Jahreswechsel und Zeiterfahrung in der Antike

Gab es in der Antike Jahreswechsel und Zeitzählung? Ja, aber anders als heute. Jede griechische Polis, beispielsweise Sparta oder Athen, hatte eigene Kalender und Zählmethoden. Auch innerhalb einer Polis existierten mehrere Zeitwahrnehmungen gleichzeitig. So führte Athen zwei Kalender: den Festtagskalender mit 12 Monaten und den Bouleutischen Kalender (Sitzungskalender der Boule bzw. Rat der 500) mit 10 Monaten. Das Jahr begann im Juli. Die Monate wurden durch Archontenzählung unterschieden (Der Monat als X Archont war). Archonten waren die obersten ‚Beamten‘ in Athen. In der heutigen Forschung wird die griechische Zeitwahrnehmung in die gängige Christus-Datierung umgerechnet. So fand die Schlacht von Salamis 480 v.Chr. statt. Herodot datiert die gleiche Schlacht in das Jahr in dem Kalliades Archont war. Dies ist die erste gesicherte Archontenangabe in der griechischen Literatur.[1] Das Datum fungiert als ‚chronologischer Anker‘ für alle weiteren Datierungen. Die Zeit vor 500 v.Chr. ist ungesichert. Andere Datierungen sind notwendig. Eratosthenes aus Kyrene verwendete den Beginn der Olympischen Spiele als Ausgangspunkt für eine weitere Periodisierung.[2] Nach heutiger Zählung fanden die ersten Olympischen Spiele im Jahr 776 v.Chr. statt.

Für den alltäglicheren Gebrauch gab es kleinteiligere Zeitzählungen. Nach Herodot übernahmen die Griechen von den Babyloniern (oder Ägyptern) sowohl eine Sonnenuhr mit Zeigern (griech. pólos bzw. gnómon) als auch die Idee einer 12-Stunden-Tag-Nacht-Unterscheidung.[3] Die Tage bzw. Nächte waren jedoch nicht gleichlang, sondern abhängig von der Jahreszeit. Im Gegensatz dazu behauptete Diogenes Laertios, dass die Sonnenuhr eine Erfindung des Anaximandors sei, sodass die Uhr im 6. Jh. v.Chr. zuerst in Sparta erdacht und eingeführt wurde.[4] In attischen Komödien wird die Tageszeit durch die Länge von Schatten berechnet.[5] Ab dem 6. Jh. v.Chr. gibt es Überlieferungen für die Nutzung von Wasseruhren (griech. Klepsýdra): Wassers floss konstant von einem Gefäß in ein anderes Gefäß, fallender bzw. steigender Wasserstand zeigte die verstrichene Zeit an.

Die Messung und Wahrnehmung von Zeit ist kein Gedanke der Moderne, sondern bereits in der Antike von außerordentlicher Bedeutung. Obwohl Zeitrechnungen in der griechischen Antike zu Beginn diffus und uneinheitlich waren, wurden sie zunehmend genauer und einheitlicher. Zeitempfinden basiert auf der Annahme einer linearen, chronologischen Abfolge von Ereignissen. Wichtig werden Zeitrechnungen um machtpolitische Entscheidungen zu legitimieren und Orientierungspunkte für gesellschaftliches Leben zu schaffen (bspw. Erntezeit, Feste etc.). Voraussetzungen für Zeitrechnung sind eine endlose Zahlenfolge mit eindeutig unterscheidbaren Zahlen ohne Wiederholungen und ein Ausgangspunkt bzw. fester Beginn der Zeitzahlung. Auch Schriftlichkeit ist notwendig, da mündliche Wissenskonservierung für lange Zeiträume ungeeignet ist und zu Wiederholungen führt.


 

[1] Vgl. Hdt. 8,51.

[2] Vgl. FGrH 241 F1a.

[3] Vgl. Hdt. 2,109,3.

[4] Vgl. Diog. L. 2,1.

[5] Vgl. Aristoph. Eccl. 652.

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Herzlich Willkommen! ‚Geschichte‘ ist ein Sammelbegriff für unendlich viele Geschichten: Geschichten von Menschen, Begriffen, Gruppen, Ereignissen, Ideen, Umbrüchen, Kulturen, Grenzen, Unterschieden, Mentalitäten, […]. Es gibt keine menschliche Eigenheit ohne Geschichte. Ich werde euch kurze Einblicke in die Alte Geschichte geben. Warum Alte Geschichte? Aus Leidenschaft und weil es mein Studienschwerpunkt ist. Eure Jessica Koch

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