Zurück auf der Erde – und nun?

Zehn… Neun… Acht… Ach herrje, jetzt bloß nicht in Tränen ausbrechen… Fünf… Vier… Da, wieder gefangen… Eins… Null, und schon stürmte Andrzej als erster nach draußen, dicht gefolgt von Shey, und ich kam irgendwo zum Schluss. Es folgten eine Reihe von Umarmungen, ein Gruppenfoto und dann eine ganze Schale voller Himbeeren für mich.

Die Himbeeren habe ich natürlich nicht alle auf einmal gegessen, und zwischendrin habe ich auch noch ein paar frische Tomaten (echte, prallrunde Tomaten!) gegessen. Dazu gab es richtigen Orangensaft, solchen mit Fruchtfleisch. Das passte alles natürlich überhaupt nicht zusammen, aber das war mir egal.

Himbeeren... und der vielleicht glücklichste Mensch der Welt.

Himbeeren… und der vielleicht glücklichste Mensch der Welt.

Trotz der 70 Leute, die uns außerhalb des Habitats erwarteten, war es unerwartet still. Die letzten mehr als einhundert Male, die ich „draußen“ war, wurde ich ständig vom Heulen meines Ventilators begleitet, das jetzt fehlte. In einer unbeobachteten Minute kletterte ich auf den Hügel hinter dem Habitat. Dort war es so ruhig, dass ich den Wind hören konnte. Meine Hände prickelten, von dem ungewohnten Gefühl bewegter Luft. Am großartigsten jedoch war das Geräusch, das vom Boden her an meine Ohren drang: Die Steine verrutschten bei meinem Schritt gegeneinander und gaben dabei ein Knirschen von sich… die wohl schönste Musik, die ich je gehört habe.

Noch am selben Nachmittag sprangen wir in einen Pool. Wobei, „sprangen“ ist stark übertrieben. So ein großes Becken voll sauberem Wasser – es kostete mich einige Überwindung mit meinem verschwitzten Körper da hinein zu klettern. Noch heute muss ich mich jeden Tag aufs Neue überreden zu duschen: Ich hab ja schließlich erst am Tag zuvor geduscht.

Cyprien hatte weniger Scheu: kopfüber ins frische Nass!

Cyprien hatte weniger Scheu: kopfüber ins frische Nass!

Die erste Woche in „Freiheit“ ging schnell herum. Mit den beteiligten Wissenschaftlern führten wir eine ausführliche Nachbesprechung durch. Viele von ihnen hatten dabei die glänzenden Augen eines kleinen Kindes, das endlich seine Weihnachtsgeschenke auspacken darf. Für uns war es vor allem befreiend, über die Mission reden zu können, ohne dass die anderen Crewmitglieder zuhörten oder der Inhalt unserer Gespräche aus dem Zusammenhang gerissen zitiert werden könnte. Und zu erzählen gab es viel: Meine Sitzung mit zwei der Psychologen war ursprünglich mit zwei Stunden angesetzt gewesen; am Ende dauerte sie fast fünf. Und die (ungeplante) Nachsitzung anderthalb. Noch am Abend zuvor hatte ich mich sogar ein wenig vor der Sitzung gefürchtet, da es nicht ungewöhnlich war, dass Crewmitglieder während der Gespräche in Tränen ausbrachen. Aber am Ende schien eher einer meiner Gesprächspartner den Tränen nahe.

Hinterher fuhren wir alle noch zusammen an den Strand und hatten einige schöne Abende zusammen. Nachdem die Nachbesprechung endlich offiziell zu Ende war, fuhren Cyprien und ich an einem Abend zu dem aktiven Lavastrom Kalapana, der sich zur Zeit rotglühend in den Pazifik ergießt, und flogen dann zur Nachbarinsel Oahu, wo wir wieder auf Carmel und Tristan trafen. Nachdem ich am Tag des Ausstiegs die einzige war, die sich keinen Sonnenbrand geholt hatte (es war am Morgen dicht bewölkt, und die anderen trugen die Sonnencreme wenn überhaupt nur oberflächlich auf…), erwischte es mich beim Kayakfahren mit der Studienleiterin dann doch noch. Zwischen einigen Formalitäten und unerwartet schwierigen Bankgeschäften, einem spontanen Besuch bei einem Forscher, der uns für die Antarktis gewinnen wollte (offene Türen bei mir…), und dem viel zu frühen Abflug in die Heimat schafften wir es dann doch noch, ein paar kleinere Bergbesteigungen durchzuführen, umgeben von surrealem, dichtem Grün und Hurrikan-angefeuchteter Luft.

Kalapana-Lavafluss:: Heiße, flüssige Lava trifft auf den Pazifik.

Kalapana-Lavafluss:: Heiße, flüssige Lava trifft auf den Pazifik.

Von der trockenen Lavawüste hinein in den üppigen Regenwald innerhalb derselben Inselgruppe...

Von der trockenen Lavawüste hinein in den üppigen Regenwald innerhalb derselben Inselgruppe…

Der Flug zurück und vor allem die Zeitverschiebung waren brutal, aber immerhin blieb die befürchtete Erkältung (bisher) aus. Überhaupt fühle ich mich nach einem Jahr auf 2500m Höhe topfit und kann Treppensteigen, ohne außer Atem zu kommen. Es ist so beinahe zu flach hier, alle paar Minuten schaue schaue ich mich um und suche den Horizont nach der geringsten Erhebung sehnsüchtig ab.

Wie geht es nun weiter? Zwischen all dem Umzugs- und Umgewöhnungsstress habe ich irgendwie zusammen mit der VU Amsterdam und der ESA einen Forschungsantrag eingereicht, und mich außerdem bei der Initiative „Die Astronautin“ beworben. Nach elf ausschließlich männlichen deutschen Astronauten soll 2020 endlich die erste deutsche Frau ins All fliegen – ich bin im Moment eine der etwa 120 verbliebenen Kandidatinnen. Bei beiden Bewerbungen erfahre ich den Ausgang in etwa einem halben Jahr.

Langweilen werde ich mich bis dahin jedoch nicht, denn das „Leben auf dem Mars“ geht weiter, und zwar in zweierlei Hinsicht: Ich werde weiterhin auf diesem Blog aktiv bleiben; es gibt noch einige Themen zu denen ich im Habitat nicht mehr gekommen bin, und wenn eine der beiden oben genannten Bewerbungen erfolgreich ist, gibt es auch wieder „frische“ Themen. Für diejenigen, die sich für das „Leben auf dem Mars“ näher interessieren, schreibe ich in den nächsten Monaten einen ausführlichen Erfahrungsbericht, der als Buch im nächsten Frühjahr unter eben diesem Titel erscheinen wird: „Leben auf dem Mars – Mein Jahr in einer außerirdischen Wohngemeinschaft“. Und ja, darin werde ich auch erklären, warum die beiden Psychologen in der Nachbesprechung den Tränen nahe waren.

Heinicke_LebenMars01c

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Christiane Heinicke bloggt als Wissenschaftlerin und Versuchskaninchen aus der HI-SEAS-Forschungsstation auf Hawaii. Zuvor studierte sie Physik in Ilmenau und Uppsala und promovierte anschließend zu einem kontaktlosen Strömungsmessgerät. Zuletzt arbeitete sie in Helsinki an brechendem Meereis. Vor ihrer Zeit auf Hawaii verbrachte sie zwei Wochen auf der Mars Desert Research Station in Utah. Ständig umgeben von Wänden oder Raumanzug, wird sie während des Jahres am meisten das Gefühl von Sonnenstrahlen auf der Haut vermissen, dicht gefolgt vom Geschmack frisch gepflückter Himbeeren.

12 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Hallo und willkommen zurück !

    Sehr sehr schöner „Abschluß“-Bericht. Und ich freue mich sehr darüber das hier weiter berichtet wird und dieser Blog nicht langsam einschläft.

    Das Buch wird selbstverständlich gekauft 🙂

    Schöne Grüße

    • Hallo Mr. Spock, einschlafen soll er auf keinen Fall, und ich werde versuchen, wieder regelmäßiger zu schreiben. Material gibt es jedenfalls noch genug!

  2. Christiane, I am glad you are still blogging. I wondered how „reentry“ was going. and after following you all for months, I feared you had all moved on, with no looking back. I was glad to hear a little of your enjoyment of your new freedom.

    • Indeed, some of us are probably relieved to be released from „blogging duties“. But I enjoyed sharing our experience, and it would be a shame to stop now 🙂

  3. Christiane, kann es sein, daß ich Dir mit dem T-Shirt „Und wo warst du in den Ferien?“ einen Floh ins Ohr gesetzt habe? 🙂 Trotz des Smileys eine nicht nur rhetorische Frage. Vielleicht erinnerst Du Dich: Du auf rotem Sand, ein Marsrover im Hintergrund, am „Himmel“ die Erdkugel…
    Lieber Gruß und viel Erfolg!
    H.

  4. Hi Cookie,
    schön von Dir zu hören. Das sind ja sehr coole Bewerbungsideen, hatte mich mal in der Vergangenheit auch bei der ESA beworben. Natürlich ohne Flugscheine keine Chancen, aber dennoch war es ein gutes Gefühl es versucht zu haben.

    Genieß die Freiheit und die spürbare Natur,

    Greetings
    Jedi

    • Hallo Jedi, immerhin ist die Konkurrenz sowohl bei der ESA als auch bei DieAstronautin so stark, dass es keine Schande ist, nicht genommen zu werden 😉

  5. Hallo Christiane,
    das klingt alles sehr spannend. Habe Dir gerade ein Mail geschrieben und Dich als Sprecherin zu unserer TEDx-Konferenz in München eingeladen. Würde mich über eine rasche Rückmeldung freuen. Gregor
    gw(at)woeltje.eu

  6. Liebe Christiane, ich drücke Dir ganz feste die Daumen für Deine Bewerbungen!
    Bin sehr gespannt auf Dein Buch! Würde es am liebsten schon jetzt lesen…
    Viele Grüße, Ricarda

    • Hallo Ricarda, ich schreib ja schon so schnell ich kann 😉 Bis zum Frühjahr wird es mit der Veröffentlichung aber wohl noch dauern.

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