Leben als Versuchskaninchen

Wir leben allein im Nirgendwo. Unser Habitat steht in einer Landschaft aus Lavagestein über Lavagestein, dazwischen liegen ein paar Brocken Lavagestein. An guten Tagen sitzen wir erzählend und lachend über dem Abendessen zusammen, an schlechten ziehen wir uns in unsere Zimmer zurück und kommen nur heraus, wenn es die Arbeit erfordert.

Astronauten auf dem Mars wird es ähnlich ergehen. Es wird Streits geben, und manchmal wird die Gruppenmoral und damit die Leistung der Astronauten darunter leiden. Kann man das Verhalten der Astronauten vorhersagen? Was sind vermeidbare Streitursachen? Kann man von der Erde aus helfend eingreifen? Woher weiß man, wie es wirklich um die Astronauten steht?

Man könnte sie natürlich einfach fragen. Bisherige Erfahrungen mit Astronauten zeigen jedoch, dass man bestenfalls beschönigte Antworten erhält.

Deshalb gibt es HI-SEAS. Wir sind hier, um bei der Beantwortung der Fragen nach der zu erwartenden psychischen Belastung zu helfen. Dafür füllen wir pro Tag mindestens sieben Fragebögen aus, tragen diverse Sensoren mit uns und führen gezielt Experimente durch.

Cyprien taucht für eine weitere Studie ab in die Virtual Reality.

Cyprien taucht für eine Studie ab in die Virtual Reality.

Manche der Fragebögen sind kurz und beziehen sich auf spezifische Ereignisse. Wir geben dann unsere allgemeine Stimmung an, mit wem wir zuletzt interagiert haben, und wie effektiv diese Interaktion war. Andere Fragebögen beziehen sich auf den gesamten vergangenen Tag – wie müde wir waren, wie viel wir gegessen haben, und natürlich wie gut wir miteinander klar gekommen sind. Wieder andere Fragebögen füllen wir einmal in der Woche oder einmal im Monat aus. Diese konzentrieren sich in der Regel auf spezielle Aspekte unseres Lebens hier, wie zum Beispiel unsere Verbundenheit mit den Menschen “daheim auf der Erde” oder unser subjektives Stresslevel.

Manchmal sind die Fragen schwierig zu beantworten. Wenn meine letzte Interaktion darin bestand, mit den anderen zu Abend zu essen, wie bewerte ich dann ihre Effektivität? Antworten spiegeln auch kulturelle Unterschiede wider. Ich als Deutsche neige dazu, “very happy” nur dann anzukreuzen, wenn ich mit Freudentränen in den Augen durchs Habitat hüpfe. Meine amerikanischen Kollegen dagegen verstehen darunter soviel wie “keine Beschwerden” und kreuzen diese Antwort daher fast täglich an. Von Relevanz ist die absolute Stimmung zum Glück nicht, sondern vielmehr, wie sich die Stimmung im Team im Verlauf der Mission verändert. Wachsen wir zusammen, oder zerstreiten wir uns zunehmend?

Die wohl größte Herausforderung jedoch ist, ehrlich zu antworten. Niemand von uns lügt vorsätzlich, aber die Versuchung ist groß, beim 79. Mal die gleiche Antwort zu geben wie die 38 Male davor. Die meisten Fragebögen füllen wir abends aus – im Idealfall kurz vor dem Schlafengehen. Also genau zu der Zeit, zu der wir tendenziell die geringste Motivation haben, noch eine Stunde mit Fragebögen zu verbringen.

Beim abendlichen Ausfüllen der Fragebögen. Am linken Handgelenk: eines der Fitnessarmbänder.

Beim abendlichen Ausfüllen der Fragebögen. Am linken Handgelenk: eines der Fitnessarmbänder.

Fragebögen allein enthalten jedoch das Problem, dass unsere Antworten generell sehr subjektiv gefärbt sind. Daher tragen wir Sensoren mit uns, die hoffentlich eine objektive Antwort darauf geben, wie und wie oft wir miteinander interagieren. Der wohl umfangreichste Prototyp dieser Art, der einmal tatsächlich von Astronauten getragen werden soll, enthält unter anderem Sensoren für unsere physische Nähe zueinander, unseren Herzschlag, sowie Schall – ein hoher Schallpegel kann auf einen Streit hindeuten.

Dieser Prototyp gehört zur wohl invasivsten und damit unter uns unbeliebtesten Studie – er wird um den Hals getragen und die Crew muss ständig ein Auge auf ihn haben, um ihn vor Kochtöpfen, allzu enthusiastischem Sport und aus Versehen darüber getragenen Jacken zu bewahren. Wir haben daher einen crew-internen Wettbewerb, uns die kreativsten Zerstörungsmethoden auszudenken. Alles theoretisch, natürlich.

Daneben tragen wir kommerzielle Fitnessarmbänder, die wir anders als den oben genannten Prototypen auch nachts tragen, und die unsere körperliche Aktivität sowie unseren Schlaf aufzeichnen. Wir geben geben ein- oder zweimal im Monat Urin- und Haarproben, die unter anderem Auskunft über unseren erlebten Stress der letzten Tage oder Wochen geben. Im Essensbereich laufen Überwachungskameras, die alle paar Minuten ein Foto aufnehmen und damit zum Beispiel aufzeichnen, wie viel Zeit wir mit Essen verbringen, oder wer wie oft neben wem sitzt.

Andrzej lässt sich eine Haarprobe nehmen. Ich habe auch so einen kahlen Fleck, aber meiner wird von den darüber liegenden Haaren verdeckt.

Andrzej lässt sich eine Haarprobe nehmen. Ich habe auch so einen kahlen Fleck, aber meiner wird von den darüber liegenden Haaren verdeckt.

Neben den passiven Monitorings führen wir jede Woche diverse Experimente durch. Eins der angenehmeren ist ein Computerspiel mit drei Spielern, namens Team Performance Task, kurz TPT. Ziel des Spiels ist, Blöcke in ein Zielgebiet zu ziehen, für jeden erfolgreich deponierten Block gibt es einen Punkt. Das Problem ist, dass man auf dem Weg zum Ziel Barrieren umschiffen muss, diese aber nur sehen kann, wenn sie die Mitspieler freigegeben haben. Das wiederum aber kostet Zeit, die für die eigenen Blöcke verlorengeht. Uns wurde keine bestimmte Strategie vorgegeben, aber die meisten von uns versuchen, so gut wie möglich zusammen zu arbeiten und opfern eigene Punkte um den beiden Mitspielern das Punktesammeln zu erleichtern.

In einem anderen Experiment mit dem Namen „Going Beyond Curiosity“ müssen wir jeweils innerhalb von drei Minuten zu einer Übereinkunft kommen: Drei Zweierteams konkurrieren um Punkte, aber die gibt es fast nur über Kompromisse. Der Name ist Programm, nach fünf von sechzehn Runden ist der Rest des Spielverlaufs „beyond any curiosity“ vorhersagbar, aber zum Glück dauert das Ganze nur etwa zwanzig Minuten. Gerade am Anfang der Mission kam es gelegentlich zu erbitterten Diskussionen darüber, was ein fairer Kompromiss ist. Meist endeten solche Diskussionen mit einer Nullrunde für die beiden Opponenten. Werden diese Diskussionen tatsächlich weniger? Dann sollte die Gesamtpunktzahl der drei Gruppen im Laufe der Zeit wachsen.

Eine crew-initiierte Studie, die es leider nicht über einen ersten Testlauf hinaus geschafft hat: Wie rettet man ein während eines Außeneinsatzes verletztes Crewmitglied?

Eine crew-initiierte Studie, die es leider nicht über einen ersten Testlauf hinaus geschafft hat: Wie rettet man ein während eines Außeneinsatzes verletztes Crewmitglied?

Meine Lieblingsstudie sind die zweiwöchentlichen Geologieprojekte. Zu diesen gehört zum Beispiel das Erstellen von Karten unserer Umgebung unter verschiedenen Gesichtspunkten, und das Erkunden von Skylights und Höhlen, die sich als Notunterschlupf verwenden lassen. Die meisten der Projekte wurden schon von früheren Crews bearbeitet, und unsere Arbeit wird mit deren Arbeit verglichen werden. Natürlich machen wir bei diesen Geologieprojekten keine bahnbrechenden wissenschaftlichen Entdeckungen, aber sie sind eine großartige Abwechslung von den immergleichen Fragebögen am immergleichen Bildschirm. (Und manchmal findet man eben doch eine Lavaröhre, in der noch niemand war.)

Teil meiner Lieblingsstudie: Lavaröhren erkunden. Diese hier wäre ganz gut für eine Evakuierung geeignet, sie ist hoch und breit genug, um mehrere Menschen aufzunehmen, und der Boden ist einigermaßen eben.

Teil meiner Lieblingsstudie: Lavaröhren erkunden. Diese hier wäre ganz gut für eine Evakuierung geeignet, sie ist hoch und breit genug, um mehrere Menschen aufzunehmen, und der Boden ist einigermaßen eben.

Nicht, dass wir etwas gegen Fragebögen hätten. Im Gegenteil, wir mögen sie so sehr, dass fünf von uns längst ihre eigenen zu der langen Liste der Fragebögen hinzugefügt haben. Oft stöhnen wir ob der Anzahl, die an Spitzentagen über 10 Fragebögen liegt, aber gleichzeitig würden die meisten von uns noch mehr Arbeit auf sich nehmen, denn wir sind überzeugt, dass HI-SEAS eine einmalige Möglichkeit darstellt, aus der wir so viel wie möglich herausholen sollten. Manche der Studien besitzen noch Kinderkrankheiten, aber auch dafür ist HI-SEAS letztendlich da: mehr darüber zu lernen, wie man relevante Langzeitstudien durchführt. Denn eines ist sicher: die Menschen, die als erste den Mars betreten, werden mindestens genauso streng überwacht werden wie wir.

Veröffentlicht von

Christiane Heinicke bloggt als Wissenschaftlerin und Versuchskaninchen aus der HI-SEAS-Forschungsstation auf Hawaii. Zuvor studierte sie Physik in Ilmenau und Uppsala und promovierte anschließend zu einem kontaktlosen Strömungsmessgerät. Zuletzt arbeitete sie in Helsinki an brechendem Meereis. Vor ihrer Zeit auf Hawaii verbrachte sie zwei Wochen auf der Mars Desert Research Station in Utah. Ständig umgeben von Wänden oder Raumanzug, wird sie während des Jahres am meisten das Gefühl von Sonnenstrahlen auf der Haut vermissen, dicht gefolgt vom Geschmack frisch gepflückter Himbeeren.

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