Flora Tristan: Meine Reise nach Peru

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Schon allein als Reisebericht einer scharfsinnigen Frauenrechtlerin und begabten Schriftstellerin wäre Flora Tristans “Meine Reise nach Peru” eine Lektüre wert. Doch, dass die 1803 geborene und 1844 von ihrem Ehemann erschossene Französin so viel Zeit in Arequipa verbracht hat, macht ihre Aufzeichnungen umso wertvoller. Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa bezeichnet sie im Vorwort als Paria und Rebellin. Mehr noch: sie beobachtete und notierte fasziniert das Leben dieses Landes, das zu jener Zeit gerade am Anfang seiner Geschichte als unabhängige Republik stand.P1010004Keine Frage, dass sie in den acht Monaten des Jahres 1833 bis 1834 ein überaus privilegiertes Leben führte. Als, wenn auch nicht anerkannte, Nichte von Don Pío Tristán y Moscoso, der fast wie eine Art Monarch über die Stadt herrschte, litt sie keinen Mangel. Doch sie beschreibt dennoch gnadenlos die Gewalttätigkeit der feudalen Gesellschaft, die brutalen rassistischen, sozialen und religiösen Gegensätze.

Kleine Erklärung zu den Bildern: Sie sind in Hof und Garten des “Casa de Melgar” entstanden. Ein Hotel in der Altstadt Arequipas aus dem 18. Jahrhundert, das in etwas so aussieht, wie die Häuser, in denen Flora Tristan verkehrt hat. Typisch sind die funktionalen Höfe, die Mischung aus Spanischen mit einheimischen Elementen, die Baumaterialien und der Stil. Das Haus gehörte einst Manuel Segundo Ballón, Bischof von Arequipa am Ende des 19. Jahrhunderts. Außerdem soll Mariano Melgar, einer der bekanntesten Poeten Perus hier eine Weile gelebt haben.

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Doch zurück zu den Reisebeschreibungen. Für Flora Tristan gibt es etliche Besonderheiten, die ihr auffallen und die sie aus Paris nicht kennt. Die Frauen nehmen beispielsweise großen Einfluss auf die Politik, sie rauchen, reiten und wetten um Geld. Sogar die Nonnen in Santa Catalina, bei denen sie einige Tage verbringt, erfreuten sich einer Freiheit der Sitten, die verblüffen musste. Überraschend auch die Rolle der “rabonas”, eine Art Truppe der “Mutter Courage”. Sie begleiteten mit Kind, Kegel, Maulesel und Kochgeschirr die Soldaten in die zahlreichen Kriege, kämpften an deren Seite, fielen in die Dörfer ein, um die Verpflegung der Truppe sicherzustellen. “Diese Frauen”, so schreibt  Mario Vargas Llosa, “führten, ohne es zu wissen, ein in der Praxis eigenständiges Leben und hatten den Mythos von der hilflosen, schwachen und für das männliche Leben untauglichen Frau zerstört”.

P1000982Was schreibt Flora Tristan nun über Arequipa? Sie berichtet über das gemäßigte Klima, über die bezaubernd schöne Talmulde, in die das damals 30000 Einwohner zählende Städtchen eingebettet war, über den Rio Chili und vor allem über den Vulkan Misti, der zu ihrer Zeit noch kräftig geraucht haben muss. Schon damals wurde Weizen, Mais, Gerste, Alfalfa (ein Stickstoffsammler) und Gemüse angebaut, wo es nur ging. Die Innenstadt muss schon ähnlich ausgesehen haben wie heute, mit gepflasterten Straßen und Gassen, den niedrigen Häusern aus weißem Sillar, die sich Hof um Hof dem Gast mit ihren Schätzen öffnen. “Die Kathedrale” am Plaza de Armas hingegen, ist ihrer Ansicht nach “großräumig, aber düster, traurig und von schwerfälliger Architektur”.

P1000996Mir gefällt, dass sie sich nicht zu schade war, wie eine gute Journalistin den Blick hinter die Kulissen zu werfen. Deshalb beschreibt sie die Krankenhäuser und die Heime für Findelkinder drastisch. “Es ist ein Jammer, diese unglückliche Kleinen zu sehen”, erinnert sie sich, “unterernährt und in bedauernswertem Zustand”. Mitte des 19. Jahrhunderts erkennt diese klarsichtige Frau, dass der Umstand, dass die Waisen keine Ausbildung erhalten, verhindert, dass sie es schaffen, ein besseres Leben führen zu können. Abgegebem werdem die Säuglinge in einer Art “Babyklappe”, in einer wiegenförmigen Schachtel, in der das Kind abgestellt wird, und die verhindert, dass die Mutter erkannt werden kann.

Beeindruckt haben die französische Reisende die aus Steinquadern erbauten Häuser, die wegen der zahlreichen Erdbeben nur ein gewölbtes Erdgeschoss aufweisen. Sie sind geräumig, was nicht zuletzt durch die zumeist drei, aneinander gereihten Höfe ermöglicht wird. Im ersten befinden sich Salon, Schlafzimmer und Arbeitsräume, im zweiten der Garten sowie das Esszimmer und im dritten Hof Küche und Räume für Bedienstete.

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So sehr ihr die Architektur gefällt, so sehr hadert sie mit dem Essen. Zwar sind laut Flora Tristan die Bewohner Arequipas den Gaumenfreuden sehr zugetan, doch die kulinarischen Künste befinden sich ihrer Ansicht nach “auf einer barbarischen Stufe”. Kohl, Salat, Erbsen seien hart und ohne Geschmack, das Fleisch zäh und unter “vulkanischem Einfluss” (was immer das heißen mag), sogar die Kartoffeln seien nicht mehlig genug. Frühstück, so berichtet sie, gibt es um neun Uhr, bestehend aus Reis mit Zwiebeln sowie gebratenem Hammel und zum Schluss Schokolade. Zu Mittag, gegen 3 Uhr, gebe es dann eine “olla podrida” aus Ochsenfleisch, Speck, Hammel, Reis sowie verschiedenen Gemüsesorten und aus allen Früchten, derer man so habhaft werde könne. “Die Zunge wird davon pelzig und der Gaumen muss jede Empfindung verloren haben, um das zu ertragen”, beklagt sie.

Das hat sich glücklicherweise geändert, Arequipa ist heute eine kulinarische Perle des ganzen Kontinents. Ebenso wie die Sitte verloren ging, ein Stück vom eigenen Teller mit der Gabelspitze aufzuspießen und triefend über den Tisch an denjenigen zu reichen, dem man besonders zuvorkommend behandeln möchte.

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Ich bin von Natur aus neugierig, will Menschen und ihre Beweggründe verstehen und ich liebe gute Geschichten über alles: Das macht mich zur Journalistin. Ich möchte aber den Dingen auch auf den Grund gehen und verstehen, was die Welt im Innersten zusammenhält: Das erklärt meine Faszination für Wissenschaft und Forschung. Nach dem Studium der Germanistik und Politikwissenschaft habe ich als Zeitungsredakteurin für viele Jahre das Schreiben zum Beruf gemacht. Später kamen dann noch Ausbildungen zur zertifizierten Mediatorin und zum Coach hinzu, die mich in meiner Auffassung bestärkt haben, dass das Menschliche und das Allzumenschliche ihre Faszination für mich wohl ein Leben lang nicht verlieren werden. Das Organisieren habe ich als Büroleiterin einer Europaabgeordneten gelernt, bevor ich im Juli 2012 als Referentin des Chefredakteurs bei Spektrum der Wissenschaft begonnen habe. Von dieser Tätigkeit bin ich nun erst einmal ab 1. Januar 2015 für ein Sabbatical beurlaubt. Und ganz gespannt, was das „Abenteuer Auszeit“ für mich bereithalten wird.

2 Kommentare

  1. Ja das waren noch Zeiten, als Reise- und Erfahrungsberichte aus andern Ländern ganze Nationen unterhalten konnten, Heerscharen von interessierten LeserInnen, die etwas über die Welt da draussen in Erfahrung bringen wollten. Denn selber konnten das die meisten Zeitgenossen Floras nicht tun – Reisen nämlich.
    Flora Tristan wusste wahrscheinlich, dass ihr Reisebericht auf Interesse stossen würde. Doch sie war dennoch eine Ausnahme. Die meisten Frauen ihrer Zeit hatten nicht den Mumm das zu tun, was sonst nur (entsprechend veranlagte) Männer taten.
    Es gibt natürlich zu jeder Zeit Menschen, die wirklich eigenständig denken und handeln und das auch unter widrigen Umständen. Wahrscheinlich sind es aber zu jeder Zeit gleichwenig, die das tun.

  2. Flora Tristan ist mitnichten 1844 von ihrem (inzwischen geschiedenen) Mann “erschossen” worden, sondern sie ist an Erschöpfung in Verbindung mit Typhus und möglicherweise einem Schlaganfall gestorben. Der Mann saß 1844 schon lange im Gefängnis, weil er Tristan angeschossen hatte. Jedenfalls sits sich die Tristanforschung in diesem Punkt einig.

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