Migräne und das dumme Schuldgerede

Es ranken viele Legenden um die Ursache der Migräneerkrankung und um Auslösefaktoren ihrer episodischen Attacken. Damit einher gehen nicht nur entsprechend falsche therapeutische Vorstellung. Auch die Schuldfrage kommt durch die Hintertür gekrochen.

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Würde die Migräneerkrankung durch Gelenkblockaden oder einer Fehlstellungen der Halswirbel verursacht, müsste man doch nur endlich einmal zur Chirotherapie oder Osteopathie. Ist ein Sehfehler die Ursache? Muss die Brille halt besser angepasst werden. Grelles Licht? Getönte Gläser. Rotwein? Nicht trinken. Kein Auslöser bekannt?  Rotationsdiät wird die Nahrungsmittelunverträglichkeit schon demaskieren. Ausprobieren. Sonst ist man halt auch selber Schuld. Vielleicht nicht alles, bloß noch den Rat des Bruders meiner Arbeitskollegin, denn dessen Sohn hatte auch mal ’ne Freundin mit Kopfschmerzen und …

Das Internet ist gefühlt 3/4 voll mit guten Ratschlägen.

Was hält den Fakten stand?

Was hält den anerkannten Fakten stand? Wenig, die Flachheit der Mythen und Legenden wird nur durch die des Schuldgeredes noch übertroffen.

Die Fachliteratur verzichtet aus gutem Grund auf eine Zuschreibung von Ursachen bei Migräne. Sie geht von einer multifaktoriellen Ursache aus. Und zwar sowohl für Ursachen der Migräneerkrankung als auch für mögliche Auslöser der Attacken und das jeweils sogar in zweifacher Hinsicht.

Zunächst zur Erkrankung. Sie ist bei jeden Betroffenen multifaktoriell bedingt1. Die jeweils beitragenden Ursachenfaktoren können von Patient zu Patient variieren trotz gleicher Diagnose. Seltener doch auch bei der Erkrankung kommt die Schuldfrage auf. Menschen, die unter Migräne leiden, wird gerne eine angebliche Persönlichkeitsstruktur unterstellt. Gängige Wesenszüge lauten sehr leistungsorientiert und perfektionistisch zu sein. Sie könnten angeblich fünfe nie gerade sein lassen.

Obschon Betroffene selbst von einer solchen Persönlichkeitsstruktur manchmal ausgehen und dann auch der Meinung sein können, dass diese ihre Wesenszüge und die daraus resultierende Lebensführung gewissermaßen den Ausbruch der Erkrankung erst ermöglicht, sind das auf die Gesamtheit bezogen letztlich Vorurteile. Abgesehen davon, dass es auch einen Unterschied macht, ob Menschen, die unter Migräne leiden, sich selbst so sehen oder von Außenstehenden mit dem Hinweis diskriminiert werden, diese angebliche Lebensführung kann man ja mal ändern.

Ähnlich ist es bei Auslösefaktoren. Hier kommt das Schuldgerede öfter auf. Auch hier variieren wieder die Auslösefaktoren von Patient zu Patient. Folglich müssten Migränegeplagte scheinbar nur ihre persönlichen Auslöser in den Griff bekommen, damit endlich Ruhe ist. Die Widerstandsfähigkeit (Resilienz) gegenüber einzelnen Faktoren ist aber nur in gewissen Phasen des Migränezyklus‘ von kopfschmerzfreier Zeit und episodischen Attacken gering. Einige Tage vor der Attacke lassen sich Marker für eine solche niedrige Resilienz nachweisen. Also noch vor den ersten Vorboten. Diese Marker zeigen eine periodisch sich verändernde Amplitude. Beides, diese besondere Phase und dann noch ein Auslöser müssen aufeinandertreffen.

Kann man nicht doch Auslöser meiden?

Kann und soll man dann nicht doch Auslöser vermeiden? Die Antwort ist ein klares nein! Man kann (bisher) nicht und ob man es generell überhaupt soll, ist zumindest fraglich.

Zum einen kann die Widerstandsfähigkeit periodisch über einige Tage soweit abfallen, das letztlich auch der geringste Anlass zur Attacke führt (s. Kipp-Punktmodell). Und selbst wenn nicht, ist mit heutigen Methoden diese Phase der niedrigen Resilienz nur im Gruppenvergleich nachweisbar, im Einzelfall sind Methoden noch zu unspezifisch auch wenn Methoden zur Detektion, die aus der Klimafolgenforschung stammen, neue Ansätze aufweisen.

Auslöser außerhalb dieser Phase, also grundsätzlich immer zu vermeiden, ist ebenso kein guter Rat. Das kann eventuell zu einer höheren Sensibilisierung führen, d.h. die Widerstandsfähigkeit nimmt zukünftig noch weiter ab, so dass wieder der geringste Anlass zu Attacke führt.

Der einzig gute Rat ist, sich in keiner Weise auf die Schuldfrage einzulassen. Wenn Betroffene überhaupt etwas tun können, dann ist das eine gute Ärztin oder einen guten Arzt zu finden, die oder der individuell die Therapie optimiert.

 

Fußnoten

1Es gibt eine monogenen Unterform der Migräne mit nur einem kausalen Krankheitsgen, die familiäre hemiplegische Migräne.

 

 

Markus Dahlem forscht seit über 20 Jahren über Migräne, hat Gastpositionen an der HU Berlin und am Massachusetts General Hospital. Außerdem ist er Geschäftsführer und Mitgründer des Berliner eHealth-Startup Newsenselab, das die Migräne- und Kopfschmerz-App M-sense entwickelt.

14 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ich war schon etwas überrascht, als ich letzte Woche mit mittlerweile 40 Jahren das erste Mal in meinem Leben Migräne bekommen hatte. Es kam das voll Programm einer „gemeinen Migräne“ (und wie gemein die war, hundsgemein würde ich sagen!) ohne Aura, wie ich bei Wikipedia nachlesen konnte. Einen Auslöser könnte ich allerdings nicht benennen, da ich mich in den Tagen zuvor ganz alltäglich verhalten habe und auch keine ungewöhnlichen Sachen gegessen habe. Lediglich das Wetterchaos (ich bin schon etwas wetterfühlig) könnte ich in Verdacht nehmen.
    Auf die ganzen Hausmittelchen und Empfehlungen habe ich nichts gegeben. Nachdem ich arbeiten musste, habe ich mir eine früh eine Migräne-Tablette eingeworfen und nach dem Heimkommen gleich ins dunkle Zimmer gelegt. Das hat geholfen.

  2. Lieber Markus,

    zu diesem Beitrag könnte ich jetzt Romane antworten.. 😉 Ich versuche mal, mich kurz zu fassen.

    Das Thema Schuld kenne ich auch sehr, sehr gut. Eigentlich fühle ich mich bei jeder Schmerztablette schuldig, wieder irgendetwas falsch gemacht zu haben, das der Migräne den Anstoß gab, auszubrechen. Und schuldig, zu viele Schmerzmittel einzunehmen, fühlen wir uns wohl sowieso immer. Zumindest alle, die an Chronischer Migräne leiden oder sonstige Schmerzen an weit mehr als der Hälfte aller Tage erleiden müssen.

    Von wissenschaftlicher Seite her mag es so sein, daß Trigger nicht nachweisbar sind. Als Laie in Statistik stelle ich mir dann aber die Frage, ob man solch einen Nachweis überhaupt korrekt führen kann? Wenn A bei Schokolade Migräne bekommt und B durch exzessives Joggen, dann haben im Durchschnitt beide keine statistisch sichbaren Trigger mehr, da die Schokolade ja bei B nicht anschlägt und das Joggen bei A nicht und somit am Ende ein Wert im Mittelfeld entstehen müßte. Jeder hat sehr individuelle Kombinationen aus Triggern.

    Persönlich kann ich definitiv diverse Trigger ausmachen, die auch nicht wegzudiskutieren sind. Hormonelle Schwankungen, Wetterwechsel, Wärme, schwüles Klima, Schokolade und chemische Gerüche sind eindeutig im Reiz-Reaktions-Schema. Da hilft mir leider auch keine Wissenschaft, die zu anderen Ergebnissen gelangt.. 😉

    • Hallo Pia,

      ich bin auch an der langen Fassung interessiert. Für Deinen kurzen Einstieg bin ich schon mal sehr dankbar. Ich möchte darauf mit einem Blogbeitrag antworten. Weil das dauert, vorab dies: Wissenschaftskommunikation sollte den Stand so erklären, dass es verstehbar wird und kein Gefühl bleibt, es sei doch ganz anders — ob man hilflos zurückbliebt ist sicher leider nochmal was anders. Denn wirklich helfen kann eine Erklärung zu oft eben auch nicht.

      Das Argument steht (und fällt) mit dem Migränezyklus. Ist der sehr kurz, hat man entweder gerade eine Attacke oder ist schon kaum raus schon wieder in einer Phase niedriger Resilienz. Es wurde dafür die Diagnose „chronische Migräne“ geschaffen. Ein etwas unglücklicher Name, man kann es leicht missverstehen. Migräne ist zwar eine chronische Erkrankung. Doch sie hat in der episodischen Form Manifestationen Attacken die einige Wochen oder länger auseinander liegen.

      Kommen es zu über 15 Tage Kopfschmerzen pro Monat, diagnostiziert man eine neue Form, die chronische Migräne (CM). Die Widerstandsfähigkeit bei CM wird nicht mehr wirklich periodisch über Tage abfallen und ansteigen sondern bleibt dauerhaft niedrig. Jetzt sind (individuelle!) Trigger verlässlicher zu identifizieren, wobei selbst ohne diese meist auch der geringste Anlass zur Attacke führen kann.

      Kurzum, ich würde vermuten, wer Migräneauslöser so beschreibt, wie du oben, hat relativ häufig Migräneanfälle.

      Damit ist immer noch nicht gesagt, das es nicht auch Ausnahmen gibt. Bei ca. 10 Millionen Menschen, die an Migräne erkrankt sind und bei dem weiten Spektrum an Ausprägungsformen spielt eine ganze Menge mit rein. Es gibt beispielsweise sehr viele Begleiterkrankung.

      Die Einflussnahme von Begleiterkrankung ist vielleicht der wichtigste Grund, warum man eben eine Ärztin (Männer mitgemeint) aufsuchen soll. Nur sie kann wirklich auf das Gesamtbild schauen.

      • Hallo Markus,

        migränebedingt mal wieder eine sehr späte Antwort auf Deinen guten Hinweis.

        Bei mir liegt in der Tat sowohl eine Chronische Migräne mit 20-30 Schmerztagen im Monat vor, als auch eine Vermischung mit Begleiterkrankungen (Mastozytose und Trigeminusneuralgie), so daß meine Resilienz über die ganzen Leidensjahre hinweg inzwischen bei einer glatten Null angekommen sein dürfte.. 😉

        Wie Du es beschreibst, erlebe ich also gar keine Pausen mehr von der extremen Reizempfindlichkeit. Gewisse Trigger wie z.B. flackerndes Licht oder chemische Gerüche triggern also immer. Das Reiz-Reaktionsschema ist da 1:1.

  3. Oho … die Schuldfrage auch bei Migräne?

    Ich dachte ja, das die für die Dicken vorgesehen ist. Die sind ja immer an allem selbst Schuld – Selbst am gebrochenen Finger ist das Übergewicht schuld … :o)

    Zum Glück kann ich sagen das Migräne keine Auslöser hat – Denn ich hatte noch nie Migräne! Daher kann man Migräne auf Grund von Auslösern ausschließen, das muss also am gemeinen Migränanten – oder so – liegen! Definitiv ist jeder Selbst schuld wenn er krank wird – Bitte dieses Mantra der kranken Gesundheitskassen verinnerlichen, denn nur unter diesem Dogma kann man den Kunden auch zur Kasse bitten!

    Wenn Sie daran rütteln wollen, dann bitte nur bei Kabrettveranstaltungen wie närrischen Kommentaren :op

    amüsierte Grüße

  4. Wenn das Wort “dumm” schon in der Überschrift steht, dann ist zu befürchten, dass es sich um einen emotionalen Artikel handelt. Über die Zeit wurde immer wieder versucht, und leider auch heute noch, Migräne auf soziale Phänomene zu schieben. Ich verweise da z.B. auf die sehr gute Dissertation von Joanna Kempner: Not Tonight, in welcher sie aufrollt, wie Migräne zu einem Phänomen wurde, das dem weiblichen Sozialcharakter zugeschrieben wird. Dem sind wir auch heute noch ausgesetzt, leider auch von Ärzten, und das ist wirklich eine dumme Sache.

    Trotzdem ist es alles andere als dumm zu versuchen, bei chronischer oder fast chronischer Migräne (was meiner Ansicht nach wesentlich früher als bei 15 Tagen im Monat beginnt) ein Management zu entwickeln, das die permanenten Schmerzen handhabbar macht. Es gibt unzählige Beipiele von Menschen, die es durch Triggeridentifizierung und entsprechendes Management aus dem dunklen Zimmer wieder herausgeschafft haben. Die meisten Migräniker reagieren zum Beispiel auf Glutamat. Da macht es keinen Sinn, zu sagen, kümmmert euch nicht darum, geht weiter jeden Tag thailändisch essen, wenn es euch schmeckt, nur weil wir den Migränemechanismus noch nicht verstanden haben.

    Darauf zu verzichten, durch das Vermeiden von Glutamat die Migränetage zu senken – das wäre in der Tat dumm. Da hat auch nichts mit Schuld zu tun, ganz im Gegenteil. Es zeigt, dass der oder die Migränekranke Verantwortung für sich selbst übernimmt. In einer Zeit, wo wir immernoch mit Ärzten konfrontiert sind, die gerade mal eben Triptane und Propranolol verschreiben können und ansonsten der Ansicht sind, wir müssen erst mal “Nein” sagen lernen, damit die Migräne besser wird, ist das einer der wichtigsten Bausteine aus Patiensicht.

    Dein Blogpost legt das leider nahe, dass wer versucht, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen, in Wahrheit aber nur ein dummer Mensch sei, der der Schuldfalle auf den Leim gegangen sei. Das ist, mit Verlaub, das Gerede von bornierten Ärzten und Wissenschaftlern, die der Ansicht sind, dass der dumme Migränepatient das Denken doch bitte mal den Fachleuten überlassen solle. Aus Patientensicht brauchen wir aber genau das Gegenteil. Wie ich schon sagte: Eigenverantwortung.

    • Gut, warum nicht, wenn das Wort “dumm” in der Überschrift steht, darf man befürchten, dass es sich um einen emotionalen Artikel handelt. Aber wurde diese Befürchtung erfüllt?

      Ich denke nein; ich schreibe hier sachlich. Trotzdem (oder unabhängig davon) habe ich nochmal nachgedacht, ob dieser fatale Eindruck entstanden sein könnte, also das Eigenverantwortung unwichtig sei. Und ich gebe zu, ich habe das aus der Warte bei Schreiben nicht gesehen. Denn ich stimme völlig zu, hier kann mehr gemacht werden, wenn wir über das — ja — dumme Gerede hinaus richtige Ratschläge lesen.

      Diese kann man auch im Internet suchen und finden. Ich hoffe, auch in diesem Post.

      PS: Das Buch von „Not tonight“ habe ich bestellt.

      • Ich denke, dass es hier zwei notwendigerweise sehr unterschiedliche Herangehensweisen, ich möchte sagen: Forschungsansätze gibt. Beide führen, genauso notwendigerweise, zu divergierenden Schlussfolgerungen. Das ist verständlich. Beide Seiten sollten aber wissen, in welchen Spektren sie sich bewegen.

        Zum einen die um Objektivität bemühte, wissenschaftliche. Das Ziel hier ist es natürlich, das Regelwerk hinter der Migräne zu begreifen und Aussagen zu treffen, die eindeutig sind. Hinter diesem Ansatz verbirgt sich aber auch eine Falle, nämlich die, alles, was nicht beweisbar oder relativ ist, zu negieren. Wenn es um Migräne geht dann nutzt das der Wissenschaft, nicht aber dem Patienten. Ich will versuchen, das zu erklären.

        Es gibt natürlich den subjektiven Ansatz der Betroffenen. Die suchen nach jedem Strohalm, und wenn sie dann mal einen gefunden haben, tendieren sie dazu, diesen Strohalm zum Stein der Weisen erklären zu wollen. (Migräne weg in 21 Tagen!) Komischerweise haut dann das, was dem einen geholfen hat, bei dem nächsten Migräniker gar nicht mehr hin. Natürlich: Das ist sowas von unwissenschaftlich und chaotisch.

        Aber: das Chaos verbirgt nicht nur Falsches. Ganz im Gegenteil. Das Chaos verbirgt Informationen. Auf der Ebene der Migräniker wird nicht nach Wahrheiten gesucht. Es wird gesucht nach Managementoptionen auf persönlicher Ebene, die helfen, wenn auch nur ein kleines bisschen. Das ist eine ganz andere Ebene, aber ich denke, sie hat nicht nur ihre Berechtigung, sondern sie ist sogar wichtig.

        Im Prinzip tun die Migräniker mit ihrer notwendig-fortgeschrittenen Hypochondrie (also: Triggersuche und -vermeidung und dem Herumgesuche zwischen pflanzlichen Mitteln, Entspannungstechniken und anderen esoterischen Disziplinen) auch nichts anderes, als unsere lieben Ärzte: Sie versuchen, Erfahrungswissen aufzubauen. Auch die Ärzte probieren mit uns herum: Wer ein Amitriptylin nonresponder ist, bekommt Propranolol verschrieben, nächstes mal dann Topiramat. Auch wir probieren herum, versuchen Erfahrungswissen aufzubauen und die Besserung zu unterstützen. Da gibt es garantiert Fehleinschätzungen und falsche Schlüsse zuhauf.

        Interessanterweise gibt es dann aber doch eine erstaunlich große Menge an Migränikern, die Erfolge haben und in neue Bereiche vorstoßen, die Ärzte nicht kommunizieren und meistens auch nicht kennen. Ich will hier nur kurz das Beispiel einer Amerikanerin mit schwer chronischer Migräne nennen, die entdeckt hat, dass sie Histaminintoleranz hat und damit ihre Migränetage von fast immer auf nur alle paar Tage deutlich senken konnte. Angeregt dadurch hat eine Gastautorin auf meinem Blog selbst entdeckt, dass sie Histaminintolerant ist und konnte ihre Migränetage deutlich senken. Ideal ware es, wenn Ärzte bei Migränikern sowas unter anderem automatisch mit abklopfen würden. Tun sie aber nicht. Viele glauben noch nicht mal an Histaminintoleranz. Steinzeit. Da bewegen wir uns. (Für alle Migräniker, die das jetzt lesen: die wenigsten Menschen haben wahrscheinlich Migräne, die durch Histaminintoleranz mitgetriggert wird. Das war nur ein Beispiel.)

        Ich rede deshalb immer vom Forschen auf Patientenseite. Wer für sich selbst persönlich forscht, all diese verfügbaren, chaotischen Informationen nutzt und sein eigenes Erfahrungswissen aufbaut, hat eine Chance auf Besserung, die er durch reine Arztbesuche nicht gehabt hätte. Das ist nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten Hokuspokus, richtigerweise, aus Migränikersicht nicht. Natürlich bewegt sich der Migräniker zumeist im Feld der Wirkungen, für die Erforschung der Ursachen brauchen wir die Wissenschaft.

        Ich hoffe, dass ich nochmal ein bisschen klar gemacht habe, was Eigenverantwortung auch bedeuten kann und warum sich das mit wissenschaftlichen Ansätzen nicht notwendigerweise beißen muss. Beste Grüße.

        • Sie haben ihre Sicht verständlich erklärt. Ich stimme Ihnen auch zu (ich will jetzt nicht auf Kleinigkeiten eingehen, wo ich es anders formuliert hätte).

          Gleichzeitig (zur Zustimmung) finde ich es ungeheuer schade, dass Sie meinen eine Widerspruch aufmachen zu müssen: „wissenschaftlichen Gesichtspunkten Hokuspokus, richtigerweise, aus Migränikersicht nicht“.

          Genau das ist falsch. Weder die Naturwissenschaft noch die Medizin ist so engstirnig, dass beide all das, was sie beschreiben, nicht längst im Blick haben — haben müssen, sonst wäre es weder Naturwissenschaft noch die Medizin.

          Es gibt schlechte Wissenschaftler und schlechte Ärzte. Und das nicht zu knapp. Aber deswegen einen Keil zwischen dem was Naturwissenschaft und Medizin ist und dem was Menschen brauchen zu treiben, zeigt mir wie wichtig Wissenschaftskommunikation ist.

          Verlangen Sie von Wissenschaft und Medizin mehr nicht weniger!

          Also zum Beispiel auch, das Wissenschaft und Medizin auf individuelle Aspekte der Krankheit eingehen — und Methoden entwickeln diese evidenzbasiert zu prüfen—, die nicht in einer Population zu finden sind. Genau das pasiiert ja in der personalisierten Medizin.

  5. Das haben Sie schön gesagt! Wer sich zu unkontrolliert und vertrauensvoll in die Hände der Weißkittel begibt, ohne selbst seine Interessen zu sicher zu stellen, der wird schnell zur Verfügungsmasse der kapitalisierten Medizin und zum Spielball der Interessen anderer.

    Migräne Projekt-Selbsthilfeprogramm bei Migräne wird ihr Ansatz zusammengefasst. War nicht schwer zu finden. Netter Einstieg für Interessierte, wenn der Link erlaubt ist.

    Ich wußte nicht das Migräne ausgelöst werden kann durch Glutamat. Finde ich sehr interessant, ich kann das Zeug in jeder Variante auch in großen Mengen essen und empfinde es als leicht anregend, sonst nichts. Es braucht schon mehrere Asiasuppentütchen damit ich die Wirkung als etwas unangenehm empfinde.
    Werde das künftig Betroffenen kommunizieren.

    Danke für den Hinweis!

  6. Lieber Markus,

    „Die Widerstandsfähigkeit (Resilienz) gegenüber einzelnen Faktoren ist aber nur in gewissen Phasen des Migränezyklus‘ von kopfschmerzfreier Zeit und episodischen Attacken gering. Einige Tage vor der Attacke lassen sich Marker für eine solche niedrige Resilienz nachweisen. Also noch vor den ersten Vorboten. Diese Marker zeigen eine periodisch sich verändernde Amplitude. Beides, diese besondere Phase und dann noch ein Auslöser müssen aufeinandertreffen.“

    Ich habe sehr lange gebraucht, bis ich das verstanden hatte! Dieses Zusammenspiel von Resilienz und Auslöser – eine so klare Schilderung des Zusammenhangs habe ich noch nie irgendwo gefunden, gelesen, gehört. Danke dafür! Würde sehr gern mehr über diese Marker erfahren… 🙂

  7. Meine Migräne hat sowohl Trigger als auch ein Überlaufprinzip.

    „Harte“ Trigger, die beinahe unweigerlich zu einem Anfall führen, sind Menstruation, Glutamat und (klingt krass esoterisch, ist aber tatsächlich so) verschimmelte Apfelsinen oder Zitronen. Glutamat und Zitrusfruchtschimmel meide ich so gut es geht, ich bin ja nicht dumm. Bezüglich der Menstruation setze ich auf Zeitablauf.

    „Weiche“ Trigger sind z.B. Streß, Schlafmangel, histaminreiches Essen, Flüssigkeitsmangel. Da achte ich drauf, denn es senkt meine Migräneanfälligeit. Heißt: Streß oder Salami lösen nicht automatisch und unmittelbar einen Anfall aus, erhöhen aber die Migränehäufigkeit.

    ABER: selbst beim völligen Vermeiden meiner Trigger – irgendwann kommt immer ein Anfall. Unweigerlich.

    Für mich bedeutet das, einen Mittelweg zu finden zwischen Askese und einer für mich akzeptablen Anfallshäufigkeit. Zumal Triptan bei mir wunderbar hilft.

    Also ich verzichte halt NICHT auf Tomaten u.ä. – nur um die Abfallshäufigkeit von 3 x monatlich auf 2,5 x monatlich zu senken.

    Für jemand, der selbst keine Migräne hat, ist diese Komplexität sicher ziemlich schwer nachvollziehbar. Es ist bei Migräne eben niemals nur ein „wenn – dann“, sondern immer eher ein „wenn – dann auch“ oder ein „wenn – dann; aber…“.

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