Haie am Rödingsmarkt, oder Fake News allüberall

Ich möchte dann auch gern einmal über den Verfall der Sprache schimpfen. Aber ich sage Ihnen gleich, es ist nicht das Englische, das unsere Landessprache Deutsch zerstört. Es ist auch nicht so, dass englische Begriffe deutsche verdrängen. Also, nicht von sich aus, Wörter haben ziemlich wenig Intention. Manchmal scheinen sie aber die Denkfaulheit zu erhöhen.

Sie kennen das vielleicht von Parties oder Diskussionen unter fachfremden – Fach und Thema spielen keine Rolle, es ist mindestens einer dabei, der mit Fremd- und Fachwörtern beeindrucken möchte. Dabei immer wieder fröhlich daneben greift. Es gibt dafür sogar ein Witzmodell, in dem eine Figur jedes Fremdwort falsch anwendet, die zweite Figur, die korrekt Definition gibt, der erste dafür wiederum das falsche Wort liefert. Eine klassische Doppelconference, in der Pyjama mit Fujiyama verwechselt wird.

Seit Donald Trump Präsident der USA ist, greift die Bedeutung von ‘Fake News’ um sich. Was auch zeigt, dass selbst Muttersprachler eines englischen Dialekts nicht gefeit sind vor dem Sprachzerstörungsvirus namens ‘Englisch’. Trump benutzt den Begriff sehr weitgreifend. Alles, was ihm nicht ins aktuelle Weltbild passt, wird mal eben zur Falschnachricht erklärt. Während seines Wahlkampfs machten sich noch alle drüber lustig. Nach seiner Wahl wurde ‘Fake News’ zu einer Art Totschlagargument. Seine Anhänger benutzen es jedesmal, wenn ihnen der geistige Saft in einer Diskussion oder auch nur einfachen Fragesituation ausgeht. Also praktisch immer.

Dummerweise benutzen auch andere das Wort immer häufiger. Spricht man sie drauf an, wird es gerne ‘Ironie’ genannt. Meine Ansicht, was Ironie ist, gab es hier schon zu lesen. Da wird gar nicht mehr unterschieden in Propaganda, Falschmeldung/Ente, unvollständige Nachricht, dreiste Lüge, Flunkerei, Hirngespinst, Fiktion,Irrtum, Satire, Witz/Gag und so weiter.

Zwei Beispiele.

Es gab im letzten Herbst einen etwas stärkeren Sturm. Hier im Norden kennen wir so etwas, es passiert mehrmals im Jahr, daher haben wir Namen wie ‘Herbststurm’, ‘Frühlingssturm’ dafür entwickelt. Manchmal geben wir einen qualifier mit, ‘erster’. So Stürme sind nie schön, sie richten Schäden an, die den Einzelnen hart treffen können. Glaubte man der Aufregung auf Twitter oder den Nachrichtenmedien, die auf 24/7-Aufmerksamkeit aus sind, stand der Weltuntergang unmittelbar vor der Tür. Für Norddeutsche war Herwart eine steife Brise.

Ich twitterte:

In den nächsten Tagen benutzte ich auch Fotos von einem weit schlimmeren Sturm in der Karibik, der u.a. Puerto Rico verwüstet hatte, und versah die mit Captions für Herwart. Während einige Listicle-Plattformen national und international den satirischen Spass verstanden, gab es da Buzzfeed. Für die habe ich Fake News erstellt.  Hier klopft sich ein Faktenfinder selbst auf die Schulter.

Ich hatte sowohl auf Twitter einigen Nutzern als auch auf Anfrage des Buzzfeed-Journalisten ihm erklärt, was ich da gemacht hatte. Das Hai-Bild läuft, vollkommen richtig, seit Jahren bei jedem Sturm irgendwo auf der Welt durch die sozialen Netzwerke. Es ist ein bekanntes Mem, wie man auf Twitter gern sagt. Ich habe auch bewusst die Haltestelle Rödingsmarkt gewählt, nicht Jungfernstieg.

Fake News ist etwas Anderes.

Und dann gibt es da einen MdB der AfD-eppen. Mitglieder dieser Partei haben es mit der Wahrheit eh nicht so. Fakten sind für sie bestenfalls Ansichtssache, Meinungen, die andere haben [aber nicht sollten]. Die Partei für Postmodernisten halt. Herr Müller vermeldete auf Twitter

Auch dies ist mit ‘Fake News’ nicht korrekt beschrieben. Es handelt sich hier um eine dreiste Lüge, die jeder schnell überprüfen könnte. Das Grundgesetz ist im Internet zu finden, aber auch für lau gedruckt zu erhalten. Und doch steht HJ Müllers Tweet auch nach 5 Tagen und vielen Richtigstellungen immer noch in seinem Account. Vielleicht hat er das inzwischen aufgeklärt. Vielleicht hat er sich sogar entschuldigt.

Mir wäre lieb, würden zumindest professionelle Kommentatoren und Journalisten nicht einfach ‘Fake News’ rufen, sondern die Möglichkeiten der deutschen und englischen Sprache nutzen, nach angemessener Analyse ein Wort zu wählen, das genauer charakterisiert.

Nach dem Abitur habe ich an der Universität Hamburg Anglistik, Amerikanistik, Soziologie und Philosophie studiert. Den Magister Artium machte ich 1992/93, danach arbeitete ich an meiner Promotion, die ich aus verschiedenen Gründen aufsteckte. Ich beschäftige mich meist mit drei Aspekten der Literatur: - soziologisch [Was erzählt uns der Text über die Gesellschaft] - technisch [Wie funktioniert so ein Text eigentlich] - praktisch [Wie bringen wir Bedeutung zum Leser] Aber auch theoretische Themen liegen mir nicht fern, z.B. die Frage, inwieweit literarische Texte außerhalb von Literatur- und Kunstgeschichte verständlich sein müssen. Oder simpler: Für wen schreiben Autoren eigentlich?