Der Nabel der Welt

BLOG: Das Sabbatical

Abenteuer Auszeit
Das Sabbatical

So sieht er also aus, der „Nabel der Welt“. Für die Inkas und ihre Sonnengötter war Cusco das Zentrum ihres Reiches. Für die Mädchen im Kinderheim „Casa Verde“ ist das derzeit das Haus in der Ubicacíon Tupac Amaru. Hier leben sie in dem großzügigen Gebäude ohne jeden Komfort. Die warme Dusche dank Sonnenkraft ist der einzige Luxus.

Die Kinder zwischen acht und siebzehn haben Schutz gefunden vor Gewalt und Vernachlässigung. Hier wird gemeinsam gekocht, gegessen und gelacht. Alle Hausarbeit wird zusammen erledigt. Schule und Bildung sind ein wichtiges Thema für alle, auch wenn sie zum Teil beträchtliche Lerndefizite haben. Doch die schlimmen Zeiten sind vorbei, auch wenn die Narben schmerzen. In einem sind sich alle einig: Casa Verde bietet ihnen eine Perspektive. Und die möchten sie nützen.

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Señora Julia, die Leiterin, sorgt für eine straffe, aber liebevolle Führung. Die frühere Krankenschwester ist überzeugt davon, dass ein fester Rahmen wichtig ist, damit sich Kinder entwickeln können. Um sechs Uhr morgens spätestens ist hier die Nacht zu Ende. Dann düst zum ersten Mal ein Flieger vom nahe gelegenen Flughafen ohrenbetäubend dröhnend übers Haus.

Bevor die Schule gegen acht Uhr beginnt, haben die Mädchen schon den Waschraum geputzt, aufgeräumt und das Frühstück gemacht. Ihr Tag ist vollgepackt von morgens bis abends. Zeit zum Spielen bleibt kaum. Und das liegt nicht nur daran, dass die Mittel hier so knapp sind, dass es so gut wie kein Spielzeug gibt.

Aber Tania, Milagros, Francisca Magnolia, Sayda, Pilar, Yeni, Britney und die anderen wirken die meiste Zeit so ausgeglichen und fröhlich, wie man es sich nur wünschen kann. Aber manchmal genügt eine Winzigkeit und die Stimmung kippt. Dann sind sie plötzlich in sich gekehrt, abweisend und wütend. Hier spüre ich zum ersten Mal, was ein Schutzraum wirklich bedeuten kann für Menschen, die ein solches Trauma erlebt haben. Dazu gehören auch die Routine und der feste Platz in der Gruppe, sonst fehlt der Halt.

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Cusco liegt auf 3300 Meter über dem Meer und zählt derzeit 350000 Einwohner – Tendenz stark steigend. Das Leben ist quirlig, international und im Aufbruch begriffen. Das gilt vor allem für die Weltkulturerbe-Innenstadt mit ihren Kirchen, Museen und Plätzen. Im steilen und winkligen Stadtteil San Blas, wo es Zutaten für den jede Art von Trip, originelle Hostals und jede Menge Restaurants gibt, kann man sich leicht verlaufen. Klar nervt es ein bisschen, wenn überall Massagen und Touren aller Art feilgeboten werden und man vor lauter bunter Decken, Mützen und Ponchos schier den Überblick verliert. Aber über all dem liegt eine Heiterkeit, die bezaubert.

Das Grün von Cusco ist atemberaubend nach der Wüstenei von Arequipa. Ein paar Geh-Minuten oberhalb des Zentrums riecht es nach Alpen und Sommer. Alles lädt zum Spazierengehen ein, inklusive kleinem Wasserfall mit Bademöglichkeit. Die Akklimatisierung ist dank Arequipa kein Problem. Sogar die Stufen werden mühelos bewältigt. Die allenthalben wehenden Regenbogenfarben sind übrigens kein Zeichen einer hyperaktiven Gay-Bewegung, sondern Symbol des Inkareiches.

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An einem schönen Haus entlang des Weges entdecke ich eine bemerkenswerte Inschrift: En las cosas del amor no existen razones, conquistados ni conquistadores y es mas fuerte que dogmas, credos y razas. Auf Deutsch etwa: In Liebesdingen gibt es weder Gründe, noch Eroberer oder Eroberte. Sie ist stärker als Dogmen, Glaubenssätze und Rassen. Zu lesen ist der Satz auf einem Anwesen das Francisca Pizzaro Yupanqui (1535-1596) gehört hat. Sie war Enkelin eines Inkaherrschers Wayna Kapac und Tochter des spanischen Eroberers Francisco Pizzaro und der Inkaprinzessin Isabel Yupanqui. Bei Gelegenheit werde ich mich auf die Spuren dieser Story setzen.

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Kontakt zu Menschen ist hier leicht zu bekommen. Sie helfen beim Durchblicken des reichlich verzwickten Bussystems und fragen, woher man kommt. Die Einheimischen finden es spannend, was anderswo passiert und gedacht wird. Gemeinsam schwelgen ein Touristen-Fotograf und ich in Erinnerung an die Zeit, als Bilder noch schwarz-weiß auf Papier waren und selbst entwickelt wurden. Der wunderbare Augenblick, wenn im schwappenden Wasserbad das Ergebnis offensichtlich wurde. Der Geruch; die Gefährdung der Finger; das rote Licht. Dann die Zeit des Diafilms mit ihren unterschiedlichen Farbspektren, wir beide hatten den gleichen Geschmack: Agfa-Filme. Alles vorbei. Heute, in Zeiten, wo jedes Mobiltelefon knipst, ist es schwer geworden, die Ausbildung seiner Kinder mit Fotografieren zu verdienen.

Er nimmt es trotzdem gelassen. Und auch ich habe mich in dieser Hinsicht verändert. Das Land und die Leute färben ab. Ich ergehe mich nicht mehr in Zukunftsplänen für alle Fälle, sondern lasse vieles offen auf mich zukommen. Das Meiste liegt ohnehin nicht in meiner Hand, eine gewisse Ergebenheit hat mich erfasst. Mit der verkrampften Planerei hat sich schon mancher die Perspektive verbaut, das Wesentliche übersehen und sich selbst in ein Gefängnis eingemauert.

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Cusco hat etwas: Mir gefallen die jugendlichen Rapper im Bus. Sie nützen die Fahrt für eine kurze Einlage und die Passagiere entlohnen sie dafür von ihrem kärglichen Einkommen. Der Gemeinschaftsgeist ist ausgeprägt, das Konkurrenzdenken weniger. Schnell entstehen Diskussionen darüber, warum der Staat so wenig für Bildung und Gesundheit und so viel für Militär und Polizei ausgibt.

Durch die vielen kleinen Geschäfte überall in den Vororten, die fast rund um die Uhr geöffnet sind, entsteht das Gefühl von sozialer Kontrolle. Und das hat auch etwas mit Vertrauen und Verantwortungsgefühl zu tun. Das sollen auch die Mädchen in Casa Verde lernen dürfen. Schön ein bisschen beitragen zu können.

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Ich bin von Natur aus neugierig, will Menschen und ihre Beweggründe verstehen und ich liebe gute Geschichten über alles: Das macht mich zur Journalistin. Ich möchte aber den Dingen auch auf den Grund gehen und verstehen, was die Welt im Innersten zusammenhält: Das erklärt meine Faszination für Wissenschaft und Forschung. Nach dem Studium der Germanistik und Politikwissenschaft habe ich als Zeitungsredakteurin für viele Jahre das Schreiben zum Beruf gemacht. Später kamen dann noch Ausbildungen zur zertifizierten Mediatorin und zum Coach hinzu, die mich in meiner Auffassung bestärkt haben, dass das Menschliche und das Allzumenschliche ihre Faszination für mich wohl ein Leben lang nicht verlieren werden. Das Organisieren habe ich als Büroleiterin einer Europaabgeordneten gelernt, bevor ich im Juli 2012 als Referentin des Chefredakteurs bei Spektrum der Wissenschaft begonnen habe. Von dieser Tätigkeit bin ich nun erst einmal ab 1. Januar 2015 für ein Sabbatical beurlaubt. Und ganz gespannt, was das „Abenteuer Auszeit“ für mich bereithalten wird.

1 Kommentar

  1. Langfristig gibt es einen sehr starken Bevölkerungsrückgang auf der Erde. Dann können sich alle Menschen in Zentralafrika ansiedeln, ohne dass es dort eine Überbevölkerung gibt. Man braucht dort keine Heizungen und keine Klimaanlagen. Zudem gibt es dort relativ viele Wildfrüchte. Es besteht auch die Möglichkeit, in eine andere Dimension auszuwandern. Ein nicht-gewaltsamer Tod ist etwas Positives.
    Die Natur (bzw. das Leben) ist Gott. Und es gibt Dinge in der Natur, die dem Menschen ewig verborgen sind. Gott ist nicht auf die Weise allmächtig, dass er z. B. einen unbelehrbaren Raucher, der Lungenkrebs bekommt, heilen kann. Die Welt (und der Mensch) wurde nicht “erschaffen”, sondern existiert von Natur aus (und seit ewig). Der “Sündenfall” hat sich nicht genau so ereignet, wie es in der Bibel geschildert wird. Es wurden vielmehr zu verschiedenen Zeiten viele verschiedene Fehler von Menschen gemacht, die noch heute eine negative Auswirkung haben. Christus ist ein sehr hochentwickelter Mystiker, aber nicht der “Sohn Gottes”. Christliche Mystik, (weiße) heidnische Mystik und (weiße) Esoterik sind gleichwertig.
    Es genügt, nur ab und zu Mitglied in einer esoterischen oder religiösen Organisation (z. B. Kirche) zu sein. Es besteht die Möglichkeit, eine Ausbildung zum Mystiker (oder zur Mystikerin; auch im Folgenden sind immer auch Frauen gemeint) oder Esoteriker zu machen. Z. B. durch ein Selbststudium oder ein Studium in Psychologie mit Schwerpunkt Jungsche Psychologie. Das Beten zu einem “Vater im Himmel” ist sinnlos. Jedes Mal wenn ein Mensch u. a. eine wesentliche Steigerung seiner Willenskraft und Liebe erreicht, kann er (evtl. in Verbindung mit einer Eso-Technik) eine – zusätzliche – göttliche Erfahrung machen. Und immer größere göttliche Erfahrungen. Ein Beispiel einer göttlichen Erfahrung, bei der keine Eso-Technik eingesetzt wird, ist eine mystische Nahtoderfahrung (Selbstmord ist abzulehnen). Die eigene Anstrengung (obwohl notwendig) und die Eso-Technik sind nicht das Wesentliche, sondern das Wirken von verborgenen Kräften in der Natur. Es ist erforderlich, gesundheitsbewusst zu leben und sich unegoistisch zu verhalten. Und man sollte versuchen, sich in jeder Hinsicht maximal weiterzuentwickeln.
    Es ist vorgekommen, dass Esoteriker durch Drogen veränderte Bewusstseinszustände herbeigeführt haben. Dies ist abzulehnen. Ebenso ist Hypnose (auch Selbsthypnose) abzulehnen. Zudem kann das Herbeiführen eines luziden Traumes gefährlich sein. Bei der seriösen Esoterik erlangt man zunächst eine größere Reife. Dadurch, dass man viel Sport macht. Dadurch, dass man berufliche Herausforderungen so gut wie möglich meistert. Dadurch, dass man immer mehr für den Naturschutz tut. Usw. Und dann muss man eine ungefährliche esoterische Technik einsetzen. Z. B. fragt man sich: “Für was ist ein Ereignis, das mir zugestoßen ist, ein Symbol?” Man soll bei dieser Ereignisdeutung nicht versuchen, in die Zukunft sehen. Es hat nicht unbedingt jedes Ereignis eine relevante Bedeutung. Diese Eso-Technik kann noch weiterentwickelt werden.
    Es ist gut, dass es einen technischen Fortschritt gibt (z. B. sehr kostengünstige 3-D-Druck-Häuser). Aber es ist Wahnsinn, wenn z. B. ein neuer Geschwindigkeitsrekord eines Flugzeugs als Erfolg gefeiert wird. In Wahrheit werden dadurch die Gefahren immer größer. Die Technologie darf nur dann weiterentwickelt werden, wenn dadurch die Gefahren nicht größer werden, als sie schon sind. Es ist sinnvoll, Faktor-X-Technologien zu fördern (z. B. Autos mit weniger als 1 l/100 km). Zudem sollte es nicht mehr medizinische Operationen geben, als nötig. Z. B. können Krampfadern mit der Linsermethode ohne Operation zerstört werden. Heilen durch Liebe, Naturforschung und Eso-Mystik sollen die herkömmliche Medizin und Wissenschaft ergänzen (nicht ersetzen). Es ist sinnvoll, sich ökologisch zu verhalten (z. B. immer weniger Fleisch zu essen). Im Übrigen wirkt ein großer Teil der heutigen Musik (z. B. die Rock- und Heavy-Metal-Musik; auch ein Teil der Musik von Zaz und Raphael Haroche) wie eine Droge. Empfehlenswert sind “Eblouie par la nuit” (insbesondere die Version ohne Gesang) und “Schengen” (live in Valras Plage; bis Minute 2:45).
    Die Wissenschaft darf nicht alles erforschen. Es ist z. B. unter Umständen gefährlich, wenn ein Mensch erforscht, ob er einen freien Willen hat. Es ist denkbar, dass ein Mensch gerade durch die Erforschung des freien bzw. unfreien Willens seinen freien Willen verliert. Und es ist denkbar, dass das menschliche Gehirn durch die Hirnforschung (negativ) verändert wird. Das heißt nicht, dass es gar keine Hirnforschung geben soll. Aber es soll nicht mehr Hirnforschung geben, als unbedingt nötig ist (um diverse Krankheiten zu bekämpfen). Es soll überhaupt keine Wissenschaft aus Neugierde geben. Zudem ist es möglich, dass ein Mensch verrückt wird, wenn er sich mit bestimmten Ideen beschäftigt, wie z. B. dass das Leben nur ein Traum ist. Das Leben ist real. Und Liebe ist mehr, als Chemie, Hormone usw. Der Mensch darf nicht unbedingt in natürliche Prozesse steuernd eingreifen. Und der Mensch darf natürliche Prozesse nicht unbedingt beobachten. Wenn mystische Erfahrungen einmal nicht mehr möglich sind, werden die Menschen die Mystik kaputtgemacht haben.

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