Kennen Sie Einstein?

Kennen Sie Einstein? Vielleicht der bedeutendste, sicher aber der berühmteste Physiker des 20. Jahrhunderts? Natürlich kennen Sie den. Einstein ist Popstar, das Bild mit der herausgestreckten Zunge ist eine Ikone. Einstein wird zu allem und jedem zitiert – siehe

Do not worry about your difficulties in mathematics. I can assure you that mine are still greater!

 (aus einem Brief vom 7. January 1943 an eine Schülerin) und

The most powerful force in the universe is compound interest.

(klingt gut, aber nicht authentisch – laut Auskunft vom Einstein Papers Project, Caltech). Einstein ist der berühmteste Physiker des 20. Jahrhunderts, und daran werden die groß angelegten Feierlichkeiten zum 150. Geburtstag von Max Planck (am 23. April) so schnell nichts ändern.

Kennen Sie Grothendieck? Alexander Grothendieck, geboren am 28. März 1928 in Berlin? Er war vermutlich der bedeutendste Mathematiker des 20. Jahrhunderts! Oder versuchen Sie, mich von einem "Gegenkandidaten" zu überzeugen? Grothendieck war/ist ein mathematischer Gigant, hat mit bloßen Händen die Grundlagen der modernen algebraischen Geometrie gelegt, ist bewundert und ausgezeichnet worden, unter anderem 1966 mit der Fields-Medaille, dem "Nobelpreis der Mathematiker". Seit Anfang der 70er Jahre ist er schrittweise  ausgestiegen – lebt heute (vermutlich) völlig zurückgezogen und isoliert irgendwo in Südfrankreich. In der Öffentlichkeit ist der Name kaum bekannt, Grothendieck ist sicher kein "Popstar". In der aktuellen Zeit portraitiert ihn Winfried Scharlau, selbst ein renommierter Mathematiker, und Romanautor ("I megali istoria – die große Geschichte" ist ausgesprochen lesenswert!), der seit Jahren an einer groß-angelegten Grothendieck-Biographie arbeitet. Einstein kennen Sie, den Namen Grothendieck sollten Sie auch nicht vergessen. Grothendieck ist ein ganz Großer. Grothendieck hat heute seinen 80. Geburtstag. Ich nehme nicht an, dass er ihn feiert. Happy 80. Birthday, Professor Grothendieck!

Veröffentlicht von

Professor für Mathematik an der Freien Universität Berlin, Leiter des “Medienbüros” der Deutschen Mathematiker-Vereinigung, Aktivist, Kommunikator, Sekttrinker, Gelegenheitsblogger, Kolumnist und Buch-Autor: "Darf ich Zahlen?" und "Mathematik - Das ist doch keine Kunst!".

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Warum er sich zurückgezogen hat?

    Das hat sicher mehrere Gründe. Scharlau nennt einige (etwa ein Eklat darüber, dass ein kleiner Anteil der Mittel des IHES in Paris vom Militär stammten; Überforderung durch eine gigantische, letztlich nicht abschließbare Aufgabe), und deutet weitere an (sicher auch: psychische Probleme). Ich empfehle den Scharlau-Aufsatz in der ZEIT, aber auch die anderen Materialen auf der Scharlau-Homepage, die ich ja verlinkt habe.

  2. Kennen Sie Einsteins Kosmos?

    Das ist eine Rubrik in den KOSMOlogs, die ich hauptamtlich mit Inhalt befülle. 😉

    Ich habe aber auch zwei inhaltliche Kommentare:
    1) Sicher eignet sich nicht jeder Wissenschaftler zum „Popstar“. Einstein ist eine berühmte Ausnahme.

    Wie steht es denn mit Pythagoras, Euklid, Gauß, Leibniz, Riemann? Waren sie „Popstars der Mathematik“ oder „nur berühmte Mathematiker“?

    2) Ein Bekenntnis: Mir sagte der Name Grothendieck auch nichts – ich bin Physiker. Wenn ich mir Grothendiecks Leben und Werk so betrachte, sagen mir auch nur wenige Begriffe etwas.

    Ich erkenne wieder einmal: Es gibt doch viel zu lernen da draußen. Hoffentlich erfährt Grothendiecks Werk genug Transparenz und Aufmerksamkeit im Jahr der Mathematik.

    Gruß aus der KOSMOlogs-Ecke,
    Andreas Müller

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