Das Ende naht

In weniger als zehn Tagen ist es soweit: Wir werden die Station verlassen und die Tür hinter uns schließen und das erste Mal seit einem Jahr ohne Anzug in der Sonne stehen. Das erste Mal seit zwölf Monaten werden wir nicht unter uns sein, sondern wir werden mit anderen Menschen sprechen. Von Angesicht zu Angesicht, und in Echtzeit.

Ich sehe dem Ende mit gemischten Gefühlen entgegen. Auf der einen Seite freue ich mich, endlich wieder uneingeschränkt geradeaus, und spontan und ohne Anzug nach draußen gehen zu können. Auf der anderen Seite jedoch habe ich mich an mein Zuhause und seine – ja, manchmal nervtötenden – Mitbewohner gewöhnt. In zehn Tagen kann wird mich niemand mehr aus dem Tiefschlaf reißen, um mir die neueste Gebäckkreation zu präsentieren, und ich muss nicht mehr Schlangestehen, um das Laufband, das ich sowieso nicht mag, benutzen zu können.

Das Leben hier hat durchaus seine Vorteile. Wir brauchen uns nicht um Ladenöffnungszeiten kümmern, unsere Vorratskammer ist rund um die Uhr zugänglich. Strom brauchen wir nicht bezahlen, die Sonne beliefert uns kostenlos. Wir zahlen keine Miete und haben keine Nachbarn, die ihren Knallerbsenstrauch unkontrolliert wuchern lassen. Verkehrslärm haben wir sowieso nicht. Stattdessen haben wir Dutzende Höhlen quasi direkt vor unserer Haustür, farbenfrohe Sonnenuntergänge an 300 Tagen im Jahr, und eine Fülle an interessanten Projekten, an denen wir gemeinsam arbeiten.

Blick aufs Habitat.

Blick aufs Habitat.

"The Train Tunnel". Teil eines etwa 2km-langen Höhlensystems.

„The Train Tunnel“. Teil eines etwa 2km-langen Höhlensystems.

Sonnenuntergang vom Habitatfenster aus.

Sonnenuntergang vom Habitatfenster aus.

Warum sollte ich, oder überhaupt jemand, von hier weg wollen?

Ja, gelegentlich wäre es schon ganz schön, jemanden, der schon seit Monaten nicht auf Emails geantwortet hat, einfach anrufen zu können. Zur Abwechlung mal nicht über den eigenen Wasserverbrauch nachdenken zu müssen, gar in einem See baden zu gehen, ist bestimmt auch toll. All diejenigen Menschen wiederzusehen, mit denen ich im letzten Jahr nur per Email kommunizieren konnte – na gut, vielleicht gibt es doch ein paar Argumente für die gute, alte Erde.

Jetzt, wo ich drüber nachdenke, fallen mir sogar noch mehr Argumente ein. Nach dem Ende der Mission kann ich:

  • meine Freunde und Familie wiedersehen

  • bei offenem Fenster schlafen

  • baden gehen

  • frisches Obst und Gemüse essen, bis es mir zu den Ohren wieder rauskommt

  • faul in der Sonne liegen

  • durch den Regen laufen, ohne einen Kurzschluss in meinem Anzug fürchten zu müssen

  • im T-Shirt durch die Gegend laufen

  • all jenen in den Hintern treten, die mir in den vergangenen zwölf Monaten nur ein einziges Mal geschrieben haben 😉

  • grillen!

  • nach JEDEM Workout duschen

  • meine Haare wieder knall-lila färben

  • Fahrrad fahren, ohne an Ort und Stelle zu verbleiben

  • einen ganzen Tag einfach nur rumliegen und überhaupt NICHTS machen, außer vielleicht ein gutes Buch zu lesen

Klingt (fast) alles banal? Genau das sind aber die Dinge, denen ich gerade mit Freudentränen in den Augen entgegen sehe. Zum Glück sind es nur noch zehn Tage.

Meine Schuhe werden nur noch von Duct Tape zusammen gehalten. Hier: kurz vor dem Neubekleben - die ursprüngliche Sohle hat einige daumendicke Löcher. A'a-lava is no joke.

Meine Schuhe werden nur noch von Duct Tape zusammen gehalten. Hier: kurz vor dem Neubekleben – die ursprüngliche Sohle hat einige daumendicke Löcher. A’a-lava is no joke.

Beim Kriechen durch enge Höhlen lassen sich Kratzer nicht immer ganz vermeiden.

Beim Kriechen durch enge Höhlen lassen sich Kratzer im Sichtfenster nicht immer ganz vermeiden.

Neu und Alt: Ich hoffe, Marsonauten haben Ersatzanzüge dabei...

Neu und Alt: Ich hoffe, Marsonauten haben Ersatzanzüge dabei…

Bei einem unserer Höhlenabenteuer haben wir sogar üppiges Grün gefunden. Leider war diese Höhle nur für eine Kamera erreichbar, die wir an Seilen herabgelassen haben.

Bei einem unserer Höhlenabenteuer haben wir sogar üppiges Grün gefunden. Leider war diese Höhle nur für eine Kamera erreichbar, die wir an Seilen herabgelassen haben.

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Christiane Heinicke bloggt als Wissenschaftlerin und Versuchskaninchen aus der HI-SEAS-Forschungsstation auf Hawaii. Zuvor studierte sie Physik in Ilmenau und Uppsala und promovierte anschließend zu einem kontaktlosen Strömungsmessgerät. Zuletzt arbeitete sie in Helsinki an brechendem Meereis. Vor ihrer Zeit auf Hawaii verbrachte sie zwei Wochen auf der Mars Desert Research Station in Utah. Ständig umgeben von Wänden oder Raumanzug, wird sie während des Jahres am meisten das Gefühl von Sonnenstrahlen auf der Haut vermissen, dicht gefolgt vom Geschmack frisch gepflückter Himbeeren.

14 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Gibt es eigentlich einen Gruß oder Glückwunsch für Habitatbewohner und/oder Astronauten? Bergsteiger haben das „Grüß Gott!“, Angler das „Petri heil“, Kegler das „Gut Holz!“, Segler das „Immer eine Handbreit Wasser unterm Kiel“, usw.

    In jedem Fall schon mal „Gute Rückreise!“ und vielen Dank für die stets lesenswerten Blog-Posts 🙂

  2. Hallo Frau Heinecke,

    danke das ich über Ihr Blog an diesem interessanten Experiment teilhaben durfte.

    Willkommen auf der Erde!

    Klaus Becker

  3. Wirklich toller Beitrag, selbst meinen Kindern hat das Lesen besonders gut gefallen und sie wollen es jetzt auch mal ausprobieren, nur in abgespeckter Version

  4. Hallo Frau Heinecke,
    Wahnsinn wie schnell die Zeit für uns draußen vergangen ist. Auch Dank der interessanten Blogbeiträge aus der Station. Ist es möglich, mit Ihnen für ein kurzes erstes Fazit am Montag zu telefonieren??? (2-3 Minuten) oder wieder über Fragen und Antwort-Sprachnachrichten??? Für den MDR-Hörfunk – ich würde mich sehr über eine Kontaktmöglichkeit freuen. Erst mal eine angenehme letzte Nacht in der Mars-Kugel und willkommen zurück auf der „Erde“. Liebe Grüße
    Susanne Reh MDR 0151 24061407 susanne.reh@mdr.de

  5. Hallo Cookie,
    ja, da lacht das Herz. Das Zauberwort GRILLEN fand ich sehr gut. (Wäre nen klasse Foto BBQ-Grillen im Marsanzug vor dem Habitat) Natürlich steht Familie und beste Freunde an 1. Stelle, was ihr sicherlich wie Weihnachten und Osten zusammen begrüßen werdet. Daher zolle ich Respekt vor Deiner Leistung, aber auch dem Team. Egal wer das Teamcasting gemacht hatte, er hat ne Gute Wahl mit dir getroffen. Abzeichen verdient! Mission accomplished.

    Ich wünsche dir viel Spaß und Erholung und ungebrenzte Lebensfreude nach dem Wiedereintritt auf die Erde. Wie du schon sagst, der Echzeitkontakt mit Menschen, in UHD-Auflösung und 3D ist schon etwas schönes in unserer Welt. Das man nur dann wieder zu schätzen weiß, wenn man das längere Zeit nicht hatte.

    Ich fand es sehr spannend dich bei deinem Marsjahr zu begleiten, werde deinen Charm und Witz vermissen.
    Mit deinem Erlebnis hast du gezeigt, dass Du ein außergewöhnlicher Mensch bist.
    Ich wünsche dir weiterhin viel Spaß und Erfolg für deine Zukunft.

    Trust the force,

    Jedi

    P.S.: HOT, Cookie Tip, Hab kürzlich neue OREO Kekse gegessen mit Lemon-Cheese-Cake Geschmack, absoluter Hammer!
    P.P.S.: Wenn das mit den lila Haaren stimmt, bitte ich um ein Foto nach dem Farbupdate ; )

  6. Vielen Dank für die lieben Kommentare!
    Dies war nicht der letzte Blogpost; wenn ich „wieder“ auf der Erde bin, geht’s weiter. Nur ein klein wenig Geduld!

    @Jedi: Die Kekse muss ich mal ausprobieren, danke für den Tip 😉

  7. Hello Christiane!

    I so wish I spoke German, my google translate does the job quite nicely, but I’m sure there are things lost in translation. Really just fascinating, this whole experience you’ve completed. Quite an extraordinary, dare I say, astro-nomical feat? haha 😛 Anyways, I’m a freelance writer and I live on Oahu. My editor and I would really love to touch bases with you, hopefully today if possible. I’d like to have a chat with you about more of the personal side of the experience inside the dome. I understand you are completely overwhelmed with media requests right now, but please do let me know if you’d be willing to chat. LizLBarney@gmail.com.

    Cheers.

  8. Ich habe mit großem Interesse ihre Eindrücke über das Experiment bei der Sendung:“ kölner-Treff “ gehört . Da gehört schon allerhand Mut und Selbstdisziplin dazu dieses Experiment „ungeschadt“ zu überstehen. Gratulation

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