Kreativität und Innovation im Fußball: Warum Jogis Jungs Weltmeister wurden

Vor einer Woche ist der Fußball-Weltmeistertitel an Deutschland gegangen – Zeit, die WM noch einmal Revue passieren zu lassen und zu analysieren; denn der Erfolg „unserer“ Jungs war kein Zufall! Ich freue mich, dass wir zu diesem Anlass einen Gastautor gewinnen konnten: Claus Martin, seines Zeichens Musiktheaterregisseur und -komponist – und begeisterter Fußballfan. Ab dem nächsten Beitrag widmen wir uns dann wieder anderen Aspekten hoher Begabung – aber es war einfach eine tolle WM, das müssen Sie zugeben! Damit gebe ich das Wort weiter – vielen Dank, Claus, dass Du Dich zu diesem Beitrag bereit erklärt hast!

Alle vier Jahre erweist sich die Fußballweltmeisterschaft als ein Schaulaufen der Weltstars. Spieler wie Beckenbauer, Maradona oder Zidane waren die prägenden und für die jeweilige Weltmeistermannschaft unersetzlichen Spieler, die Genies und unumstrittenen Herrscher auf dem Platz – die Hochbegabten vergangener Jahre. Auch die WM 2014 hat solche hochbegabten Ausnahmekönner gesehen (Neymar und Lionel Messi), die sich durch ihre virtuose Ballbehandlung auszeichnen. Interessanterweise fehlt jedoch in der deutschen Weltmeistermannschaft ein solcher Virtuose.

Die Begabungen der deutschen Spieler liegen auf einem anderen Gebiet. Gewiss, sie beherrschen alle ihr solides fußballerisches Handwerk auf hohem Niveau. Doch ihre Besonderheit liegt in ihrer Vielseitigkeit. Dazu muss man wissen, dass noch bis weit in die 70er Jahre jede Spielposition eine klare Aufgabe hatte (z.B. Rechter Läufer, Linksaußen, Mittelstürmer, Libero etc.). Spieler wurden für diese Positionen ausgebildet und spezialisierten sich. Die Aufgabe des Trainers bestand im Wesentlichen darin, in seinem Kader den jeweils am besten geeigneten Spieler für die jeweilige Position zu finden und ihn dann dort spielen zu lassen: Der Spieler wusste, was er zu tun hatte, denn er war ja ein Spezialist. Der moderne Fußball ist zwar diesbezüglich erheblich weniger dogmatisch, aber dennoch haben sich diese altehrwürdigen Standardpositionen bis heute in der Namensgebung erhalten („Doppel-Sechs“, „Falsche Neun“ etc.), und noch immer orientiert sich die Ausbildung der Spieler daran.

Das könnte sich möglicherweise in Zukunft ändern; denn Löws Erfolgsmodell setzte auf Spielertypen, die sich durch hohe Flexibilität auszeichneten, also gerade durch eine Nicht-Spezialisierung. In der Verteidigung beispielsweise spielten ausschließlich „gelernte“ Innenverteidiger, somit wurden auch die Außenpositionen von „Innenverteidigern“ besetzt. Außerdem trat die Mannschaft mit nur einem einzigen „nominellen“ Stürmer an – dem 36-jährigen Miroslav Klose. Alle anderen Spieler waren entweder gelernte Verteidiger oder Mittelfeldspieler. Mit diesem „Sturm ohne Stürmer“ erzielte die DFB-Elf die meisten Tore aller teilnehmenden Mannschaften.

Durch die enorme Flexibilität seiner Spieler war es Löw beispielsweise möglich, nachdem (im Spiel gegen Algerien) gleichzeitig die beiden Verteidiger Hummels und Mustafi verletzt waren, während des Spiels (!) taktisch umzustellen und den Mittelfeldspieler Philipp Lahm auf der Position des rechten Außenverteidigers spielen zu lassen – und das Spiel zu gewinnen. Im Finale wurde dem Weltfußballer Lionel Messi kein „Bewacher“ (früher: „Manndecker“) zugeteilt. Er wurde in Raumdeckung jeweils von jenem Spieler gedeckt, in dessen Nähe er sich befand. Messi erzielte kein Tor.

Philipp Lahm, von dem sein Trainer Pep Guardiola sagt, er sei „der intelligenteste Fußballer, der mir je begegnet ist“, ist ein Musterbeispiel für diesen neuen Spielertyp: den Generalisten. Er ist als offensiver Mittelfeldspieler ebenso einsetzbar wie als Verteidiger (und das trotz seiner geringen Körpergröße). Durch sein vorausschauendes Spiel begeht er so gut wie keine Fouls.

Einer von Löws Lieblingsspielern ist Thomas Müller, der ganz gewiss kein begnadeter Techniker ist. Aber er ist kreativ, das ist sein Kennzeichen. Was in der Fußballersprache etwas diffus „ungewöhnliche Laufwege“ genannt wird, ist nichts anderes als: das Unerwartete tun. Mehmet Scholl sagte im ZDF: „Er tut Dinge, die ein Stürmer nicht tut.“ Er ist unberechenbar, weil er sich nicht wie ein Spezialist verhält. Das Entscheidende für den Erfolg der Mannschaft ist es, diese Unberechenbarkeit auszuhalten, sie als Qualität zu erkennen und im Sinne der Mannschaft zu nutzen. Denn natürlich ist ein Müller auch für die eigene Mannschaft, den eigenen Trainer unberechenbar. Viele Trainer der älteren Generation hätten Müller an die Kette gelegt, in das taktische Konzept des Trainers gezwungen, ihm seine „Eskapaden“ verboten und ihn dadurch seiner Qualitäten beraubt.

Ein weiteres Musterbeispiel für den Typus des vielseitigen Fußballers ist Manuel Neuer. Spätestens seit der WM ist Neuer international als der gegenwärtig beste Torwart der Welt anerkannt. Er kann nicht nur das, was alle großen Torhüter können: Bälle fangen. Er kann außerdem noch etwas anderes: Fußball spielen. Er interpretiert seine Rolle so, dass der Torwart tatsächlich zeitweise als elfter Feldspieler fungiert. Bei eigenem Ballbesitz kommt er weit aus seinem Tor hinaus, bis 20 oder 30 Meter, um sozusagen als Libero hinter der Abwehr sich als aktive Anspielstation anzubieten, und nicht nur als Notlösung für den unbeliebten Rückpass. Das kann er sich natürlich nur deshalb erlauben, weil er über die technischen Fertigkeiten eines Feldspielers verfügt. Christoph Metzelder urteilt über seine fußballerischen Qualitäten: „Manuel könnte auch Innenverteidiger spielen.“ Sein technisches Niveau legt den Schluss nahe, dass Neuer diese Fähigkeiten gezielt trainiert: Er ist nicht „zufällig“ ein Generalist, sondern mit voller Absicht.

Dies ist also der Stoff, aus dem die Weltmeistermannschaft gemacht ist: Innenverteidiger, die auch Außenverteidiger spielen können. Mittelfeldspieler, die nahtlos im selben Spiel Verteidiger spielen können. Ein kreativer, unberechenbarer Mittelfeldspieler, der bei zwei Weltmeisterschaften 10 Tore schießt. Und ein Torwart, der bei eigenem Ballbesitz zum elften Feldspieler wird.

Am Beispiel der tragischen Verletzung von Neymar erweist sich das gegenteilige Konzept: Den Brasilianern wurde der einzige Spieler geraubt, auf den das gesamte Spiel zugeschnitten war, und die Mannschaft ging kläglich unter. Umgekehrt verletzte sich Sami Khedira beim Aufwärmen vor dem Finale und wurde durch den unerfahrenen Christoph Kramer ersetzt. Zum Staunen der Welt erwies sich das keineswegs als Problem: Kramer kannte das Team und war mühelos in der Lage, sich einzupassen.

Löws Erfolgsmodell besteht also darin, solchen Spielern den Vorzug zu geben, die über den Tellerrand hinausschauen. Spieler, die zwar ihr Handwerk beherrschen, die aber keine Fachidioten sind. Spieler, die den Blick für das Ganze haben. Mit anderen Worten: Spielern, die vielseitig begabt sind.

Ich glaube, dieser Ansatz hat das Potenzial, auch in anderen Bereichen unseres Lebens umgesetzt zu werden. Vielseitige Begabungen sind ein Kapital, das wir meist zu wenig nutzen. Noch immer stößt man oft auf das ausgesprochene oder unausgesprochene Vorurteil: „Ein vielseitiger Mensch kann zwar vieles, aber nichts richtig.“ Dass Vielseitigkeit etwas völlig anderes ist, als nur an vielen Ecken gleichzeitig herumzuwerkeln zeigt das Beispiel der Nationalelf. Jemand mit mehr als nur einer Begabung hat eben die Möglichkeit, über den Tellerrand hinauszusehen, seine eigene Begabung im Licht seiner anderen Begabung zu reflektieren und damit Ergebnisse zu erzielen, zu denen er nicht imstande gewesen wäre, wenn er immer nur auf seine „ursprüngliche“ Begabung fixiert gewesen wäre: Ein Verteidiger kann besser verteidigen, wenn er gelernt hat, wie ein Mittelfeldspieler zu denken. Und viele große Fortschritte in der Wissenschaft wurden von Wissenschaftlern erzielt, die althergebrachte Denkmodelle mit einem Blick von außen hinterfragten anstatt sie immer weiter zu vertiefen.

Unsere Welt wird immer komplexer. Die Reaktion darauf war in den vergangenen Jahren eine Renaissance des Spezialistentums. Weil das Wissen ständig zunimmt, beschäftigt sich jeder nur noch mit einem kleinen Ausschnitt, um wenigstens diesen kleinen Teilbereich noch umfassend zu beherrschen.

Die Weltmeistermannschaft von 2014 geht den umgekehrten Weg, und zwar mit Erfolg. Und es spricht vieles dafür, dass dieses Modell auch außerhalb des Fußballs funktioniert.

Löw bevorzugt beidfüßige Spieler: solche mit zwei Standbeinen. Es wäre wunderbar, in Zukunft auch außerhalb der Nationalmannschaft mehr solche Menschen zu sehen!

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Dr. Tanja G. Baudson ist Diplom-Psychologin und Literaturwissenschaftlerin. Sie hat seit Herbst 2014 die Vertretungsprofessur für Pädagogisch-psychologische Diagnostik an der Universität Duisburg-Essen inne. Zuvor forschte und lehrte sie an der Universität Trier, Lehrstuhl für Hochbegabtenforschung und -förderung (Prof. Dr. Franzis Preckel). Neben dem Thema Hochbegabung interessiert sie sich besonders für Kreativität. In ihrer Promotion "The (Mis-)Measure of Children's Cognitive Ability" hat sie zum einen einen Intelligenztest für Grundschulkinder entwickelt und zum anderen die diagnostischen Fähigkeiten von Lehrkräften in den Fokus genommen – denn es ist gar nicht so leicht, hochbegabte Kinder im Schulalltag zu erkennen…

5 Kommentare zu »Kreativität und Innovation im Fußball: Warum Jogis Jungs Weltmeister wurden«

  1. bananenflanke Antworten | Permalink

    Jubel

    "... aber es war einfach eine tolle WM, das müssen Sie zugeben!"

    Unbedingt. Mir hat nebenbei und insbesondere gefallen, daß diese Fifa-WM (schon im Vorfeld) in so intensivem Maße genutzt wurde, um bessere Lebensbedingungen für die Menschen zu schaffen und der gallopierenden Korruption in diesem Land echte Werte (Teamgeist, Fairness, Altruismus, gutes Essen, leckere Erfrischungsgetränke) entgegenzuhalten.

    Allein der wirtschaftliche Erfolg für Brasilien und seine Menschen kann sich ja wirklich sehen lassen: Jetzt liegt der Ball beim Finanzminister, und er kann sich die Ecke aussuchen.

    [...]

    Anmerkung: Sachliche Kritik, von mir aus auch solche, die mit dem Artikel selbst nichts zu tun hat, ist hier willkommen, Beleidigungen und ähnlich Sachfremdes hingegen nicht. Bitte halten auch Sie sich an die Regeln eines konstruktiven Miteinanders.

  2. bananenflanke Antworten | Permalink

    Sachfremde

    "Beleidigungen und ähnlich Sachfremdes" sind hier nicht willkommen. Würde ich auch so halten.

    Wenn Sie vielleicht noch die Freundlichkeit hätten, das potentiell Sachfremde oder gar unterschwellig Beleidigende meines Kommentars zu konkretisieren?

    "Regeln eines konstruktiven Miteinanders" fußen ja, so mein Statistikprofessor, a priori auf der Notwendigkeit konstruktiver Annahmen. Fangen Sie doch damit an, bzw. wenn Sie nicht damit anfangen wollen, sondern zum Einstieg statt dessen "Jogis Jungs" bemühen und "war doch super, oder?", sollten Sie den Kommentarbereich vielleicht einfach schließen, um die Gefahr der Sachfremde von vornherein auszuschließen.

  3. Claus Martin Antworten | Permalink

    Ich gebe Ihnen völlig recht. Von der FIFA ebenso wie von der brasilianischen Verantwortlichen ist bei dieser WM sehr, sehr viel falsch gemacht worden (Sie sprechen ja mit Korruption und fehlender Nachhaltigkeit zwei zentrale Punkte an). Zweifellos wurde die Chance vertan, die internationale Aufmerksamkeit und die enormen Geldmittel, die für ein solches Großereignis ins Land fließen, wirksam im Sinne der brasilianischen Menschen zu nutzen. Es erscheint in der Tat zynisch, dass gerade eine Organisation wie die FIFA, die nach außen so großen Wert auf Werte wie Fairness und Teamgeist legt, so wenig davon selbst vorlebt (und man darf jetzt schon gespannt sein, wie diese Fragen bei der nächsten WM in Putins Russland gehandhabt werden). Mit der politischen / ökonomischen Einordnung dieser WM haben Sie also aus meiner Sicht völlig recht.

    Ich habe in meinem Artikel jedoch diesen Aspekt bewusst ausgeklammert, da es in diesem Forum nun mal um Fragen der Begabung und Begabungsförderung geht. Ich habe am Beispiel einer Fußballmanschaft versucht, einen möglichen Umgang mit multiplen Begabungen darzustellen. Dass das beschriebene Turnier unter zweifellos fragwürdigen Bedingungen stattfand, ändert ja nichts daran, dass man solche sportlich-taktischen Vorgänge beobachten und zu analysieren versuchen kann.

    Es wäre allerdings sicher in diesem Zusammenhang eine interessante Frage, inwiefern der enorme Druck, der auf der brasilianischen Mannschaft lastete (und der sicher teilweise ein Produkt der von Ihnen benannten Probleme Brasiliens ist), mit verantwortlich für den völligen Zusammenbruch der brasilianischen Mannschaft im Halbfinale (1:7) war. Um beim Thema zu bleiben: Was macht übergroßer Druck mit Begabungen? Beispielsweise Olli Kahn ("Da hast du so viel Druck, dass du den Druck gar nicht mehr spürst"), aber auch etliche andere Spitzensportler sprechen oft davon, dass sie diesen Druck brauchen. Andere Spitzenfußballer mit herausragenden Begabungen sind unter diesem Druck zerbrochen. Der sehr unterschiedliche Umgang mit Erwartungsdruck bei erfolgreichen Künstlern/Musikern/Schauspielern ist reichlich dokumentiert.

    Die Frage wäre: Gibt es ein "gesundes Maß" an Druck? Und inwiefern ist die Faustformel "Fordern und Fördern" auf alle Begabungen anwendbar?

  4. bananenflanke Antworten | Permalink

    The winner takes it all

    Danke, daß Sie (trotzdem) antworten.

    "Ich habe in meinem Artikel jedoch diesen Aspekt bewusst ausgeklammert, da es in diesem Forum nun mal um Fragen der Begabung und Begabungsförderung geht."

    Wie aber geht das, diese Aspekte auszuklammern, ohne geklärt zu haben oder überhaupt danach gefragt zu haben, ob diese nicht intrinsischer Natur sein könnten (wenn Sie das nicht a priori ausschließen), also im Kern das Thema Begabung betreffen, was diese eigentlich darstelle und wie diese am besten (was auch immer das zunächst sei) zu fördern sei?

    Blatter ist ohne Zweifel begabt, Thomas Bach ebenso, Gandhi war es; ohne Begabung wird man nicht Franz von Assisi, nicht Kriegsministerin, Fondmanager, erfolgreicher Waffenhändler, Massenmörder, Diktator, was Sie wollen. Ich könnte Ihnen ohne Mühe einhundert Namen begabter Bösewichter oder Helden hier hinschreiben. Kann man also ohne soziologische Betrachtungen über das Wesen der Begabung diese um ihrer selbst fördern wollen? Wer einhundert virtuose Tricks drauf hat, wie man einen Krieg anzettelt, bekommt kein Stipendium. Oder... am Ende doch?

    Was will die Begabtenförderung? Einer geistlosen, brillianten Elite zur Blüte verhelfen? Damit wir - in effigie - immer gewinnen? Oder ist es dabei wichtiger, daß die anderen verlieren?

    Und. "Warum Jogis Jungs Weltmeister wurden" - "...denn der Erfolg "unserer" Jungs war kein Zufall!" Ich bitte Sie, allein für so einen Titel nebst dessen Einleitung anzutreten, wenn man Ernsthaftes im Sinn hat? Wie geht das zusammen?

  5. Claus Martin Antworten | Permalink

    "Was will die Begabtenförderung? Einer geistlosen, brillianten Elite zur Blüte verhelfen? Damit wir - in effigie - immer gewinnen? Oder ist es dabei wichtiger, daß die anderen verlieren?"

    Damit stellen Sie eine Kernfrage der Begabtenförderung. Da dies ein Diskussionsforum ist und Sie allem Anschein nach bereits intensiv über dieses Thema nachgedacht haben, würden mich Ihre Antworten wirklich interessieren.

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