Endspurt und Abschied vom Richtplatz

Am Morgen traten wir, angespornt durch die gesammelten Erkenntnisse der vergangenen Woche, ein letztes Mal den berühmten letzten Gang zum Galgen an. Unter einigem Zeitdruck und in allgemeiner Endspurtstimmung galt es, die Untersuchung zufriedenstellend zu einem (hoffentlich nur vorläufigen) Abschluss zu bringen und die Überreste des Galgens in ihren beeindruckenden Ausmaßen vollständig zu erfassen.

Dazu bedurfte es vorrangig intensivster archäologischer Maßarbeit, verrichtet durch gleich mehrere Teams, die den Befund anhand der bestehenden Vermessung akribisch auf Millimeterpapier bannten – und sich dabei auch von aufkommendem Regen und weiterhin umherfliegenden Steinen nicht aufhalten ließen.

Parallel wurde die Eingangssituation oberflächlich von Geröll befreit, wobei weitere Funde getätigt wurden. Dabei kamen auch Keramikscherben zum Vorschein, die hoffentlich ihren Beitrag zur Datierung leisten werden. Zusammen mit den übrigen Funden wurden sie umgehend gereinigt, beschriftet und in die Fundliste aufgenommen.

Großer Aufwand wurde zudem zur abschließenden Sicherung des Befundes betrieben. So begab sich unser Fotograf Andi sogar in die Baumwipfel, um bei optimalen Lichtverhältnissen den Galgen in Gänze aufzunehmen.

Zuletzt galt es, das Untersuchungsgebiet zu sichern und die allzu sichtbaren Spuren unserer Arbeit zu verwischen. Bei einsetzendem Starkregen und im Dunkel tief hängender Gewitterwolken kehrten wir dem Richtplatz den Rücken zu – mit einiger Melancholie, aber auch dem wohligen Gefühl, hier einen bedeutenden Befund zum Vorschein gebracht zu haben.

Jan

 

Marita Genesis

Zu meiner Person: Dr. phil., Historikerin/Archäologin M.A. Schwerpunkt: Rechtsarchäologie, archäologische und historische Richtstättenerfassung

3 Kommentare

  1. Hallo, ich komme aus der anderen Ecke von Sachsen und bin durch einen Google News Beitrag auf den Blog gestoßen. Ich bin neugierig, ob Funde gemacht werden konnten, die in direktem Zusammenhang mit der Richtstätte und ihrer Funktion standen?
    Da ja auch Sondengänger erwähnt wurden, frage ich mich auch, ob die Fläche und Umgebung auch mit einem Detektor abgesucht wurden? Manchmal können ja auch Beifunde wie Münzen oder Amulette interessant sein.
    Viele Grüße aus Dresden

  2. Hallo Roland,

    Beifunde, insbesondere aus Metall, sind auf Richtstätten eher selten. Zum einen ist davon auszugehen, dass , sofern bekleidet, die Hingerichteten bei einer längeren Hängezeit sicherlich durch vorbeiziehendes fahrendes Volk ihrer wertvolleren Trachtbestandteile entledigt wurden. Zumal der Scharfrichter bzw. seine Knechte sich vorher bedient haben dürften. Dies ist zeitlich und örtlich jedoch unterschiedlich legal gehandhabt worden.

    Zum anderen gibt es auffallend wenig Verlustfunde. Das betrifft Metall wie auch das Vorkommen von Keramik. Dies steht konträr zu den zum Teil erwähnten Menschenmengen, die sich an den Richtplätzen aufgehalten haben sollen, wenn es zum Vollzug einer Todesstrafe kam. Dieses Gegensatz können wir im Moment noch nicht klären – zuwenig dieser Plätze sind ausgegraben bzw. im archivarischen Quellenbereich umfassend aufgearbeitet.

    Aber nichtsdestotrotz haben wir einen Sondengänger vor Ort gehabt. Das Landesamt für Archäologie Sachsen hat uns tatkräftig unterstützt und uns u.a. einen Kollegen mit einer Sonde zur Seite gestellt. Außer vereinzelten Kronkorken neuester Zeiten war nichts feststellbar, obwohl der Rundgang weit gefächert und intensiv angelegt war.

    Viele Grüße
    Marita Genesis

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