Was ist Geschichte? Zur Einführung

Seit der Entstehung einer akademischen Geschichtswissenschaft (sofern die Geisteswissenschaften auch mangels wiederholbarer Experimente überhaupt als Wissenschaft verstanden werden) im 19. Jahrhundert hat der Geschichtsbegriff viele Änderungen durchgemacht. Im Allgemeinen lässt sich eine klare Tendenz nachzeichnen, die von dem (m. E. vermeintlich) objektiven Wahrheitsanspruch eines Leopold von Ranke über eine völlig teleologische und ideologisierte Eingrenzung im Sozialismus bis hin zu dem heute vorherrschenden, postmodernen Fokus auf die eigene Subjektivität führt, welcher auch für mich gilt.

Während der frühere, romantische Anspruch auf eine objektive Wahrheitsfindung eine ziemlich allgemein gültige Grundlage für den historischen Diskurs lieferte, führt der heutige Ansatz durch seine Betonung des Historikers und dessen eigener Sicht (auf Kosten dessen, was »eigentlich gewesen« sei) zu einer im Grunde genommen unendlichen Vielfalt an Definitionen des Geschichtsbegriffs.

Ihren symbolischen Ausdruck erhält diese Entwicklung in einer kritischen Einstellung zu dem ehemals allgegenwärtigen Gebrauch des bestimmten Artikels: Gab es früher selbstverständlich »die Geschichte« im Sinne eines Konzeptes, der alle Forscher epistemologisch miteinander verband und sie nur noch über Methoden und Erkenntnisse streiten ließ, so weiß man heute, dass es eine allgemein gültige Definition weder gibt noch geben kann.

Dies stellt jeden Historiker vor die Aufgabe, früher oder später sein eigenes Verständnis dieses intellektuellen Handwerkes darzulegen und selbst den epistemologischen Hintergrund zu beschreiben, vor dem seine Arbeiten den von ihm gewollten Sinn annehmen können. Ohne solche Hintergrundinformationen über den jeweiligen Autor können Arbeiten heutiger Geschichtsschreiber ziemlich frei verstanden, also oft auch missverstanden werden.

So will ich mich in einer Reihe von Beiträgen, die hier im Blog gleich erscheinen, ebenfalls um eine Erklärung meines eigenen Geschichtsverständnisses bemühen. Ich tue dies mit der Absicht, auf diese Art und Weise mein hiesiges Projekt abzuschließen. Vor ziemlich genau sieben Jahren begann ich die Arbeit an »un/zugehörig«. Seitdem sind in diesem Blog zahlreiche Fragen zur deutschen und jüdischen Geschichte, aber auch zu Geschichte als solcher besprochen worden. Zeit ist es also, vor diesem Hintergrund nun auf die grundlegende Frage einzugehen: Was ist für mich »Geschichte«?

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www.berlinjewish.com/

Mancherorts auch als der Rebbe von Krechzn* bekannt, heißt der Autor von "un/zugehörig" eigentlich Yoav Sapir. Er ist 5740 (auf Christlich: 1979) in Haifa, Israel, geboren und hat später lange in Jerusalem gelebt, dessen numinose Stimmung ihn anscheinend tief geprägt hat. Nebenbei hat er dort sein M.A.-Studium abgeschlossen, während dessen er sich v. a. mit dem Bild des Juden im Spielfilm der DDR befasst hat. Seit Sommer 2006 weilt er an akademischen Einrichtungen im deutschsprachigen Mitteleuropa: anfangs in Wien, später in Berlin und dann in Heidelberg. Nach einer Hospitanz im Bundestag arbeitet er jetzt selbstständig in Berlin als Autor, Referent und Übersetzer aus dem Hebräischen und ins Hebräische. Nebenbei bietet er auch Tours of Jewish Berlin. * krechzn (Jiddisch): stöhnen; leidenschaftlich jammern.

7 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. So will mich in einer Reihe von Beiträgen, die hier im Blog gleich erscheinen, ebenfalls um eine Erklärung meines eigenen Geschichtsverständnisses bemühen.

    Gerne alles mal „rauslassen“.

    MFG
    Dr. W (der den Bezug auf die allgemeine Nachrichtengebung, „n:m“-Beziehungen meinend, nicht als ‚postmodern‘ einstuft oder derart kennzeichnen würde, Erkenntnis basiert derart)

    • PS:
      Der ‚Fokus auf die eigene Subjektivität‘ und die Subjektivität anderer meinend wäre insofern sozusagen modern.

    • „Im ersten Absatz der Nachricht scheint ein ‚geht‘ zu fehlen, im letzten ein ‚ich‘.“

      Das ist auch typisch deutsch… Oberlehrer….und Yoav sagt danke… aber ich nehme ihn in Schutz, denn das ist echt jüdisch!!!

      Und weil ich gerade gut drauf bin noch ein jüdischer Witz aus meiner Jugendzeit mit Oma Edith:

      Kommt ein 71 Jähriger zum Rabbi und fragt: „Rebbe, was soll ich tun? Ich hab‘ geheiratet vor einem Jahr a 17 Jährige. Jetzt kriegt’s a Kind und ich frag: Is‘ das Kind von mir oder is‘ nicht von mir?“ Der Rabbi klärt und sagt dann „Auf jeden Fall – es is‘ a Wunder! Weil: Is‘ das Kind von dir – is‘ a Wunder! Und is‘ das Kind nicht von dir – is‘ a Wunder?“

      Shalom

      S.Happ

  2. Wovon handelt Geschichte? wäre eine andere Frage, die, wie das Big History Project zeigt, heute vôllig anders beantwortet werden könnte als noch vor 30 Jahren. Während das Fach Geschichte wie wir es kennen, sich auf die menschliche Geschichte und vor allem auf die Epochen konzentriert, zu denen es viele Dokumente gibt, will Big History die Geschichte des gesamten Universums, vom Big Bang bis heute erklären, was allerdings zur Folge hat, dass die Naturwissenschaft eine zentrale Rolle in dieser Art der Geschichtsauffassung und – vermittlung erhält. Weil Bill Gates diese Projekt eines australischen Professors massiv fördert, wird in den Medien allerdings mehr über Gates als über die Charakteristika dieses Projekts berichtet. Man spürt aber in den Versuchen zur Kritik dieses Geschichtsprojekts (das mit der Geschichte wie wir sie kennen, kaum noch etwas zu tun hat), dass die Kritiker verunsichert sind. Vor 20 Jahren wäre das Urteil eindeutig gewesen: das hat nichts mit Geschichte zu tun. Heute ist es aber gar nicht mehr so klar, welchen Gegenstand die Geschichte überhaupt hat.

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