Biologischer Datenschutz – Der #31c3 für Bio-Hacker

Es ist jetzt ein bisschen länger her, aber ich möchte hier noch über meine Erlebnisse auf dem 31c3 bloggen. Der 31c3 – auch Chaos Communication Congress – ist ein Congress des Chaos Computer Clubs und findet jährlich zwischen den Jahren statt. CCC – sind das nicht diese Hacker, die dem Schäuble den Fingerabdruck geklaut haben? Ja genau! Und was hat das jetzt mit Biologie zu tun? VIEL!

Fangen wir doch gleich mal bei Herrn Schäuble an. Ich habe einst Kurse in Forensik belegt und dabei auch Fingerabdrücke genommen. Jetzt wo wir wissen wie einfach es ist, Fingerabdrücke zu „klauen“, sogar nur mit einer hochauflösenden Kamera, wie wollen wir eigentlich wissen, dass die Fingerabdrücke eines Tatorts auch zu der Person gehören? Ein Handschuhe mit künstlichen Fingerabdrücken könnte bei der Tat getragen worden sein. Man muss nur daran denken, die Handschuhe immer wieder gut einzufetten.

Das ist schon gruselig. Aber es geht noch schlimmer. Mittlerweile gibt es Genomprojekte, bei denen das gesamte Genom einer Gruppe analysiert wird. Diese Daten müssen unbedingt verschlüsselt und anonymisiert gespeichert werden. Und am besten unzugänglich und unhackbar – also möglichst auf einer fernab von Internet hermetisch gepanzerten Festplatte. Was an dem Genom so interessant ist? An ihr ließe sich nicht nur das Risiko für Krankheiten berechnen – wofür Versicherungen wohl ein Heiden Geld ausgeben würden – theoretisch können wir irgendwann das Aussehen einer Person bestimmen. Methoden um das Geschlecht und die Haut- und Augenfarbe zu bestimmen existieren bereits. Je nach Größe der Gruppe kann einem das bereits viel sagen. Wird das Genom noch dazu mit Namen oder Orten versehen reicht das aus um mal eben den biologischen Vater zu finden.

Mir kommt auch ein bisschen die Zukunftsvision, dass wir irgendwann das gesamte Erbgut nachsynthetisieren könnten. Wir haben bereits künstliche Chromosomen für Bakterien erschaffen – was passiert wenn wir ein gesamtes Genom nachsynthetisieren und es in eine Eizelle stecken und somit einen Menschen klonen. Dürfen wir das?

Datenschutz ist nicht nur etwas technologisches, er ist auch biologisch. Unsere Persönlichkeit ist nicht nur virtuell verfolgbar, sie kann auch biologisch verfolgt werden. Es ist also wichtig dass wir unsere biologischen Daten irgendwie zu schützen lernen. Immerhin: Es ist in Deutschland verboten, das Erbgut forensisch auf mehr zu untersuchen als nicht codierende Allele, also Erbgut was sich nicht in unserem Äußeren abbildet. Außer das Geschlecht. Bei allem Post-Gendertum ergibt dies aber Sinn wenn es zum Beispiel um Vergewaltigungen geht bei der das Erbgut von Opfer und Täter(in) getrennt werden muss.

Aber es gibt auch ein paar tolle Sachen. 3D-Drucker zum Beispiel. Sie könnten Gebrauch beim Drucken von ganzen Organen aus einer Zellsuspension finden. Wir stellen uns vor der @fischblog bräuchte eine neue Niere. Jetzt nehmen wir ihm ein paar körpereigene Zellen ab, führen sie zurück ins das Stammzellstadium und drucken aus ihnen eine neue Niere. Abstoßungsgefahr gleich Null, denn das alles sind fischige Fischblogzellen. Natürlich ist das Zukunftsmusik, denn noch sind induzierte Stammzellen (iPS) nicht so leicht herzustellen und bergen das Risiko einer Transformation zu Krebszellen. Das ist so, weil wir für die Induzierung Gene anschalten müssen, die auch im Krebs aktiviert sind und die zu Schäden in der DNA führen könnten. Aber man forscht daran. Auch am Druckverfahren. Hier muss natürlich auch noch etwas gefeilt werden, denn Organe bestehen aus mehreren Zellarten, extrazullulären Bestandteilen und benötigen auch noch ein Gefäßsystem. Aber das könnte ziemlich schnell gehen.

Aber – wieso gleich transplantierbare Organe, wieso nicht erstmal ein paar Hühnernierchen oder vielleicht ein saftiges Steak aus dem Drucker?

Fasziniert hat mich übrigens auch der Cocktailbot. Ein Roboter mit Einspritzdüsen, der jeden Cocktail mischen konnte den man ihm einprogrammiert hat. Sowas hätte ich ja gerne gehabt. Ständig Lösungen zusammenschütten, hier ein Medium supplementieren, da einen Puffer mixen – oft immer aus ähnlichen Zutaten nur in anderer Zusammensetzung. Wie schön wäre es gewesen, einfach eine Flasche unter eine Düse zu stellen und die Flüssigkeit gleich steril abzuzapfen? Aber gut, das ist ein bisschen ein Luxusproblem.

Nicht zuletzt geht uns Datenschutz natürlich sowieso alle an. Gerade in der Biologie werden so oft riesige Datenmengen transferiert, gerade in der Biologie sind die Daten so oft vertraulich oder kritisch, gerade in der Biologie verlangt das Patentrecht dass die Daten nicht aus der Hand gegeben werden, also nicht via Drittanbieter geteilt werden können. Und trotzdem hinkt sie sehr, sehr weiter hinterher.Ich beschwere mich auch immer wieder über schlechte Bio-Software. Programme die kein Batch-Processing können oder nur sehr umständlich bedient werden können – es gibt sie zu Hauf, denn der Markt ist ja viel kleiner. Doch es ist schwieirg zu vermitteln. Was Biologen wollen und was der Softwareentwickler versteht sind nur zu oft zwei verschiedene Dinge und so kommt es in Zukunft immer mehr auf den Dialog an bei der man die Sicht der Gegenseite nachvollziehen kann.

Jetzt war ich aber nicht nur aus wissenschaftlichem Interesse da. Ich war eigentlich einfach so da und es war wirklich toll. Ich so, als nicht-hackende Frau, die auf diesem Event genau eine Person vorher einmal live gesehen hatte die dort war. Und Viren und Code kenne ich auch eher von meiner Workbench. Ich wurde aber sehr herzlich von Leuten wie Frau Nett und Gyrosgeier empfangen (die ich hier erwähne weil ich ihnen sehr, sehr dankbar für ihre Hilfe bin) und den Rest der Leute trifft man eben dort. Ich schreibe das deswegen, weil sich wohl Frauen und/oder nicht-Hackende nicht so sehr auf den Congress trauen. Aber ich habe das Gefühl, jeder halbwegs freundliche Mensch wäre dort mit offenen Armen empfangen worden. Natürlich sollten einen ein paar der mannigfaltigen Themen schon interessieren, sonst wird es langweilig. Aber eigentlich ist für jeden was dabei. Und wenn man will kann man an die vielen Themen unglaublich nah ran. Egal welche Frage ich hatte, absolut niemand begegnete mir mit dem sonst doch recht häufigen „read the fucking manual“ sondern erzählte mir etwas dazu.

Wenn man wirklich niemanden kennt sollte man sich den Chaospatinnen anschließen (da muss man sich sehr früh für anmelden und ich habe das verpasst). Wenn man generell eine kommunikative Person ist sollte man sich einfach irgendwo an den Tisch setzen und die Leute Sachen fragen. Sie erzählen einem gerne etwas wenn man freundlich fragt. Und in gewisser Weise entstehen auch Schicksalsgemeinschaften – ob nun in der T-Shirt Schlange, im Nachtbus oder bei einem Workshop. Mit meinen Ausführungen über die biologische Alterung hielt ich zum Beispiel den gesamten Lockpicking-Tisch bei Laune. Man lernt dort Leute kennen. Und alle sind nett. Ganz ehrlich. Als eine der wenigen Frauen wird man eventuell sogar besonders respektvoll behandelt (hatte ich das Gefühl, aber vielleicht sind Hacker einfach nur besonders respektvoll).

Apropos, es ist natürlich schade, dass dort noch nicht so viele Frauen unterwegs sind. Aber ich glaube das „noch“ ist der springende Punkt. So viele Kinder wie da rumhüpfen – die die Natur uns nun mal zur Hälfte weiblich macht – wird sich die kommende Hackergeneration wohl wandeln. Ansonsten war mir das aber eher unwichtig ob ich nun mit Männlein oder Weiblein rede.

Wie gesagt habe ich Lockpicking „gelernt“, ich habe den Shownotes über die Schulter geschaut, ich habe mich mit ganz vielen tollen, interessanten Menschen unterhalten und bin mit ihnen rumgezogen, ich habe 3D-Drucker bestaunt, Mate getrunken, Talks gelauscht, mich in der Halle 3 den Freuden des Alkohols gewidmet, Podcasts live gehört und gesehen, mit wildfremden Leuten abgehangen und es war ziemlich stressfrei. Anstrengend, aber stressfrei.

Und ich glaube zum 32c3 komme ich wieder.

Anna Müllner

Veröffentlicht von

1ife5cience.de

Mein Name ist Anna Müllner, ich bin irgendwie so Mitte 20 und wohne in einer beschaulichen Neckarstadt mit einem hübschen Schloss. Nach meinem Abitur beschloss ich Biologie zu studieren. Das tat ich zunächst an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, die weder in Bonn ist, noch am Rhein aber einer der drei Campusse liegt wirklich an der Sieg. Das letzte Jahr dieses Studiums verbrachte ich in Schottland, an der Robert-Gordon University of Aberdeen wo ich ein bisschen in die Biomedizin und die Forensik schnuppern durfte. Danach entschied ich mich für ein Masterstudium an der Universität Heidelberg in Molekularer Biotechnologie und seitdem ich das hinter mich gebracht habe versuche ich mich an einer Promotion.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ja, Biologie und Software wachsen zusammen, das ist nicht nur eine Vision aus William Gibsons The Peripheral . Und 3D-Drucken für biologische Materialien also für Gewebe und Organe ist tatsächlich eine verheissungsvolle Anwendung für additive Manufacturing, schliesslich ist jedes menschliche Organ ein Prototyp und Einzelstück, jede Nase und jedes Ohr individuell, und ein solches Gewebe oder Organ muss entweder wachsen oder aus Zellen und anderen biologischen oder auch bioanalogen Materialien zusammengesetzt werden.

    Und ja die DNA bestimmt unser Aussehen und vieles mehr erschreckend stark und was ist DNA anderes als Software?
    Verboten oder nicht: Erste Versuche Gesichtsmerkmale aus DNA allein zu bestimmen gibt es bereits wie der Artikel Police could create image of suspect’s face from DNA festhält. Die Resultate sind noch bescheiden. Doch nichts spricht dagegen, dass die DNA die Gesichtszüge weitgehend bestimmt, sondern nur an unserem noch sehr beschränkten Wissen über das Zusammenwirken der Gene.

  2. Der Wikipedia-Eintrag für Lockpicking zeigt ein Bild von Lockpickern auf dem 23. Chaos Communication Congress (23C3).

    Dort kann man das also lernen. Man kann also auch Hardware hacken nicht nur Software. Und Biohacking gehört wohl auch in dieses Umfeld. Das Mindset des typischen Biohackers bewegt sich zwischen Transhumanismus und Biopunk, gern in der libertären DIY-Form (do it yourself), wo man sich selbst zum Cyborg macht oder sein eigenes genmodifziertes Lebewesen schafft.Erstaunlicherweise gibt es in dieser Szene auch einige bekannte Frauen, beispielsweise Meredith L. Patterson (leading figure in biopunk scene) oder Annalee Newitz (Blogs, Journalsimus, Forschung am MIT) und Heather Dewey-Hagborg ( information artist and bio-hacker). Von Ellen Jorgensen (Ellen Jorgensen is helping to democratize biology) gibt es sogar einen TED-Talk.

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