Pseudonyme und Glaubwürdigkeit

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Bierologie

Den Spruch “On the internet nobody knows you’re a dog” darf man vermutlich als fast so alt wie das Internet selbst bezeichnen. Das kann zu ganz spannenden Effekten führen, besonders bei der angeblichen Lieblingsbeschäftigung von etwas beleibteren, langhaarigen Nerds: Sich als junge Frauen auszugeben.

Im Journal of Human-Computer-Studies wurde eine Studie veröffentlicht die sich mal angeschaut hat für wie glaubwürdig man Blogs hält. In Abhängigkeit davon ob dort Details über den Autor genannt wurden oder ob das Blog unter einem Pseudonym geführt wurde. Und außerdem in Abhängigkeit von der Präsentation des Blogs. Für die Versuche hat man deshalb reihenweise Studenten von Business Schools in Großbritannien vor die Rechner gezerrt und sie jeweils einen Blogbeitrag über Nagelpilze lesen lassen (Ich habe keine Ahnung wie sie ausgerechnet auf das Thema gekommen sind…). Bei dem Versuch zur Anonymität des Autors gab es 3 verschiedene Blogeinträge, mit identischem Inhalt, aus denen die Studenten zufällig eins zu lesen bekamen:

  1. Ein komplett unter Pseudonym geführtes Blog das weder Aussage zum Name, Alter und Geschlecht machte und außerdem weder Foto noch eine Kontakt-Mailadresse enthielt.
  2. Ein pseudonym geführtes Blog was aber zusätzlich Alter und Geschlecht über den Schreiber offenbart.
  3. Ein unter Klarnamen geführtes Blog das zusätzlich zu Alter und Geschlecht auch eine Mailadresse und ein Foto des Autors zeigt.

Anschliessend wurden die Testpersonen per Fragebogen zu ihrer Meinung über die Glaubwürdigkeit des Bloggers und des Inhalts des Blogs befragt. Und dabei zeigte sich, dass es keinen Unterschied machte wie viele Details die vermeintlichen Autoren über sich preisgaben. Anders ist es (zu meinem Leidwesen) bei der Präsentation des Blogs: Hier wurden Beiträge mit guter Grammatik, Zeichensetzung, Rechtschreibung und Formatierung mit solchen die in den Bereichen Fehler enthielten verglichen. Und da sprachen die Testpersonen jenen Autoren und Blogs mit der guten Formatierung eine höhere Glaubwürdigkeit zu.

Heisst das jetzt, dass der ganze Post-Privacy-Kram sowieso keinen Unterschied macht, also “On the internet nobody cares you’re a dog”? Ich bin davon nicht so recht überzeugt. Über die grundlegende Methodik und Statistik der Veröffentlichung kann ich dabei gar nicht meckern, dafür bin ich in der Materie nicht tief genug drin. Allerdings lassen sich die Ergebnisse in 2 Richtungen interpretieren: Zum einen könnte man argumentieren, dass die befragten User so viel Medienkompetenz besitzen und deshalb im Internet ein relativ geringes Grundvertrauen haben, welches auch durch die Nennung von Alter, Geschlecht, Namen und auch durch die Angabe eines Fotos nicht steigt. Denn was ist so eine Namensnennung und die Angabe eines Fotos schon wert, einen vermeintlichen Realnamen kann man sich genauso schnell ausdenken wie man ein beliebiges Portrait-Foto aus einer Fotodatenbank ziehen kann.

Das andere extrem wäre, dass die User – gelinde gesagt – naiv sind und erstmal einfach glauben was sie im Netz lesen, unabhängig aus welcher Quelle sie die Texte beziehen. Oder macht es keinen Unterschied, weil wir uns an digitale Identitäten gewöhnt haben? Mir selbst ist glaube ich relativ egal ob jemand Pseudonym oder mit Klarnamen auftritt. Denn wenn ich außer diesen spärlichen Informationen nichts über die Identität des Autors weiss, dann macht die Namensnennung jemanden erstmal nicht glaubwürdiger.

Wenn man auf der anderen Seite jedoch einen längeren Einblick in die Texte von Anderen bekommt, dann ist es auch erstmal egal ob der Autor hier mit Klarnamen oder Pseudonym auftritt. Denn anhand einer solchen “Langzeitbetrachtung” wird vermutlich jeder Leser seine Schlüsse über den Autor ziehen und sich ein – irgendwie geartetes – Bild über den Autor machen.

Von daher mag es aufschlussreich sein die Studie noch einmal zu wiederholen. Und den Versuchspersonen dann nicht nur einen Text sondern eine ganze Reihe von Texten in einem Blog zu lesen geben.

Chesney, T., & Su, D. (2010). The impact of anonymity on weblog credibility International Journal of Human-Computer Studies, 68 (10), 710-718 DOI: 10.1016/j.ijhcs.2010.06.001

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Veröffentlicht von

Bastian hat seinen Bachelor in Biologie in nur 8 statt 6 Semestern abgeschlossen. Nach einem kurzen Informatik-Studiums-Intermezzo an der TU Dortmund hat es ihn eigentlich nur für ein Stipendium nach Frankfurt am Main verschlagen. Dort gestrandet studiert er dort nun im Master-Programm Ökologie und Evolution. Zumindest wenn er nicht gerade in die Lebensweise der Hessen eingeführt wird. Neben seinen Studiengebieten bloggt er über die Themen, die gerade in Paperform hochgespült werden und spannend klingen.

3 Kommentare

  1. aus dem Abstract:
    “Results show that the well presented blog’s writer was perceived as being more credible than the writer of the badly presented blog, but there was no difference in the credibility of the blog itself.”

    hier:
    “Und da sprachen die Testpersonen jenen Autoren und Blogs mit der guten Formatierung eine höhere Glaubwürdigkeit zu.”

    Abgesehen davon, aus Interesse: Die Studie unterscheidet zwischen Glaubwürdigkeit des ‘Autor’s und des ‘Blog’s, aber die Person ist Alleinautor des Blogs?

  2. Danke für die Korrektur, du hast recht. Bei den Pseudonymen war es so, dass es bei beiden keinen Unterschied gab. Für die Präsentation nicht.

    Und ja: Obwohl es Blogs von Einzelautoren sind wird zwischen Autor und Blog bzw. den Informationen in dem Artikel unterschieden bei den Fragebögen. Es ist daher möglich, dass man den Informationen aus dem Blog vertraut, auch wenn man dem Autor nicht traut und vice versa.

  3. *lach* Und der Inhalt?

    Was war überhaupt der Inhalt der vorgelegt wurde und warum wurde nicht zur Glaubwürdigkeit des Inhalts befragt? Ich meine die Darlegung der Fakten und die daraus gezogenen Schlüsse, ist doch letztlich, was entscheidet.

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