Ist Forschung planbar?

Einem großen Thema hat sich die Tagung ‚Planning Research for the future?’  verschrieben, die derzeit in Berlin unter der Ägide des Center for Cluster Development (CCD) der Freien Universität Berlin in Kooperation mit dem Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft stattfindet.

Es geht um nicht mehr oder weniger als um die Frage, wie potenzielle Geldgeber – der jeweilige Staat, Staatenverbünde (EU) oder Industrie – entscheiden. Welche Forschung ist notwendig? Wohin soll Geld fließen? Wollen wir mehr Grundlagen oder angewandte Forschung? Wie könnten Wege dahin aussehen?

Geladen sind Gäste aus vielen Ländern und selbstverständlich die üblichen Player: Universitäten, Stiftungen, Forschungsgemeinschaften. Alle teilen sich diverse Kuchen in unterschiedlichen Schnittchen. Hier etwas Fördergeld für Grundlagenforschung in Kooperation mit internationalen Partnern, dort die Verteilung nach exakten Maßgaben von Geldern aus Bund und Ländern (Helmholtz, Leibniz) … und nicht zuletzt die Exzellenzinitiativen und Clustern von Bund und Ländern, die das Land überfluten.

Eliteuniversitäten wie in den USA oder Frankreich gab es in Deutschland nicht bis 2005 die Exzellenzinitiative des BMBF und der DFG startete. Seither wird das Land so gründlich überschwemmt von Elitenetzwerken, Eliteuniversitäten und Exzellenzclustern, dass wir zielsicher eines erreicht haben: Dieselbe Gleichförmigkeit wie vorher. Als exzellent bezeichnen sich alle Forschungsinstitute der Fraunhofer-Gesellschaft (69), der Helmholtz-Gemeinschaft (17), der Leibniz-Gemeinschaft (87), der Max-Planck-Gesellschaft (86 meine Zählung – 76 Barbara). Die Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert derzeit 37 Exzellenzcluster und 39 Graduiertenschulen an Universitäten und 9 Eliteuniversitäten. Dazu kommen noch Länderinititativen wie das Elitenetzwerk Bayern mit 21 Elitestudiengängen an neun Universitäten und die NRW Graduate Schools.

Zurück zur Tagung.

Den Einstieg machte Peter-Andre Alt, Präsident der FU-Berlin, der mal eben zwei markante Pfeiler der Wissenschaftsförderung markierte:
* Forschung folgt keinem Masterplan im Sinne von 5-Jahres-Plänen alà Sowjetzeiten
* Zukunftsorientierten Themen folgen und dafür die richtigen Bedingungen schaffen.

Darauffolgend gab sogleich Knut Nevermann, Staatssekretär für Wissenschaft und Forschung in Berlin, bekannt,
Forschung müsse grundsätzlich frei sein, um sich dynamisch zu entwickeln. Unkonventionelles Denken und andere Blickwinkel seien essentielle Faktoren von Forschung.

Hört sich alles gut an. Soweit also die Ideale und markanten Eckpfosten der Forschung.

Doch dann gibt Nevermann bei und sagt: „Natürlich müssen soziale und ökonomische Zwänge berücksichtigt werden.“

Und hier sind wir beim Kern des Themas dieser Tagung.

Das Heere Suchen nach Wissen und alle Ideale finden dann ein Ende, und fanden es schon lange, wenn die Frage der Mittel aufkommt.

Deutschland und nicht nur Deutschland sucht händeringend immer wieder neue Wege wie man Innovation befördern kann. Ist es the „Science of endless frontier“ , wie es Vannevar Bush, Director of the Office of Scientific Research and Development im Juli 1945 gefordert hat – eine grundsätzliche Aussage zur unabhängigen Forschung. Mehr dazu bei Florian – Astrodicticum Simplex.

Sicher nicht. Das ist nur ein Teil von allem und ist zudem im Wettstreit von Nationen um eine Vorherrschaft entstanden – in diesem Fall nicht weniger als dem Machtkampf um die erste Atombombe. Aber natürlich wünschten sich Grundlagenforscher unabhängig von Kriegswirren und Vormachtsstreitigkeiten stets und zu Recht genügend Mittel.

Drei Jahrzehnte später, in den 1970er Jahren, war von solchen essenziellen Wettstreiten kaum mehr in der Europäischen Forschungslandschaft zu spüren. Wissenschaft wurde eher zielorientiert, programmatisch verstanden. Sie sollte das Vorankommen der Gesellschaft beflügeln. Forschung wurde in der breiten Masse mehrheitlich als Fortschritt für das eigene Leben verstanden.

Heute leben Forscher im Land der Evaluationen, der Initiativen, der Anträge, der eigentlich permanenten Rechtfertigung ihres Tuns. So als wären sie faul.

Ich kenne viele Forscher und ich kenne viele sehr ambitionierte. Sie wollen etwas erreichen, sie haben Ideen. Sie kämpfen primär darum überhaupt einen Platz in der Forschung zu finden, der mehr als einen Jahresvertrag Wert ist. Sie wollen, sie haben Ideen und scheitern an Altersgrenzen, die jemand geschrieben hat, lange bevor es den internationalen Verschiebebahnhof der Wissenschaftler gab, weil nämlich keiner mehr Geld hat.

Ich bin mir sicher: Viele schlaue Köpfe, die unsere  Forschungsinstitutionen in Deutschland und Europa ausgebildet haben, die in ihm groß geworden sind, wurden durch die System immanenten Bedingungen am Ende ausgespuckt, statt ihre Kreativität und ihr Potenzial zu nutzen.

Die Fokusierung auf Exzellenzen – über die Michael Zürn vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, in seinem hervorragenden Abriss der Geschichte der Wissenschaftsplanung seit den 1940ern meinte, sie führten zu einer Art Einheitsbrei der Antragstellerei, weil jeder inzwischen wisse, was gefördert würde –

erscheint spätestens dann aberwitzig, wenn man zugeben muss, dass dieses System praktisch nur kurzfristige Verträge (übertreibe ich? Das ist der Tenor, der bei mir immer wieder aufschlägt – Hinweise gerne!) für junge Forscher bietet. Viele, nur zu viele hangeln sich von Halbjahresvertrag zu Stipendium etc..

Ich bin mir sicher. Forschungspolitik gelingt nur, wenn Forscher sich wohl fühlen, Perspektiven erkennen und nicht von einem Halbjahresstipendium zur verlängerten Habilitation und wieder Stipendium leben. Die Grenzen, die unsere Systeme jungen Forschern stecken, sind zu eng um sie überhaupt DENKEN zu lassen.

Wo soll sich Kreativität der Forschung entfalten. Und wie viel verlieren wir!

 

Beatrice Lugger

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Beatrice Lugger ist Diplom-Chemikerin mit Schwerpunkt Ökologische Chemie. Neugierde und die Freude daran, Wissen zu vermitteln, machten aus ihr eine Wissenschaftsjournalistin. Sie absolvierte Praktika bei der ,Süddeutschen Zeitung' und ,Natur', volontierte bei der ,Politischen Ökologie' und blieb dort ein paar Jahre als Redakteurin. Seither ist sie freie Wissenschaftsjournalistin und schreibt für diverse deutsche Medien. Sie war am Aufbau von netdoktor.de beteiligt, hat die deutschen ScienceBlogs.de als Managing Editor gestartet und ist seit 2008 Associated Social Media Manager der Lindauer Nobelpreisträgertagung, seit 2012 des Nobel Week Dialogue und seit 2013 des Heidelberg Laureate Forum. Kommunikation über Wissenschaft, deren neue Erkenntnisse, Wert und Rolle in der Gesellschaft, kann aus ihrer Sicht über viele Wege gefördert werden, von Open Access bis hin zu Dialogen von Forschern mit Bürgern auf Augenhöhe. Seit 2012 ist sie stellvertretende Wissenschaftliche Direktorin des Nationalen Instituts für Wissenschaftskommunikation, NaWik. Sie twittert als @BLugger.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Was ist Forschung und was Entwicklung?

    Die Frage ob Forschung planbar ist, kann nicht abschliessend beantwortet werden, weil es viele Grauzonen zwischen Forschung und Anwendung/Entwicklung gibt.

    Häufig bedarf es eines gesellschaftlichen Grund-Interesses damit in einem Gebiet überhaupt etwas geschieht. Die Batterieforschung war beispielsweise langezeit praktisch tot bis vor kurzem, als Elektromobil und Stromspeicherung aktuell wurden. Innerhalb der Erforschung von elektrochemischen Speichern wiederum gibt es ein ganzes Spektrum von Grundlagenforschung zu anwendugsorientierter Forschung bis hin zu Optimierungen.

    Man sollte auch freie Forschung zulassen. Forschung also, wo der Forscher kaum kontrolliert wird. Allerdings kann das nur ein kleiner Anteil an der Gesamtforschung sein, denn es gibt einfach zu viele Forscher um sie alle unkoordiniert nach freiem Gusto werken und wirken zu lassen.

  2. Ich würde mal salopp behaupten solange die allgemeinen Forschungsbedingungen hier in Deutschland so schlecht bleiben, wird sich nichts großartig ändern. So kann man den „Traum“ von Eliteuniversitäten ganz klar begraben.

    Den Kernpunkt der Konferenz „soziale und ökonomische Zwänge“ finde ich sehr gut gewählt, weil genau dort angesetzt werden muss. Schließlich wird Forschung von Wissenschaftlern betrieben und die sind ja auch nur Menschen und keine Maschinen. Man muss ihnen also solche Arbeitsbedingungen ermöglichen mit denen sie möglichst effektiv arbeiten können. Das ist im Moment nicht der Fall, siehe den Kampf um die Mittelvergabe, durchgehend halbe Stellen für Doktoranden und der totale Verbrauch von kostenlosen Arbeitskräften, wie z.B. Diplomanden…die schon keine Lust mehr auf eine Doktorarbeit haben.

    Ich hoffe, das ändert sich alles!

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