Die freie Rede, Kleist, Hofmannsthal und Pfingsten

Kryptischer Titel, ich gebe es zu. Der folgende Text versucht, ihn zu erläutern.

Vom Reden will ich reden – nein, eigentlich: schreiben, was aber nicht dasselbe und genau deshalb Gegenstand dieser Rede, die Schrift ward, ist. Zum Beispiel wäre es mir in freier Rede wahrscheinlich nicht gelungen, die verzwickte, Kleist’sche Syntax, die den vorangehenden, aber auch diesen Satz zeichnet, hervorzubringen.

Die Gedanken, die ich niederschreiben will, werden wahrscheinlich durchaus nicht epidemische Verbreitung finden, sind aber viral verursacht. CoViD19 zwingt mich, den Hochschullehrer, zwingt alle meine Kollegen dazu, Filmchen zu produzieren, die als Surrogate von Vorlesungen in praesentia magistri et scholarium auf dem streaming server der Universität abgelegt werden, damit die Scholaren an letzterer keine Präsenz zeigen müssen. Schon die obige Apposition des Latinismus mit dem Anglizismus zeigt, dass hier Welten aufeinanderprallen, die universitas nämlich, und die digital community.

Doch will ich keine Klage führen. Ich kam, derweil ich mich als Lehrfilmchenproduzent, Regisseur, Hauptdarsteller, Post-production-editor, Formatierer und SichüberDateiformateundGigabytegrosseFilesKopfzerbrecher betätigte, zu einigen Gedanken und Einsichten, die ich teilen möchte.

Das setting (da unten ist ein Standbild) ist ziemlich simpel. Ich, alleine im Büro, Computer, Webcam, diverse Aufnahmesoftware, Texte und Bilder, die ich hin- und herschieben kann, ich kann sogar live was eintippen oder könnte was skizzieren, wenn ich so ein pad hätte, auf dem man zeichnen kann.

Standbild aus einem “Lehrvideo”. Ich versuche gerade, etwas über das Bild des antiken Arztes als Philosoph zu erzählen.

Die erste Einsicht – die meinen Respekt vor manchen Profi-YouTubern beförderte – ist, dass es richtig viel Arbeit ist. Ich habe einen 45-minütigen Clip fertig (der, was das cineastische Niveau angeht, natürlich erbärmlich ist). Ich habe eine glatte Woche gebraucht, ihn zu erzeugen (allerdings musste ich mich auch noch in die Produktionssoftware einarbeiten).

Die anderen Einsichten – die Kleist’schen, die Hofmannsthal’schen, die rhetorischen, die Pfingsten betreffenden, sind die folgenden.

Ich wollte – ich wollte unbedingt – etwas von dem bewahren, was meine Vorlesungen in praesentia zeichnet: die Spontaneität der Rede. Eben keine „Vorlesung“ im Sinne des Vortrages eines auswendig gelernten oder vom Teleprompter abgelesenen Textes, eben keine „Vorlesung“ im Sinne der alten universitas magistrorum et scholarium, in der die Magister – oft genug – einfach aus den unerschwinglich teuren Büchern vorlasen. Oh – ich kann Texte vortragen! Ich tauge zum Deklamator, zum Rhetor! Ein auswendig gelerntes, langes, am besten pathetisches Gedicht, expressiv hersagen, und zwar so, dass die Leute es gerne hören: Das kann ich! Ich tauge auch zum Vorleser. Ab und zu habe ich Festvorträge gehalten, die kamen, sorgfältig ausformuliert, Wort für Wort vom Blatt, und sie gefielen mir und meinem Auditorium.

Aber das wollte ich nicht, das wollte ich nie je in einer regulären Vorlesung. Ich wollte mich – jedes Mal aufs Neue – davon überraschen lassen, was ich sagen würde. Nicht, dass ich nicht gewusst hätte, was ich sagen wollte – wie ich es sagen würde, darauf war ich gespannt. Und weil das „was“ und das „wie“ dann doch eng verwoben sind, weil ein Verhaspeln, ein Versprecher (am besten ein Freud’scher), eine unerwartete Reaktion des Publikums, dessen eisiges Schweigen oder zustimmendes Gegrummel, die Zeitnot, in die man geraten konnte, oder die Fülle der Zeit, die zu füllen war, ohne allzu sehr zu labern (uswusf), weil all diese Unwägbarkeiten jedes Mal neue Assoziationen im Sprach- und Denkraum öffneten, kam ich auch auf neue Ideen und mir wurde nicht fade. Kleist also: „Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“. Oder, drastischer: „Woher soll ich wissen, was ich denke, bevor ich höre, was ich sage?“

Nun geht das, wenn ich auf meinen Computermonitor einrede, nicht. Keiner reagiert auf meine Rede, kein Zeichen der Aufmerksamkeit, keines der Langenweile erreicht mich, ich rede wie in Watte, und merke – dass ich so nicht reden kann. Die Aufmerksamkeit geht mir verloren, meine Sätze zerbröseln, die Grammatik zerfällt, ich produziere Anakoluth um Anakoluth – und am Ende ist mir, mit Hofmannsthal zu sprechen, „also ob mir die Worte wie modrige Pilze im Munde zerfielen“, ein hilfloser Stammler unsinniger Laute in einem syntaktischen Irrgarten.

Kurzum – ich müsste vorher texten. Und dann also „vorlesen“. Mit ein wenig gut gemachter Schauspielerei und Deklamationskunst, damit es spontan wirkt. Ich könnte das. Ich will aber nicht.

Aus zwei Gründen.

Erstens: Es könnte gut werden. Das soll es aber nicht. Denn, würde es gut, hieße es ja rasch: Na prima! Das machen wir jetzt immer so! Und weder ich noch meine Kollegen haben Lust, an einem Selbstabschaffungsprogramm der in praesentia dozierenden Magister mitzuwirken.

Secundo (und man verzeihe bitte die religiösen Obertöne): Pfingsten. Es ist nämlich nicht nur Kleist, die freie Rede vor einem Publikum ist nicht nur die Erkundung der eigenen Denkräume, es ist viel mehr. Wenn’s gut geht – und deshalb: „Pfingsten“ – ist es, als ob der Geist über einen käme, nicht ich rede, es redet aus mir. Ich werde mit der Sache, über die ich rede – und wär’s der zweite Tarsus eines Mückenbeines – eins. Oder, weniger religiös konnotiert: es ist der flow, in den man geraten kann, der Bewusstseinsstrom, in dem, wenn es gut läuft, man zusammen mit dem ganzen Hörsaal schwimmt. Gelingt manchmal, und dann ist es wirklich die Ausschüttung des akademischen Geistes.

Man kann hier vieles einwenden. Vor allem natürlich, das der spiritus academicus eben nicht – oder nicht überwiegend – jener Fluss sei, der, hinwegreißend, jeden mitnimmt, der sich in ihn wagt, sondern dass er vielmehr in Distanz zu den Dingen, kritisch verharrend, abwägend, objektiv zu bleiben habe, Pfingsterlebnisse haben da nichts zu suchen.

Ja.

Dennoch bin ich der Ansicht, dass auch das Pfingstereignis, das Ergriffenwerden seinen Platz im Akademischen hat. In meiner akademischen Welt jedenfalls, denn ich will – als ultima ratio meines Wissenschaftlerdaseins – nicht nur ewig vor den Dingen stehen, ich will ab und zu auch mal in ihnen sein, ja: sie sein. Näher, als von ihnen spontan vor Publikum reden zu dürfen, kam ich diesem Erlebnis nie. Und, um erneut die religiöse Metapher zu verlassen: Hier, indem die freie Rede ein Akt der Spontaneität ist, unberechenbar, selbst für den, der redet, hier beginnt auch das Reich der — Freiheit.

Verstehen Sie jetzt, warum mich meine Videos nerven?

Helmut Wicht

Veröffentlicht von

Gedankenfragmente von Helmut Wicht, Dozent an der Frankfurter Universität, über Neurobiologie, Anatomie, Philosophie, Gott und die Welt. Seine eigentliche Expertise bezieht sich auf die (Human-)anatomie und die vergleichende Anatomie des Nervensystems.

43 Kommentare

  1. Die Lösung für ihr Problem, Helmut Wicht, wäre vielleicht eine Videoproduktion vor einem Mini-Auditorium. Wenn es das aber nicht gibt, kann man vielleicht in naher Zukunft dort wo die Zuschauer sässen, Monitore platzieren, die echte oder virtuelle Zuhörer und Zuschauer zeigen. Die virtuellen Zuschauer könnten von einer künstlichen Intelligenz animiert sein und in einem Lernprozess immer besser mit ihnen interagieren und sie zu rhetorischen und gestatorischen Höhenflügen führen.. Vielleicht würde das sogar Schule machen und eine neue Ära der spontan wirkenden Videoproduktion einläuten, so dass man von der Schule „Helmut Wicht“ der Videoproduktion sprechen würde.

    • @ Holzherr

      Danke für die Replik. Sie bringt mich – und eigentlich hätte mir das schon vorher einfallen sollen – auf einen Gedanken, der ebenfalls in diesen Komtext gehört, un den ich wahrscheinlich in einem Postskriptum zum obigen Text nachtragen werde:

      Dass nämlich zum Wesen der freien Rede, ebensowohl wie zu den “Pfingstereignissen” das Ephemere, Singuläre, Vorübergehende, Nicht-Reproduzierbare gehört. Ich muss da noch ein wenig drüber nachdenken.

      • Die freie Rede lebt vom Moment, sie lebt auch vom Inhalt, der gerne noch in vielen Jahren rezitiert werden darf, literalistisch und intentionalistisch um diesen Inhalt bemüht.
        Freie Rede ist dann gut, nicht modisch.

  2. Helmut Wicht schrieb (01. Jul 2020):
    > […] dass hier Welten aufeinanderprallen, die  universitas nämlich, und die  digital community. […]

    Oder plakativer:

    > „Woher soll ich wissen, was ich denke, bevor ich höre, was ich sage?“ […]

    … auf:

    “Woher willst Du wissen, auf welch vielfältige Meta-Ebenen meine dürre alphanumerische Zeichenkette außerdem noch anspielt, bevor Du sie (sowohl im Ganzen, als auch in ihren Bestandteilen) ver(Total)WikiLinkt hast ?”.

    p.s.
    > […] Es könnte gut werden. Das soll es aber nicht. Denn, würde es gut, hieße es ja rasch: Na prima! Das machen wir jetzt immer so!
    > Und weder ich noch meine Kollegen haben Lust, an einem Selbstabschaffungsprogramm der  in praesentia dozierenden Magister mitzuwirken.

    Dann könnten im Gegenzug diejenigen, deren zwarab initio wohl spontanes, sogleich aber (selbst-)lektoriertes und (selbst-)rezeptives Schaffen Anklang zu finden sucht, in den erwähnten Quatschköppen ebenfalls keine Kollegen mehr erkennen (wollen).

    > Ich werde mit der Sache, über die ich rede […] eins. […] die Ausschüttung des akademischen Geistes.

    Naja — was man schriftlich (und ggf. nachhaltig und natürlich immer wahlweise leserlich) hinterlässt, könnte ja immerhin womöglich z.B. als “Absonderung” diffamiert werden.
    Lieber allerdings: als Ausdruck enzyklopädischen Geistes anspornend.

    • Frank Wappler schrieb (01.07.2020, 14:12 Uhr):
      > […] diejenigen, deren [schriftlich fixiertes] Schaffen Anklang zu finden sucht […]

      “Anklang finden”  ist an dieser Stelle zwar durchaus gebräuchlich; ergibt aber im gegebenen Zusammenhang geradezu eine mixed metaphor.

      Passender ist womöglich: “(SciLog-)Kommentar einladen” oder (perspektivisch) “(Wiki-)Annotierung ermöglichen”.

      p.p.s.
      Helmut Wicht schrieb (01. Jul 2020):
      > […]   hier beginnt auch das Reich der — Freiheit.

      Der obige SciLog-Beitrag wirkt auf mich ja durchaus ungezwungen, und gekonnt.
      Mir stellt sich die Frage, ob Prof. Wicht sich derartiges auch poram publico  (live) leisten würde ? …

      • @ wappler

        Ich – der ich im Übrigen kein Professor bin, wiewohl ich die venia legendi, also die Erlaubnis, zu lesen, von meiner Universität habe – würde nicht zögern, all das, was ich dort oben niederschrieb, auch in einer Vorlesung – und wäre es eine über Anatomie – zu thematisieren. Live und auch auf das Risiko hin (“Pfingstereignis”), für einen sehr schrägen Vogel gehalten zu werden.

        • Helmut Wicht schrieb (01.07.2020, 15:09 Uhr):
          > Ich – der ich im Übrigen kein Professor bin, wiewohl ich die  venia legendi, also die Erlaubnis, zu lesen, von meiner Universität habe […]

          Ich bitte um Pardon.
          (Und erinnere mich vage, vor einigen Monaten in diesem SciLog schon mal von den betreffenden excrutiating minutiae gelesen zu haben. Beim “Prof.” in meinem obigen Kommentar hatte ich ausschließlich an die Funktionalität des im Auditorium Vortragenden gedacht — wäre stattdessen “Dozent” korrekt bzw. gebräuchlich ?)

          > würde nicht zögern […]

          Dass Sie offenbar Enthusiasmus für Ihr Fachgebiet und dessen Lehre aufbringen ist — cool.
          (Mir geht’s wohl ganz ähnlich hinsichtlich meines passionierten Schreibens über Koinzidenz-Bestimmungen und daraus konstruierbaren Messoperatoren.)

          Ich erlaube mir allerdings noch die Anschluss-Frage, in wie fern dabei das Interesse (wenn nicht sogar das Recht) der Zuhörer berücksichtigt und realisiert wäre, in der Uni/Vorlesung fachlich unterrichtet zu werden. Der schriftliche Ausdruck, der wiederum wahlweises Lesen erlaubt, scheint mir dahingehend freier. (Und ich erfreue mich der Erlaubnis entsprechend zu schreiben und einigermaßen zeitnah wahlweise lesen zu lassen, sofern ich sie von meinen SciLogs habe.)

          • Frank Wappler schrieb (01.07.2020, 16:13 Uhr):
            > […] wäre stattdessen “Dozent” korrekt bzw. gebräuchlich ?

            Ach — offensichtlich. (Das steht ja auf jeder Seite dieses SciLogs zu lesen; und ich meine mich zu erinnern, dass sogar ich das vor Längerem schon mal durchgelesen hatte. (Der virtuelle Helmut Wicht, mit dem ich heute Nachmittag eine recht angeregende virtuelle Unterhaltung führte (wovon ich meinen Anteil hier frei transkribierte), stand im Eifer des Gesprächs für einen entscheidenden Augenblick ohne sein Kleingedrucktes da …))

      • Frank Wappler schrieb (01.07.2020, 14:52 Uhr):
        > […] poram publico […]

        Ups. ( https://de.wiktionary.org/wiki/coram_publico )

        Man merkt (womöglich):
        Das hab ich nur mal so nebenbei beim Zuhören aufgeschnappt — und mir anschließend noch “schöngeredet”.

        (Übrigens: von einem, der dabei ziemlich schnell gesprochen, nach eigenem — selbstgeschriebenen — Bekunden jedoch nur recht langsam geschrieben hat.)

  3. “hier beginnt auch das Reich der — Freiheit.”
    Keine Ahnung warum, aber irgendwie ist da was dran.
    (Freiheit im “analogen Raum”, darf man das heute noch sagen?)

    • @ DH

      Eine schöne Antwort auf das “warum” (auf die Frage, wo und wie sich Freiheit in einem Kosmos der Zwänge dennoch etablieren kann) findet man in Schillers “Über die ästhetische Erziehung der Menschheit”. Sein Argument ähnelt dem meinen, auch für ihn ist der entscheidende Moment einer des “Schwebens”, in dem Widersprüche sich gegenseitig aufheben.

      • „Beredsamkeit ist die Fähigkeit, unsere Ansicht einer Sache, oder unsere Gesinnung hinsichtlich derselben, auch in andern zu erregen, unser Gefühl darüber in ihnen zu entzünden und sie so in Sympathie mit uns zu versetzen; dies alles aber dadurch, dass wir, mittelst Worten, den Strom unserer Gedanken in ihren Kopf leiten, mit solcher Gewalt, dass er den ihrer eigenen von dem Gange, den sie bereits genommen, ablenkt und in seinen Lauf mit fortreißt.“
        (Arthur Schopenhauer)

        • @ Mona

          Danke für das schöne Zitat meines Lieblingsphilosophen. Es ist mir allerdings insofern etwas suspekt, indem es den Aktus der Überwältigung des Zuhörers durch den Rhetor in den Vordergrund stellt. Mir ging es mehr um die Überwältung des Rhetors durch die Sache, von der er redet ..

          • Vielleicht braucht Freiheit (von Zeit zu Zeit) diesen “Kosmos der Zwänge” sogar, um sich zu rekonfigurieren.
            Vielleicht muß “Demokratie demokratisch abgewählt werden, um zu demokratischen Werten zurückzufinden”, so ähnlich von Lisa Eckhart, Kabarettistin.

          • Es war seit jeher den Epigonen vorbehalten, befruchtende Hypothesen des Meisters in starres Dogma zu verwandeln und satte Beruhigung zu finden, wo ein bahnbrechender Geist schöpferische Zweifel empfand.

  4. Ein’ hab ich noch:

    Oh weh! -- umsonst auf allen Länderkarten
    spähst du nach jenem seligen Gebiet,
    worin der Freiheit ewig grüner Garten,
    der Menschheit Alter reift --
    und ihre Jugend blüht.

  5. Schmeckt und riecht nach Goethe.
    Issers?

    Mal googeln ? …

    Google sagt: Schiller. (aber leicht verändert, da geht’s nicht nur um ein l)

    Vrgl., ‘Der Antritt des neuen Jahrhunderts’:

    Ach umsonst auf allen Länderkarten
    Spähst du nach dem seligen Gebiet,
    Wo der Freiheit ewig grüner Garten,
    Wo der Menschheit schöne Jugend blüht.

    • Joker schrieb (02.07.2020, 17:28 Uhr):
      > […] Vrgl., ‘Der Antritt des neuen Jahrhunderts’:

      Ach du Schreck! …
      Aus meiner (bescheidenen) Schwebe war’s bloß das aller aller-letzte halbwegs Passende.

      (Dabei war ich eigentlich auf der Suche nach einer Differenzierung zwischen der “Freiheit beim (Daher-)Reden” und der “Freiheit beim (Denken-und-)Dichten”.)

      Und dann hab ich’s noch derart frei verhunzt, dass es Kenner für “J. W. von” halten könnten !? …

      Dass es nur Trotzdem! dasteht. …

  6. @ Wappler @Joker

    Mist. Mein Geruchssinn trug mich. Da ist von “Freiheit” die Rede. Das hätte mich auf Schillern bringen sollen. Aber formal ist’s irgendwie so götisch…

  7. Helmut Wicht schrieb (02.07.2020, 18:01 Uhr):
    > […] Mein Geruchssinn trug mich.

    Der war gut! …

    (Und mein obiger Dank, so riesig er auch ist, war ja durch Einklammerung … ähm … gegen immanentes Platzen gesichert.)

    > Da ist von “Freiheit” die Rede.

    Wohl wahr. Dort, auf den ersten Blick, womöglich weniger. Dafür jedoch: Umsicht.

    p.s. — apropos “Umsicht”:

    Geben Sie Link-Freiheit!!
    Oder dokumentieren Sie bitte wenigstens, wie viele Links in einem Kommentar zu Ihrem SciLog zulässig sind, damit dieser nicht im “Ihr-Kommentar-wird-moderiert.“-Loch verschwindet! (Das wäre für einen SciLog geradezu revolutionär.)

    (Das war jetzt zwar ziemlich polemisch losgehupft …)

  8. @ Wappler

    Also mir deucht, dass das in beiden Fällen kreuzgereimte Knittelverse sind, also auch ein ziemlich Goethe’sches Versmass (Faust). Jedenfalls kann ich in den Silbenmassen kein durchgängiges Metron sehen, da gehen Iamben und Trochäen munter durcheinander.

    Das mit dem “Geben Sie Linkfreiheit, Sire!” (nach Schiller) hab’ ich nicht verstanden. Das muss man mir nochmal erklären.

  9. Helmut Wicht schrieb (03.07.2020, 08:27 Uhr):
    > Also mir deucht, dass das in beiden Fällen kreuzgereimte Knittelverse sind […] Jedenfalls kann ich in den Silbenmassen kein durchgängiges Metron sehen, da gehen Iamben und Trochäen munter durcheinander.

    A-ha. Ge-nau. …

    Systematisch (aber ad hoc) sieht das dann so aus


    . _ . _ . _ . _ . _ .

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    . _ . _ . _ . _ . _ .

    . _ . _ . _ . _ . _ . _

    (Hier nochmal zum Mitgrooven:

    Oh weh! — umsonst auf allen Länderkarten
    spähst du nach jenem seligen Gebiet,
    worin der Freiheit ewig grüner Garten,
    der Menschheit Alter reift —
    und ihre Jugend blüht.

    Dies dagegen: …

    Ach umsonst auf allen Länderkarten
    Spähst du nach dem seligen Gebiet,
    Wo der Freiheit ewig grüner Garten,
    Wo der Menschheit schöne Jugend blüht.

    … fühlt sich auch ohne allzu bösen Willen recht zwanglos so an:


    . . . . . . . . . .

    . . . . . . . . . _

    . . . . . . . . . .

    . . . . . . . . _

    Ähnlichkeiten zur (Mehr- oder Minder-)Komplexität der Inhalte dieser beiden Reime sind nicht ganz zufällig (gemeint).

    p.s.
    > Das mit dem “Geben Sie Linkfreiheit, Sire!” (nach Schiller) hab’ ich nicht verstanden.

    Und ich platz’ wirklich gleich! …

    Ach ja: Und geben Sie \LaTeX-Freiheit, Chef!!
    (Das hat gelegentlich sogar der Schulz drauf.)

    Kurzum: Gib endlich Freiheit, Wikipedia!! ( … ähm … SciBlogs!!)

    (Am Finanziellen wird’s ja wohl nicht scheitern — Deinen Teil der GEZ-Boullion haste redlich verdient!)

    • Frank Wappler schrieb (03.07.2020, 10:30 Uhr):
      > Dies dagegen: …

      Ach umsonst auf allen Länderkarten
      Spähst du nach dem seligen Gebiet,
      Wo der Freiheit ewig grüner Garten,
      Wo der Menschheit schöne Jugend blüht.

      &8203;


      > … fühlt sich auch ohne allzu bösen Willen recht zwanglos so an: […]

      Nein! (‘tschuldigung, Friedrich) – sondern so:


      . . . . . . . . . .

      . . . . . . . . _

      . . . . . . . . . .

      . . . . . . . . _

      (Und dass ich mit der erwähnten Boullion wenig zu tun habe, ist mir nun wohl ziemlich offensichtlich auch rausgerutscht.)

  10. “indem die freie Rede ein Akt der Spontaneität ist, unberechenbar, ”
    Offenbar ein Freiheitsaspekt, der, wenn er nicht bedient wird, dazu beiträgt, einen hervor zu bringen, der als Meister der freien Rede galt, dann aber in einer verzerrten Variante, die auch schmierig distanzlos ist, und in der das Individuum nicht vorübergehend aufgeht im Kollektiv, sondern sich darin auflöst, und das auch soll.

    • @ DH

      Könnten Sie das spezifieren, mir vor allem die “schmierige Distanzlosigkeit” ein wenig genauer erläutern, bitte?

        • “Hier, indem die freie Rede ein Akt der Spontaneität ist, unberechenbar, selbst für den, der redet, hier beginnt auch das Reich der — Freiheit.”

          Sicher nichts von dem, egal von welchem Teil des Geistes, es bleibt Inspiration zur Überwindung “göttlicher Sicherung” / menschlicher Beschränkung in “Individualbewusstsein” und geistigen Stillstand!

          • hto schrieb (04.07.2020, 07:58 Uhr):
            > […]

            Wer, wie ich, für sowas den Begriff Anakoluth erst durch den obigen SciLogs-Beitrag kennengelernt hat — und auch dafür meinen tiefempfundenen, wenn auch nicht Ping-Dauer-los wahrnehmbaren Dank an Helmut Wicht — also … bisweilen soll man das ja als ein Stilmittel gelten lassen.

            Im Übrigen (vgl. 02.07.2020, 21:14 Uhr) wünsche ich mir immer noch einen Aphorismus, der den Unterschied zwischen der “Freiheit beim (Daher-)Reden” und der “Freiheit beim (Denken-und-)Dichten” halb thematisiert, halb illustriert und halb übertrifft. Gibt’s etwa noch keinen ?!? …

  11. Nichts gehört dem “Einzelnen” wirklich-wahrhaftig / allein, sogar / besonders unsere Gedanken nicht, weil wir immernoch im selben Geist und gleicher Gemeinschaft unfrei geprägt “wachsen”.

  12. @Helmut Wicht
    Ich hoffe, Sie haben das nicht auf sich bezogen, das war eine mehr oder weniger klare Anspielung auf Hitler.
    Ich finde es interessant, daß eine Demokratie, die zunehmend keine mehr war, dann einen hervorbringt, der mit urdemokratischen Mitteln stark gewinnt, also ein demokratisches Bedürfnis bedient, weil es offenbar im etablierten System niemanden mehr gab, der Ähnliches vermochte- eine Entwicklung, die uns heute nicht ganz fremd ist.
    Es ist ja bekannt, daß Hitler Viele in einen Bann gezogen hat mit seinen Reden, oft unabhängig vom Gesagten. Nur war das dann nicht mehr die interessante Rede, sondern eine verzerrte Form derselben, die ganz andere Ziele hatte als freiheitliche, und in der der Redner auch nur scheinbar Achtung vor den Zuhörern hat, sie in Wahrheit aber instrumentalisiert für seine Zwecke und diese das auch zulassen.
    Wenn das falsch rüberkam, sorry, das war nicht beabsichtigt.

    • @DH

      In der Nähe von Adolf Hitler fühle ich mich in der Tat unwohl. Mir war klar, dass meine Ausführungen vom “flow” im Reden und Zuhören mich in gefährliche Nähe dieses Rhetors bringen könnte, weswegen ich in dem obigen Text (“man kann hier Vieles einwenden”) den Absatz über den akademischen Geist, der eben auch kritische Distanz sein kann und soll, einfügte.

      Ich möchte noch anmerken, dass selbst die allerkritischste aller kritischen Distanzen, dem, der sie einnimmt, zum “flow” geraten kann. Dem kritischen Theoretiker zum Beispiel. Ich habe Adorno (leider) nie vortragen gehört, doch ihn gelesen, und habe durchaus den Eindruck, dass er mitunter nicht nur im “flow” geschrieben hat, sondern auch Texte verfasste, die ebenso mitreissen, indem er sich der suggestiven Macht seiner Sprachgewalt anvertraute. Auch er war, denk’ ich, mitunter von seinen dialektischen Kippfiguren mehr ergriffen, ala dass er sie kühl analysierte.

      • Helmut Wicht schrieb (06.07.2020, 08:24 Uhr):
        > […] Adorno […] war, denk’ ich, mitunter von seinen dialektischen Kippfiguren mehr ergriffen, als dass er sie kühl analysierte.

        Trefflich!, und fast originell.
        Was so ergreift, das hält auch Analyse aus:

        > Auch er war, denk’ ich, mitunter von seinen dialektischen Kippfiguren mehr ergriffen, al[s…]

        “Auch er” ? … Wer noch ?? — Wer nicht ?!.

        • @ Wappler

          Jeder hat die Kritiker, die er verdient. Im Ernst.

          Ja, da muss statt “ala” eigentlich “als” stehen. Und mit dem Metron habe ich mich wirklich verhauen, das sind, in dem einen Fall, tatsächlich lauter Iamben, und ich habe es nicht gemerkt, was mir peinlich ist.

          Danke.

          • Helmut Wicht schrieb (07.07.2020, 08:43 Uhr):
            > Jeder hat die Kritiker, die er verdient. Im Ernst.

            Zumindest hat nicht jeder das Vergnügen, seinen Kritikern dasjenige vorlegen zu können, was er sich ggf. als Verdienst gutschreiben lassen würde.
            Und nicht jeder Sack, der geschlagen würde, ist ein Esel, der gemeint wäre.

            > […] das sind, in dem einen Fall,

            … ich vermute: 03.07.2020, 10:30 Uhr …

            > tatsächlich lauter Iamben,

            Oh — danke, das wusste ich bisher wirklich nicht. (Woher auch?? — Dort sind ja offensichtlich keine Beispiele (zugelassen). Und in einigen anderen “Jambus”-bezogenen Wikipedia-Seiten wüsste man gar nicht, ob es sich bei den angegebenen Beispielen nicht vielleicht um Ergebnisse von böser, böser “original research”  handeln mag …)

  13. “flow” – Adolf Hitler war, wie auch viele die sich damals im “akademischen Geist” zu sein glaubten, voll im flow/Kreislauf des zeitgeistlich-reformistischen Faschismus, der immernoch unser “Zusammenleben” bestimmt und nun als “freiheitlicher” Wettbewerb die nächste Eskalation heraufbeschwört!

  14. @Helmut Wicht
    Ich wollte gar nichts gegen den “flow” sagen, im Gegenteil.
    Es gibt diesen schönen Satz “Weil auch Hitler zugestimmt hätte, daß zwei und zwei vier ergibt, ist das kein Grund, die Mathematik zu ändern”.
    Das gilt auch für den flow, das ist etwas durchweg Positives, wenn er von kunstruktiven (oder wenigstens erträglichen) Kräften besetzt wird, kann er weniger leicht von destruktiven vereinnahmt werden.
    Niemand, auch nicht Sie, muß sich in irgendeiner, noch so geringen Nähe von Hitler- oder Ähnlichen- verorten, wenn er flow nicht nur zuläßt, sondern sogar anstrebt. Sie haben das im Artikel schön beschrieben, wie der flow passiert, ohne dabei zum Affekt zu werden, der den Verstand ausschaltet.
    Flow, und ähnliches, ist keinesfalls irrational, irrational ist es eher, ausshließlich analytisch an Dinge ranzugehen, als exakter Spiegel der reinen Affektivität.
    Beides ist wider die Vernunft- die Mischung machts.

  15. Lieber Herr Dr. Wicht,
    Ihr Langzeit-Kommentatorenfreund verweist gerne auf dieses audio-visuelle Material, das im Web bereit steht und bestens für Sie und über Sie spricht oder redet :
    -> https://www.youtube.com/watch?v=2RwfXISksRM
    MFG
    Dr. Webbaer
    PS:
    Wissenschaft ist Veranstaltung, korrekt und gutes Aussehen hat dem Vortrag nie geschadet; ansonsten, neben der ‘Spontan[]ität’ ist Dr. W wenig aufgefallen, ein direkter Webverweis auf aktuelles audio-visuelles Material zum Beispiel nicht, insgesamt abär, dass Sie recht haben.

    • @ Dr.Webbaer

      Ich wusst’ gar nicht, dass es diese Nummer bis zu YouTube geschafft hat. Danke für das Link.
      Vor allem möchte ich auf das “one-kick-wonder” (bei 4:40) hinweisen – die Karre ist wirklich gut erzogen und sprang tatsächlich beim ersten Take dieser Szene an.

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