Animationsfilm: »Migräne? Hab ich im Griff!«

Passend zu Ostern erscheint ein Aufklärungsfilm für Kinder und Jugendliche mit einem Migräne-„Ei“ als Hauptfigur. Der Film wurde gestern auf Spiegel online besprochen. Wer tiefer einsteigen möchte, findet wissenschaftliche Fakten und Hintergrundinformationen zu diesem Animationsfilm in einem 43-seitigen Begleitheft. Die Autoren des Films und Begleithefts sind Prof. Dr. med. Boris Zernikow und die Psychologin Dr. Julia Wager. Das Begleitheft durfte ich zusammen mit drei weiteren Kollegen vorab begutachten.

Boris Zernikow ist in der Wissensvermittlung kein Unbekannter. Er ist der letztjährige Preisträger des Communicator-Preises der DFG. Zusammen mit Julia Wager produzierte er zuvor schon einen Animationsfilm, in dem sie Kindern und Jugendlichen allgemein chronische Schmerzen erklären und auch dazu haben sie ein Begleitheft zusammengestellt. Die Öffentlichkeitsarbeit hat bei diesen Filmen letztlich genau das gleiche Ziel, das auch ich in meinem Blog verfolge. Es geht uns um eine simplen Gedanken. Wenn wir der eigenen wissenschaftlichen und klinischen Forschung schneller einen Weg in die Anwendung bereiten wollen, müssen wir sie auch selbst öffentlich vermitteln können. Dabei zerlegen wir oft komplexe Zusammenhänge in etwas vereinfachte, um den für die Anwendung relevanten Kern herauszubilden. Julia Wager wird in Spiegel online so zitiert:

»Die wirklichen Mechanismen sind vielleicht nicht hundertprozentig geklärt, aber das Bild vom Generator bildet sie auf jeden Fall schon sehr gut ab!«

Die Ursachen, warum jemand an Migräne erkrankt, sind unbekannt. Klar ist, dass Migräne ein selbstständiger Krankheitszustand ist, der nicht auf, beispielweise, eine Gelenkblockade oder Stoffwechselstörung zurückzuführen ist. Ich halte es sogar für besser, wir streichen das Wort »Ursache« aus unserem Vokabular über die Entstehung der Migräneerkrankung. Denn eine Heilung, die Ursachen beseitigt, gibt es nicht. Warum nicht? Zu der Vielzahl relevanter Ereignisse (im weitesten Sinne »Ursachen«), die zur Erkrankung führen können, gehören sicher auch psychische und soziale Aspekte, die natürlich über die Jahre bei verschiedenen Menschen nie gleich verlaufen. Wir können eine einheitliche Entstehungsgeschichte so nicht fassen.

Das bedeutet zum Glück nicht, dass wir Migräne nicht doch spezifisch behandeln können. Außerdem kann Migräne auch ganz oder teilweise »ausheilen« oder sich erst gar nicht stark ausprägen, wenn sie frühzeitig behandelt wird. Um Migräne spezifisch zu behandeln, müssen wir auf die Auslöser der einzelnen Migräneattacken im Zusammenspiel mit dem Migränegenerator schauen. Der Migränegenerator sorgt für eine von Tag zu Tag schwankende Anfälligkeit. Man kann sich das wie einen Migräne-Biorhythmus vorstellen, der bestimmt, wann welche Auslöser einer Attacke über die Schwelle verhilft. Klar ist dabei auch, dass es viele verschiedene solcher Auslöser gibt und diese oft patiententypisch sind. Wieder zwei Zitate aus Spiegel online:

»Um dagegen [gegen Migräne] etwas zu tun, braucht man ein multimodales, auf den Patienten abgestimmtes Vorgehen.«

»Der Patient muss lernen, seine individuellen Stressfaktoren zu erkennen und zu reduzieren.«

Dies ist gerade für Kinder und Jugendliche, die neuerkrankt sind wichtig. In Deutschland erkranken jedes Jahr ca. 170 000 Jugendliche und Heranwachsende im Alter zwischen 15-24 Jahren. In dieser Altersgruppe liegt die höchste Rate an Neuerkrankungen. Erkennen Betroffene frühzeitig ihren Migräne-Biorhythmus und Verhaltensweisen, die ihn verstärken, wird nicht die Migräne sie, sondern sie die Migräne in den Griff bekommen.

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Markus A. Dahlem

Markus Dahlem forscht seit über 20 Jahren über Migräne, hat Gastpositionen an der HU Berlin, am Massachusetts General Hospital und an der TU Dortmund. Außerdem ist er Geschäftsführer und Mitgründer des Berliner eHealth-Startup Newsenselab, das die Migräne- und Kopfschmerz-App M-sense entwickelt.

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Vielen Dank für diesen Tipp!
    Als Vater eines Migränekindes und selbst Betroffener kann ich solche Art Aufklärung nur unterstützen. Sie glauben gar nicht, wie viel Unverständnis man(n) und Kind(!) begegnen kann. Ich werde natürlich den Film und auch das Begleitmaterial weiter empfehlen, es scheint mir für Schulen gut geeignet…

  2. Dieses Video ist sehr schön und verständlich gemacht. Ich werde es meiner Tochter zeigen, vielleicht hilft es ja ein wenig damit sie verstehen kann was bei ihr passiert. Ich würde es gerne teilen. Lg M. Koch

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