Hysterie um Taepodong

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Die Hysterie, die Nordkoreas angeblicher Satellitenstart schon weit im Vorfeld auslöste, war kaum noch zu übertreffen. Schon Wochen vor dem Flugversuch drohten Japan und die USA die Rakete abzuschießen, wenn sie sie sich den jeweiligen Ländern nähern sollte. Grund genug, die Fakten darzustellen und den Leser einzuladen, sich selbst ein Bild machen. Der eine oder andere Splitter an "Meinung" mag mir aber gestattet sein.

Als der Start am vergangenen Samstag tatsächlich erfolgt war, steigerte sich das Crescendo weiter. Speziell die japanischen Medien gerierten sich, als wäre ein nuklearer Anschlag nur knapp gescheitert. Die Medien „beruhigten“ die Bevölkerung in dem sie berichteten es habe keinen „Fallout“ auf Japan gegeben. Eine Wortwahl, bei der mit der Angst vor einer nuklearen Kontamination Kasse gemacht wurde, anstatt die Menschen über das theoretisch mögliche Niedergehen einer ausgebrannten Raketenstufe zu informieren.

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Japan beantragte umgehend eine Dringlichkeitssitzung des Weltsicherheitsrates. Die USA behielten sich vor, auf „diese Provokation“ mit „angemessenen Mitteln“ zu reagieren.
 
Südkoreas Regierungssprecher Cheong Wa Dae gab kund: "Wir können unser Bedauern und unsere Enttäuschung nicht verhehlen, dass Nordkorea durch den Abschuss einer Langstreckenrakete eine ernste Bedrohung des Friedens auf der Koreanischen Halbinsel und auf der Welt verursacht hat. Dies zu einem Zeitpunkt zu dem die gesamte Welt alle Kräfte sammelt um die globale Wirtschaftskrise zu überwinden. (We cannot withhold our regrets and disappointment that North Korea has caused such a serious threat to peace on the Korean Peninsula and in the world by firing a long-range rocket when the entire world is joining efforts to overcome the global economic crisis). Wobei sich mir nicht so recht erschließt, was das Eine mit dem Anderen zu tun hat.

Japan bezieht seine Legitimation übrigens aus der „Erklärung von Pjöng-Jang“, in der Kim Jong II und der japanische Ministerpräsidenten Junichiro Koizumi vereinbarten, dass Nordkorea keine militärischen Langstreckenraketen-Tests durchführen wird.

Nordkorea unterliegt darüber hinaus der "U.N. Security Council Resolution 1718", welche die Entwicklung ballistischer Langstreckenwaffen verbietet. Dieser Beschluss wurde nach dem misslungenen nordkoreanischen Nukleartest des Jahres 2006 in Kraft gesetzt. Die Resolution vom 16. Juli 2006 zeichnete sich seinerzeit dadurch aus, dass sie von Nordkorea innerhalb von nur 45 Minuten auf das Schärfste zurückgewiesen wurde. So schnell war das noch nie zuvor in der Geschichte der Vereinten Nationen geschehen.
 
Jetzt kann zwar der UN-Sicherheitsrat Entscheidungen für die Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen treffen (Nordkorea ist seit 1991 Mitglied der UNO) und Nordkorea könnte noch nicht einmal Einspruch dagegen erheben, dazu müsste es Mitglied des Sicherheitsrates sein (Artikel 25 der UN Charta legt die Rechtswirksamkeit der Beschlüsse des Sicherheitsrates fest). In diesem von der Regierung von Pjöngjang als empörend empfundenen Fall wird das aber ganz und gar nicht so gesehen und schlichtweg ignoriert.
 
Verbleibt somit die Erklärung von Pjöng-Jang als von Nordkorea zumindest nicht abgestrittene vertragliche Verpflichtung. Aus Sicht Nordkoreas wurde dieses Abkommen aber nicht verletzt, denn es handelt sich hier – so Nordkorea – um einen Satellitenstart zu ausschließlich friedlichen Zwecken und nicht der Erprobung einer militärischen Interkontinentalrakete.
 
Der Test war von Nordkorea Wochen im Vorfeld angekündigt worden, inklusive der Benennung eines Startfensters. Ausgewiesen wurden weiterhin Abwurfzonen für die Stufen und Warnhinweise für die Luft- und Seefahrt.
 
Objektiv kritisieren könnte man den unerlaubten Überflug Japans (der allerdings in einer Höhe von mehr als 100 Kilometern und ziemlich genau über der Meerenge zwischen den Inseln Honshu und Hokkaido erfolgte), wobei sich ein paar Kilometer Passage über Land nicht vermeiden ließen. Bei einem Satellitenstart von Nordkorea aus gibt es praktisch keine andere Möglichkeit, sieht man von einem Abschuss genau nach Süden in Richtung Gelbes Meer einmal ab.
 
Die entrüsteten Südkoreaner leben übrigens in einem Land das durchaus ähnlichen Restriktionen unterliegt wie Nordkorea. Das "Bilateral Missile Agreement" aus dem Jahre 1979 verbietet Südkorea die Entwicklung und den Bau von Raketen, die eine Reichweite von mehr als 180 Kilometern haben. Nichtsdestotrotz wird Südkorea in diesem Jahr ebenfalls einen Satellitenstart versuchen. Auf Basis russischer Technologie. Wollen wir mal sehen, welcher Proteststurm hier um die Welt gehen wird. Es wird ein sehr laues Lüftchen sein, vermute ich mal.
 
Soweit das politische Umfeld. Nun zur Rakete selbst und zur Durchführung des Starts:

Dazu gibt es jetzt, einige Tage nach dem Start, bei YouTube erste Filmaufnahmen, welche die Interpretation der technischen Details verbessern. DigitalGlobe stellte außerdem einige sensationelle Fotos zur Verfügung, die den Start der Rakete zeigen. Aufgenommen wurden sie von dem Erdbeobachtungssatelliten WorldView1. Die Bilder sind deswegen so erstaunlich, weil die Wahrscheinlichkeit, dass sich ausgerechnet zum Startzeitpunkt der Taeopodong einer der wenigen zivilen Beobachtungssatelliten mit hohem Auflösungsvermögen genau über dem Startort befindet kaum höher ist als ein Haupttreffer im Lotto.

Die Taepodong 2 beinhaltet viele Features, die wir vor wenigen Wochen bereits beim Start des ersten iranischen Satelliten gesehen haben. Insgesamt ist der nordkoreanische Träger aber wesentlich leistungsfähiger, hat ein mehr als doppelt so hohes Startgewicht wie die Safir 2, die etwa dreifache Schubleistung (etwa 1100 Kilonewton) und ist gut acht Meter länger. Der Träger ist komplexer strukturiert als man das bei einem rein militärischen Träger erwarten würde. Insbesondere der größere Durchmesser im oberen Bereich legt das Vorhandensein einer dritten Stufe (was von kritischen Kommentatoren bezweifelt wurde) nahe.

Als zweite Stufe finden wir hier die Nodong 2 wieder, die eine Schubleistung von etwa 300 Kilonewton aufweist. Sie bildet auch die erste Stufe der iranischen Safir. Überhaupt kann man mit einiger Sicherheit davon ausgehen, dass die ganze Rakete eine Auftragsentwicklung für den Iran ist. Sie ist damit in ihren beiden ersten Stufen eindeutig militärisch definiert. Über die dritte Stufe kann spekuliert werden. Es dürfte sich hier um eine iranisch/nordkoreanische Gemeinschaftsentwicklung handeln. Für militärische Zwecke ist sie schon aus logistischen Gründen eher unpraktisch, für Satellitenstarts für Trägern mit Antrieben geringer spezifischer Impulsleistung (wie das hier der Fall ist) und möglicherweise nicht vorhandener Wiederstartfähigkeit in der Zweitstufe aber eine Notwendigkeit um angemessene Nutzlasten in den Orbit bringen zu können. 

Nordkorea behauptete von vorneherein, dass es sich bei ihrer Rakete um einen dreistufigen Satellitenträger mit einer Nutzlastkapazität von etwa 250 Kilogramm für einen niedrigen Erdorbit handelt. Das würde ich auf Grund der Faktenlage als korrekt bezeichnen.

Somit sind also beide Interpretationen richtig. Es handelt sich um eine Militärrakete. Und sie kann als Satellitenträger eingesetzt werden. Zivil für Forschungssatelliten. Militärisch für Spionagesatelliten. Für Bombentransporte ist sie ungeeignet. Weder dürfte sie über ein präzises Steuerungs- und Navigationssystem verfügen, noch hat Nordkorea eine Expertise für den gesteuerten Wiedereintritt in die Erdatmosphäre.

Für den in astronomischem Maße unwahrscheinlichen Fall einer Verwendung als militärischer Interkontinentalrakete kann sie – aber erst wenn Nordkorea die Wiedereintrittsproblematik gelöst hat – eine Nutzlast von etwa 500 Kilogramm bis Alaska oder 1000 Kilogramm bis Hawaii transportieren. Fakt ist auch: Würde beides auch nur ein einziges Mal versucht werden, hätte das den sofortigen und vollständigen Untergang Nordkoreas als souveräner Staat zur Folge. Warum also um alles in der Welt sollte Nordkorea das versuchen?

Die Taepodong 2 (die Nordkoreaner bezeichnen sie dieses Mal als Unha-2, wohl um den friedlichen Charakter zu unterstreichen) startet zum zweiten Mal. Am 5. Juli 2006 ging der erste Testflug schief, als sie etwa 40 Sekunden nach dem Start explodierte. Das deutet darauf hin, dass die Rakete die zu diesem Zeitpunkt einwirkenden maximalen aerodynamischen Lasten nicht vertrug. Auch der erste und einzige Start des Vorgängermodells Taepodong 1 am 31. August 1998 war ein Fehlschlag. Die langen Zeiträume zwischen den Starts sind ein guter Hinweis für die schwache industrielle Basis und die dünne Expertise Nordkoreas.

Die Kritik der Welt (mit Ausnahme Chinas und Russlands, die mit hoher Wahrscheinlichkeit sämtliche technologisch anspruchsvollen Komponenten dieser Rakete geliefert haben dürften) gründet sich darauf, dass die Taepodong 2 eine Militärrakete ist. Nun ja. Was soll Nordkorea auch machen? Doch nicht etwa eine Trägerrakete neu entwickeln und "zivil" drauf schreiben, wenn es bereits eine militärische Rakete hat, die den gleichen Zweck erfüllen kann.

Die meisten Nationen haben ihre ersten Raumfahrtversuche auf Grundlage vorhandener militärischer Ressourcen unternommen.

• Die R-7 Semjorka, ein Atomwaffenträger reinsten Wassers, brachte Sputnik 1 in den Weltraum. 

• Die Redstone-Variante Jupiter C, eine atomare Mittelstreckenrakete, bildete die Grundstufe für den US-Satellitenträger, der im Januar 1958 Explorer 1 in den Weltraum brachte.

• Und selbst Europas Weltraumambitionen begannen mit einem lupenreinen Nuklearträger. Die erste Stufe des erfolglosen Europa 1 und 2 Trägers war nichts anderes als die britische Atomrakete Blue Streak. 

Nicht anders war es in China, in Israel und selbst im Fall der französischen Diamant-Trägerrakete der frühen sechziger Jahre. Alle gingen sie vollständig oder teilweise (Diamant) zurück auf militärische Entwicklungen. Japan und Indien sind hier die einzigen Ausnahmen.

Der Flug selbst endete als Fehlschlag.  Die erste Stufe der Taepodong  stürzte 280 Kilometer vor der japanischen Küste ins Meer, die  zweite Stufe ging 1.270 Kilometer westlich von Japan im Pazifik nieder. Die Erststufe dürfte wie vorgesehen funktioniert haben, die Stufentrennung wohl auch, aber irgendetwas passierte während der Brennzeit der zweiten Stufe, die offensichtlich nicht vollständig absolviert wurde. Die dritte Stufe mit dem Satelliten fiel daraufhin ins Wasser.

Und was machen wir nun? Vor allen Dingen ein wenig abkühlen und Objektivität zeigen. Wie jede andere Nation auch hat Nordkorea das Recht zur friedlichen Erforschung und Nutzung des Weltraums. Ein für diesen Zweck nach internationalen Regeln ordnungsgemäß angemeldeter und durchgeführter Startversuch muss diesem Land in jedem Fall gestattet sein. Für eine objektive Bewertung der Absichten würde es genügen, einige Beobachter zu den Startvorbereitungen zu senden.

Ich bin Raumfahrt-Fan seit frühester Kindheit. Mein Schlüsselerlebnis ereignete sich 1963. Ich lag mit Masern im Bett. Und im Fernsehen kam eine Sendung über Scott Carpenters Mercury-Raumflug. Dazu der Kommentar von Wolf Mittler, dem Stammvater der TV-Raumfahrt-Berichterstattung. Heute bin ich im "Brotberuf" bei Airbus Safran Launchers in München im Bereich Träger- und Satellitenantriebe an einer Schnittstelle zwischen Wirtschaft und Technik tätig. Daneben schreibe ich für Print- und Onlinemedien und vor allem für mein eigenes Portal, "Der Orion", das ich zusammen mit meinen Freundinnen Maria Pflug-Hofmayr und Monika Fischer betreibe. Ich trete in Rundfunk und Fernsehen auf, bin Verfasser und Mitherausgeber des seit 2003 erscheinenden Raumfahrt-Jahrbuches des Vereins zur Förderung der Raumfahrt (VFR). Aktuell erschien in diesen Tagen beim Motorbuch-Verlag "Interkontinentalraketen". Bei diesem Verlag sind in der Zwischenzeit insgesamt 16 Bücher von mir erschienen, drei davon werden inzwischen auch in den USA verlegt. Daneben halte ich etwa 15-20 mal im Jahr Vorträge bei den verschiedensten Institutionen im In- und Ausland. Mein Leitmotiv stammt von Antoine de Saint Exupery: Wenn du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Menschen zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge zu verteilen und Arbeit zu vergeben, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem weiten unendlichen Meer. In diesem Sinne: Ad Astra

6 Kommentare

  1. Theaterdonner

    Das Geschrei um den Ueberflug japanischen Territoriums durch diese Rakete verwundert in der Tat.

    Bei Soyuz-Starts und auch Proton-Starts von Baikonur, wenn eine weitere Oberstufe an Bord ist, d.h., wenn ein anderes orbit als ein LEO erreicht werden soll, ist es absolut ueblich und unumgaenglich, dass die Drittstufe im Pazifik oestlich von Japan entsorgt wird und deswegen japanisches Territorium ueberfliegen muss, in etwa dort, wo auch die nordkoreanische Rakete Japan kreuzte.

    Wuerde die Soyuz- oder proton-Drittstufe mitten in ihrer Subphase versagen und die Oberstufe nicht getrennt werden, dann besteht da durchaus das – wenn auch geringe – Risiko eines Einschlags auf japanischem Gebiet. Die einschlagende Masse waere da – allemal im Fall der proton – sogar deutlich groesser als im Falle der kleinen nordkoreanischen Rakete. Dennoch hoert man nicht bei jedem russischen Start jedesmal Geschrei und Proteste aus Japan.

    Was die vorhersagbare amerikanische Reaktion angeht, so fasst dieser Artikel die Situation gut zusammen:

    http://sitrep.globalsecurity.org/…-korean-mi.htm

    “This entire spectacle benefits two sets of hardliners; the North Korean Regime and the US missile defense proponents.”

    Die Situation in Japan ist komplexer, sie ist gepraegt von Jahrzehnten schlechter Beziehungen und Misstrauens, was auf japanischer Seite auch nicht ganz ungerechtfertigt ist, schliesslich wurden japanische Buerger aus Japan gekidnappt und nach Nordkorea verbracht – man stelle sich vor, so etwas geschaehe bei uns.

  2. Here einige weitere Neuigkeiten bezueglich Taepodong-2. Das Versagen hatte offenbar mit der Stufentrennung zwischen zweiter und dritter Stufe zu tun, nicht mit einem versagen des Antriebs der zweiten Stufe beim Herunterdrosseln, wie zuerst vermutet. Auch scheint das Steuerungssystem deutlich fortschrittlicher zu sein als man den Nordkoreanern zuerst zugetraut hatte.

    http://spaceflightnow.com/news/n0904/10northkorea/

  3. Wo liegt der Unterschied?

    Heute können wir doch fast alles „militärisch“ nutzen. Selbst ein 20 cm langes spitzes Küchenmesser kann zum Mordwerkzeug werden.
    Der Beitrag ist sehr real und gut recherchiert geschrieben. Unsere Presse jagt immer neuen „Sensationen“ – oft schlecht recherchiert – nach. Realitäten sind weniger „anziehend“, bringen weniger Umsatz.
    Raketen für die gleiche Last – was muss zwischen Zivil und Armee verschieden sein? Auch wenn Sputnik 1 mit einer „friedlichen“ Rakete gestartet worden wäre – der Sputnikschock wäre nicht anders ausgefallen!

  4. Kontrovers

    Die letzten beiden Tage haben gezeigt, das Nordkorea mehr als nur einen Satelliten starten will.
    Weitere Raketenstarts und ein Atomtest sprechen eine klare Sprache. Selbst China hat nun protestiert!

  5. Zu einem großen Teil war das ganze damals vermutlich eine Geste der Stärke.
    Es wurde vermutlich damit gerechnet, dass ein friedlicher Satellitenstart in Anbetracht der Atomwaffentests international entsprechend gewertet würde.
    Ob tatsächlich eine Trägerrakete getestet werden sollte ist zweifelhaft, aber Stärke demonstrieren und die Angst vor einer entsprechenden Rakete wecken wollte man vermutlich schon.
    Das ganze hat man dann mit einem nützlichen Projekt verbunden und so 2 Fliegen mit einer Klappe geschlagen…

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