Die letzten Gruben werden heute geschlossen….

…so sieht wohl das Ende einer jeden Forschungsgrabung aus. Der Bagger schließt in wenigen Stunden, was zum Teil mühsam per Hand im Laufe vieler Tage dem Boden entnommen wurde. Ein letzter Blick auf die einstigen Verlochungsgruben der Tierablagen, kaum noch zu erkennen die große Galgenausbruchgrube und schon verschließt der Sand all jene Stellen, die in der diesjährigen Grabungskampagne Rückschlüsse auf unsere Forschungsfragen lieferten.

Wie sind wir an den Galgenberg herangetreten? Im Vordergrund stand zunächst die Frage nach der Klärung des Standortes der Galgen. Einige Hinweise zu Neuerrichtungen der Galgen gaben schon im Vorfeld Anlass zur Annahme, mehrere Standorte des Hochgerichts zu verifizieren. Eine zweite Fragestellung zielte auf die Nutzung des Platzes: ist es möglich, die in den schriftlichen Quellen zur Rechtsgeschichte der Stadt gefundenen Hinweise zur Vollstreckung von Todesurteilen auch archäologisch belegen zu können? Skelette, deren in situ-Befund noch auf die jeweilige Todesstrafe schließen lässt. Oder deren nachfolgende anthropologische Untersuchung noch Schnitt- oder Hiebspuren im Zusammenhang mit Strafvollstreckung erkennen lassen.

Im Nachgang zu den Todesstrafen kam es teilweise zur Ausstellung einzelner Körperteile, auch die Geräderten wurden lange Zeit auf ihren Rädern ausgestellt – dies alles diente der Prävention und Abschreckung. Archäologisch kann sich dies durch Pfostengruben belegen lassen. Wenn sie sich finden lassen, ist es zum Teil recht schwierig, hier – mangels Fundmaterial, wie Scherben oder Metall – eine zweifelsfreie Datierung vorzunehmen. Selbst wenn dies möglich ist, ist die Nutzung der Pfosten dann nur allgemein mit einem justiziablen Prozess in Verbindung zu bringen. Eindeutige Zuweisungen zu Räderungspfählen oder Brennpfählen sind dann nur noch durch die Größe der Pfostengruben und eventuelle Keilsteine oder Reste von Holzkohle oder Reisig möglich.

Zudem haben wir immer mit dem Auftreten von tierischem Skelettmaterial zu rechnen. In erster Linie gelingt damit wohl der Nachweis des Abdeckereigewerbes auf den Plätzen der Gerichtsbarkeit. In Brandenburg teilten sich beide Gewerke häufig die infamen, anrüchigen Richtplätze, so dass wir auch hier in Perleberg mit Tierkadervergruben gerechnet haben. An dieser Stelle sind zwei weitere Aspekte des tierischen Knochenmaterials überaus bedeutsam: zum einen steigt mit dem 16. Jh. die Verurteilung von Tieren an. Tiere werden personifiziert, erhalten zum Teil regelhafte Prozesse und werden ähnlich menschlichen Tätern hingerichtet. Zeitgenössische Quellen sprechen von Enthauptungen, auf Darstellungen sieht man auch ab und an das Erhängen. Zudem wurden Tiere auch gemeinsam mit Menschen angeklagt und hingerichtet – so im Falle der Sodomie. In den Brandenburger Schöppenstuhlakten wird so ein Fall vom Feststellen der Tat bis zur Ausführung der Todesstrafe an Stute und Täter auf mehreren Seiten ausführlich geschildert. Nun war dies eine Tat, die einer Gotteslästerung gleichkam, ein anschließendes Tilgen des Bösen vom Orte des Geschehens erfolgte meist im Anschluss durch Verbrennen beider Tatbeteiligten.

Was haben wir nun gefunden? Die Ergebnisse müssen, wie in jedem Jahr, erst ausgewertet und interpretiert werden. Aber aus dem vorläufigen Überblick lassen sich schon jetzt spannende Rückschlüsse auf unsere Fragen zum Galgenberg Perleberg herauslesen: Zum einen haben wir die Galgengrube der letzten Galgenphase auf dem Perleberger Richtplatz angetroffen. Bei der Anlage der Ausbruchgrube im 18. Jh. müssen die Bauleute eine große Zahl bronzezeitlicher Urnen angetroffen haben. Diese müssen in den Augen der damaligen Finder äußerst unattraktiv gewesen sein, denn mindestens drei dieser Urnen sind noch im Zusammenhang zwar zerscherbt aber noch mit inneliegendem Leichenbrand in der Galgengrube gefunden worden.

Zum anderen haben wir einige Tierverlochungen angetroffen. Ihre Aufnahme und die Bergung der Knochen war zum Teil recht schwierig, da der Knochenerhalt sehr schlecht war. Bislang kann die Anlage der Tierkadervergruben grob in die Neuzeit datiert werden. Archäozoologische Untersuchungen sollen nun klären, ob Schnittspuren an den Extremitäten feststellbar sind – dies würde zum ersten Mal in Deutschland das Abdeckereigerwerbe auf einem Richtplatz nachweisen!  Im anderen Fall könnten Schnitt- oder Hiebspuren im Halsbereich auf eine Hinrichtung von Tieren schließen lassen. Ebenso wird im Nachgang der Leichenbrand untersucht. Zwar war er fast ausschließlich mit den bronzezeitlichen Scherben vergesellschaftet, doch kann die Möglichkeit nicht ausgeschlossen werden, dass durch periodische Aufräumarbeiten nicht auch Reste der für Perleberg verbrieften zahlreichen Hexenverbrennungen in der Ausbruchgrube des Galgens gelandet sind.

Diese großartigen Ergebnisse wären natürlich nicht ohne die fleißige Mitarbeit meiner tatkräftigen Studenten möglich geworden. Das Team war nach einer Woche zusammengeschweißt und es war eine Freude, zu sehen, wie unproblematisch beide Universitäten fächerübergreifend zusammen gearbeitet und sich gegenseitig mit Wissen und Erfahrung ausgeholfen haben.Liebe Studis, an dieser Stelle noch einmal ein warmes herzliches Dankeschön!

Wer die Region der Prignitz einmal bereist, wird überrascht sein über das hohe geschichtliche Interesse, das an allen historischen Orten zuspüren ist. So waren auch wir immer gut besucht, wurden mit allen erdenklichen Informationen zur Geschichte versorgt und auch mal hier und da durch Eis und Kuchen verwöhnt. Die Untere Denkmalbehörde hat schon im Vorfeld umfangreiches Quellenmaterial zusammengetragen, den Ort in der Landschaft verifiziert und uns so zu einem leichten Einstieg in die Ausgrabung verholfen. Danke an Frau Effenberger und Euch zwei, Gordon und Kay, Ihr habt uns unglaublich mit Eurem Anpacken und Eurer Tatkraft geholfen. Auch Jörg, ehrenamtlicher Bodendenkmalpfleger hier vor Ort, war immer zur Stelle und hat den Studis mal endlich gezeigt. wie ein richtiges Profil aussieht – danke Jörg. Ich weiß, dass lange Dankesreden nicht gern gelesen werden, doch hat es mich unglaublich überrascht, wie viel Hilfe, Entgegenkommen und Interesse wir hier in Perleberg erfahren haben. Aus diesem Grund habe ich auch das Bedürfnis, bei den Hauptakteuren danke zusagen. Dazu gehört unbedingt auch unser Herr Riedel, der uns immer tapfer auf dem Berg stets mit einer Melone unter dem Arm besucht hat. Seinem großen Engagement haben wir die Übernachtung auf der Burg Stavenow und den Bus zu verdanken. Durch ihn haben wir auf dem Museumsfest viele Perleberger kennengelernt und bleiben mit ihnen auch im Ausstausch. Herr Schelle – danke für deine unkomplizierte Hilfe, ebenso dir, lieber Herr Millbrandt! Herr Grönboldt von der Quitzower Agragenossenschaft hat für uns Bauwagen und Wasser bereitgestellt – unserer Rettung bei Regen! Auch allen anderen namentlich nicht Genannten an dieser Stelle noch einmal meinen großen herzlichen Dank, wir haben uns in Perleberg sehr willkommen gefühlt!

Marita Genesis

 

 

Zu meiner Person: Dr. phil., Historikerin/Archäologin M.A. Dozentin an der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) Schwerpunkt: Rechtsarchäologie, archäologische und historische Richtstättenerfassung

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