Das typisch Deutsche + der Holocaust (Gastbeitrag von Henning Schrader)

Mein Freund Henning Schrader, geboren in West-Berlin, zählt zur Nachkriegsgeneration. Er lebt heute in den Niederlanden, an einem Ort, der früher ebenso zu „Deutschland“ gehörte wie Weimar und Salzburg, aber im Laufe des für die deutschen Lande so entscheidenden 17. Jahrhunderts als Teil der „Republik der Sieben Vereinigten Provinzen“ aus dem Alten Reich ausschied – ebenso wie übrigens die Schweiz.

Seitdem verläuft in der Nähe eine politische Grenze, die sich bis heute noch in der schriftlichen, weniger jedoch in der örtlich gesprochenen Sprache an beiden Seiten ausdrückt und dafür sorgt, dass die Niederlande inzwischen „anders“ sind als „Deutschland“. Wie anders? Nicht „sehr anders“, wenn wir es mit den meisten anderen Ländern Europas vergleichen; vielleicht auch nicht „besonders anders“, und dennoch „mehr anders“ als in der deutschen Schweiz, wo örtliche Dialekte wie in den Niederlanden zwar gesprochen, aber im Gegensatz zu den Niederlanden nicht standardsprachlich geschrieben werden. Immerhin sind die Niederlande anders genug, um Henning zu Reflexionen über sein eigenes Anderssein als Deutscher zu verführen.

Im nachstehenden Text setzt er sich kurz und bündig mit zwei Themen auseinander, die hier bei „un/zugehörig“ oft Thema waren: sein Deutschsein und der Holocaust.

* * *

Dies ist eigentlich trivial: war der Holocaust typisch deutsch? Selbstverständlich war er das. Nicht der Völkermord als solcher, sondern die Art, wie er bedacht, geplant und ausgeführt wurde. Das beinhaltet auch die Tatsache, dass er überhaupt stattgefunden hat. Alles, was ein Mensch tut, ist beeinflusst durch seine Persönlichkeit. Alles, was ein Volk tut, durch seine Kultur. In diesem Sinne wäre es merkwürdig, wenn der Holocaust, der von Deutschland ausging, nicht typisch deutsch wäre.

Völkermord ist keine deutsche Erfindung. Der Tod ist kein Meister aus Deutschland. Es ist Zeit, dass die Täter selbst (oder besser: ihre Nachkommen) die Frage beantworten, welche Verstrickungen zur Tat geführt haben. Sie sind die Einzigen, die es wirklich wissen können. Die Antwort ist keine Statistik, sie ist nicht universell, sie ist keine Verallgemeinerung mehr oder weniger oberflächlicher Eindrücke, sie gründet nicht auf Hass. Sie kann nicht von außen, sondern nur von innen gegeben werden. Keiner kann sie besser geben als die erste Nachkriegsgeneration, zu der auch ich gehöre, die in ihrer frühen Jugend noch inmitten der Nachwehen der Nazi-Ideologie aufwuchs, aber selbst nicht schuldig war. Für die Antwort wird lediglich Aufrichtigkeit benötigt. Deutschland sollte sich seiner Realität stellen. Dabei werden wir nach meiner Auffassung finden, dass das Schlechte eine Perversion von eigentlich Gutem ist. Das Gute dürfen wir ruhig behalten; das Schlechte müssen wir zähmen. Solange es Deutsche geben wird, wird das eine Aufgabe bleiben – die aber zu bewältigen ist. Dies zu bewältigen kann eine Quelle eines berechtigten, reifen, sicher nicht überbordenden Nationalstolzes sein, der nicht auf einem (ohnehin unsinnigen) Überlegenheitsgefühl beruht, sondern aus Selbstintegration erwächst.

Solange auf typisch deutsche Art das typisch Deutsche vermieden werden soll, hat sich wenig geändert. Das mag verdeutlichen, dass wir auf einem schmalen Grat wandeln. Es ist Zeit für den nächsten Schritt.

Was ist denn nun das typisch Deutsche am Holocaust? Dummheit? Opportunismus? Grausamkeit? Kadavergehorsam? Obrigkeitshörigkeit? Antisemitismus? Rassenwahn? „Deutschland über alles“ Nationalismus? All diese Haltungen oder Eigenschaften lassen sich in aller Welt direkt oder im übertragenen Sinn quer durch die ganze Menschheitsgeschichte zurückfinden. Es gibt keinen Grund anzunehmen, sie seien „typisch deutsch“. Sie sind einzeln oder auch gemeinsam konstitutive Elemente des Holocaust und anderer Völker- und Massenmorde und Verbrechen gegen die Menschheit. Sie betreffen aber alle Menschen, nicht ausschließlich und nicht einmal in Besonderheit Deutschland. Nicht nur Deutschen, sondern allen Menschen erwachsen hieraus Pflichten. Die überbordende politische Korrektheit der letzten Jahre könnte der verzweifelte Versuch sein, die dunklen Eigenschaften der Menschen „endlich“ einzudämmen. Bisher scheitert die Politik an dieser Aufgabe und ich persönlich glaube auch, dass es ganz anderer Anstrengungen, vor allem viel größerer Aufrichtigkeit bedürfte. Aber das ist ein anderes Thema.

Was ist typisch deutsch? Es gibt eine Antwort auf diese Frage, die konsensfähig ist, die von Deutschen genauso wie von europäischen Nachbarn, von Israelis genauso wie den arabischen Ländern, den USA, Russland, China, Südamerika usw. usw. überall gleichlautend gegeben wird: „Gründlichkeit“. Deutsche Produkte strahlen vor allem „Gründlichkeit“ aus, was dann wahlweise als „Qualität“, „Zuverlässigkeit“ oder „Langlebigkeit“ bezeichnet wird. Tatsächlich steckt dahinter als gemeinsamer Nenner „deutsche Gründlichkeit“.

Dies lässt sich vielfach illustrieren. Als eines unter sehr vielen möglichen Beispielen zitiere ich aus einem Interview mit dem bekannten niederländischen Möbelfabrikanten Jan te Lintelo: „Wir wissen, warum wir unsere Möbel in Italien herstellen lassen. Wenn ich ein Möbel in Deutschland herstellen lasse, erhalte ich genau das Möbel, das auf der Zeichnung steht. Der Italiener kommt mit zusätzlichen Details. Er fügt dem Entwurf die Prise Gefühl hinzu, die das endgültige Möbel unweigerlich verbessert.“ [1]

Was „deutsche Gründlichkeit“ eigentlich bedeutet, erschließt sich jemand, der nicht deutsch ist, nur mühsam. Es bedeutet keinesfalls, dass man sich pedantisch um jeden Krümel, jedes zu spaltende Haar kümmert. Ich gebe „Gründlichkeit“ gerne eine Definition, die sich so in keinem Wörterbuch findet, aber dafür die kulturelle Dimension umschreibt:

Gründlichkeit ist die Haltung, die dazu führt, dass eine Aufgabe wirklich, so gut wie möglich, erfüllt wird.

Dabei wird nicht so sehr gefragt, warum diese Aufgabe erfüllt werden soll, sondern es wird davon ausgegangen, dass sie erfüllt werden soll. Es ist eine Haltung, die Deutsche sofort wiedererkennen: „wenn du etwas tust, dann tu es richtig“. Schludern, Täuschung, 80%-Lösungen fallen dem Gründlichen schwer. Aber: wenn ein gespaltenes Haar für die Erfüllung der Aufgabe unwesentlich ist, wird es auch nicht gespalten. Über-Genauigkeit ist nicht notwendigerweise mit Gründlichkeit verbunden. Im Zentrum stehen bei Gründlichkeit die Aufgabe und nicht Nebensächliches oder Kleinlichkeiten.

Dies lässt sich anhand einer Anekdote verstehen, deren Herkunft ich leider nicht mehr nachvollziehen konnte. Selbst wenn es eine vollständig erfundene Geschichte wäre, könnte sie noch stets den radikalen Pragmatismus aufzeigen, der eben gerade nicht für die Kleinkrämerei steht, von der oft im Zusammenhang mit Gründlichkeit die Rede ist. Die näheren Umstände und den Wahrheitsgehalt der Anekdote kenne ich nicht; ich erzähle sie so, wie ich sie in Erinnerung habe: Der Turm der Marienkirche in Berlin war durch einen Blitzschlag getroffen und brannte. In den 1660er Jahren gab es anscheinend mehrfach solche Brände. Es bestand die Gefahr, dass der Brand das ganze Kirchenschiff ergreifen würde. Preußische Soldaten, die beim Löschen halfen, positionierten deshalb eine Kanone so, dass sie den Kirchturm abschossen. Der Turm fiel, der Brand war – gründlich – gelöscht.

Es gibt auch ein anderes Gesicht deutscher Gründlichkeit:

Aber er hat den Auftrag, einige junge Katzen zu ertränken, und als er danach den Sack aus dem Wasser zieht, wimmert eines der Tierchen noch. Da schlägt er es mit einem Stein zu ‚rotem Mus‘ und brüllt es dabei an: ‚Du Luder – sollst mal sehen, was Gründlichkeit bedeutet!‘ [2]

Von hier aus scheint der Übergang zu Naziverbrechen nahtlos zu sein:

Nach Zeugenaussagen berichtete Hoff über seine Tätigkeit als Hauptmann einer Sicherungsdivision in Weißrussland, es sei dort unter anderem seine Aufgabe gewesen, russische Partisanen hinzurichten. In manchen Fällen sei dabei der Strick gerissen und trotz des Flehens der Verurteilten um ihr Leben, habe er sie in solchen Fällen erst recht hinrichten lassen. [3]

HinrichtungEin wesentlicher Aspekt dieses schrecklichen Fotos sind die Zuschauer: sie tragen fast alle einen Fotoapparat mit sich, haben also den Vorgang fotografiert oder sind noch dabei, ihn zu fotografieren. In ihren Gesichtern und Reaktionen ist vollständige Gleichgültigkeit gegenüber den Gehängten zu erkennen. Einzig der Junge (?) links im Vordergrund blickt verstört.

Es gibt einen Zusammenhang zwischen Gründlichkeit und Rücksichtslosigkeit, die in Grausamkeit münden kann, wenn sie nicht durch Angemessenheit eingeschränkt wird.

Solange Gründlichkeit sich nur auf die Erfüllung rein sachlicher Aufgaben bezieht, ist das nach meiner Auffassung ein rein philosophischer Zusammenhang. Niemand wird Gründlichkeit auf sachlicher Ebene mit Grausamkeit in Verbindung bringen, selbst wenn eine enorme „Rücksichtslosigkeit“ (in der Sache) im Spiel sein sollte. „Rücksichtslosigkeit in der Sache“ ist manchmal notwendig und nach meinem Dafürhalten insgesamt positiv. Wie aber verhält es sich, wenn nicht nur Sachen, sondern auch Menschen von der Erfüllung der Aufgabe betroffen sind? Wenn dabei Gründlichkeit in Grausamkeit übergeht und Grausamkeit mit Gründlichkeit begründet wird? Wenn Gründlichkeit pervertiert und missbraucht wird und zügellos endet, wie dies bei den Nazis der Fall war?

Es geht dabei nicht, wie das mancher gerne annehmen mag, um einen großen unerklärlichen unfassbaren Schritt, der das Volk der Dichter und Denker zu Naziverbrechern werden ließ. Es geht auch nicht um eine maßlose versteckte Grausamkeit, die schon immer den Deutschen eigen war und auf deren hemmungsloses Ausleben die deutsche Volksseele nur wartete. Es geht vielmehr um inkrementelle Schritte der Gewöhnung und Anpassung, ständig Hemmschwellen herabsetzend und von Missbrauch und Manipulation gekennzeichnet, auf der Basis eines Grundzuges deutschen Wesens. Dies führte in die Katastrophe.

Bis Himmler schließlich im Oktober 1943 seine bekannte, perverse Posener Rede bei der SS-Gruppenführertagung halten konnte: wie die Massenmorde die SS-Mitglieder belasten – „dies durchgehalten zu haben und dabei … anständig geblieben zu sein“ – dass aber jeder wüsste, „wie schwer wir uns täten, wenn wir heute noch in jeder Stadt … die Juden als Geheimsaboteure, Agitatoren und Hetzer hätten.“ [4]

Hier hat Himmler den Kreis geschlossen und die Aspekte deutscher Gründlichkeit zusammengeführt: Grausamkeit, Rücksichtslosigkeit und Maßlosigkeit einerseits, Treue, Gehorsam, Pflichtgefühl, das Aufgehen in einer Sache, ja selbst Verantwortungsgefühl und Idealismus andererseits. Himmler kannte offensichtlich die deutsche Seele und bespielte sie.

Gründlichkeit ist eine Konstante der deutschen Kultur, die weder mit den Nazis begann, noch mit ihnen endete. Sie wird weltweit geschätzt. In Nazizeiten entartete sie auf fürchterliche Weise. Wie konnte das geschehen und wie können wir sicher sein, dass sich das niemals wiederholt? Wir müssen mit der Frage beginnen: geht es nur um die Sache? Oder geht es auch um Menschen? Wenn es um Menschen geht, ist jede Gründlichkeit ohne das Korrektiv der Empathie falsch. Angemessenheit scheint mir das höchste Gut im Zusammenleben der Menschen. Was angemessen ist, dem muss man sich vor- und umsichtig nähern, immer wieder fragen und infrage stellen. Hätte Deutschland dies zu seiner Grundhaltung in der Nazizeit gemacht, hätte es keinen Holocaust gegeben. Das Problem war nicht die Gründlichkeit als solche, mit all ihren Spielarten, Mutationen und Metamorphosen. Das Problem war vielmehr: die systematische Vernichtung von Menschen, der Holocaust, wurde gründlich bedacht, geplant und dann ausgeführt. Dass es um Menschen ging, war sekundär. Darin bestand das Verbrechen.

 

[1] meine Übersetzung aus dem Niederländischen, Stijlvol Wonen, Nov+Dec 2014, S. 246

[2] kursiv von mir zugefügt, Victor Klemperer, LTI, p.181 – Hinweis von Yoav Sapir

[3] kursiv von mir zugefügt, Zitat + Foto nach einestages.spiegel.de]

http://einestages.spiegel.de/static/entry/der_suendenfall_des_nazi_pfarrers/106702/hinrichtung.html

http://einestages.spiegel.de/s/tb/27561/kirche-und-kriegsverbrechen-der-suendenfall-des-pfarrers-walter-hoff.html

[4] Quelle: http://1000dok.digitale-sammlungen.de/dok_0008_pos.pdf – Datum: 20. September 2011 um 22:46:55 Uhr CEST.

 

Veröffentlicht von

www.berlinjewish.com/

Mancherorts auch als der Rebbe von Krechzn* bekannt, heißt der Autor von "un/zugehörig" eigentlich Yoav Sapir. Er ist 5740 (auf Christlich: 1979) in Haifa, Israel, geboren und hat später lange in Jerusalem gelebt, dessen numinose Stimmung ihn anscheinend tief geprägt hat. Nebenbei hat er dort sein M.A.-Studium abgeschlossen, während dessen er sich v. a. mit dem Bild des Juden im Spielfilm der DDR befasst hat. Seit Sommer 2006 weilt er an akademischen Einrichtungen im deutschsprachigen Mitteleuropa: anfangs in Wien, später in Berlin und dann in Heidelberg. Nach einer Hospitanz im Bundestag arbeitet er jetzt selbstständig in Berlin als Autor, Referent und Übersetzer aus dem Hebräischen und ins Hebräische. Nebenbei bietet er auch Tours of Jewish Berlin. * krechzn (Jiddisch): stöhnen; leidenschaftlich jammern.

26 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Schweigen ist Gold, ich wollte mich nicht mehr äußern, aber in diesen aufgeheizten Zeiten gebe ich halt doch mal meinen Senf dazu. Sie schreiben in äußerster Ausführlichkeit über diese Zeit und es entsteht ein Bild dabei, welches wir natürlich kennen. Was völlig unbekannt ist, die Zeit davor. Ich will nur 2 Themen nennen, und mal sehn was draus wird:

    Israel erkennt den Massenmord an den Armeniern nicht an (als „Völkermord“), offiziell weil es unterschiedliche Meinungen dazu gibt. Es gibt aber den Verdacht, das ein ganz anderer Grund vorliegen könnte: Juden waren dabei beteiligt, es ging darum, die Christliche Bevölkerung ein wenig zu dezimieren.
    http://www.realjewnews.com/?p=77

    Und zwotens der Bolschewismus. Die Bolschewisten waren so richtige durchgeknallte Psychopathen, die irrsinnig viele Menschen umgebracht hatten. (Wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht, waren es weit über 10Mio, bevor Hitler in Deutschland an die Macht kam, habe das mal gelesen, wenn die Zahl falsch ist..) Diese Bolschewisten hatten ein Parlament (der „oberste Sowjet“) und das bestand zu 80% aus Juden.
    http://www.timesofisrael.com/putin-first-soviet-government-was-mostly-jewish/

    So, und nun? Wie soll ich jetzt den den Antisemitismus der Nazis einschätzen?! Ich weiß es nicht. Man weiß nicht mehr, wem man überhaupt noch glauben kann, welche historische Tatsache überhaupt stimmt, und was Propaganda ist.

    Ich bin kein Historiker.

  2. Die „typisch deutschen“ Fehler im Nationalsozialismus stehen in ihrer Relevanz bezüglich des Holocaust m. A. n. ganz weit hinter den „typisch menschlichen“ Fehlern, die begangen wurden und die die Ursache für die Verhetzbarkeit der Leute waren. Völkermorde werden oder wurden an jedem Ort der Welt begangen und der Holocaust ist, wenngleich weltpolitisch sehr relevant, nur einer von ihnen, den kein anderes Volk vor die eigenen Verbrechen stellen sollte. So sehr man selbstverständlich jederzeit beschäftigt sein muss, auch aus fremden Fehlern zu lernen, so sehr muss man in jedem Land der Welt gerade die Verbrechen seiner eigenen Vorfahren als erstes ans Licht zerren, weil man in seinem eigenen Hof am gründlichsten kehren kann. Ich würde mir außerdem wünschen, sagen zu können, dass die Deutschen in ihrer besagten Gründlichkeit auch hier ihre ganze Vergangenheit betrachten, jedoch gibt es einige weiße Flecken in der Geschichte des deutschen Völkermordes, die fälschlicherweise aufgrund der Strahlkraft des Holocaust nicht beseitigt werden. Sehen wir uns z. B. die deutsche Kolonialgeschichte an, deren Betrachtung hoch aktuell und nützlich ist und sehr unterrepräsentiert: http://www.eufrika.org/wordpress/zwischen-kolonialer-vergangenheit-und-postkolonialer-gegenwart
    „Typisch deutsch“ ist im Übrigen eine seltsame Einstufung. Was bringt das, zu sagen: „Das ist typisch deutsch“? Schafft das nicht nur künstliche Abgrenzung? Entweder man entwickelt als Deutscher Stolz auf nicht selbst erarbeitetes (Nationalstolz), oder man lehnt es als Nichtdeutscher ab, Eigenschaften bei sich selbst zu sehen. Nutzlos.

    • Ja, der berühmte deutsche Antiintellektualismus. Warum über etwas nachdenken, wenn es sich nicht auf naturwissenschaftliche Formeln reduzieren lässt, etc.

      Ich bin mir übrigens nicht sicher, ob das Denken über Charakteristika, die per definitionem in der Grauzone des Wahren liegen, mit „Stolz“ zu tun hat. Aber selbst wenn: Bist du nicht stolz auf die guten Leistungen deines Bruders?

  3. Yoav, Vielen Dank für die Veröffentlichung!

    Dass das „typisch Deutsche“ wenig relevant für den Holocaust sein soll, diese Meinung kann ich nicht teilen.Ich gehe vielmehr davon aus, das es der entscheidende Faktor war. Wäre der Holocaust durch Italiener bedacht, geplant und ausgeführt worden, wäre es sicherlich ein ganz anderer Holocaust geworden – falls er überhaupt stattgefunden hätte. Auch wenn eine solche Feststellung kein „Beweis“ ist, so dürfte sie den meisten Deutschen einleuchten.

    Es geht aber zentral um einen noch anderen Punkt: wir sollten alle aufhören, den Einfluss der Kultur eines Volkes (oder einer Bevölkerungsgruppe – abstrakt ausgedrückt einer „Werte- und Lebensgemeinschaft“) auf das, was sie tun, zu unterschätzen. Nach dem Siegeszug der Psychologie ist die Analogie für einzelne Personen und deren Persönlichkeit allgemein akzeptiert. Vom „Charakter eines Volkes“ zu sprechen gilt hingegen als verdächtig, möglicherweise faschistisch oder jedenfalls rechtslastig. Das „typisch deutsche“, über das ich schreibe, ist aber gar nicht nur negativ. Und so ist es mit vielen Eigenschaften eines Menschen oder eben einer Gruppe von Menschen: es gibt kein absolutes Gut oder Schlecht – „dies ist immer nur gut“, „dies ist immer nur schlecht“. Auch von dieser Idee der absoluten grundsätzlichen Einstufung von Eigenschaften und Fähigkeiten sollten wir uns lösen.

    • „Als Mensch anfing seine Toten zu bestatten, wurde Mensch zum Mensch.“ (unbek. Anthropologe)

      – Als Mensch aber anfing auch daraus ein GESCHÄFT zu machen, war alles / die kreislaufende Welt- und „Werteordnung“ im geistigen Stillstand seit der „Vertreibung aus dem Paradies“ (Evolutionssprung) MANIFESTIERT. (Horst) So ist der nun „freiheitliche“ Wettbewerb um „Wer soll das bezahlen?“ und „Arbeit macht frei“, und seine sonstigen Symptomatiken in konfusionierender Überproduktion von KOMMUNIKATIONSMÜLL, absolut kein Wunder, besonders wenn einem auffällt wie sich die Konsum- und Profitautisten das alles für die Bildung zu Suppenkaspermentalität auf stets zeitgeistlich-reformistischer Schuld- und Sündenbocksuche bewußt und / oder unbewußt zu Nutze machen!?

  4. Also ich bin nicht stolz auf die guten (gut für wen?) Leistungen meiner Verwandten, Freunde oder der zwei, drei Nationen zu denen ich irgenwie gehör‘ (ich freu mich manchmal darüber und halt sie manchmal einfach für selbstverständlich) ich bin aber dafür mitverantwortlich, so wie jeder andere auch.

  5. Dieses „Gründliche“ war deutsch, ob es als ‚typisch gründlich‘ betrachtet werden kann, bleibt unklar.
    Es soll ja nicht das Volk der Deutschen als besonders sach- und umsetzungsorientiert hervorgehoben werden.


    Der Schreiber dieser Zeilen pflegt eine andere Theorie: Die Deutschen sind mittelmäßig, aber talentiert.

    MFG
    Dr, W (der dbzgl. nicht groß ausbauen möchte, nicht en dé­tail zu ergänzen hat, der die dvzgl. Nachricht der altvorderen Kraft ebenso mittelmäßig fand)

  6. Ist es nicht eher so, dass der Verweis auf typische „deutsche“ usw. Eigenschaften die jeweiligen Verbrechen entschuldigt. So etwa „die Deutschen haben kaum mehr Juden übriggelassen, weil sie so gründlich sind, die Russen waren nicht so gründlich, ach und erst die Türken und am schlimmsten die USA“, http://www.todayszaman.com/national_pm-erdogan-meets-armenian-deputy-patriarch-after-surprise-condolence_346613.html http://www.whitehouse.gov/nativeamericans. Die haben aber geschlampert deswegen haben sie jetzt soviel Aerger.

    • Chrissy, die Schuldfrage steht für mich nicht im Vordergrund. Täter sind immer auch Opfer. Das ist aber überhaupt keine „Ent-Schuldung“. Weil nach meiner Überzeugung Menschen für ihre Taten verantwortlich sind. Im „Schlampern“ sind wir Deutschen nicht gut. In dem Sinne wäre es besser gewesen, die Nazis hätten mehr geschlampert. Noch viel viel besser wäre es gewesen, sie hätten einen ethischen Kompass gehabt, der sie daran gehindert hätte, in blinder Gründlichkeit massenhaft Menschen zu vernichten. Dazu wäre ein kleines Korrektiv ausreichend gewesen. Da ich nicht an „ab heute machen wir alles anders“ glaube, aber an Änderungen in kleinen Schritten, habe ich darüber geschrieben, was aus meiner Sicht das typisch Deutsche des Holocaust zu einem durchaus positiven typisch Deutschen transformieren könnte.

  7. Offensichtlich haben sie (m)einen letzten Beitrag „raus“moderiert. Warum? Würde das gerne wissen sonst kann ich in Zukunft nicht besser antworten.

      • Entschuldigung, vielleicht nehme ich manches in Anbetracht des Gegebenen zu wichtig (also ich glaube halt dass dieses Denken in Verallgemeinerungen, diese Ignoranz gegenüber den Gefühlen der Menschen die halt mit ihren Organen, Meinungen und Kulturen die sie sich ja nicht selbst gewünscht haben zurechtkommen müssen total albern und langweilig ist) könnte man nicht ein bischen produktiver, positiver (oh graus) sein. Versöhnung oder sollte das besser Vertochterung nein Vermenschung heissen irgendsowas

  8. @YoavSapir

    haben Sie den ersten Kommentar wirklich gelesen, und worauf da verlinkt wird? Ihrer Antwort nach zu urteilen eher nicht. Da ich mir andererseits schwer vorstellen kann, dass Ihnen – auch bei sehr flüchtigem Lesen – die Stoßrichtung entgangen sein sollte, bin ich mir unsicher, was Sie mit Ihrer Antwort bezwecken, wie Sie mit so etwas umgehen wollen.

    (Kurzfassung: Die Jungtürken waren eigentlich Zionisten, und die – christlichen! – Armenier den Erdölgeschäften der Rothschilds im Weg)

    • Eine gute und wichtige Frage. Da wendehals hier immer wieder kommentiert, habe ich meine Entscheidung, seine Kommentare nicht zu löschen, schon mal begründet. Ich tue es gerne noch einmal.

      Es gibt in Deutschland die weit verbreitete Tendenz, nicht wahrzunehmen, was man nicht wahrnehmen will. Viele Deutsche halten sich selbst für aufgeklärt, tolerant etc. und ignorieren jeden Hinweis, der nicht in das gewünschte Selbstbild passt.

      Dazu gehört auch der Antisemitismus, der von Jahr zu Jahr immer stärker, virulenter und salonfähiger wird. Wahnvorstellungen erscheinen in den wichtigsten Medien des Landes. Ihre Autoren, die eigentlich in psychiatrische Kliniken gehören, geben stattdessen den Ton an. Man denke etwa an Günter Grass und seine Fantasie von einem jüdischen Vernichtungswillen gegen das persische Volk.

      Erst neulich hat der deutsche Presserat erklärt, dass die Süddeutsche Zeitung – keineswegs ein Randphänomen à la wendehals – abermals einen ethischen Verstoß begangen hat, indem sie darüber betrichtet hat, wie Zehntausende Israelis aufgrund der demoraktisch gewählten Regierung dort aus dem Land fliehen würden. Tatsächlich sind die Zahlen der Israelis, die das Land in den letzten Jahren verlassen haben, so niedrig wie nie zuvor. Wie kommen solche Wahnvorstellungen, die mit der Realität nichts zu tun haben, in die Druckseiten der SZ?

      Das war nicht das erste Mal, das die SZ – immerhin ein salonfähiges Medium bei vielen Menschen, die sich irgendwie für „intellektuell“ oder „gebildet“ halten – vom Presserat ermahnt worden ist. Erst im Sommer hat der Presserat einen Verstoß gegen den Pressekodex festgestellt, als die SZ ein Bild im „Der Stürmer“-Stil gedruckt hat: Israel als gefräßiges Monster. Und ja, es war – überraschenderweise? – auch die SZ, die das „Gedicht“ des geisteskranken Günter Grass für druckwürdig hielt.

      Das ist die Realität, das ist das Land, in dem wir leben. Ist ein Kommentator wie wendehals wirklich schlimmer als die Süddeutsche Zeitung, so viel schlimmer, dass seine Kommentare gelöscht werden sollten – während keiner es für problematisch hält, dass ein Hetzblatt wie die SZ in jedem Kiosk verkauft wird? Wie viele Menschen lesen wendehals‘ Kommentare, wie viele lesen die SZ? Wessen Hetze ist wirksamer?

      Ich weigere mich, an den deutschen Spielchen teilnehmen und dazu beizutragen, dass der grobe, unfeine, lächerliche Antisemitismus, den es hierzulande tatsächlich gibt, aus dem Bildschirm und dem Blickfeld verschwindet, während der feine, „intellektuelle“, keineswegs lächerliche Antisemitismus des deutschen Bildungsbürgertums sich ungestört manifestiert. Und darum weigere ich mich, solche Kommentare zu löschen, wenn die Löschung nur dazu dienen soll, dass meine deutschen Leser nicht mit der unbequemen Realität in ihrem Lande konfrontiert werden müssten.

          • nein man ändert sich im allgemeinen zum schlechten hin, weil das Leben ist halt HArt, aber wir könnten uns schon dabei helfen beim „das Leben überleben“ was meinen Sie eh was meinst DU eh was auch immer?

      • Grass Gedicht wurde von der SZ gedruckt, weil es eine Zuspitzung des Weltbildes vieler Linker ist (zu denen sich Grass ja dazuzählt), eines Weltblides, das von Jakob Augstein gut vertreten wird (Zitat:„Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden.“ Dieser Satz hat einen Aufschrei ausgelöst. Weil er richtig ist“) und in dem Israel und die USA das Zentrum des Bösen darstellen, was in Iran (Persien) zur griffigen Formel der kleine und der grosse Satan geriet. Während die USA in diesem Feindbild die Rolle des Imperialisten und Bellizisten einnimmt, ist Israel – unterstützt von den USA – für die niedrigen Formen des Bösen zuständig was sich in der Anschuldigung einer Apartheid gegenüber den Palästinensern zeigt
        Günter Grass Gedicht wurde ja ernsthaft diskutiert, kaum jemand hat es als abwegig und als Resultat eines verschrobenen Geists abgetan. Natürlich richte sich das Gedicht gegen Israel ( was bedeutet: nicht etwa gegen die Juden) und nicht einmal gegen Israel an und für sich sondern gegen Netanjahu’s Regierung, meinte Günter Grass als Antwort auf negative Reaktionen.

        Doch ist Grass und Augsteins Israelkritik nur Kritik an einem Land oder auch Kritik an den Juden? Vieles spricht für letzteres und man kann die Formeln und Ideen, die in der Israelkritik verwendet werden meist gut in entsprechende anisemitische Formeln übersetzen: „Israel gefährdet den Weltfrieden“ übersetzt sich dann zu „Die Juden gefährden den Weltfrieden“, die Vorstellung ein kleines Land wie Israel könne die ganze Welt gefährden passt auch gut zu den alten und neuen Verschwörungstheorien, die eine Handvoll Juden an der Weltmacht sieht und sie als Drahtzieher für alle wichtigen und vor allem für alle bedrohlichen Ereignisse und Entwicklungen sieht.

        Grass Zuspitzung eines weit verbreiteten linken Weltbilds in dem Israel den Aggressor schlechthin darstellt ist somit eine Reinkarnation des alten zugespitzten Antisemitismus, in dem die Juden das Schlechte in der Welt schlechthin vertreten. Interessanterweise scheint also der Antisemitismus das zu sein, was fast alle politischen Lager – seien sie nun rechts oder links – vereint. Ein Bekannter von mir meinte einmal, die Tatsache, dass die Juden überall angefeindet würden, sei ein Hinweis (ein Beweis?), dass sie eben ein Problem darstellten und schon immer dargestellt haben. Ich behaupte: Wenn man annimmt die Gedanken seien frei, sie würden aber nicht immer geäussert und heute weit weniger als in der Zeit vor der politischen Korrektheit, dann findet man solche Gedanken bei sehr vielen Deutschen aber auch auch Nicht-Deutschen.

        • Man kann die von Grass und der Intellektuellen Linken geäußerte Kritik auch einfach mal ernst nehmen. Die Idee, dass das Antisemitismus ist, kann nur von einem unglaublich paranoiden Holzkopf gekommen sein. Ich selbst bin eher links eingestellt. Wieso sollte es nicht möglich sein, eine Meinung über das Judentum, eine andere über den Staat Israel und wieder eine andere über die Israelische Regierung zu haben?! Stattdessen hält man es für salonfähig, jedem Kritiker seinen Antisemitismus-Hammer überzubraten. „Vieles spricht für letzteres“. Nein! Gar nichts spricht für letzteres! Kein einziges Mal hat Grass die Juden an und für sich kritisiert und auch Jakob Augsteins Artikel enthält keinen Tropfen Antisemitismus! Das ist nichts anderes als eine Verhöhnung der Opfer von wahrem Antisemitismus. Wenn ich ein Holocaust-Opfer wäre, würde ich mich im Grabe rumdrehen. So ist das.

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