Neuro-Enhancement oder wie man aus einem Mythos Profit schlägt

PillenbergWeder die Versprechungen zur Wirksamkeit, noch die Aussagen über die Häufigkeit des Gehirndopings ließen sich bisher wissenschaftlich bestätigen. Lernen Sie etwas darüber, wie die Forscher und Ethiker selbst dem Leistungs- und Erfolgsdruck auf den Leim gehen.

„Mal wieder Hirndoping…“ Das war die Reaktion eines bekannten deutschen Wissenschaftsbloggers auf den Beitrag Schlau auf Rezept? von Joachim Retzbach in der neuen Ausgabe von Gehirn&Geist. Man kann dem Blogger die leicht genervte Reaktion nicht verdenken, wo uns doch im deutschsprachigen Raum seit gut sieben Jahren der bevorstehende pharmakologische Durchbruch prophezeit wird, während es auf wissenschaftlicher Ebene kaum Fortschritte gibt. Im Gegenteil steigen immer mehr große Pharmakonzerne aus dem Psychologie- und Psychiatrie-Bereich aus, da er ihnen nicht mehr lukrativ genug erscheint (Das Ende der Psycho-Pharmazie?).

Die Pharma-Branche lässt Psychologie und Psychiatrie fallen

Da den Forschern damit in Zeiten der ohnehin knapper werdenden öffentlichen Mittel weitere Gelder wegbrechen, rühren beispielsweise in den USA führende Psychiater wie Steven Hyman von der Harvard-Universität mit grotesk anmutenden Initiativen die Werbetrommel (Die Abschaffung der Geisteskrankheit mit den Mitteln der Hirnforschung). Derselbe Steven Hyman hat noch auf einer Konferenz am King’s College in London im April dieses Jahres eben einmal zusammengefasst, dass die Wirksamkeit von Antidepressiva bereits im Jahr 1957, die von Antipsychotika bereits im Jahr 1961 ihren Höhepunkt erreicht hat. Seitdem habe sich lediglich die Verträglichkeit der Mittel verbessert, das heißt, seien die Risiken und Nebenwirkungen geringer geworden. So viel zu den psychopharmakologischen Hype-Meldungen der letzten Jahrzehnte.

Und derselbe Steven Hyman schreibt (The Diagnosis of Mental Disorders: The Problem of Reification, S. 157) in einer autobiografischen Notiz über seine Zeit als Direktor der National Institutes of Mental Health, der höchsten staatlichen US-Einrichtung für psychiatrische Forschung, dass er seine Unterschrift unter fragwürdige Projektanträge gesetzt hat, die große Mengen von Steuergeldern aufgezehrt haben – und ihm dieses Problem damals schon bewusst war!

Der Durchbruch steht permanent vor der Tür

Wieso sollten wir denselben Forschern also heute noch glauben, wenn sie uns versprechen, dass der große Durchbruch jetzt vor der Tür steht; und wieso sind so viele von uns, einschließlich Philosophen und Ethikern, auf den Hype des Neuro-Enhancements hereingefallen? Ich nehme mich selbst dabei nicht heraus. Noch auf einer Konferenz in Tucson, Arizona, im Jahr 2006 habe ich einen positiven Standpunkt vertreten: Wenn eine Steigerung der Produktivität und der geistigen Fähigkeiten wünschenswert ist, wenn wir eine informierte Entscheidung über Wirksamkeit sowie Risiken vornehmen können und wenn die Mittel für alle verfügbar sind, dann sollten wir Gehirndoping moralisch zulassen oder sogar unterstützen.

In der verklausulierten Wenn-Dann-Formulierung äußerte sich damals noch die Vorläufigkeit meiner Überlegungen. Inzwischen denke ich, dass tatsächlich keine dieser Bedingungen erfüllt ist oder in naher Zukunft erfüllt sein wird (Sechs Gründe gegen Gehirndoping, PDF). Prägend waren vor allem zwei Erfahrungen in jenem Jahr: Erstens traf ich im Sommer 2006 die führenden Transhumanisten in Oxford und schockierte mich deren naive Technikgläubigkeit; zweitens hatte ich die verfügbaren pharmakologischen Studien zur mutmaßlichen Verbesserung der geistigen Leistungsfähigkeit von Gesunden gelesen und festgestellt, dass es für den Hype keine empirische Grundlage gibt (Cognitive Enhancement – Fakten und Mythen).

Ethik leicht gemacht

Bei dem neuen Artikel Joachim Retzbachs handelt es sich aber zum Glück um keine Neuauflage des Enhancement-Hypes, sondern um eine lesenswerte Zusammenfassung der Gehirndoping-Debatte in Gehirn&Geist von 2005 bis heute. Dabei überrascht mich vor allem, dass diejenigen, die wahrscheinlich vor Jahren in ihren Forschungsanträgen den Durchbruch prophezeit haben, noch immer an dieser Prophezeiung festhalten. Da äußert sich zum Beispiel Thorsten Galert, seinerzeit Leitautor des einschlägigen (und in den öffentlichen sowie fachlichen Medien einschlägig kritisierten) Memorandums Das optimierte Gehirn, zur ethischen Debatte:

Wenn überhaupt Argumente vorgebracht wurden, erfolgte meistens keine Reflexion darüber, dass man aus denselben Gründen auch sehr viele gesellschaftliche Praktiken ablehnen müsste, die bestens etabliert sind. Deshalb haben wir uns dazu entschieden, das Memorandum zu schreiben. (Thosten Galert in Gehirn&Geist 12/2012, S. 62f.)

Anstatt in ihrem Memorandum über die Haltbarkeit solcher Gründe – etwa die Warnung vor einer zunehmenden sozialen Ungleichheit – zu reflektieren, verschanzten sich die Autorinnen und Autoren stattdessen hinter dem etablierten Status quo:

Im Namen etwa der Freiheit, der Effizienz oder des historischen Gewachsenseins sozialer Strukturen akzeptieren wir nicht nur erhebliche Unterschiede im sozialen Status, im Einkommen und in den damit verbundenen individuellen Zukunftschancen, sondern auch die Weitergabe solcher Startvorteile an die eigenen Nachkommen. Eine exzellente Ausbildung in teuren privaten Schulen und Hochschulen schafft privilegierte Chancen für das künftige Berufsleben (…) Wenn der »Kauf« ungleicher Chancen durch eine Ausbildung in Salem und Harvard die Gerechtigkeit nicht verletzt, warum dann der Kauf analoger Effekte durch Neuro-Enhancement? (ebenda)

Das grundlegende Problem wurde ignoriert

Mit solchen Argumenten betreibt man keine Ethik, sondern drückt man sich vor unangenehmen Konsequenzen. Denn schon 2009 gab es eine lebendige Diskussion über das stets weitere Auseinanderdriften armer und reicher Menschen. Wer dieses „Wir“ sein soll, das diesen Kauf ungleicher Chancen angeblich akzeptiert, beantworten uns die Autorinnen und Autoren nicht. Wahrscheinlich sind sie es selbst, die von eben diesem Status quo profitieren. Dass jedoch satte 50% der deutschen Bevölkerung – weltweit gesehen sieht es noch drastischer aus – keinen Wohlstand vererben und auch ihren Kindern keine Elite-Ausbildung an privaten Einrichtungen kaufen können, weil sie schlicht wenig bis gar nichts besitzen, während die obersten 10% ganze 60% des Wohlstands besitzen (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung, 2011, S. 11), erwähnen sie mit keinem Wort.

Wieso sollte aber die benachteiligte Mehrheit der Gesellschaft dem sie benachteiligenden Status quo und einer Praxis, wie dem Gehirndoping, die sie weiter benachteiligen wird, zustimmen? Darauf wissen die Autorinnen und Autoren des Memorandums keine Antwort. Andere mögen bitte untersuchen, ob der Druck zur Anpassung „sozialadäquat“ ist, nicht die Forschergruppe, die drei Jahre lang Geld vom deutschen Bundesforschungsministerium erhalten hat, um die Ethik des Neuro-Enhancements zu untersuchen. Scheinbar sind manche Forscherinnen und Forscher nicht dazu in der Lage, die Bedingungen ihres eigenen Erfolgs infrage zu stellen.

Schnellkurs: So spielt man mit Zahlen

Die zweite Gruppe, die immer noch am Neuro-Hype festhält, ist die um Andreas Franke und Klaus Lieb an der Universität Mainz. Obwohl sie sich bisweilen differenziert und zurückhaltend zum Thema äußern, siehe etwa Liebs Buch Hirndoping: Warum wir nicht alles schlucken sollten, verstand diese es wie kaum eine andere in Deutschland, aus dem Mythos wissenschaftlichen Nutzen zu schlagen. Aus der (nicht-repräsentativen) Befragung von Schülerinnen und Schülern sowie Studierenden haben sie inzwischen, drei, vier, fünf, ich kann es nicht mehr überschauen, verschiedene Publikationen produziert. Aus den (nicht-repräsentativen) Daten von Studierenden der Medizin, Pharmazie und Wirtschaft in Mainz verallgemeinern sie erst einmal (methodisch unzulässigerweise) auf deutsche Studierende überhaupt.

Nachdem es keine wirksamen Substanzen gibt und auch die Zahlen zum Konsum eher enttäuschend sind und ganz und gar nicht zum Hype Neuro-Enhancement passen, zogen sie nämlich jüngst folgenden Schluss: „Die Bereitschaft unter deutschen Oberstufenschülern und Universitätsstudierenden zur Verwendung von Präparaten zur geistigen Leistungssteigerung ist hoch, wenn die Mittel sicher sind“ (Franke und Kollegen, 2012, S. 48; meine Übersetzung). Dabei hätte es gerade diese Forschergruppe sein können, die dem Hype ein für allemal ein Ende bereitet, kamen sie in ihrer Untersuchung doch zu dem Ergebnis, dass innerhalb des Jahres vor der Befragung gerade einmal kaum noch messbare 0,26% der Schülerinnen und Schüler sowie Studierenden zu verschreibungspflichtigen Substanzen griffen, um ihre geistige Leistungsfähigkeit zu steigern (Franke und Kollegen, 2011).

Studierende bevorzugen ein altes Naturprodukt

Stattdessen suchten sie nach Wegen, das Forschungsgebiet zu retten. Nun waren es also die 80%, die sichere Enhancement-Mittel zumindest hypothetisch konsumieren würden. Allerdings kam die repräsentative Befragung von 8000 deutschen Studierenden der HIS GmbH (PDF) zum gegenteiligen Ergebnis, dass nämlich für 71% der Konsum von Gehirndoping-Mitteln nicht infrage kommt und nur 17% ihn sich vorstellen könnten. Auf diese Untersuchung bezieht sich auch Retzbach in seinem Gehirn&Geist-Artikel, leider jedoch ohne der optimistischen Aussage von Franke und Kollegen die widersprechenden und wesentlich besser gesicherten Zahlen der HIS GmbH gegenüberzustellen.

Von den 5% Hirndopern gemäß dieser Studie betreiben dies übrigens nur 17%, also 1% der 8000 Befragten, häufig – und das Gehirndoping-Mittel, das am häufigsten angegeben wurde, war mit 23% Cannabis! Erst auf den folgenden Plätzen befanden sich Ritalin (18%), Betablocker (12%) und Amphetamin (9%). Das hätten die Enhancement-Forscher sich wohl nicht träumen lassen, dass die Studierenden keine Substanz aus dem Pharmalabor, sondern die Früchte der kultivierten Hanf-Pflanze bevorzugen – eben um Stress und Prüfungsangst abzubauen.

Hanf-Pflanze
Das hätten die akademischen Verfechter des Neuro-Enhancements wohl nicht gedacht: In der bisher solidesten deutschen Befragung von Studierenden zum Gehirndoping waren Cannabisprodukte das am häufigsten genannte Mittel.

Mein Vorschlag für die Zeit nach dem Mythos

Hiermit entpuppt sich nicht nur die Prophezeiung des pharmakologischen Durchbruchs, sondern auch der grenzenlose Leistungswunsch als Mythos. Vielmehr scheinen viele Menschen nach Wegen zu suchen, mit dem hohen Leistungsdruck und seinen unangenehmen Folgen umzugehen. Auch wenn die Forscher bisher nicht die geistige Leistungsfähigkeit von Gesunden aufputschen konnten, ist ihnen das zumindest mit ihren Publikationslisten erfolgreich gelungen. Vielleicht können wir jetzt endlich diesen Mythos ad acta legen und keine geistige Arbeitszeit mehr mit Phantomdebatten verschwenden, sondern uns stattdessen mit dem Weg zu einer gerechteren und den Fähigkeiten der Menschen besser entsprechenden Gesellschaft beschäftigen.

Weitere Literatur:

Literatur über alternative Lebenswege:

Fotos: Pillen © Harry Hautumm (El-Fisto); Hanf-Pflanze © Andrea Mertes, beide von Pixelio.de

Veröffentlicht von

www.schleim.info

Menschen-Bilder: Mensch, Gesellschaft und Wissenschaft Stephan Schleim blickt über den Tellerrand von Psychologie sowie Hirnforschung und diskutiert, was die Forschungsergebnisse eigentlich bedeuten, wie sich Gesellschaft und Wissenschaft zueinander verhalten. Stephan Schleim hat an den Universitäten Mainz und Frankfurt u.a. Philosophie, Informatik und Psychologie studiert (Magister Artium, 2005). Nach einem Praktikum am Max Planck-Institut für Hirnforschung und einem Forschungsbesuch am California Institute of Technology ging er an die Universitätskliniken Frankfurt und Bonn, wo er mit der funktionellen Magnetresonanztomographie moralische und juristische Entscheidungen untersuchte. Sein ausgeprägtes theoretisches und ethisches Interesse führte zu mehreren Publikationen im Bereich der Neurophilosophie und Neuroethik. Am Institut für Kognitionswissenschaft in Osnabrück wurde er 2009 mit seiner Doktorarbeit "Norms and the Brain" promiviert. Seit Oktober 2009 war er Forscher in der Abteilung für Theorie und Geschichte der Psychologie an der Universität Groningen, seit 2010 als Assistant Professor für Theorie und Geschichte der Psychologie. Vom Oktober 2012 bis März 2013 war er Professor für Neurophilosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Seit 2015 ist Stephan Schleim Associate Professor in Groningen. Seit 2005 ist Stephan Schleim auch als Wissenschaftsjournalist aktiv, veröffentlicht in verschiedenen deutschprachigen Medien mit Übersetzungen ins Italienische, Niederländische und Portugiesische. 2008 erschien sein erstes Buch "Gedankenlesen – Pionierarbeit der Hirnforschung", 2011 sein Buch "Die Neurogesellschaft – Wie die Hirnforschung Recht und Moral herausfordert."

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  1. Gerechtigkeit: Eine notwendige Polemik

    I.

    Wer dieses „Wir“ sein soll, das diesen Kauf ungleicher Chancen angeblich akzeptiert, beantworten uns die Autorinnen und Autoren nicht.

    Das ist dasselbe Wir, das als stiller Beobachter und geheimer Adressat eines jeden in der Öffentlichkeit aufgeführten Debattierclubs gemeint ist: Der Staat. Wer eine „ethische Debatte“ führt, der strebt in der Regel eine staatliche (Verbots)Gesetzgebung an.

    II. Wieviel Prozent vom Wohlstand sollen

    die obersten 10%

    denn gerechterweise besitzen dürfen? (Vorsicht Fangfrage!)

    III.

    Wieso sollte aber die benachteiligte Mehrheit der Gesellschaft dem sie benachteiligenden Status quo und einer Praxis, wie dem Gehirndoping, die sie weiter benachteiligen wird, zustimmen?

    Versuche, die benachteiligte Mehrheit nachhaltig davon zu überzeugen, dass sie – lassen Sie mich das Kind doch beim Namen nennen: – durch den und im Kapitalismus benachteiligt ist, scheitern irgendwie regelmäßig. Die wollen einfach nichts davon wissen.

    Ist es ethisch vertretbar, Leuten Dinge zu erzählen, die sie nicht wissen wollen? Oder ist es ethisch vertretbar, Partei für eine benachteiligte Mehrheit zu ergreifen, um deren Benachteiligung zu mildern, von der sie sich aber garnicht betroffen fühlt?

    Meine Antwort ist: Nein.

    Das weiß auch jede sozialdemokratische Partei. Deshalb – und das fehlt in Ihrem Artikel – muss etwas Höheres her, dem Gefahr droht, wenn der Missstand nicht beseitigt wird: Vertrauen in den Staat oder Wirtschaftswachstum werden normalerweise gern genommen.

  2. @Ano: soziale Gerechtigkeit

    ad I.) „Der Staat“ ist aber ein abstraktes Ganzes, das sich nicht als Träger individueller psychischer Eigenschaften eignet. Das können m.E. nur Menschen (und in begrenztem Maße bestimmte Tiere).

    ad II.) Es geht nicht nur um die obersten 10%, sondern um die Gesamtverteilung. Ein guter Wert scheint mir ein Gini-Koeffizient von 0,2, das Entspricht Schweden im Jahr 1985. Deutschland dürfte inzwischen über 0,3 liegen und nähert sich damit US-amerikanischen Verhältnissen (ca. 0,4 oder noch höher; vgl. die OECD-Zahlen von 2008).

    ad III.) Ihrer Diagnose kann ich nicht ganz zustimmen. Zum einen sind in Deutschland in den letzten zehn Jahren (m.E. in Reaktion auf große soziale Missstände) nun zwei neue Parteien entstanden, die bundesweit eine große Anzahl an Stimmen auf sich vereinigen könnten. Das macht zwar einerseits leider die Koalitionsbildung und das Regieren schwerer, setzt andererseits aber auch die (ehemaligen) Volksparteien unter Druck, sich wieder weniger um die Luxusinteressen mancher Lobbys, dafür aber mehr um das nötige Wohlbefinden der Mehrheit der Bevölkerung zu kümmern.

    Dass man sich mancherorts mehr darüber echauffiert, dass vielleicht der eine oder andere Hartz-IVer für eine Weile auf minimalen Gesellschaftskosten lebt, während lange Zeit hingenommen wurde, dass einige skrupellose Menschen selbst fürs Versagen Millionenabfindungen erhalten und Millionen in unverschuldeter Armut leben, die sich in vielen Fällen unverschuldet die nächsten Generationen fortsetzen wird, ist leider dem Egoismus und der Dummheit einiger Menschen geschuldet. Das ist eine psychische Variable, mit der wir rechnen müssen.

    Glauben Sie mir: Auch unabhängig von bestimmten persönlichen Motiven (ich kenne beide Welten, die der unteren und der oberen 50%, ganz gut) ist es für uns alle von Interesse, dass die Mehrheit der Menschen nicht ausgegrenzt wird. Dafür zu kämpfen, das scheint mir ein sinnvolles Lebensziel zu sein. Ob es einem die Menschen, für die man sich einsetzt, jemals danken, ist eine untergeordnete Frage.

  3. Skurrile Diskussion:justice vs.PipeDream

    Gehirndoping ist ein Hirngespinst aber dieses Luftschloss sollte mindestens gerecht unter allen sozialen Schichten verteilt werden. Um das geht es doch in diesem Beitrag. Oder besser gesagt ging es. Denn schon bevor sich Erfolge beim Gehirndoping einstellten wurde präventiv von den Ethikern, Philosophen und Psychologen die Frage gestellt ob Hirndoping nicht etwa den IQ-Gap in der Gesellschaft vergrössere und damit bereits vorhandene Ungerechtigkeiten zementiere. Das nenn ich Antizipation. Der Ethiker darf nicht zu spät kommen. Also nicht erst dann, wenn das Kind geboren ist. Er muss im Zweifelsfall die Geburt eines Monsters sogar verhindern. Zum Glück erfindet die Menschheit Dinge am Fliessband, dann haben die Ethiker immer etwas zu tun – immer eine Fehlentwicklung zu verhindern.

    Das war jetzt etwas zynisch, aber es trifft doch den Punkt.

    Typisch für die heutige Zeit finde ich auch das vorschnelle „Wird’s nie geben“. Aus den Misserfolgen beim Hirndoping in den letzten 10 Jahren kann man niemals schliessen, dass es so etwas wie Hirndoping nie geben wird oder gar nicht geben kann. So etwas schliesst nur jemand, der sich an Instant-Befriedigung gewöhnt ist. In Wissenschaft, Entwicklung und Technik gibt und gab es schon immer für jeden Bereich, jede Forschungs- und Entwicklungsphase unterschiedliche Geschwindigkeiten. Nur aus dem schnellen Erfolg und der raschen Verbreitung von Dampfmaschine, Automobil, Telefon und Internet darauf zu schliessen, das sei die Norm ist wirklich vorschnell. Der diesjährige Physiknobelpreisträger David Wineland, der über Jahrzehnte einzelnen Quanten Tricke beibrachte, aber immer noch (mit jetzt 68 Jahren) viele Jahrzehnte vom anvisierten Quantencomputer entfernt ist, sagte sehr weise: „Most science progresses very slowly“

    Ein gutes Beispiel für ein Gebiet, das trotz x-Mal wiederholten Ab- und Totschreibungen, jetzt deutliche Fortschritte macht und wo diese sogar im Alltag sichtbar werden, ist die Künstliche Intelligenz.

    Hier zeigt sich ein ähnliches Muster in der Argumentation der Gläubigen und Ungläubigen wie beim Gehirndoping. Schon kurz nach der „Geburt“ der Artificial Intelligence verkündeten mehrere Gründerfiguren, es sei nur eine Frage von Jahren, allenfalls von ein, zwei Jahrzehnten und eine intelligente, dem Menschen ebenbürtige Maschine werde von ihnen erschaffen. Doch nach anfänglichen Scheinerfolgen wie dem Programm „Eliza“, das bei vielen Probanden aufgrund einer simplen Gesprächstechnik als guter Psychologe und Psychiater durchging, kam dann nichts Gescheites nach, worauf die zahlreichen AI-Gegner das Gebiet schon vollständig abschrieben und ein paar AI-Antipoden sogar ihre Karrieren als Philosopen auf Anti-AI-Beweisen in stenger Analogie zu den historischen „Gottesbeweisen“ aufbauten, Beweisen in denen sie unter Aufwendung ihrer ganzen begriffsunterfütterten Raffinesse zeigten, dass es jetzt und auch in der Zukunft nie wirklich intelligente Maschine geben könne.
    Und heute fahren immerhin Automobile autonom durch die Landschaft, schreiben „Roboter“ Berichte über Sportereignisse, die von Menschen gelesen werden und schlägt ein Programm die besten Jeopardy Champions und beweist damit, dass es sogar vieldeutige, eigentlich nur von Menschen entschlüsselbare Rätsel lösen kann. Doch bis zu wirklich menschenähnlicher Intelligenz ist es selbst für heutige AI-Programme noch ein weiter Weg.
    Es gibt einige Parallelen zwischen AI-und Hirndoping-Debatte. So überschätzten die AI-Begründer ihre Fähigkeiten zur Nachbildung menschlicher Intelligenz unter anderem deshalb, weil sie gar nicht wussten welche Faktoren diese Intelligenz überhaupt ausmachen und wie komplex unser Denken und Fühlen ist. Ebensowenig wissen die Hirndoping-Gläubigen heute, welches die Schalter im Hirn sind, die es überhaupt anzukurbeln gilt, damit es besser arbeitet. Statt dessen stürzen sie sich aufs erst beste Pharmakon, das die Hirntätigkeit möglicherweise stimuliert.

    Es fehlt also schon an der richtigen Fragestellung. Doch gute Forschung beginnt meist mit guten Fragen. Gute Fragen kann aber nur jemand stellen, der schon einiges weiss. Wenn ein paar Schrotschüsse ins Dickicht eine kapitale Sau erlegen ist man noch kein guter Jäger, sondern bildet es sich vielleicht nur ein.
    Selber vermute ich, dass allein schon die Annahme eine Droge allein könne uns geistig anturnen, falsch ist. Schon eher könnte es Drogen geben, die bestimmte Komponenten des Denkens wie z.B. das Memorieren verbessern. Wenn es darum geht, dass aus einem Neugeborenen ein intellektuell möglichst potenter Erwachsener wird, braucht es vielleicht ein ganzes Entwicklungsprogramm und eingebettet in dieses Programm könnten auch Pharmaka eine Rolle spielen. Könnten. Wir wissen jetzt zuwenig darüber. Was aber nicht ausschliesst, dass wir später einmal viel mehr darüber wissen.

    Wenn man einmal erkannt hat, dass Gehirndoping schliesslich zu einer Komponente von Erziehung werden könnte, dann beginnt auch die Gerechtigkeitsdebatte auf einer anderen Ebene und man frägt sich dann wieder warum die einen -die Begünstigten -, die best mögliche Erziehung und die besten Lehrer ihrer Zeit zugeteilt erhalten und die andern nur gerade ihre ollen Eltern – oder nicht einmal das.

  4. Glaubwürdigkeitsproblem

    Die med. Forschung hat ein enormes Glaubwürdigkeitsproblem, wenn sich 70% ihrer Studien sowieso nicht reproduzieren lassen, über Auswirkungen und Nebenwirkungen von Mitteln für das Denkorgan möcht ich dann erst garnichts hören. Viagra gibts afaik seit 15 Jahren, und jetzt ist man schon soweit das man einzelne kogn. Fähigkeiten enhancen kann?! Ist selbst die Wissenschaft nicht vor inflationären Blasen gefeit? Gruselig…

  5. Leistungsgedanke

    „Hiermit entpuppt sich nicht nur die Prophezeiung des pharmakologischen Durchbruchs, sondern auch der grenzenlose Leistungswunsch als Mythos. Vielmehr scheinen ……..dem Weg zu einer gerechteren und den Fähigkeiten der Menschen besser entsprechenden Gesellschaft beschäftigen.“

    Dieser letzte Absatz bringt es auf den Punkt.
    Es ist gar nicht erstrebenswert , die Leistung um jeden Preis zu steigern , vielmehr muß dieser reine Leistungsgedanke dringend in Frage gestellt werden.
    Außerdem sagt mir mein Instinkt , daß gedopte Leistung auf Dauer weniger nachhaltig sein dürfte als natürliche Leistungsfähigkeit.

    An dieser Hirndoping-Sache läßt sich eindrucksvoll nachvollziehen , wie sehr auch die Wissenschaft beeinflußbar ist vom aktuellen Zeitgeist , in allen Bereichen.

    Es hat noch nie eine Substanz , eine Droge gegeben , die nicht längerfristig Auswirkungen gehabt hätte auf die körperliche und psychische Verfassung des Einzelnen und die wird es auch in Zukunft nicht geben , auch wenn sie für Viele ein schöner Traum sein mag.

    In Ihrem Kommentar schreiben Sie:

    „Dass man sich mancherorts mehr darüber echauffiert, dass vielleicht der eine oder andere Hartz-IVer für eine Weile auf minimalen Gesellschaftskosten lebt, während lange Zeit hingenommen wurde, dass einige skrupellose Menschen selbst fürs Versagen Millionenabfindungen erhalten und Millionen in unverschuldeter Armut leben, die sich in vielen Fällen unverschuldet die nächsten Generationen fortsetzen wird, ist leider dem Egoismus und der Dummheit einiger Menschen geschuldet. Das ist eine psychische Variable, mit der wir rechnen müssen.“

    Stimme voll und ganz zu , die paar , die sich einrichten , stehen in keinem Verhältnis zu den Abgreifern in vielen anderen Bereichen , es ist eine Masche , auf die Schwächsten zu zeigen , um von sich selber abzulenken , uralte Strategie.

  6. kleine Nachfrage

    > Weder die Versprechungen zur Wirksamkeit, noch die Aussagen über die Häufigkeit des Gehirndopings ließen sich bisher wissenschaftlich bestätigen.

    Wurde jemals versucht die Wirksamkeit des „Gehirndopings“ bei Spielern nachzuweisen? – Die bringen punktuell geistige Höchstleistungen und wären somit vermutlich geeignte Probanden.

    MFG
    Dr. W

  7. @DH: Immer mehr leisten

    Das ist tatsächliche eine der oft behaupteten, meiner Meinung nach aber so gut wie nie begründeten Grundvoraussetzungen der Enhancement-Diskussion: Dass es ein Gut ist, immer mehr leisten zu wollen und zu können; und dass Menschen dies auch immer schon tun wollten.

    Ich habe einmal einen Beitrag für Telepolis (Enhancement: Wer will immer mehr leisten?) geschrieben, in dem es hauptsächlich um diesen Aspekt geht.

    Nach ein paar Jahren Finanzkrise würden manche jetzt vielleicht zustimmen, dass es Beispielsweise kein Gut ist, wenn eine Finanzelite sich immer neue (und undurchschaubarere) Produkte ausdenkt, was auch eine Form von „immer mehr Leisten“ ist. Um über Zwecke nachzudenken, braucht man aber kein Gehirndoping, sondern etwas Kreativität, Mut und Zeit.

    In diesem Artikel verwies ich auch auf einen Diskussionsbeitrag Isabella Heusers, der Direktorin der psychiatrischen Klinik der Charité in Berlin, in dem sie behauptete:

    Wir beklagen immer unsere Leistungsgesellschaft, in der wir leben. Ich würde gerne mal eine Gesellschaft wissen, im Verlauf unserer Geschichte, der Menschheitsgeschichte, die nicht eine Leistungsgesellschaft war. Die Menschheit hat immer etwas leisten müssen und alle Menschen haben immer danach gestrebt, sich zu verbessern.

    Das halte ich zum einen für historisch unplausibel, Menschen wollten manchmal auch einfach nur in Frieden leben, genug haben, um gegen Krankheit, Hunger und Natur gewappnet zu sein, von ihrem Umfeld anerkannt werden, und zum anderen lassen sich All-Aussagen schon durch ein Gegenbeispiel widerlegen.

    Ich finde es verdächtig, dass es vor allem erfolgreiche Karrieremenschen sind, die so etwas sagen. Um an die Spitze eines Unternehmens beziehungsweise einer universitären Klinik (die Grenzen verschwimmen ja zunehmend) zu gelangen, muss man sich vielleicht immer wieder einreden, dass es im Leben nur um Spitzenleistung geht, sonst hält man das womöglich gar nicht aus. Menschen, bei denen dies oder ähnliche Formen der Auto-Suggestion nicht funktionieren, die brennen dann vielleicht einfach aus. Man nennt das neuerdings Burnout.

    Dazu hatte ich damals schon den Gastbeitrag eines Burnout-Beraters hier bei Menschen-Bilder (Neuro-Enhancement: Vom Enhancement zum Burnout?), den ich selbst hin und wieder mal lese.

  8. @W: Spieler

    Es kommt darauf an, was man hier als Wirksamkeit oder Höchstleistung versteht.

    Es ist kein Geheimnis, dass einem Stimulanzien (das Spektrum reicht vom Koffein zum Kokain) ein Gefühl gesteigerter Motivation, Energie und Wachheit geben können. Wer sich vor der Deadline eine Kanne Kaffee kocht und sich dazu zwingt, die Arbeit fertig zu machen, kann das auf ganz legale Weise erleben.

    Man kann damit (ebenso wie durch nicht-pharmakologische Methoden) die Grenze der Ermüdung verschieben; schlauer wird man dadurch aber nicht. Überhaupt diskutieren inzwischen auch mehr Forscher, dass Methylphenidat, der immer noch sehr beliebte Wirkstoff zur Behandlung von „Aufmerksamkeitsstörungen“, primär über die Steigerung der Motivation zur Leistung funktioniert.

    In dem (leider nicht frei verfügbaren) Beitrag in „Psychologie Heute“ habe ich darüber mehr geschrieben.

  9. Enhancement & Burnout

    Weil es so schön passt, hier ein Zitat aus dem Beitrag des Burnout-Beraters Frank Berndt:

    Als Coach und Trainer für das mittlere und obere Management fördere ich die Potenzialentfaltung und Leistungsoptimierung. Gleichzeitig stehe ich aber – so widersprüchlich es auch klingen mag – der „Höher-schneller-weiter-Maxime“ sehr kritisch gegenüber. Dies mag daran liegen, dass ich immer häufiger Führungskräften begegne, die an den ständig steigenden Erwartungen des Umfelds und ihrem eigenen Anspruch zerbrechen. Das Neuro-Enhancement ist aus meiner Sicht lediglich eine weitere Stufe in einem Wettlauf, den der Mensch auf lange Sicht nur verlieren kann.

  10. Wenn’s um Geld geht

    Mein Eindruck ist, es geht langfristig nicht wirklich um Neuro-Enhancement sondern um Performance-Enhancement.

    Wissenschaft ist teuer und zeitgemäß und bemüht sich aktuell immens, Teil der Unterhaltungskultur zu werden. Da muß auch schon mal gut und dreist behauptet werden, und wer weiß, ob der Mythos insofern nicht doch noch seine Bestätigung findet.

  11. Mythos

    @ Stephan Schleim

    Was den Burnout-Berater angeht , sagt der schon viel Richtiges , aber er setzt es ein , um die vorhandene Systematik zu optimieren und arbeitet damit letztlich doch wieder auf genau das hin , was er kritisiert.

    „Ich finde es verdächtig, dass es vor allem erfolgreiche Karrieremenschen sind, die so etwas sagen.“

    Allerdings. Darüberhinaus laufen in unseren „Eliten“ (und auch in den „erweiterten Eliten“ ) haufenweise Leute rum , die ihre Positionen vor allem durch „Begleitfaktoren“ und nicht primär durch Leistung erlangt haben , die aber ein Interesse daran haben , der Bevölkerung den Mythos von der Leistungsgesellschaft aufs Auge zu drücken , weil sie davon profitieren.

    Interessant der Hinweis (im Link) auf die nichtendenwollende Gier nach der immer höheren Position , selbst wenn jemand schon an der Spitze steht, das erklärt Einiges…

  12. Noch einmal

    … die klare Frage: ‚Wurde jemals versucht die Wirksamkeit des „Gehirndopings“ bei Spielern nachzuweisen?‘

    (Nehmen Sie bspw. irgendwelche Online-Gamer; die sind auch recht gut messbar in ihren Leistungen. Bedenken Sie bitte dabei, dass heutzutage fast alle geistig anspruchsvollen Spiele auch im Web gespielt werden.)

    MFG
    Dr. W

  13. @W: Selbst ist der Mann

    Sie wissen doch, wie man eine Suchmaschine benutzt, oder?

    In einigen Studien wurden Versuchspersonen in einem Flugsimulator getestet. Dass man erforscht, wie Stimulanzien das Abschneiden in richtigen Computerspielen verändert, ist mir jedoch nicht bekannt und das halte ich auch für wenig wahrscheinlich.

    Mehr mit den Blick auf Spielsucht sowie Aufmerksamkeitsstörungen und Stimulanzien gibt es diese beiden Untersuchungen, The effect of methylphenidate on Internet video game play in children with attention-deficit/hyperactivity disorder und Playing Video Games While Using or Feeling the Effects of Substances: Associations with Substance Use Problems.

  14. „Suchen Sie doch selbst!“

    … ist nicht ganz das, was üblicherweise als Antwort erwartet wird.

    Ansonsten blieben Sie substanziell und verwiesen auf Flugsimulatoren (aus allgemeiner Sicht sind das auch Spiele) und darauf, dass sich bisher wenig tat, was die dbzgl. Forschung betrifft.

    Um kurz zu wiederholen: Es gibt im Gamerbereich den Gebrauch oder Missbrauch von Drogen, was als Neuro-Enhancement verstanden werden kann.

    Für diesen Ge- oder Missbrauch kann es verschiedene Gründe geben, die nicht unbedingt eine angestrebte Leistungssteigerung berühren [1], korrekt!, der Schreiber dieser Zeilen hat aber Nachrichten, die eben das oben beschriebene Enhancement als wahrscheinliches Motiv des Ge- oder Missbrauchs erscheinen lassen.

    Hier böte sich eine Beforschung an, der Aufwand wäre nicht so-o groß und die Messbarkeit ist vglw. gut gegeben.

    MFG + schöne Woche noch!
    Dr. W [2]

    [1] wenn es denn stimmen soll: THC soll zumindest die Sitzungslängen pos. steuern, also verlängern helfen
    [2] der kein „User“ ist und ohnehin im OL-Gaming mehr Beobachter

  15. @W: Game-Enhancement

    Es ging hier nicht um das Thema Computerspieler und da mir keine Studien bekannt sind, empfahl ich Ihnen einen eigenen Griff zur Suchmaschine.

    Ich wüsste auch gar nicht, was man wissenschaftlich Besonderes lernen sollte, wenn man Spieler untersucht, die sich mit Stimulanzien aufputschen.

    Ja, natürlich wird das irgendwie das Verhalten beeinflussen. Das tun Essen, Bewegung und ein Hammerschlag auf den Kopf auch. Was soll aber denn die Frage sein, die durch so ein Experiment untersucht wird?

    Wer sich in einem teambasierten Shooting-Game aufputscht, der könnte dann übrigens auch zu schnell abdrücken, wenn jemand aus dem eigenen Team vor der Flinte steht: Manche der Mittel erhöhen nämlich die Impulsivität.


  16. Ich wüsste auch gar nicht, was man wissenschaftlich Besonderes lernen sollte, wenn man Spieler untersucht, die sich mit Stimulanzien aufputschen.

    Genau diese Aussage wollte der Schreiber dieser Zeilen einmal von Ihnen bekommen.

    Und es geht hier auch weniger um Shooter, sondern um Strategiespiele, die Ihnen teilweise als Brett- oder Kartenspiele bekannt sind, die teilweise wie bspw. Starcraft (da gibt es Profiligen, da geht es um Geld, das wird in einigen Gesellschaften televisionär bearbeitet – was aber auch für die ehemaligen Brett- und Kartenspiele gelten kann) nur „in IT“ bereit stehen…

    MFG
    Dr. W

  17. @Stephan Schleim

    Punkt I. dreht sich um die Frage, wer mit „Wir“ gemeint ist in dem Satz „[Wir] akzeptieren […] nicht nur erhebliche Unterschiede im sozialen Status, im Einkommen und in den damit verbundenen individuellen Zukunftschancen, sondern auch die Weitergabe solcher Startvorteile an die eigenen Nachkommen.“ Meine Antwort war: Der Staat.

    [Zum Inhalt nur so viel: Wenn man unter „erheblichen Unterschieden im sozialen Status“ etwas Negatives und Beseitigenswertes versteht, ist das Argument keines, denn es fordert neue Mittel als zulässig anzusehen, die weiter in Richtung dessen wirken sollen, dessen Beseitigung man eigentlich will. Wenn man „erhebliche Unterschiede im sozialen Status“ hingegen nicht negativ bewertet, spricht das zumindest nicht gegen den Einsatz dieser Mittel, aber auch nicht dafür.

    Was genau mit „zunehmender soziale Ungleichheit“ gemeint ist mir übrigens nicht ganz klar.]

    ad I.) „Der Staat“ ist aber ein abstraktes Ganzes, das sich nicht als Träger individueller psychischer Eigenschaften eignet. Das können m.E. nur Menschen (und in begrenztem Maße bestimmte Tiere).

    Der Staat wird konstituiert durch die Menschen, die für ihn arbeiten. Der Gang in den öffentlichen Raum zielt auf die Einwirkung auf diejenigen Menschen, die in des Staates Namen normative Akte erlassen können.

    In Punkt II. stellte ich die Frage, was denn die oberen 10 % gerechterweise besitzen dürfen.

    ad II.) Es geht nicht nur um die obersten 10%, sondern um die Gesamtverteilung. Ein guter Wert scheint mir ein Gini-Koeffizient von 0,2, das Entspricht Schweden im Jahr 1985. Deutschland dürfte inzwischen über 0,3 liegen und nähert sich damit US-amerikanischen Verhältnissen (ca. 0,4 oder noch höher; vgl. die OECD-Zahlen von 2008).

    „Gut“ für was? Und „Gut“ gemessen an welchem Maßstab? Das sind Fragen, die auch in Zahlenwerken wie [1] nicht beantwortet werden.

    III.

    Dass man sich mancherorts …

    Wo genau und wer?

    … mehr darüber echauffiert, dass vielleicht der eine oder andere Hartz-IVer für eine Weile auf minimalen Gesellschaftskosten lebt, während lange Zeit hingenommen wurde, dass einige skrupellose Menschen selbst fürs Versagen Millionenabfindungen erhalten

    Zu behaupten, ein Verhalten sei hingenommen worden, kann man doch nur dann, wenn das Verhalten auch hätte unterbunden werden können. Im Rahmen der Vertragsfreiheit abgeschlossene Vereinbarungen kann aber nur der Staat unterbinden. Damit bestätigt sich einmal mehr das, was ich am Anfang geschrieben habe: Dass sich solche Apelle stets an den Staat richten. (etwa im Gegensatz zu Appellen die zu einem Generalstreik oder zum gemeinsamen Musizieren aufrufen).

    und Millionen in unverschuldeter Armut leben, die sich in vielen Fällen unverschuldet die nächsten Generationen fortsetzen wird, ist leider dem Egoismus und der Dummheit einiger Menschen geschuldet. Das ist eine psychische Variable, mit der wir rechnen müssen.

    Was haben die einen mit den anderen gemein abgesehen von der Tatsache, das die Zuwendungen in derselben Währung (€) gezahlt werden?

    [1] http://www.bertelsmann-stiftung.de/bst/de/media/xcms_bst_dms_33013_33014_2.pdf

  18. @W: Praxis vs. Wissenschaft

    Das mag ja sein, dass man mit Gamen inzwischen viel Geld verdienen kann – dafür wurde ich wohl leider etwas zu früh geboren – aber die Verbesserung dieser Leistung ist dann eben eine praktische Anwendung wissenschaftlichen Wissens, für die Wissenschaft selbst aber von nachrangiger Bedeutung.

    Mehr habe ich hier nicht behauptet und, wie gesagt, geht es hier nicht um das Thema Gamen (genauso wenig wie es um Hochleistungssport ging).

  19. @Ano Nym: Umverteilung

    An wem die große Umverteilung der letzten 30 Jahre vorbei gegangen ist, bei dem sind die Aussichten gering, ihn selbst mit den besten Argumenten zu überzeugen.

    Wenn Sie das Thema dennoch interessiert, dann werfen Sie doch einmal einen Blick z.B. in dieses neuere Sachbuch, Irrweg Grundeinkommen.

  20. Neuro Enhancement

    KA, was Sie genau unter Neuro Enhancement verstehen, der Schreiber dieser Zeilen ist im Verständnis nah an dieser Umgrenzung: ‚Unter pharmakologischem Neuro-Enhancement versteht man die Einnahme von psychoaktiven Substanzen aller Art mit dem Ziel der geistigen Leistungssteigerung.‘ (Wikipedia)

    Und geistige Leistung wird punktuell eben sehr stark bei den Spielern gebracht. Eventuell dort nachgewiesene Leistungssteigerungen durch NE ließen sich aus Sicht des Schreibers dieser Zeilen verallgemeinern.

    MFG
    Dr. W (der sich nun ausklinkt und noch ein schönes Wochenende wünscht, tanzen Sie gerne ein wenig 🙂

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