass er die Aufgabe aber wahrnehmen wird, so lange seine Gesundheit es erlaubt, daran lässt er keinen Zweifel aufkommen.

P1030351

Seine Energie ist erstaunlich. Wurde ihm doch sein erstes Projekt regelrecht “gestohlen”. Das ist in Kinderheim-Kreisen kein seltenes Phänomen, das immer nach ähnlichem Muster abläuft. Ein unerfahrener Westler mit gutem Willen, der Zugang zu Spenden hat, trifft auf einen freundlichen Einheimischen mit besten Kontakten, der unter die Arme greift. Läuft das Ganze, wird in der Regel erst einmal Geld abgezweigt und dann im schlimmsten Fall feindlich übernommen. „Es geht wahnsinnig schnell, dass man die Kontrolle verliert“, bilanziert Rick seine traurigen Erfahrungen. Er musste schmerzhaft lernen, wem er vertrauen kann und wem nicht. Jede Kultur ist anders, hat er für sich verstanden, und es braucht Brückenbauer, die in beiden zuhause sind und auch um die Eigenheiten des jeweiligen Finanzgebarens wissen.

Sein größter Coup war es, 2011 und 2012 einen Kinderchor zu formen, der ganz Peru und einen Teil der USA auf die Problematik der „niños abandonados“ aufmerksam machte. Doch selbst höchste Unterstützung vom Obersten Gerichtshof schaffte es nicht, einen Weckruf von Dauer erschallen zu lassen.

Und was macht ihm Mut? „Wenn ich sehe, dass es den Kindern besser geht“, sagt er und die Augen hinter der Brille leuchten. Wie der kleinen Dreijährigen, deren Mutter versucht hatte, sich die Pulsadern aufzuschneiden, als die Nachbarn die Polizei holten. Das Kind warf sich vor ihre verletzte Mama und konnte tagelang kaum aufhören zu weinen. Jetzt tobt sie mit den anderen herum, isst und trinkt, dass es eine Freude ist. Als Rick ihr zart über den Kopf streicht, huscht ein zauberhaftes Lächeln über ihr Gesicht. „Sie sind es einfach wert“, sagt er leise, „dass wir kämpfen“.
www.restoringchildren.org

Veröffentlicht von

Ich bin von Natur aus neugierig, will Menschen und ihre Beweggründe verstehen und ich liebe gute Geschichten über alles: Das macht mich zur Journalistin. Ich möchte aber den Dingen auch auf den Grund gehen und verstehen, was die Welt im Innersten zusammenhält: Das erklärt meine Faszination für Wissenschaft und Forschung. Nach dem Studium der Germanistik und Politikwissenschaft habe ich als Zeitungsredakteurin für viele Jahre das Schreiben zum Beruf gemacht. Später kamen dann noch Ausbildungen zur zertifizierten Mediatorin und zum Coach hinzu, die mich in meiner Auffassung bestärkt haben, dass das Menschliche und das Allzumenschliche ihre Faszination für mich wohl ein Leben lang nicht verlieren werden. Das Organisieren habe ich als Büroleiterin einer Europaabgeordneten gelernt, bevor ich im Juli 2012 als Referentin des Chefredakteurs bei Spektrum der Wissenschaft begonnen habe. Von dieser Tätigkeit bin ich nun erst einmal ab 1. Januar 2015 für ein Sabbatical beurlaubt. Und ganz gespannt, was das „Abenteuer Auszeit“ für mich bereithalten wird.

1 Kommentar

  1. Die Natur (bzw. das Leben) ist Gott. Und es gibt Dinge in der Natur, die dem Menschen ewig verborgen sind. Gott ist nicht auf die Weise allmächtig, dass er z. B. einen unbelehrbaren Raucher, der Lungenkrebs bekommt, heilen kann. Der Mensch (und die Welt) wurde nicht “erschaffen”, sondern existiert von Natur aus (und seit ewig). Der “Sündenfall” hat sich nicht genau so ereignet, wie es in der Bibel geschildert wird. Es wurden vielmehr zu verschiedenen Zeiten viele verschiedene Fehler von Menschen gemacht, die noch heute eine negative Auswirkung haben. Christus ist ein sehr hochentwickelter Mystiker, aber nicht der “Sohn Gottes”. Christliche Mystik, (weiße) heidnische Mystik und (weiße) Esoterik sind gleichwertig.
    Es genügt, nur von Zeit zu Zeit Mitglied in der Kirche zu sein. Es ist sinnvoller (und kostengünstiger), gelegentlich Glaubenskurse durchzuführen, als oft Messen durchzuführen. Ferner besteht die Möglichkeit, eine Ausbildung zum Mystiker (oder zur Mystikerin; auch im folgenden sind immer auch Frauen gemeint) oder Geistheiler zu machen. Z. B. durch ein Studium in Psychologie mit Schwerpunkt Jungsche Psychologie. Das Beten zu einem “Vater im Himmel” ist sinnlos. Jedes Mal wenn ein Mensch u. a. eine wesentliche Steigerung seiner Willenskraft und Liebe erreicht, kann er (evtl. in Verbindung mit einer esoterischen Technik) eine – zusätzliche – göttliche Erfahrung machen. Und immer größere göttliche Erfahrungen. Ein Beispiel einer göttlichen Erfahrung, bei der keine Eso-Technik eingesetzt wird, ist eine mystische Nahtoderfahrung (Selbstmord ist abzulehnen). Die eigene Anstrengung (obwohl notwendig) und die Eso-Technik sind nicht das Wesentliche, sondern das Wirken von verborgenen Kräften in der Natur. Es ist erforderlich, gesundheitsbewusst zu leben und sich unegoistisch zu verhalten. Und man sollte versuchen, sich in jeder Hinsicht maximal weiterzuentwickeln.
    Es ist vorgekommen, dass Esoteriker durch Drogen veränderte Bewusstseinszustände herbeigeführt haben. Dies ist abzulehnen. Ebenso ist Hypnose (auch Selbsthypnose) abzulehnen. Zudem kann das Herbeiführen eines luziden Traumes gefährlich sein. Bei der seriösen Esoterik erlangt man zunächst eine größere Reife. Dadurch, dass man viel Sport macht. Dadurch, dass man berufliche Herausforderungen so gut wie möglich meistert. Dadurch, dass man immer mehr für den Naturschutz tut. Usw. Und dann muss man eine ungefährliche esoterische Technik einsetzen. Z. B. fragt man sich: “Für was ist ein Ereignis, das mir zugestoßen ist, ein Symbol?” Man soll bei dieser Ereignisdeutung nicht versuchen, in die Zukunft sehen. Es hat nicht unbedingt jedes Ereignis eine relevante Bedeutung. Diese Eso-Technik kann noch weiterentwickelt werden.
    Es ist gut, dass es einen technischen Fortschritt gibt. Aber es ist Wahnsinn, wenn z. B. ein neuer Geschwindigkeitsrekord eines Flugzeugs als Erfolg gefeiert wird. In Wahrheit werden dadurch die Gefahren immer größer. Die Technologie darf nur dann weiterentwickelt werden, wenn dadurch die Gefahren nicht größer werden. Zudem sollte es nicht mehr medizinische Operationen geben, als nötig. Z. B. können Krampfadern mit der Linsermethode ohne Operation zerstört werden. Heilen durch Liebe, Naturforschung und Eso-Mystik sollen die herkömmliche Medizin und Wissenschaft ergänzen (nicht ersetzen). Es ist sinnvoll, sich ökologisch zu verhalten (z. B. immer weniger Fleisch zu essen). Im Übrigen wirkt ein großer Teil der heutigen Musik (z. B. die Rock- und Heavy-Metal-Musik; auch ein Teil der Musik von Zaz und Raphael Haroche) wie eine Droge. Empfehlenswert sind “Eblouie par la nuit” (insbesondere die Version ohne Gesang) und “Schengen” (live in Valras Plage; bis Minute 2:45).
    Die Wissenschaft darf nicht alles erforschen. Es ist z. B. unter Umständen gefährlich, wenn ein Mensch erforscht, ob er einen freien Willen hat. Es ist denkbar, dass ein Mensch gerade durch die Erforschung des freien bzw. unfreien Willens seinen freien Willen verliert. Und es ist denkbar, dass das menschliche Gehirn durch die Hirnforschung (negativ) verändert wird. Das heißt nicht, dass es gar keine Hirnforschung geben soll. Aber es soll nicht mehr Hirnforschung geben, als unbedingt nötig ist (um diverse Krankheiten zu bekämpfen). Es soll überhaupt keine Wissenschaft aus Neugierde geben. Zudem ist es möglich, dass ein Mensch verrückt wird, wenn er sich mit bestimmten Ideen beschäftigt, wie z. B. dass das Leben nur ein Traum ist. Das Leben ist real. Und Liebe ist mehr, als Chemie, Hormone usw. Der Mensch darf nicht unbedingt in natürliche Prozesse steuernd eingreifen. Und der Mensch darf natürliche Prozesse nicht unbedingt beobachten. Wenn mystische Erfahrungen einmal nicht mehr möglich sind, werden die Menschen die Mystik kaputtgemacht haben.

Schreibe einen Kommentar


E-Mail-Benachrichtigung bei weiteren Kommentaren.
-- Auch möglich: Abo ohne Kommentar. +