Etablierte Wissenschaftsblogs

Plenum in Deidesheim 2009

Welche Funktion hat das Bloggen über Wissenschaft? Steht es in Konkurrenz zum Wissenschaftsjournalismus? Werden bloggende Wissenschaftler von ihren Kollegen anerkannt oder diskriminiert? Über diese Fragen diskutierten an diesem Wochenende vierzig Autoren der SciLogs. Das gemeinsame Ziel war, eine hohe Qualität wissenschaftlicher Blogs zu gewährleisten und den „Geist von Deidesheim“ wiederauferstehen zu lassen.

Bereits im März des Vorjahrs hatten sich in dem für seien Weinbau bekannten Deidesheim in der Pfalz Blogger getroffen, welche für die damals kaum ein halbes Jahr jungen SciLogs des Spektrum Verlags schrieben. Einerseits waren viele Teilnehmer fasziniert gewesen, Teil einer neuen Bewegung zu sein; andererseits war es vielen ein Rätsel geblieben, ob das Projekt der Wissenschaftsblogs erfolgreich wäre. Das heißt, ob Sie, die Leser, die Online-Berichte über Wissenschaft nachfragen würden. Niemand hatte so recht gewusst, wohin die Reise gehen mochte. Das hatte nicht nur für die unerfahrenen Blogger, sondern auch für die gestandenen Wissenschaftsredakteure gegolten. So war es kaum verwunderlich gewesen, dass bis hin zur Sinnfrage, warum überhaupt gebloggt würde, viele grundlegende Themen angesprochen worden waren. Am Ende des Treffens waren viele aber nicht nur mit einer hohen Motivation, sondern auch gespannt nachhause gefahren: Wie würden sich die SciLogs weiter entwickeln? Ob zur Geburt dieses „Geists von Deidesheim“ auch der regionale Weingeist beigetragen hatte, gilt bis heute unter führenden Psychologen als umstritten.

Inzwischen sind mehr als 2.000 Beiträge mit über 14.000 Kommentaren in den SciLogs veröffentlicht und kommen monatlich 135.000 Seitenabrufe zustande.

Warum gebloggt würde, darauf hatten auf dem diesjährigen Treffen die meisten ihre eigene Antwort gefunden. Schließlich konnte man auf mehr als einjährige Erfahrungen zurückblicken, hatte man selbst Erfolge und Misserfolge, Phasen der Kreativität und Einfallslosigkeit, spannende Diskussionen und sinnlose Wortklauberei erlebt und überwunden – oder waren manche gar einen „kleinen Tod“ gestorben, wenn ihre Beiträge aus dem Fokus der Aufmerksamkeit verschwunden waren. Wer durchhielt, wurde aber belohnt: Aus den ursprünglich neun Blogs, die im Oktober 2007 an den Start gegangen waren, hatten sich die vier eigenständigen Portale der SciLogs – Brainlogs, Chronologs, Kosmologs und Wissenslogs – mit nunmehr 64 Blogs herausgebildet. Auf 2.000 Beiträge kamen inzwischen 14.000 Kommentare. Hatte man im Januar 2008 noch 70.000 Seitenabrufe verzeichnet, waren es im März dieses Jahres schon 135.000. Auf diese Zahlen ließ sich guten Gewissens anstoßen – natürlich mit Deidesheimer Weißwein.

Joachim Müller-Jung als Gast bei den SciLoggernMit einem grundlegenden Vortrag über Wissenschaftsblogs und Wissenschaftsjournalismus wurden die Teilnehmer gleich am Anfang des Treffens nachdenklich gestimmt. Joachim Müller-Jung, Ressortleiter Wissenschaft bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, sprach nämlich offen über die unterschiedlichen Kulturen von Journalismus und Blogs. Auch wenn inzwischen immer mehr Wissenschaftsjournalisten in Recherche oder in der Form eigener Beiträge von dem neuen Medium gebrauch machten, gebe es immer noch vorbehalte. Eine Frage, mit der sich beide Lager beschäftigen müssten, sei die der Finanzierung. Gerade im Print- und Online-Bereich etablierter Verlage sei es in den letzten Monaten zu erheblichen Verlusten im Anzeigenmarkt gekommen. In den USA sei diese Entwicklung so gravierend, dass der Fernsehsender CNN oder die Tageszeitung Boston Globe ihre Wissenschaftsredaktionen kurzerhand geschlossen hätten. Das Ressort Wissenschaft sei daher am ehesten von Gewinneinbußen betroffen. Ein tragfähiges Geschäftsmodell für Online-Beiträge zu entwickeln, ist dabei auch im Interesse der Blogger – selbst wenn viele von ihnen ihr Auskommen anders sichern und eher nebenbei im Internet schreiben.

Wenn die Wissenschaft am Leben bleiben Will, dann muss sie Wissenschaftler akzeptieren, die bloggen. (Joachim Müller-Jung)

Doch auch abseits vom Gedanken der Finanzierung stünden bloggende Wissenschaftler vor einem Problem: Wenn sie sich stark um die Kommunikation mit der Öffentlichkeit bemühten, könnten sie von Kollegen für Inkompetent gehalten werden. Die Vorstellung des Bloggers lasse sich kaum mit dem verbreiteten Bild des Wissenschaftlers vereinbaren, der seine ganze Zeit der Forschung widme. Wer am Computer sitze und für die Allgemeinheit schreibe, der würde aber gleichzeitig nicht im Labor stehen und forschen können. Müller-Jung hielt dem entgegen, dass die Wissenschaft die Öffentlichkeit brauche: „Wenn die Wissenschaft am Leben bleiben Will, dann muss sie Wissenschaftler akzeptieren, die bloggen.“ Die Beispiele von Klima-, Stammzell- und Genforschung hätten auf ein Vertrauensproblem in der Öffentlichkeit hingewiesen. Um dieses zu überwinden, sollten sich mehr Wissenschaftler um die Kommunikation mit den anderen Teilen der Gesellschaft bemühen. Für diesen Zweck wäre es hilfreich, wenn man die Öffentlichkeitsarbeit solcher Wissenschaftler belohnt: Beispielsweise könnten Universitäten und andere Forschungseinrichtungen bei zukünftigen Personalfragen auf die Medienkompetenz eines Wissenschaftler achten. Für das öffentliche Image wäre das sicher eine gute Sache.

Auf dem zweiten Treffen in Deidesheim wurde aber nicht nur diskutiert und gefeiert, sondern auch an Verbesserungen der SciLogs gearbeitet. Dabei wurden Ideen entwickelt, die Beiträge in Zukunft noch interessanter zu gestalten und besser mit den anderen Blogs und Blogportalen zu vernetzen. Die Ergebnisse will ich hier nicht verraten. Nur so viel sei gesagt: Auch in Zukunft werden die Blogger und die Redaktion des Spektrum Verlags viele Überraschungen für Sie haben; es wird sich also lohnen, den Portalen hin und wieder einen Besuch abzustatten.

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www.schleim.info

Menschen-Bilder: Mensch, Gesellschaft und Wissenschaft Stephan Schleim blickt über den Tellerrand von Psychologie sowie Hirnforschung und diskutiert, was die Forschungsergebnisse eigentlich bedeuten, wie sich Gesellschaft und Wissenschaft zueinander verhalten. Stephan Schleim hat an den Universitäten Mainz und Frankfurt u.a. Philosophie, Informatik und Psychologie studiert (Magister Artium, 2005). Nach einem Praktikum am Max Planck-Institut für Hirnforschung und einem Forschungsbesuch am California Institute of Technology ging er an die Universitätskliniken Frankfurt und Bonn, wo er mit der funktionellen Magnetresonanztomographie moralische und juristische Entscheidungen untersuchte. Sein ausgeprägtes theoretisches und ethisches Interesse führte zu mehreren Publikationen im Bereich der Neurophilosophie und Neuroethik. Am Institut für Kognitionswissenschaft in Osnabrück wurde er 2009 mit seiner Doktorarbeit "Norms and the Brain" promiviert. Seit Oktober 2009 war er Forscher in der Abteilung für Theorie und Geschichte der Psychologie an der Universität Groningen, seit 2010 als Assistant Professor für Theorie und Geschichte der Psychologie. Vom Oktober 2012 bis März 2013 war er Professor für Neurophilosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Seit 2015 ist Stephan Schleim Associate Professor in Groningen. Seit 2005 ist Stephan Schleim auch als Wissenschaftsjournalist aktiv, veröffentlicht in verschiedenen deutschprachigen Medien mit Übersetzungen ins Italienische, Niederländische und Portugiesische. 2008 erschien sein erstes Buch "Gedankenlesen – Pionierarbeit der Hirnforschung", 2011 sein Buch "Die Neurogesellschaft – Wie die Hirnforschung Recht und Moral herausfordert."

5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Kleine Korrektur

    Die 135 000 Seitenaufrufe sind nicht vom März, sondern vom Februar diesen Jahres. Die von März kommen ja erst noch.

  2. Corrigenda

    Danke, Martin, für deine Klarstellungen! Die Grafik von Richard fand ich nicht so ganz deutlich — das ist bei Excel-Charts leider oft so, wenn die Skalenbeschriftungen und Skalenmarkierungen jeweils gegeneinander verschoben sind. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass Richard auch „März 2009“ auf der Folie hatte — vielleicht war das eine Hochrechnung?

    Und ich hoffe, dass Deutschland in vielerlei Dingen nicht amerikanischen Trends folgt! Stellenabbau ist dafür nur ein Beispiel. 🙂

  3. So, ich bin gerade von ProChrist zurück und nun schaue ich noch etwas nach den Blogs.

    Klar, es heißt natürlich „dieser Jahres“. 😀

    Nehmen wir mal an, auf der Grafik stand wirklich März. Die Zahlen wurden am 28. präsentiert, waren damit vielleicht vom 27. und der März ist ja noch nicht fertig. Die Zahlen wären so oder so falsch (ich will jetzt auch mal ganz genau sein). Und bedenke der Montag nach Deidesheim, der bringt bestimmt noch mal so 100 000 Abrufe. Mindestens! 😉

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