Planet Tyche und die wissenschaftliche Betrachtungsweise

Ist schon wieder Saure-Gurken-Zeit? Jedenfalls machen wieder einmal Meldungen über einen hypothetischen Riesenplaneten in unserem Sonnensystem die Runde, siehe hier. Dieser hypothetische Planet wurde sogar schon vorbeugend auf den Namen Tyche getauft.

Nein, diesmal nicht die Ehefrau des möglichen Entdeckers, sondern eine Göttin in der griechischen Mythologie, die Göttin des Schicksals und der glücklichen Fügung, die launenhaft mal gibt und mal nimmt, wie es ihr gerade passt, also eine sehr weibliche Verhaltensweise …

Wahrscheinlich war den Urhebern dieser Namensgebung und den Autoren nicht bekannt, dass es bereits einen (Klein-)Planeten namens Tyche gibt, nämlich den 65 km großen Hauptgürtelasteroiden 258 Tyche, entdeckt 1886, also vor 125 Jahren! Dass es gelingen wird, einen weiteren großen Planeten auf denselben Namen zu taufen, erscheint mir eher unwahrscheinlich.

Aber die Namensfrage ist zweitrangig- Zuerst geht es darum, ob tatsächlich ein Planet entdeckt wird, der so weit von der Sonne entfernt ist, dass er trotz seiner Größe bis jetzt unbemerkt blieb. Nicht immer, wenn ein Wissenschaftler meint, mit einer dramatischen Neuigkeit an die Öffentlichkeit treten zu müssen, hat die Sache deshalb auch gleich Hand und Fuß. Gerade dann, wenn seine Theorie der Meinung der Fachwelt diametral entgegengesetzt ist. Klar, das allein heißt nicht automatisch, dass er Unrecht haben muss. Aber es gilt nach wie vor Carl Sagans Bonmot:

Extraordinary claims require extraordinary proof.

Wenn ich aber nun lese, mit welchen Aussagen die Urheber der Hypothese zur Existenz des Planeten „Tyche“ zitiert werden, dann scheint mir dies von extraordinary proof nur marginal weniger weit entfernt zu sein als dieser Planet, sollte er wirklich existieren, von der Sonne entfernt sein müsste.

Was soll man denn mit so etwas anfangen:

But scientists now believe the proof of its existence has already been gathered by a Nasa space telescope, Wise, and is just waiting to be analysed.

The first tranche of data is to be released in April, and astrophysicists John Matese and Daniel Whitmire from the University of Louisiana at Lafayette think it will reveal Tyche within two years.

Tyche will almost certainly be made up mostly of hydrogen and helium and will probably have an atmosphere much like Jupiter’s, with colourful spots and bands and clouds, Professor Whitmire said. „You’d also expect it to have moons. All the outer planets have them,“ he added.

What will make it stand out in the Wise data is its temperature, predicted to be around -73C, four or five times warmer than Pluto. „The heat is left over from its formation,“ Professor Whitmire said. „It takes an object this size a long time to cool off.“

Du liebe Zeit – man hat überhaupt nichts beobachtet und nichts gesehen. Man hat noch nicht einmal die Daten in der Hand. Alles, was man hat, ist die Beobachtung, dass die Bahnen einiger Kometen aus der Oortschen Wolke eine unerwartete Inklination haben, wofür es allerdings viele Erklärungen geben kann – die Annahme, dass da draußen ein unbekannter Gasriese seine Bahn zieht, ist vielleicht eine der dramatischeren, aber deswegen noch lange nicht eine der plausibleren Theorien.

Mir stößt diese Art der Popularitätshascherei sauer auf. Damit mag man zwar kurzfristig in die Medien kommen. Dass dies aber dem eigenen wissenschaftlichen Ansehen oder gar dem Ansehen der Wissenschaft förderlich ist, bezweifele ich.

Und ferner hat seine Eminenz Douglas Adams der Erhabene bereits 1992 festgelegt, dass ein Neuzugang in der Riege der solaren Planeten auf den Namen Rupert zu taufen sei.

Ich bin Luft- und Raumfahrtingenieur und arbeite bei einer Raumfahrtagentur als Missionsanalytiker. Alle in meinen Artikeln geäußerten sind aber meine eigenen und geben nicht notwendigerweise die Sichtweise meines Arbeitgebers wieder.

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