Die Irrationalität des Atomausstiegs

In meinem Blog schreibe ich vorzugsweise über die verschlungenen Wege des menschlichen Denken. Das habe ich jetzt eine ganze Weile nicht mehr getan, weil ich gleich zwei Bücher in Arbeit hatte. Das stellte sich als wahre Herkulesarbeit heraus, und der Blog musste zurückstehen. Das wird sich jetzt (hoffentlich) ändern, die Bücher sind geschrieben und ich habe etwas mehr Zeit.

Über die Motive des Atomausstiegs in Deutschland ist viel geschrieben worden, aber erstaunlich wenig über die sozialpsychologischen Hintergründe. So war viel die Rede von „German Angst“. So schrieb die Neue Zürcher Zeitung am 29.3.2011 unter diesem Titel einen ausführlichen Artikel über den deutschen Hang zu „irrlichternder Panik“. „Deutschland treibt die Atomkraft aus“, lautete der süffisante Untertitel.

In einem Interview zum Thema Fukushima im Online-Portal spektrumdirekt sagte der Soziologe Ortwin Renn: „In Ländern mit relativ hohem Wohlstand haben zudem Technologien ein großes Angst einflößendes Potenzial, deren Folgen man nicht sehen, schmecken oder riechen kann – so wie die Strahlung von Kernbrennstoffen. Sie treten an die Stelle von realen Gefährdungen wie bestimmten Krankheiten oder Hunger, die früher die Menschen sorgten, aber heute weniger präsent sind oder gar völlig fehlen.“

Das klingt alles sehr plausibel, hält aber einer kritischen Prüfung nicht stand. Beispielsweise haben die Deutschen wenig Angst davor, an Lungenkrebs zu sterben, der durch das radioaktive Gas Radon hervorgerufen wird. Tatsächlich sterben daran in Deutschland jedes Jahr ca. 1.800 bis 1.900 Menschen. In einer Pressemitteilung des Bundesumweltministeriums vom 19.06.2007 hieß es dazu: „Jährlich sterben in Deutschland etwa 1.800 Menschen an Radon, also alle vier Stunden ein Mensch. Möglicherweise trägt Radon auch zur kindlichen Leukämie bei. Es besteht dringender Handlungsbedarf, die Radonexpositionen zu senken.“ Was also soll geschehen? In der Pressemitteilung heißt es: „Bundesumweltminister Gabriel sprach sich dafür aus, die Kompetenz im Strahlenschutz zu erhalten und gezielt weiter zu forschen.“ Das wird sicherlich helfen. Nun kann es natürlich sein, dass die Pressemitteilung rein zufällig von allen Atomkraftgegnern übersehen wurde. Allerdings gab es schon vorher Warnungen. Die Zeitschrift „Mensch+Umwelt spezial“ des deutschen Helmholtz Zentrums in München berichtete bereits 2006 ausführlich über das von Radon ausgehende Risiko und mögliche Gegenmaßnahmen. Auch diese Veröffentlichung blieb ohne große Resonanz. Nun ist Lungenkrebs nach wie vor kaum behandelbar und hat einen qualvollen Verlauf. Eigentlich sollten Hunderttausende von erschreckten Bundesbügern bei ihren Ärzten nach möglichen Symptomen und einer Frühdiagnostik gefragt haben. Davon ist aber nichts bekannt. Während sich also überall in Deutschland Atomkraftgegner über eine mögliche Häufung von Leukämiefällen in der Nähe von Atomkraftwerken die Köpfe heiß redeten, starben jedes Jahr in der Europäischen Union ca. 20.000 Menschen an den Folgen von Radioaktivität. Aber weder die Grünen noch Greenpeace starteten eine Kampagne zur Verringerung der Opferzahlen.

Es kann also nicht allein um die unsichtbare und unheimliche Wirkung von radioaktiven Strahlen gehen, zumal die Verringerung der Radonkonzentration in Häusern bereits mit einfachen Mitteln zu erreichen ist.

Übrigens geben Kohlekraftwerke im Normalbetrieb mindestens dreimal mehr Radioaktivität ab als Atomkraftwerke. Der BUND in Nordrhein-Westfalen hat dazu im Jahre 2008 eine Broschüre verfasst. Darin heißt es unter anderem:

„ ‚Bei vergleichbarer Erzeugung elektrischer Energie geben Steinkohlekraftwerke mehr radioaktive Stoffe an die Umwelt ab, als Kernkraftwerke bei störungsfreiem Betrieb, so Prof. Dr. Claus Grupen. Es würde wohl einen Sturm der Entrüstung auslösen, wenn die permanent von Kohlekraftwerken ausgehende Niedrigstrahlung von kerntechnischen Anlagen ausginge, so der Siegener Wissenschaftler. Auch der Chemiker Prof. Dr. Günter Henze bestätigt, dass die radioaktiven Emissionen von Kohlekraftwerken um ein bis zwei Größenordnungen größer seien als die von Atomkraftwerken.“

Ein bis zwei Größenordnungen, das sind zehn bis hundert Mal so viel. Schlussfolgerung des BUND: eine Risikobewertung sei „mehr als überfällig“.

Allerdings habe ich nicht herausfinden können, ob der BUND inzwischen nachgefasst hat, denn eine Risikobewertung der Radioaktivität der Kohlekraftwerke gibt es bisher nicht. Selbst die allerneusten Kohlekraftwerke haben offenbar keinen speziellen Schutz gegen radioaktive Emissionen.

Auch die Förderung von Gas holt übrigens erhebliche Mengen radioaktiven Materials an die Oberfläche. In Deutschland fallen vermutlich über Tausend Tonnen radioaktiver Abfall im Jahr an, obwohl die Gasproduktion kaum der Rede wert ist. Die Tagesschau der ARD berichtete darüber im Jahre 2009, hier ein Podcast. Länder mit größerer Öl- und Gasförderung haben massivere Probleme damit. Der Tagesschau-Bericht erwähnt, dass in Kasachstan weite Gebiete von radioaktiven Abfällen der Öl- und Gasindustrie verseucht sind. Auf dem Website der Wissenschaftssendung Planet Wissen kann man Folgendes nachlesen:

„In Kasachstan soll nach einer Studie der Universität Almaty ein Gebiet von der Größe der Bundesrepublik verseucht sein. Die strahlenden Reste der Ölförderung, Radium 226 und das Gas Radon, machen die Gegend eigentlich unbewohnbar. Trotz dieser Rückstände und den dort durchgeführten etwa 500 Atombombentests leben ungefähr eine Million Menschen in dieser Region. Nur knapp zehn Prozent der Bevölkerung in diesem Gebiet gelten als gesund.“

(Autorin: Monika Sax, Stand vom 29.07.2010 )

Atomkraftgegnern bringen gerne vor, nur die Kernkraftwerke könnten, wenn sie explodieren, große Gebiete radioaktiv verseuchen. Auch wenn dieser Fall in Deutschland unwahrscheinlich sei, so müsste man ihn wegen der dann auftretenden gewaltigen Schäden vollkommen ausschließen. Leider hat auch die Gasförderung ähnliche Probleme.

Um diese Dinge zu erfahren, muss man übrigens nicht die Staubecken des Internet auskehren. Die deutsche Wikipedia berichtet unter den Stichworten Erdgas und Kohlekraftwerk auch über die Probleme mit radioaktiven Substanzen.

Trotzdem werden die meisten Menschen noch nie davon gehört haben. Die Berichte darüber haben keine Resonanz gefunden, niemand hat sie weitergetragen, in Forderungen umgemünzt, in ein Parteiprogramm geschrieben. Sie passen nicht zum Weltbild der meisten Menschen. Wer annimmt, dass um die Risiken der Radioaktivität zu viel Aufhebens gemacht wird, quittiert die Nachrichten mit einem Achselzucken. Anders herum neigen Menschen, die von der besonderen Gefährlichkeit der Atomkraftwerke überzeugt sind, zu einer gewissen Ungläubigkeit. Sehr schön nachzulesen ist zum Beispiel bei den Antworten auf die Frage: „stimmt es das ein Kohlekraftwerk 10mal mehr radioaktiv ist wie ein Atomkraftwerk???“ bei gutefrage.net.

Damit mich niemand missversteht: Es geht mir nicht darum, den Atomkraftgegnern und den Grünen Heuchelei vorzuwerfen. Ich möchte lediglich zeigen, dass die Wahrnehmung der Gefahr durch Radioaktivität einer gewissen Verzerrung unterliegt. In der englischsprachigen Fachliteratur spricht man von einem Bias. Das klingt etwas neutraler als das deutsche Äquivalent „Verzerrung“.

Die Informationsverarbeitung im menschlichen Gehirn ist nicht objektiv. Menschen nehmen bestätigende Informationen stärker wahr als widersprechende (Bestätigungsfehler, englisch: confirmation bias). Katzenhasser wissen genau, dass diese Tiere Toxoplasmose auf Menschen übertragen können und Allergien auslösen. Vegetarier wissen lange Geschichten über die Gefahren des Fleischgenusses zu erzählen.

Wer also grundsätzlich keine Atomkraftwerke mag, wird jede Nachricht über einen Störfall als Bestätigung seiner Meinung betrachten.  Weil die Anti-Atomkraft-Bewegung in Deutschland vergleichsweise stark ist, finden Meldungen über Probleme mit Kernkraftwerken in Deutschland eine große Resonanz, sie werden also sehr stark beachtet und häufig wiederholt. Noch einmal: Das ist eine normale menschliche Reaktion, kein Versagen des Intellekts.

Die Angst vor Atomkraftwerken ist zweifellos echt, aber es ist auffällig, dass weder die Todesfälle durch Radon noch die großflächige radioaktive Verseuchung in Kasachstan durch die Abfälle der Gasförderung in Deutschland auch nur annähernd ähnliche Befürchtungen auslösen, oder wenigstens beachtet werden.

Was kann man daraus schließen?

  1. Die Stilllegung von Atomkraftwerken wird die Anzahl der Krankheits- und Todesfälle durch radioaktive Strahlung nicht verringern, weil sie hauptsächlich durch Radon hervorgerufen werden. Die öffentliche Wahrnehmung ist aber anders.

  2. Auch die Gasförderung kann zu großflächiger Verseuchung der Umwelt mit radioaktiven Stoffen führen. Auch das ist praktisch unbekannt.

Objektiv gesehen verringert die Stilllegung der Atomkraftwerke das persönliche Risiko von Strahlenschäden wesentlich weniger als angenommen. Die Angst vor der Kernkraft hat also eine wesentliche irrationale Komponente. Sie ist in Deutschland wesentlich ausgeprägter als in anderen Ländern. Der jetzt beschlossene Atomausstieg muss also auch unter diesem Aspekt gesehen werden.

Veröffentlicht von

www.thomasgrueter.de

Thomas Grüter ist Arzt, Wissenschaftler und Wissenschaftsautor. Er lebt und arbeitet in Münster.

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  1. Soso, objektiv gesehen sagst du…

    „Leider hat auch die Gasförderung ähnliche Probleme.“
    Ähnliche Probleme wie explodierte Kernkraftwerke? Willst du behaupten, nach der Explosion einer Gasförderanlage muss man das Gebiet in mind. 30km Umkreis auch für mehrere Jahrzehnte evakuieren? Wohl kaum, oder?

    Du vergleichst hier über weite Teile Vorgänge im normalen Betrieb und ignorierst die euphemistisch benannten Auslegungsüberschreitungen in einem AKW. Allein diese Auswahl ist höchst subjektiv.

  2. @Mithos

    Ich beziehe mich dabei auf die Probleme in Kasachstan. Noch einmal das Zitat aus der Sendung „Planet Wissen“:“„In Kasachstan soll nach einer Studie der Universität Almaty ein Gebiet von der Größe der Bundesrepublik verseucht sein. Die strahlenden Reste der Ölförderung, Radium 226 und das Gas Radon, machen die Gegend eigentlich unbewohnbar.“

  3. Mögliche Gefahren durch Radon haben nur wirklich gar nichts mit dem Thema AKW zu tun. Das Problem ist doch nicht die austretende Radioaktivität im normalen Betrieb der AKWs. Sondern zum einen Radioaktivität die durch Störfälle austritt und, was viel wichtiger ist, die ungelöste Frage der Endlagerung.
    Wenn dir die Gefahren durch Radon und „die großflächige radioaktive Verseuchung in Kasachstan durch die Abfälle der Gasförderung“ wirklich wichtig sind, dann informier doch die Leute.

  4. @muehsam

    im text geht es ja auch gar nicht, „ob“ es ein gefahrenpotential von akws gibt, sondern das es eine verzehrte wahrnehmung gibt. die möglichen krebsfälle durch mögliche störfälle (mir sind soweit eigentlich keine bekannt) stehen in keinem verhältnis zum sorglosen umgang mit kohle- bzw gaskraftwerken. genauso ist mir unklar warum leute in heilbäder laufen in denen sie radonhaltiges wasser einatmen..

  5. Radonbelastung und Atomausstieg

    Ich lebe ja in einem Gebiet, in dem die Menschen schon immer Radonexpositionen ausgesetzt waren (auf Ihrer verlinkten Karte im Südosten von Bayern). Angeblich haben wir hier auch eine um zwei Jahre erniedrigte Lebenserwartung. Aber das wussten unsere Vorfahren, die hier siedelten, noch nicht. Leider können wir hier nicht alle wegziehen – wohin auch? Und die Ratschläge zur Verringerung der Radonbelastung, wie „radondichte Folie unter die Bodenplatte
    bringen“ etc. lassen sich höchstens bei neu zu bauenden Häusern realisieren.

    Viel ärgerlicher empfinde ich es, dass wir hier zusätzlich noch den Fallout von Tschernobyl abbekamen. Pilze, Waldbeeren und Wildbret sind noch immer radioaktiv belastet.
    Siehe Karte auf Seite fünf: http://www.umweltinstitut.org/download/umweltinstitut_pilze_und_wild.pdf

    In unmittelbarer Nähe, auf Tschechischer Seite, steht das äußerst unsichere Kernkraftwerk Temelin. Nach über 130 Störfällen fürchten viele, es könnte irgendwann mal in die Luft fliegen.
    Warum sollte ich also den Atomausstieg irreal finden? Wie ich oben schon schrieb, war die Radonstrahlung in unserer Gegend immer schon da, aber die Probleme die Kernkraftwerke verursachen sind hausgemacht. Ich rauche doch auch nicht zusätzlich, wenn ich sowieso schon vom Lungenkrebs bedroht bin. Soll ich mich trotz Radonbelastung und Tschernobyl zusätzlich radioaktiver Strahlung aussetzen?

  6. Lungenkrebs – Ein paar Fakten

    Vielen Dank für den aufklärenden Artikel, dem ich einige interessante Informationen entnehmen konnte. Wer sich übrigens genauer über die „Radon-Situation“ informieren möchte, kann dies beim Bundesamt für Strahlenschutz auf dieser Seite tun und dort u.a. auch nachlesen, was man gegen eine Radon-Belastung tun kann.

    Fakt ist, dass Radon „nur“ für einen kleinen Teil an Lungenkrebserkrankungen in Deutschland verantwortlich ist und als natürliches radioaktives Edelgas in Böden mit hohem Uran- oder Thoriumgehalt vorkommt. Dies betrifft zum Beispiel das Erzgebirge, das Fichtelgebirge, den Thüringer Wald, den Schwarzwald und den Bayerischen Wald (Quelle: Krebsinformationsdienst) und diese Gebiete kann man schlichtweg nicht abschotten.

    Nun ist Lungenkrebs nach wie vor kaum behandelbar und hat einen qualvollen Verlauf.

    Diese Aussage muss relativiert werden, da men bei einer Krebserkrankung nicht immer alles generalisieren darf. Es kommt darauf an in welchem Stadium sich der Krebs befindet. Je nachdem kann er gut behandelt bis hin zu geheilt werden – auch Lungenkrebs. Ein qualvoller Verlauf tritt nur dann ein, wenn eine Metastasierung bereits aufgetreten ist und die Lunge zu sehr invadiert wurde. Eine Frühdiagnostik bei Lungenkrebs birgt übrigens bisher mehrere Nachteile, weswegen es noch keine zuverlässige gibt und somit Lungenkrebsfälle erst spät erkannt werden. So ist Ihr angesprochener „qualvoller Verlauf“ zu erklären.

    Ich verstehe aber ihren Punkt und möchte garnicht wiedersprechen, da ich Ihnen nur Recht geben kann, dass in der öffentlichen Wahrnehmung etwas schief läuft!

  7. @typ Ganz einfach, weil diese Fakten den meisten Leuten einfach völlig unbekannt sind. Genau wie es die Gefahren von AKWs am Anfang waren. Deshalb gab es ja auch jahrzehntelange Aufklärungsaktionen durch die Atomkraftgegner.
    Also ich hab einen Umweltberuf gelernt und beschäftige mich beruflich mit MHKWs, wenn auch nur als Grafiker. Von radioaktiven Gefahren durch Gas- und Kohlekraftwerke habe ich noch nie vorher etwas gehört. Von Radon weiß ich nur das es früher mal als Heilmittel galt. Klar das man weniger Angst hat vor Gefahren die man gar nicht kennt.
    btw Wieso Gasförderanlagen nicht mit Uranbergwerken vergleichen?

  8. Irrationalität…

    Es ist ziemlich leicht, bei einem komplexen, weil multidimensionalen Sachverhalt, irrationale Aspekte zu finden. Man muss nur einzelne Details aus ihrem Zusammenhang reißen. Wie wäre es zum Beispiel damit, den Bau von Kernkraftwerken mit dem von Einfamilienhäusern zu vergleichen? Kein Einfamilienhaus in Deutschland ist genehmigungsfähig, wenn nicht eine ordnungsgemäße Abwasserentsorgung nachgewiesen werden kann. Alle Kernkraftwerke auf der Welt werden aber betrieben, obwohl das Endlagerproblem ungelöst ist.

    Aber wenigstens haben die Behörden in Tschernobyl und Fukushima in einer Hinsicht rational reagiert und den Betroffenen nicht ausgiebigeres Lüften ihrer Wohnungen empfohlen, sondern das Verlassen ihrer Heimat – für immer. Auch das ist nämlich ein Unterschied zwischen einem AKW und einem Kohlekraftwerk: Bei einer Havarie in einem Kohlekraftwerk können die Anwohner in ihren Häusern verbleiben und der Schaden ist meist in wenigen Tagen beseitigt.

    Dass Menschen nicht rein utilitaristisch denkende Verstandesmaschinen sind, an dieser einfachen Tatsache ist schon Kants Moralphilosophie gescheitert.

  9. Risikoabschätzungen rein rational??

    Atomenergie ist eine Art der Energieversorgung. Es liegt deshalb nahe sie beispielsweise mit der Kohleenergie zu vergleichen.
    Kohle und Atom bieten ganz unterschiedliche Risiken:
    – Schwerwiegende Unfälle gibt es bei Kohlekraftwerken kaum, bei Atomkraftwerken auch nur selten, dafür dann mit schwerwiegenden Konsequenzen.
    – Im Alltagsbetrieb schneiden Kohlekraftwerke aber ganz schlecht ab: Weltweit ist die Luftverschmutzung durch

    Kohlekraftwerke allein schon für mehr als 500’000 Tote pro Jahr verantwortlich. Die meisten davon allerdings in China. In den USA sterben nur 30’000 pro Jahr frühzeitig an den Folgen der Luftverschmutzung durch Kohlekraftwerke. Insgesamt gibt es weltweit 161 Tote pro Terawattstunde Kohleenergie: In China sogar 278 Tote pro Terawattstunde, in den USA nur gerade 15 pro Terawattstunde. Im Gegensatz dazu gibt es nur 0.04 Tote pro Terawattstunde Atomstrom (siehe Deaths per TWh for all energy sources

    Was die freigesetzte Radioaktivitüt betrifft, so setzen Kohlekraftwerke vor allem durch den normalen Betrieb
    Radioaktivitiät frei, denn die verfeuerte Kohle enthält Uran und Thorium.
    Atomkraftwerke dagegen schaffen das Endlagerproblem, dessen Risiken heute noch kaum abzuschätzen sind.

    Bei den Todesfällen durch Radioaktivität wirds schwierig mit der Risikoeinschätzung. Denn die Hauptfolge einer erhöhten Strahlenexposition sind Krebsleiden – und die sind in der Bevölkerung ingesamt so häufig, dass eine Zunahme durch leicht erhöhte Strahlendosen sich statistisch nicht nachweisen lässt sondern errechnet werden muss – beispielsweise mit der Annahme einer linearen Dosis-Wirkung Beziehung.
    Nimmt man eine lineare Dosis-Wirkung Beziehung zwischen Strahlenexposition, Krebsleiden und Krebsmortalität kommt man als Folge von Tschernobyl auf etwa 9000 zusätzliche Todesfälle. Dies sind allerdings viel weniger als die Folgen der erhöhten Stralenexposition durch das Fliegen. Die kommerzielle Luftfahrt wäre unter der Annahme der linearen Dosis-Wirkung Beziehung zwischen Strahlenexposition und dadurch verursachten Krebs- und Todesfällen für 79’000 zusätzliche Krebsfälle und 40’000 zusätzliche Todesfälle seit ihrem Bestehen verantwortlich (siehe http://nextbigfuture.com/2011/04/applying-union-of-concerned-scientist.html ), denn nur schon ein einziger Flug von der Ost- an die Westküste der USA bedeutet eine Dosis durch die erhöhte Höhenstrahlung von 2 bis 5 millirem.
    Während das Rauchen einer Packung Zigaretten zu einer zusätzlichen Strahlen belastung von 13 Millisievert pro Jahr führt (ja auch im Zigarettenrauch gibt es radioaktive Stoffe), kriegt ein Mitglied einer Flugzeugcrew für Langstrecken 60 bis
    180 Millisievert zusätzlicher Strahlenbelastung innerhalb 20 Jahren ab. Die Folgen dieser zusätzlichen Belastung (theoretisch mehr Krebs- und krebsbedingte Todesfälle ) sind allerdings statistisch nicht nachweisbar. Sie sind nur berechnbar unter Annhame der linearen Dosis-Wirkung Beziehung.

  10. @Martin Holzherr

    Eine rein utilitaristische Abschätzung ala Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses mal Kosten im Falle des Eintretens funktioniert bei sehr seltenen, aber sehr folgenreichen Ereignissen eher schlecht, darauf hat schon Karl Popper hingewiesen. Man kann auf der Basis solcher Berechnungen zwar gut abwägen, ob man zum Beispiel Autounfälle als unvermeidliche Folgen des Autoverkehrs akzeptieren will, aber nicht, ob man AKWs trotz der Möglichkeit von Supergaus weiter betreiben sollte. Häufigere Ereignisse treten praktisch ständig auf, sodass man die Folgen laufend sehen kann.

    Die Berechnung, dass ein Supergau nur einmal alle zigtausend Jahre eintreten wird, nützt einem nichts, wenn man heute dessen Kosten bezahlen muss, weil er doch eingetreten ist. Es ist also besser sich bereits zu Beginn zu fragen, ob es die Sache wert ist, wenn bereits morgen der maximale Schaden eintreten wird. Im Fall der AKW – Kohlekraftwerke – Diskussion wird man dann wahrscheinlich eher 500.000 statistisch gleichverteilte Tote akzeptieren als die Umsiedlung von 20 Millionen Bundesbürgern und ihre Verteilung auf die Nachbarländer.

    Ethisch ist es mMn auch unredlich, auf die größeren Umweltschäden von Kohlekraftwerken im Vergleich zu AKW im laufenden Betrieb zu verweisen. So kann man immer ein Totschlagargument (ähnlich wie Godwins Law) konstruieren, denn es gibt immer noch schlechtere Alternativen. Aus der Tatsache, dass Kohlekraftwerke schlecht für die Umwelt und das Klima sind, folgt nämlich logisch nicht, dass AKW besser sind. Man kann aus dem gemeinsamen Auftreten von gravierenden Schäden bei beiden nur schließen, dass unsere Art zu leben nicht mit den Möglichkeiten übereinstimmt, die wir auf der Erde haben.

  11. @Martin Holzherr

    Vielen Dank für Ihren hochinteressanten Kommentar!

    Was die Irrationalität von Risikoeinschätzungen betrifft, so hat hier irgendjemand in der Diskussion kurz nach der Havarie in Fukushima Dan Gardners ‚Risk‘ empfohlen. Ich habe es inzwischen gelesen und bin begeistert. (So begeistert, daß ich inzwischen auch sein ‚Future Babble‘ las.) Ich möchte mich diese Empfehlung hier noch einmal aussprechen.

    Ganz so irrational scheint mir die Ablehnung der Kernkraft allerdings nicht zu sein. Man kann diese Technolgie auch bei realistischer Risikoeinschätzung durchaus als untragbar beurteilen. Und auch der Ausstieg kann in Deutschland gelingen, da man erhebliche Teile der Warenproduktion und damit auch die Probleme der Energieversorgung zunehmend ins Ausland verlagert hat. Ob das sozial und ökologisch wünschenswert ist, ist natürlich eine andere Frage.

  12. Danke für diesen interessanten Text.

    Wenn es um einen Umstieg auf nachhaltige/möglichst rückstandsfreie/etc. Energie geht ist der Faktor Atommüll für mich allerdings schlagend.

    Siehe:
    „Brände haben Atomforschungszentrum Los Alamos erreicht“
    http://www.heise.de/tp/artikel/35/35028/1.html

    Das die Umwelt aus anderen, unbekannteren Quellen auch verseucht wird war mir vorher schon bewusst – allerdings nicht die oben erwähnten.
    Dass diese bestehen sollte uns als Menschheit trotzdem nicht davon abhalten, mit dem Dreck aufzuhören und die Innovationskraft auf andere Energiequellen zu lenken.
    So sicher Atomkraftwerke auch sein können/mögen, das Abfallproblem ist dadurch nicht gelöst.

  13. Der Vergleich…

    … ist die törichste aller Tröstungen. Und die törichste Art, in dieser Frage Stellung zu beziehen.

    „Die Angst vor der Kernkraft hat also eine wesentliche irrationale Komponente.“

    Ist das ein Versuch, witzig oder folgerichtig zu sein? Das „also“ sollten Sie bei Gelegenheit mit „meiner Meinung nach“ ersetzen – logisch bezwingend ist Ihr Lamento nicht, um es vorsichtig zu formulieren.

    Ist Ihnen schon mal in den Sinn gekommen, daß Kernkraft nicht nur eine höchst delikate technische Angelegenheit darstellt, sondern auch ein politisch-soziales Problem allererster Güte mit Alleinstellungsmerkmal ist? Was glauben Sie, um nur ein Beispiel zu nennen, wie es bei der AsseII zugegangen ist? Transparent und zum Wohle der Bürger und ihrer Nachkommen? Oder war da etwa Machtkalkül im Spiel, in seiner niedersten Ausprägung? Es gab rechtzeitig Gutachten, die das Problem der Asse eindeutig belegten (die schlichte Undurchführbarkeit des Vorhabens). Diese wurden, das wird Sie nicht wundern(?), ignoriert. Ab jetzt ist aber alles gut?

    Wer, wider alle Vernunft, für Kernenergie einstehen zu müssen glaubt, der leugnet n.v.a. auf geradezu irrationale Weise, was uns Geschichte und vor allem tägliche Erfahrung über Staaten und ihre politische Entwicklung lehrt. Über Korruption, Profit, Seilschaften, Einflußnahme von Lobbyisten, Täuschung, Blenderei mit Worten und akademischen Titeln und und und. German Angst ist zwar ein schön griffiges Wort, dürfte aber das geringste Problem sein.

    Schauen Sie doch mal über den Tellerand Ihrer zwei Bücher hinaus, da gibt es viel zu sehen und zu verstehen.

  14. @Mithos

    Offensichtlich weist Herr Grüter auf eine Tatsache hin, nämlich das es eine existente radioaktive Verseuchung durch fossile Energieerzeugung gibt. Demgegenüber reden Sie von einer hypothetischen Verseuchung durch einen atomaren Gau und behaupten allen Ernstes, Herrn Güters Darlegungen seien subjektiv. Bei Ihnen können wir den subjektiven confirmation bias at work sehen. haha. Wie überhaubt die Jüngerschaft der Grünen fanatische Züge hat…Siehe Verkehrsminister Herrmann in BaWü !!!

  15. @Michael Schwarz

    Die Neubewertung des Risikos erfolgte als Reaktion auf Fukushima, der dortige Gau ist nicht hypothetisch. Irrational ist es doch wohl eher, dem eine Rechnung entgegen zu setzen, die den normalen Betrieb der AKWs voraussetzt. Dass in diesem Fall wenig Radioaktivität austritt, sollte doch wohl eine Selbstverständlichkeit sein und bedarf eigentlich überhaupt keiner Diskussion.

  16. Rational: am Fusse des Vesuvs leben??

    Angenommen, AKW’s hätten als einziges Problem die Gefahr schwerer Unfälle wie sie ja durch Tschernobyl und Fukushima vordemonstriert wurden. Wäre das bereits ein Grund auf AKW’s zu verzichten. Ich denke nur dann, wenn solche Ereignisse mindesten einmal während einem Menschenleben vorkommen. Dass längere Zeiträume die Menschen die Gefahr vergessen lassen, dafür gibt es viele Beispiele:
    – Der Vesuv ist vulkanologisch gesehen kein toter, sondern potentiell ein schon bald wieder aktiver Vulkan – und trotzdem leben 3 Millionen Menschen in seiner unmittelbaren Umgebung
    – Tsunamis wie sie gerade Japan’s Ostküste heimgesucht haben kommen in gleicher Heftigkeit in Japan alle 200 bis 300 Jahre vor. Es gibt alte Wegsteine in Nordjapan mit der expliziten Warnung „Erinnert das Unheil der Tsunamis. Baut nicht unterhalb dieses Punktes“. Die Siedlungen, die beim jetztigen Tsunami weggespült wurden, standen trotz diesen Warnungen direkt am Meer – offensichtlich wurden diese Warnungen von den Jetzt-Zeit-Menschen als irrelevant betrachtet.
    – Das Erdbeben an der San-Andreas Spalte zu Beginn des 20.Jahrhunderts hat die Bauweise in Los Angeles, San Francisko und Umgebung wenig beeinflusst. Viele Privathäuser würden durch ein neues Beben schwer beschädigt oder zerstört. Nur die neuern Hochhäuser können stärkeren Beben widerstehen

    Es gibt noch viele solche Beispiele für das Vergessen. Ist dieses Vergessen nun irrational oder ist es gar vernünftig?

  17. @martin

    1896 liegt noch nicht einmal hunderte Jahre zurück:

    http://en.wikipedia.org/wiki/1896_Meiji-Sanriku_earthquake

    38,2 Meter hohe Wellen … und das Epizentrum von damals liegt nicht sehr weit entfernt vom Tohoku-See&Erdbeben …
    wenn ich nun diesen Umstand der Ignoranz auf die Gegenwart projeziere … stoße ich z.B. auf New Orleans, eine Stadt, die man nicht aufgeben will, sondern wieder aufbaut, obwohl man eigentlich erwarten kann, dass der Meeresspiegel eher ansteigen wird …

    … das Ganze hat für mich (leider) etwas von Kleinkindern, die partout nicht wissen möchten, dass ihre Sandburg schon in ein paar Stunden die Beute des Meers werden muss …

  18. @Martin Holzherr

    Ist dieses Vergessen nun irrational oder ist es gar vernünftig?

    Ob das Vergessen von Katastrophen irrational oder vernünftig ist, ist ohne Belang. Die Frage ist vielmehr, ob der Betrieb von Atomkraftwerken notwendig ist, also ob der Nutzen die Risiken und die möglichen Schäden wert ist. Die Beantwortung dieser Frage kann unabhängig von der Diskussion der Sinnfälligkeit der Besiedelung der Vesuvhänge, von New Orleans, San Francisco und Los Angeles erfolgen.

  19. @Ralf Poschmann: „Die Frage ist vielmehr, ob der Betrieb von Atomkraftwerken notwendig ist, also ob der Nutzen die Risiken und die möglichen Schäden wert ist. Die Beantwortung dieser Frage kann unabhängig von der Diskussion der Sinnfälligkeit der Besiedelung der Vesuvhänge, von New Orleans, San Francisco und Los Angeles erfolgen.“

    Die Texte von Thomas Grüter und Martin Holzherr weisen darauf hin, daß man diese Frage nicht unabhängig von der Diskussion führen kann, wieviel Irrationalität in der Beurteilung einer Risiko-Nutzen-Abwägung der Kernkraft steckt. Die Hoffnung ist, daß eine Aufdeckung der irrationalen Aspekte helfen kann, diese Abwägung vernünftiger zu machen. Ein Ignorieren dieser Irrationalität macht uns dagegen hilflos gegen ihren möglicherweise verhängnisvollen Einfluß.

    Ein fatales Beispiel hat Gerd Gigerenzer präsentiert. Nach dem Anschlag auf das World Trade Center sind Amerikaner ein Jahr lang weniger geflogen und dafür mehr Auto gefahren. In diesem Jahr starben 1.600 Menschen mehr durch Autounfälle. Die irrationale Einschätzung des Risikos von Flug- und Autoverkehr hat also in diesem Fall 1.600 Menschen das Leben gekostet.

    Daher scheint es mir lohnend, die Rationalität unserer Entscheidungen zu hinterfragen – wie es Thomas Grüter und Martin Holzherr hier tun.

  20. @ralf poschmann,

    um die bestmögliche risikoabschätzung vornehmen zu können, sollte der abschätzer so viele verlässliche informationen wie möglich heranziehen; hierfür ist das archivieren von informationen (und sei es in primitiven warnmarkierungen von ehemaligen wasserhöchstständen an flutbetroffenen orten etc.) unabdingbar.
    das vergessen nichtet jedwede realistische modellierung der zukunft, richtig?

    die frage der etwaigen irrationalität des vergessens ist auch meiner meinung nach nicht von zentraler bedeutung für eine risikoabschätzung – schließlich kann ich als risikoabschätzer nur mit dem material arbeiten, über das ich verfügen kann. aber sobald eine gesellschaft darauf achtet, dass erfahrungsberichte nicht verloren gehen und für jeden zugänglich sind, kann sie eigentlich nur profitieren.
    (eigentlich ein gemeinplatz 😉

  21. @Ralf Poschmann : AKW’s versus Kohle

    Folgender Aussage stimme ich zu:

    Die Frage ist vielmehr, ob der Betrieb von Atomkraftwerken notwendig ist, also ob der Nutzen die Risiken und die möglichen Schäden wert ist.

    Falls die Alternative zu AKW’s mehr Kohlekraftwerke sind, so würde ich persönlich – aufgrund meiner Einschätzung der Klimaschädlichkeit von Kohlekraftwerken – AKW’s bevorzugen.

    Ist die Klimawende eine Wende hin zu den Erneuerbaren? Viele bezweifeln, das und der Spiegel schreibt gar: Moderne Kohlekraftwerke haben für viele Experten einen enormen Stellenwert bei der Energiewende in Deutschland. Denn die leistungsfähigen Anlagen könnten den Wegfall von Atomkraftwerken ausgleichen.
    Auch der Artikel Merkel baut Brücke aus Kohle, sowie Wer im Treibhaus sitzt … bestätigen den Eindruck des Zurücks zur Kohle.

  22. Alternativen

    Man argumentiert hier z.T. so, als ob man nur die Wahl zwischen Pest und Cholera, also zwischen Atomkraftwerken und Kohlekraftwerken, hätte. Die Zukunft wird aber den alternativen Energien gehören, auch wenn ihr Einsatz bisher wegen der ungelösten Speicherprobleme noch nicht flächendeckend möglich ist, so bin ich optimistisch, dass es da noch Möglichkeiten gibt von denen wir heute noch gar nichts wissen. Mit dem ständigen Abwägen verbaut man sich nur den Blick auf neue Möglichkeiten.

    In Bezug auf „moderne“ Kohlekraftwerke sollte man sich einmal fragen, wer davon profitiert. Doch wohl nur die großen Energiekonzerne, die sie als Alternative für ihre Kernkraftwerke ansehen. Mit dezentralen erneuerbaren Energien könnten sie doch kaum mehr was verdienen.

  23. Noch so ein irrationaler Glaube

    Die Zukunft wird aber den alternativen Energien gehören, auch wenn ihr Einsatz bisher wegen der ungelösten Speicherprobleme noch nicht flächendeckend möglich ist, so bin ich optimistisch, dass es da noch Möglichkeiten gibt von denen wir heute noch gar nichts wissen.

    Da werden so manchen Leuten noch die Augen übergehen oder zumindest aufgehen. Die so genannten erneuerbaren Energien profitieren zum großen Teil noch vom Image, dass sie klein und dezentral gemacht werden können und damit nicht nur umweltfreundlich sein sollen, sondern auch den Einfluss großer Konzerne zurückdrängen.

    Dieses Image stammt wohl noch aus der Zeit, als kleine Klitschen Solargeneratoren und Windräder ein paar zusammenschusterten, die irgedwo bei Bauernhöfen auf Wiesen herumstanden.

    Solange man nicht versuchte, damit einen nenneswerten Anteil der Energieversorgung zu sichern, sondern es nur eine kleine Nische blieb, stimmt das Bild ja auch noch s einigermaßen.

    Aber es stimmt dann nicht mehr, sobald man damit wirklich die Energieversorgung ganzer Industrienationen sichern will. Nicht allein die Stromerzeugung, sondern auch die Fabrikation von Brennstoffen – Methan oder Wasserstoff aus Windstrom.

    Dann ist es vorbei mit mit dem netten, freundlichen Image. Denn wir reden ja beim Wind mindestens von einer Grössenordnung mehr an installierter Leistung als heute.

    Von der Illusion vom „small is beautiful“ wird man sich dann wohl trennen müssen. Das wird wehtun. Wenn man viel Strom produzieren muss, dann ist das eben eine großtechnische Nutzung. Damit sind auch wieder die großen Unternehmen aus Maschinenbau, Elektrotechnik und Energieversorgung am Ruder. Wer denn sonst, wenn nicht die?

    Auch die Illusion der Umweltfreundlichkeit wir dann nicht mehr haltbar sein. Wir hängen ihr ja nur noch an, weil die wirklichen Schäden anderswo produziert werden: Riesen-Stauseen, Abholzung von Urwäldern, Monokulturen von Energiepflanzen. Weit weg und damit außer Sichtweite. Das betrifft uns zwar immer noch, scheller als wir denken. Aber wir schaffen es ganz gut, so etwas zu verdrängen und so zu tun, als sei es nicht wahr.

    Allerdings wird sich das schnell ändern, allemal dann, wenn auch hier Der großflächige Anbau von Pflanzen zur Biomasseproduktion wird auch bei uns zur Rodung von Wald und zur Verdrängung von Ackerland für die Lebensmittelproduktion führt. Dann werden wir nicht nur ökologische, soziale und ästhetische Folgen zu spüren bekommen. Wir werden auch zur Kenntnis nehmen müssen, dass dann auch wieder die ganzen bekannten Namen der Großindustrie verteten sein werden.

    Der Glaube an die seligmachenden und heilsbringenden Wirkungen der erneuerbaren Energien haben wirklich Züge einer Religion. Das merkt man auch an der Behandlung derer, die es wagen, das Sakrileg zu begehen, zu sagen: „Moment mal …“.

    Das Ausblenden erwiesermaßen vorhandener Probleme und die Konzentration auf einzelne Punkte ist in der Tat irrational. Auch die Weigerung, Tatsachen zur Kenntnis zu nehmen und das Beharren auf Forderungen, die längst nicht mehr erfüllbar sind, wie „Dezentralität“ – das ist irrational.

  24. @Michael Kahn

    „Noch so ein irrationaler Glaube“

    Aber nein! Sagte doch schon Albert Einstein:
    „Phantasie ist die Vorschau auf die kommenden Ereignisse des Lebens.“

  25. In Deutschland gelten Fakten wenig

    Während sich also überall in Deutschland Atomkraftgegner über eine mögliche Häufung von Leukämiefällen in der Nähe von Atomkraftwerken die Köpfe heiß redeten, […]

    In diesem Zusammenhang ist diese Nachricht über Ergebnisse einer Studie von Belang, die genau diese angebliche Häufung widerlegt. Von der Nachricht hat man kaum etwas gehört.

    Kein Wunder, das passt nicht in das als akzeptabel definierte Meinungsgerüst, das von der Presse wie Leuten wie Sebastian Pflugbeil unwidersprochen breitgetreten wird.

    Wer Phantasie über Wissen stellt, wird dagegen nichts einzuwenden haben. Ich finde es dagegen sehr problematisch, dass wichtige Entscheidungen, die nicht zuletzt über den Wohlstand und das Wohlergehen von Generationen von Menschen entscheiden, nicht auf Fakten oder Daten beruhen, sondern auf bloßen Behauptungen und Meinungen.

  26. @Thomas Grüter

    ‚Objektiv gesehen verringert die Stilllegung der Atomkraftwerke das persönliche Risiko von Strahlenschäden wesentlich weniger als angenommen. Die Angst vor der Kernkraft hat also eine wesentliche irrationale Komponente.‘

    Wirklich?

    Objektiv gesehen, ereignen sich während eines Menschenlebens in dicht besiedelten Gebieten mehrere Kernschmelzen unter Freisetzung größerer Mengen radioaktiver Stoffe. Die Folge: Verseuchung, Erkrankungen, Evakuierungen, erhebliche wirtschaftliche Schäden – und viel menschliches Leid.

    Mit der – Verzeihung – nicht sehr menschenfreundlichen, abwägenden Gegenüberstellung verschiedener (nuklearer) Risiken und Gefahren können Sie weder die psychologische Wirkung der Bilder explodierender Reaktorblöcke, noch das real erlebte Leid der Betroffenen aus der Welt schaffen.

    Man sollte auch eines nicht verdrängen: die Havarien in Fukushima hätten mit etwas mehr Pech wesentlich gravierendere Auswirkungen haben können – und vorbei ist die Sache dort noch lange nicht.

    ‚Nur ein bisschen mehr Strahlung, habt euch nicht so‘ ist in meinen Augen die falsche Reaktion auf die chronisch fahrlässige Handhabung der Kernkrafttechnik durch Betreiber, Techniker und Politik.

  27. „Leukämieraten in GB sind doch erhöht!“

    „In diesem Zusammenhang ist diese Nachricht über Ergebnisse einer Studie von Belang, die genau diese angebliche Häufung widerlegt. Von der Nachricht hat man kaum etwas gehört.“

    Kein Wunder, denn eigentlich hat die britische Studie die KiKK-Studie nicht wirklich widerlegt. Ein Dr. Körblein aus Nürnberg hat sie sich mal genauer angeschaut, er schreibt: „Im Artikel wird gesagt, in der neuen britischen Studie sei kein erhöhtes Risiko von Leukämie-Erkrankungen bei unter 5-jährigen Kindern zu erkennen, die in der Nähe einer der 13 britischen Nuklearanlagen wohnen.
    Das ist so nicht richtig. Die Erhöhung fällt in Großbritannien nur deshalb deutlich kleiner aus, weil – anders als in Deutschland – neben den Leukämien auch Non-Hodgkins Lymphome in die Auswertung einbezogen wurden. Die Leukämien allein ergeben im 5km-Nahbereich britischer Nuklearanlagen bei Kleinkindern eine gegenüber dem Landesdurchschnitt um 36% erhöhte Inzidenz (O=20; E=14,74; SIR=1,36; p=0,222). In Deutschland beträgt bei gleicher Methodik die Erhöhung 41% und ist ebenfalls nicht signifikant (O=34, E=24,09; SIR=1,41; p=0,066) [1]. Die Ergebnisse aus Deutschland und GB stimmen also innerhalb der Fehlergrenzen sehr gut überein. Die Zusammenfassung der beiden Datensätze („gepoolte“ Analyse) ergibt eine signifikante Erhöhung um 39% (p=0.024).
    Ginge man bei der britischen Studie so vor wie bei der deutschen KiKK-Studie, würde man also die Leukämierate im Nahbereich mit der Rate im restlichen Studiengebiet vergleichen, so ergäbe sich ein relatives Risiko (RR) von 1,42 (p=0,173). Die entsprechenden Ergebnisse für Deutschland sind RR=1,45 und p=0,054. Mit den gepoolten Daten errechnet sich ein deutlich signifikant erhöhtes relatives Risiko von RR=1,44 (p=0,016). Damit bestätigen die Daten aus Großbritannien durchaus die Ergebnisse aus Deutschland, stehen also nicht im Gegensatz zur deutschen KiKK-Studie, wie im DÄ Artikel behauptet.

    [1] Kaatsch P, Spix C, Jung I, Blettner M. Childhood leukemia in the vicinity of nuclear power plants in Germany. Dtsch Arztebl Int. 2008 Oct;105(42):725-32. 2008 Oct 17.“

    Siehe hier (unten): http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/45757/Kein_Leukaemierisiko_in_der_AKW-Umgebung.htm

  28. @Mona

    Der Herr Doktor Körblein, dessen Behauptungen, kaum verwunderlich, auch gern von herrn Pflugbeil zitiert werden, dessen Kommentar sie hier per Cut & Paste abgeworfen haben, ist schon seit Jahren einigermaßen bekannt für seine Theorien. Hier befasst sich das Kinderkrebsregister mit ihm:

    http://www.kinderkrebsregister.de/stellungnahme0601.html

    Man kann natürlich so diskutieren, dass man eben schnell googelt und das gefundene dem gegenüber vor die Füße wirft. Aber muss man?

  29. Spannende Diskussion

    Erst mal ein Dank an alle, dass sie auch bei diesem emotionalen Thema eine sachliche Diskussion führen. Das ist, wie man in den letzten Wochen und Monaten sehen konnte, nicht selbstverständlich.
    @Gunnar Glitscher
    Um es noch einmal deutlich zu machen: ich rechne keine Risiken gegeneinander auf, das würde auch keinen Sinn machen. Mir geht es um die unterschiedliche Wahrnehmung. Das Risiko durch Radon führt rechnerisch (wie hier auch richtig gesagt wurde) zu einer Übersterblichkeit an Lungenkrebs. Mit relativ einfachen Maßnahmen ließe sich die Zahl der Fälle verringern, das hat aber bei keiner politischen Partei große Priorität, denn die Öffentlichkeit verlangt nicht danach. Die Wahrnehmung von Risiken, darum geht es mir hier, entspricht nicht unbedingt dem Risiko. Die Risiken durch Atomkraftwerke haben mehr Öffentlichkeit und werden deshalb sehr scharf wahrgenommen, andere Risiken kaum. Der oft geäußerte Verdacht, das Misstrauen gegen Atomkraftwerke beruhe darauf, dass man Radioaktivität nicht wahrnehmen kann und sie deshalb besonders unheimlich erscheint, ist offenbar falsch, weil andere Quellen von Radioaktivität selbst dann nicht als Bedrohung wahrgenommen werden, wenn sie tatsächlich zu einer Übersterblichkeit führen.

  30. Typischer ‚Expertenstreit’…

    …der wieder mal zeigt, dass Wissenschaftler zu ihren Ergebnissen nicht unbedingt eine neutrale Haltung einnehmen können.

    So ist das Fehlen einer **generellen Häufung** von Kinderleukämien um AKW-Standorte ja kein Beleg dafür, dass es bei manchen Häufungen nicht doch einen Zusammenhang mit dem Betrieb kerntechnischer Anlagen geben könnte. Bei dem Zitat unten kann man aber schon den Eindruck eines pauschalen Freispruchs für solche Anlagen bekommen.

    ‘Die Ergebnisse der beiden Studien des IMSD zeigen, dass bei Kindern unter 15 Jahren in der 15km-Umgebung um 20 westdeutsche kerntechnische Anlagen **keine generelle Häufung** von Krebserkrankungen und insbesondere auch nicht von Leukämien zu verzeichnen ist.‘

    http://www.kinderkrebsregister.de/stellungnahme0601.html

    Wenn man Herrn Dr. Körblein widerlegen möchte, sollte man überzeugender argumentieren.

    Interessant ist auch ein Vergleich mit den Aussagen des hier schon erwähnten, von der ‚Zeit‘ aber nicht ganz korrekt zusammengefassten Reports von COMARE (‚Kernkraftwerke können als Ursache für Blutkrebs bei Kindern praktisch ausgeschlossen werden.‘). In der COMARE-Studie wird nämlich ausdrücklich die Notwendigkeit weiterer Untersuchungen hervorgehoben. Auch wird die Kinderleukämie-Häufung um das AKW Krümmel nicht bestritten. Interessant ist auch der Ansatz, die bei KiKK unterstellte lineare Abhängigkeit solcher Krankheitsfälle von der Distanz zum Meiler in Frage zu stellen (wie ich finde, ein wesentlicher Aspekt, denn die Erfahrung zeigt ja, dass Kontaminationen sehr fleckige und nicht durchweg entfernungsabhängige Verteilungen aufweisen können).

    Andererseits bringt die COMARE-Studie auch einen möglichen Zusammenhang von Infektionskrankheiten und Leukämiefällen ins Spiel, weist aber auf den völlig spekulativen Charakter dieser Vermutung hin (‚However, the biological mechanism needs to be established before a definitive conclusion on the role of infection in the aetiology of childhood leukaemia can be drawn‘).

    http://www.comare.org.uk/press_releases/documents/COMARE14report.pdf

    Trotz der ungeklärten Lage, legt sich Prof. A. Elliott jedoch fest:

    ‚COMARE has found no reason to change its previous advice that there is no evidence to support the view that there is an increased risk of childhood leukaemia and other cancers in the vicinity of NPPs due to radiation effects.‘

    Und weiter:

    ‚The Committee acknowledges, however, that it is almost impossible to come to a final conclusion on questions determined by epidemiological evidence alone, and also that circumstances relevant to risk change.‘

    Warum legen sich COMARE eigentlich fest, wo doch nach eigener Aussage noch vieles ungeklärt ist?

    Die recht freimütige Antwort gibt COMARE selber (CHAPTER 10, Recommendation 3):

    ‚Environmental and public health monitoring will be particularly important if the new nuclear build programme goes ahead. It is clear that the programme does not command universal support in the UK and therefore it is of considerable importance that any unfounded anxieties about health risks are properly addressed.‘

    Aha, Herr Prof. Elliott forscht also nicht nur, sondern macht sich auch Gedanken darüber, wie man unbegründete nukleare Ängste abbauen kann.

    Aber er macht das als unabhängiger und neutraler Wissenschaftler sicher nicht, weil er der Kernenergienutzung zu mehr Akzeptanz verhelfen möchte. Da kann man ganz sicher sein, denn voreingenommen sind immer nur die Kernkraftgegner, deren überzogene Urängste sich binnen weniger Jahre weltweit in Millionen monströser Windparks
    manifestieren werden.

    Lasst uns noch ein letztes Mal in unberührten Wäldern spazieren gehen – das Ende ist nahe. Bald werden die Ökopropeller die Erdachse in heftige Taumelbewegungen versetzen und der grüne Wahnsinn wird den einzigen wirtlichen Planeten unserer Milchstraße in eine unbewohnbare Wüste verwandelt haben. Schade um das schöne Uran, dass den Bewohnern Afrikas unbegrenzte Energiemengen und Wohlstand hätte bescheren können…

    Etwas übertrieben? Ja, sicher. Aber ernsthaft auf die jetzt an die Wand gemalten Ausstiegs-Horrorprognosen einzugehen, will mir nicht mehr gelingen.

  31. Informations-Blockierer

    Die Journalistenvereinigung Netzwerk Recherche hat heute den Atomkraftbetreibern den Negativpreis „Verschlossene Auster“ verliehen:

    http://www.heise.de/newsticker/meldung/Negativpreis-Verschlossene-Auster-geht-an-Atomkonzerne-1272025.html

    Und auch manche Regierung hat sich nicht mit Ruhm bekleckert, wenn es darum ging, die Gefahren der Kernkraft zu verheimlichen um die eigene Atomwirtschaft zu retten:

    http://www.sueddeutsche.de/wissen/grossbritannien-schuetzt-seine-atom-konzerne-fukushima-kein-problem-1.1115093

  32. Doch irrational

    Der von Stephan verlinkte Aufsatz sieht den Dissens zwischen Befürwortern und Gegnern der Kernenergie so: „Wird für den einen die Unwahrscheinlichkeit
    durch die Größe des Übels aufgewogen, so kompensiert für den anderen die geringe Wahrscheinlichkeit das potenzielle
    Übel.“ Wo dies zutrifft, stimme ich Sabine Döring und Fritz Feger zu: „Wer von beiden Recht hat, ist keine Frage des richtigen Rechnens.“

    Die Ermittlung dieser Wahrscheinlichkeiten ist aber sehr wohl eine Frage – unter anderem – des richtigen Rechnens. Und hierbei dominiert die Irrationalität.

    Sabine Döring und Fritz Feger vertreten die These: „Befürchtungen können strategisch rational sein, indem sie uns
    helfen, auch für unwahrscheinliche, aber katastrophale Ereignisse
    vorzusorgen.“ Martin Holzherr hat das hier bereits widerlegt: Hunderttausende Menschen leben am Fuß des Vesuv, ohne sich um die Gefahr zu kümmern.

    Tatsächlich werden solche Entscheidungen unter anderem mit Verfügbarkeitsheuristiken getroffen: was leichter erinnert wird, wird intuitiv als wahrscheinlicher wahrgenommen. An einen Ausbruch des Vesuv, der Hunderttausende mit pyroklastischen Strömen tötet und vertreibt, erinnert man sich weniger leicht als an ein explodierendes Atomkraftwerk. Also scheint es intuitiv weniger riskant, am Fuß des Vesuv zu leben.

    Zu der Verfügbarkeitsheuristik treten andere irrationale Mechanismen wie:

    Group think: Gleichgesinnte bestärken einander in ihren Ansichten, weil die anderen ja dasselbe denken.

    Ankerheuristik: Menschen schätzen Unbekanntes, indem sie von irgendeinem Anker ausgehen. Für Kernenergie wirkt Hiroshima als mächtiger Anker, wodurch Risiken der Kernenergie systematisch überschätzt werden.

    Intuitive Komplementarität von Risiken und Nutzen: Etwas Nützliches nehmen wir intuitiv als risikoarm wahr, etwas Riskantes intuitiv als unnütz. Manipuliert man in Studien die Wahrnehmung des Einen, verändert sich automatisch die andere komplementär. Kernenergie ist riskant also unnütz. Ihre Anhänger sind verblendet oder korrupt. Erneuerbare Energien sind nützlich also risikoarm.

    Freund-Feind-Schemata: es ist wichtiger, sich in einer Gruppe und gegen andere Gruppen zu positionieren als Argumente abzuwägen und dadurch möglicherweise zum Defätisten zu werden. So dominiert auch in dieser Diskussion bei manchem Kommentator die Frage, ob man für oder gegen Kernenergie ist (Ich bin übrigens 50-50, um mich mal zu outen).

    Soweit nur einige Beispiele für Irrationalismen, welche die öffentliche Diskussion bestimmen. Kann man alles z.B,. bei Dan Gardner nachlesen:

    http://www.amazon.de/Risk-Science-Politics-Dan-Gardner/dp/0753515539/ref=sr_1_2?ie=UTF8&qid=1309670176&sr=8-2

    Oder direkt bei Gardners Quellen Daniel Kahneman, Paul Slovic und Amos Tversky.

  33. Vulkanausbruch

    Danke für diese Tour durch die Psychologie der Heuristiken.

    Ich finde das Vulkanbeispiel nicht gut zum Vergleich geeignet. Es gibt auch in Deutschland Menschen, die in der Nähe von Kernkraftwerken wohnen und mir ist nicht bekannt, dass diese Städte/Dörfer nach der Katastrophe in Japan schlagartig verlassen worden sind.

    Anders als beim Vulkan können wir uns aber sehr wohl dafür entscheiden, Atomkraftwerke zu bauen oder nicht, auf diese mit desaströsen Risiken verbundene Technologie, die im Übrigen die zukünftigen Generationen die Zeche zahlen lässt, oder eine sicherere und gerechterere Alternative.

    Einen Vulkan können wir hingegen nicht abschalten und er liefert auch keiner mächtigen Lobby Milliardengewinne.

  34. Heuristiken und Vulkane

    @Jürgen Bolt: Sehr gute Aufzählung von verzerrter Risikowahrnehmung. Danke!

    @Stephan Schleim: Menschengemachte und natürliche Risiken sind zwar nicht unbedingt vergleichbar, aber zumindest ist vergleichbar, wieviel Risikovorsorge die Öffentlichkeit verlangt. Das ist z.B. entlang der San-Andreas-Verwerfung verblüffend wenig, obwohl dort ein schweres Erdbeben überfällig ist. Andererseits hattest du auf den Punkt hingewiesen, dass Menschen zwar Angst vor Atomkatastrophen haben, aber deswegen Grundstücke im 20 km Umkreis von Atomkraftwerken nicht billiger werden.

    Übrigens zum Thema Milliardengewinne: In Deutschland lässt sich mit vielen Arten der Energieerzeugung gutes Geld verdienen. Auf dem Markt für Windkraftanlagen hat die Firma Enercon (3,4 Milliarden Euro Umsatz) eine

  35. Irrationalität oder Inkonsequenz?

    Mit Erstaunen nehme ich folgende Neuigkeit zur Kenntnis:

    […] können wir uns aber sehr wohl dafür entscheiden, Atomkraftwerke zu bauen oder nicht, auf diese mit desaströsen Risiken verbundene Technologie, die im Übrigen die zukünftigen Generationen die Zeche zahlen lässt, oder eine sicherere und gerechterere Alternative [zu setzen]

    Ah ja? Da muss wir wohl etwas entgangen sein. Was sollte denn die Alternative sein, die sicherer und gerechter ist, und zukünftigen Generationen nicht die Zeche aufbürdet? Fossile Energieträger sicher nicht, denn wenn wie die verbrauchen, nehmen wir wertvolle Ressourcen in Anspruch, die ihnen dann nicht mehr zur Verfügung stehen und hinterlasssen ihnen das Problem des wahrscheinlich jetzt schon nicht irreversiblen Klimawandels. Setzen wir auf Biomasse in großtechnischem Maße, istdas Ergebnis ähnlich, aber auch verbunden mit großflächigem Abholzen der Urwälder. Große Wasserkraftwerke sind mit gewaltige Risiken für die stromabwärts lebenden Menschen verbunden, erfordern schon beim Bau große Umsiedlungen und zerstören jahrtausendealte Kulturgüter.

    Vielleicht sollte ich die hier empfohlene Zeitschrift „Gehirn und Geist“ abonnieren? Finde ich dort die Fachartikel zur bevorstehenden technischen Einsetzbarkeit der Nullpunktsenergie, der kalten Fusion oder wenigstens der heißen Fusion?

    Was die Irrationalität angeht, so zählt dazu nicht nur der offenbar weitverbreitete Glaube – auch unter Leuten, von denen man eigentlich erwarten sollte, dass sie es besser wissen – an einer Verschwörung gegen „alternative Energien“, die zwar nicht konkret benannt werden können, aber in jeder Hinsicht überlegen sind und die, obwohl sie die ganze Welt mit Energie versorgen, noch nicht einmal Gewinne abwerfen.

    Irrationale Handlungs- und Denkweisen gibt es hierzulande zuhauf. Thomas Grüter hat eine genannt. Die hysterische Reaktion auf den Unfall in Fukushima – sind Geigerzähler eigentlich immer noch bundesweit ausverkauft? – auf der einen Seite, die gleichmütige Akzeptanz von Tausenden Krebstoten durch Radon auf der anderen. Wobei letzteres Problem keinesfalls unerkannt oder neu ist. Ich hörte davon schon während des Studiums, und damals war es auch nicht neu. Passiert ist seitdem nichts und geredet wird auch kaum drüber.

    Es gibt viele solcher Fälle. Fünf- bis Fünfzehntausend Influenzatote pro Jahr – jedes Jahr, außer bei einer Grippewelle, da sind es deutlich mehr! – allein in Deutschland werden kaum zur Kenntnis genommen und führen auch nicht zu besonderen Vorsichtsmaßnahmen, geschweige denn zu gesteigerter Impfbereitschaft.

    Der EHEC-Ausbruch dieses Jahr beherrschte dagegen komplett die Medien und die Reaktion auf das Risiko war alles andere als besonnen.

    Andersherum ist selbst das Verhalten mancher nach eigenem Bekunden stark besorgter Bürger nicht unbedingt nachvollziehbar: Wer mit panikerfüllter Stimme in einer Radiosendung anruft und nach „Impfstoffen gegen das EHEC-Virus“ (sic!) fragt, der hat offenbar die Furcht vor dem Keim nicht zum Anlass genommen, sich auch nur ein kleones bisschen zu infornieren. Sollte das nicht das Erste sein, was jemand tut, der sich ernsthaft Sorgen macht?

    Die Deutschen maßen sich oft eine weltweite Vorreiterrolle oder zumindest eine Schulmeisterrolle in der Energiepolitik an – Politiker wie Bürger gleichermaßen. Auch da stellt sich aber die Frage, ob unser Verhalten objektiv gesehen konsequent oder noch rational ist.

    Die erste, erfolgversprechendste und empfehlenswerteste Maßnahme, ginge es irgendjemandem hierzulande wirklich und ernsthaft um Energieeinsparung und Umweltschutz, wäre doch wohl ein generelles bundesweites Tempolimit. Und ist davon irgendetwas zu sehen? Also.

  36. Vom Glauben an Radonstrahlung

    „Menschengemachte und natürliche Risiken sind zwar nicht unbedingt vergleichbar, aber zumindest ist vergleichbar, wieviel Risikovorsorge die Öffentlichkeit verlangt.“

    Hm, mir ist nicht ganz klar von wem die Bevölkerung in Bezug auf Radon etwas verlangen könnte. Sanierungsarbeiten an Gebäuden könnten zwar leicht Milliardenbeträge verschlingen, aber das wird die Bevölkerung selbst tragen müssen, falls sie kann. Momentan soll ja nur der Wärmeschutz für Häuser gefördert werden, die dadurch weniger Heizenergie verbrauchen. Eine bessere Abdichtung dürfe aber in Bezug auf Radon kontraproduktiv sein, denn da heißt es ja man solle mehr lüften.

    Wie bei der Strahlenbelastung in der Umgebung von Kernkraftwerken, so gibt es auch bei der Radonexposition immer wieder sog. Experten, die diese als harmlos abtun:

    http://www.sz-online.de/Nachrichten/Meissen/Experte_haelt_die_Gefahr_von_Radonstrahlung_fuer_gering/articleid-2583097

  37. Kernkraft ist nicht Klimafreundlich

    “ Was sollte denn die Alternative sein, die sicherer und gerechter ist, und zukünftigen Generationen nicht die Zeche aufbürdet? Fossile Energieträger sicher nicht, denn wenn wie die verbrauchen, nehmen wir wertvolle Ressourcen in Anspruch, die ihnen dann nicht mehr zur Verfügung stehen und hinterlasssen ihnen das Problem des wahrscheinlich jetzt schon nicht irreversiblen Klimawandels.“

    Kernkraftbefürworter sollten sich auch einmal Gedanken darüber machen, woher das Uran für die „saubere“ Atomenergie kommt und ob wir wirklich das Recht haben dafür die Gesundheit und die Umwelt vieler Afrikaner zu zerstören. Ungeklärt ist auch immer noch, wohin wir den Atommüll entsorgen sollen. Frankreich z.B. schafft einen Teil seines Atommülls nach Sibirien, wo er dann in rostigen Fässern vor sich hingammelt. Aber die Armen dieser Welt haben keine Lobby und können sich deshalb nicht wehren.

    Kernkraft ist auch nicht so CO2-arm, wie uns immer wieder weißgemacht wird, denn es gibt vorgelagerte und nachgelagerte Prozesse, die in die Berechnung einfließen sollten.

    Siehe auch: http://www.youtube.com/watch?v=N1smKGDgZN0&feature=related

    Und: http://www.focus.de/wissen/wissenschaft/klima/tid-13427/atomkraft-die-co2-luege_aid_372528.html

  38. „sicherere und gerechterere Alternative“

    Michael Khan hat sich bereits zutreffend zu dieser Alternative geäußert. Ich möchte nur noch eines ergänzen. Neben den erwähnten vorhersehbaren Problemen wird die Implementierung großtechnologischer Erneuerbarer Energien vermutlich auch noch unvorhersehbare Probleme haben. Wie z.B. bereits der Beitrag zur Lebensmittelpreiskrise 2007/8.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Nahrungsmittelpreiskrise_2007%E2%80%932008

    Das Verhalten komplexe Systeme ist nur gegrenzt vorhersehbar, weswegen bei der Einführung neuer Technologien immer Überraschungen auftreten. Warum sollte es bei den EE anders sein?

    Ich hätte es deshalb rationaler gefunden, aus der Kernkraft nur in dem Maß auszusteigen, wie EE zur Verfügung stehen, und nicht umgekehrt ein Experiment des Ausstiegs zu machen, dessen Risiko tatsächlich unter anderem die nächste Generation zu tragen hat.

  39. Radon und Endlagerung

    Ich arbeite als Physiker schon länger in der Endlagerforschung und kann nur immer wieder betonen, dass diese technisch machbar ist. Ich versuche auch, diese doch recht schwierige Thematik dem interessierten Laien verständlich darzulegen, wen es interessiert, der kann hier mal schauen: http://www.kerngedanken.de/?cat=4

    Btw: Endlagerung wird bereits seit den 1970ern betrieben. Insgesamt vier Endlager sind alleine in Deutschland in Betrieb, der dabei bis jetzt entsorgte Abfall nimmt ein Volumen von mehr als zehn Mio. Kubikmetern ein, ein Ende ist nicht in Sicht, die Kapazitäten noch lange nicht ausgeschöpft (zum Vergleich: der HAW-Abfall wird am Ende ca. 30.000 Kubikmeter umfassen). Siehe auch hier: http://www.kerngedanken.de/?p=169

    Zum Thema Radon ist die Firma, in der ich arbeite, auch schon länger unterwegs. Und hier handelt es sich keineswegs um ein natürliches Problem. Auch den Spruch: da war früher schon Radon, kann man so nicht stehenlassen. Denn das Problem bei Radon ist, dass im Rahmen von Sanierungsmaßnahmen dieses Gas keine Möglichkeit mehr zum entweichen hat und sich dann im Haus sammelt. Dabei werden Strahlenwerte erreicht, die als gesundheitsgefährdend einzuordnen sind. Dass kein Politiker dieses heiße Eisen anfassen will, ist klar: alle Häuslebauer würden auf die Barrikaden gehen wenn da was kommen würde. Dass aber auch die Presse nicht mitmacht und (wie sie es ja gerne macht) Panik verbreitet, wundert mich schon. Auch dazu habe ich mal was geschrieben, ist hier zu finden:
    http://www.kerngedanken.de/?p=51

    Zuletzt noch eine Anmerkung zum letzten Kommentar von Mona: gemäß dem “Internationalen Übereinkommen über die Sicherheit der Behandlung abgebrannter Brennelemente und über die Sicherheit der Behandlung radioaktiver Abfälle” muss jedes Land seinen im eigenen Land erzeugten Abfall auch selber entsorgen. Sie schreiben, dass Frankreich seinen Müll nach Russland bringt. Hätten Sie diesbezüglich eine Quelle? Vielen Dank.


  40. Wie bei der Strahlenbelastung in der Umgebung von Kernkraftwerken, so gibt es auch bei der Radonexposition immer wieder sog. Experten, die diese als harmlos abtun: Link

    Sie sind wirklich unmöglich. Was soll dieser Spruch mit den Experten, auf den ein Link zu einem Artikel folgt, in dem etwas ganz anderes steht, als Sie behaupten? Haben Sie den Artikel, den Sie selbst zitiert haben, überhaupt gelesen – ich meine das, was nach der Überschrift kommt?

    Der dort zitierte Experte (ich sehe auch nichts, was Zweifel an seinem Fachwissen weckt oder Ihre Bezeichnung als „sogenannter Experte“ rechtfertigt) tut keineswegs die Radonexposition als harmlos ab. Er sagt in Bezug auf einen speziellen Fall, dass man nicht direkt von der Konzentration im Boden auf die Konzentration in der Luft schliessen kann und dass man dort, wo die Konzentration in der Luft im Wohnraum zu hoch ist, Anhilfe schaffen kann.

    Das was Sie sich hier geleistet haben, ist leider sehr typisch für die Art, wie die Diskussion generell geührt wird und mit ein Grund dafür, warum ich arge Zweifel daran habe, ob diese Art von gesellschaftlichem Diskurs zu der optimalen Lösung führt.

    Das, was Sie danach an Meinungen zur mangelnden Klimafreundlichkeit der Kernenergie ergoogelt haben, ist weder neu noch ist es besonders relevant.

    Keine Art der großtechnischen Energiegewinnung ist wirklich umweltfreundlich. Das ist doch gerade der Punkt. Bei fossilen Brennstoffen und Kernenergie ist das auch allgemein bekannt, wobei in diesem Punkt die Kernenergie immer noch fossilen Energieträgern voraus ist. Sie könnte noch weiter voraus sein, wenn man bereits vor Jahrzehnten in neue Generationen kleiner Kernkraftwerke investiert hätte, die in Verbindung mit Wärme-Kraft-Kopplung eingesetzt werden können. Dass man das nicht hat, ist ein schweres Versämnis, wird sich aber in den nächsten Jahrzehnten ändern. das ist aber ein anderes Thema.

    Der Punkt ist, dass erneuerbare Energien, wenn sie großtechnisch eingesetzt werden, ebenso wenig umweltfreundlich sind und ein erhebliches Gefährdungspotenzial aufweisen. Deswegen ist die Wahl keineswegs so klar und eindeutig, wie eine in Breite und Tiefe unzureichende Recherche es glauben machen könnte.

  41. Mit Löffeln

    Das was Sie sich hier geleistet haben, ist leider sehr typisch für die Art, wie die Diskussion generell geührt wird und mit ein Grund dafür, warum ich arge Zweifel daran habe, ob diese Art von gesellschaftlichem Diskurs zu der optimalen Lösung führt.

    Cool, dass es Experten wie sie hat, die eine Erklärung für alles parat haben und die wissen, wie doof die Menschen alle sind außer ihnen. Die Welt kann nur besser werden mit Superexperten wie ihnen. Alles wird optimal, dank ihnen! Danke, danke, danke!

  42. Bitte sachlich bleiben @Michael Khan

    Gehen Ihnen jetzt die Argumente aus, oder was? Sie brauchen Ihren ganzen Unmut über den Ausstieg aus der Kernenergie nicht bei mir abzuladen und mich hier als „unmöglich“ titulieren.

  43. @Mona

    Ich habe Ihnen erläutert, was an Ihrem Kommentar daneben war. Was sollte diese Bemerkung von einem „sogenannten Experten, der Radonbelastung als harmlos abtut“?

    Es missfällt mir in der Tat, wenn Sie ein ums andere Mal einfach Sachen erfinden, wie es Ihnen gerade in den Kram passt. Wenn ich das täte, käme ich auch nicht damit durch.

    Mit Unmut über irgendetwas anderes hat das nichts zu tun.

  44. Radonexperten

    Ich kenne Herrn Prof. Konschak (der Experte im genannten Artikel) sehr gut und kann nur eines bestätigen: die Gefahr von Radon in Häusern hält er für vieles, aber definitv nicht für harmlos. Es ging seinerzeit mehr um die Radonkarte für Sachsen die unter den Fachleuten für Unmut gesorgt hatte da sie mehr Verwirrung als Wissen schafft.

    Und Herr Konschak bringt es auch nochmal ganz deutlich auf den Punkt: die Problematik Radon ist eine menschengemacht, keine natürliche!

    „Radon, die unterschätzte Gefahr“ auf http://www.kerngedanken.de/?p=51

  45. Wortbedeutung @Michael Khan

    Bitte verschonen Sie mich mit Ihren Unterstellungen.
    Ihre stark emotionale und z.T. unsachliche Argumentation lässt mich vermuten, dass Sie in Bezug auf den Atomausstieg schon etwas frustriert sein müssen. Wie sonst kommen solche Sätze zustande, wie Sie sie weiter oben geschrieben haben: “ Die hysterische Reaktion auf den Unfall in Fukushima – sind Geigerzähler eigentlich immer noch bundesweit ausverkauft? – auf der einen Seite, die gleichmütige Akzeptanz von Tausenden Krebstoten durch Radon auf der anderen. Wobei letzteres Problem keinesfalls unerkannt oder neu ist. Ich hörte davon schon während des Studiums, und damals war es auch nicht neu. Passiert ist seitdem nichts und geredet wird auch kaum drüber.“

    Mir stieß dabei besonders „die gleichmütige Akzeptanz von Tausenden Krebstoten durch Radon“ auf. Zumindest wurde ja eine Karte erstellt, damit die Bürger überhaupt wissen in welchen Gegenden sich Radon im Boden befindet. Aber dann sagt der Experte: „Die Karte sei so für den Bürger irreführend. Gewissheit könne ohnehin nur eine Strahlenmessung vor Ort bringen.“

    Letzteres mag sicher richtig sein, aber die Karte wurde m.E. erstellt, damit man überhaupt weiß, wo sich Radon im Boden befindet. Ohne diese Karte würde doch kein Mensch eine Messung veranlassen. „Irreführend“ ist hier das falsche Wort, denn es sagt aus, dass etwas unrichtig, unrealistisch oder trügerisch, zumindest aber missverständlich ist. Er hätte ja auch sagen können, die Karte sei nur als Anhaltspunkt gedacht. Da er sich aber zusätzlich noch auf eigene Messungen bezieht (die niedriger? ausfielen), spricht er doch der offiziellen Karte ihre Berechtigung ab und stellt sie als übertrieben hin.

    Anscheinend hat das die Sächsische Zeitung ebenso gesehen, denn sie wählte den Titel: „Experte hält die Gefahr von Radonstrahlung für gering“.

  46. @Mona

    Ich habe Ihnen nichts unterstellt, sondern mich darauf bezogen, dass Sie eine unzutreffende Behauptung aufgestellt haben.

    Ihre Interpretation miner Argumentation ist hier vollkommen nebensächlich.

    Zu Ihrer folgenden Frage. Sie zitieren mich mit dieser Aussage:

    Die hysterische Reaktion auf den Unfall in Fukushima – sind Geigerzähler eigentlich immer noch bundesweit ausverkauft? – auf der einen Seite, die gleichmütige Akzeptanz von Tausenden Krebstoten durch Radon auf der anderen. Wobei letzteres Problem keinesfalls unerkannt oder neu ist. Ich hörte davon schon während des Studiums, und damals war es auch nicht neu. Passiert ist seitdem nichts und geredet wird auch kaum drüber.

    Was passt Ihnen daran nicht oder was verstehen Sie an dieser Aussage nicht? Die Reaktion in Deutschland auf einen Unfall in einem Kernkraftwerk in Ostasien war nun einmal hysterisch. Strahlungsmessgeräte waren in kürzester Zeit bundesweit ausverkauft. Das ist eine Tatsache.

    Hysterisch und irrational ist diese Reaktion vor allem vor dem Hintergrund, dass – was bereits seit Jahrzehnten bekannt und keineswegs geheim ist – alljährlich Tausende Menschen durch von radioaktivem Gas natürlichen Ursprungs hervorgerufene Erkrankungen sterben, wobei diese Tatsache keine nennenswerte weitere Reaktion hervorruft, die Leute nicht zu Schutzmaßnahmen bewegt und auch sonst nicht sonderlich zum Thema wird.

    Auf der einen Seite heftigste Sorge wegen einer realistischerweise kaum existenten Bedrohung.

    Auf der anderen Seite ein schon lange bekanntes, reales Problem, gegen das man sogar etwas tun kötte, aber es nicht für wichtig genug hät, warum auch immer. Wenn dieses Missverhältnis nicht irrational ist, wann fängt Irrationalität überhaupt an?

    Mein zweites Beispiel geht in dieselbe Richtung. Trotz 5000-15000 Influenza-Toten järlich allein in Deutschland weitgehende Indifferenz, zumindest Impfmüdigkeit. Auf der anderen Seite führen kurzfristige Epidemien viel geringeren Ausmaßes zu überzogenen Reaktionen. Ist das rational? Wo bleibt da die Logik?

    Ich sehe an dieser Darstellung weder etwas „stark emotionales“ noch „unsachliches“. Sollte meine darstellung faktisch falsch sein, hätten Sie mich sicher darauf hingewiesen.

    Anscheinend haben Sie offenbar selbst eingesehen, dass Ihre Beschreibung des in der in der Sächsischen Zeitung zitierten Experten als „sogenannter Experte, der die Radonexposition als harmlos abtut“ unangebracht war. Hatten Sie zuvor mehr als nur die Überschrift des Artikels gelesen?

    Wie auch immer, Sie könnten sich etwas abregen und Ihren Standardvorwurf, man wolle Ihnen etwas unterstellen, stecken lassen. Ich habe keinerlei Interesse an Unterstellungen und würde es sehr begrüßen, wenn die ganze Debatte sachlicher geführt würde.

  47. Exporte nuklearer Abfälle

    Soweit mir bekannt, handelt es es sich in dem genannten Fall der Exporte nuklearen Materials um abgereichertes Uran aus der Brennstoffherstellung. Natürliches Uran enthält nur etwa 0.7% des für die Kettenreaktion in Leichtwasserreaktoren benötigten, mit thermischen Neutronen spaltbaren Isotops 235U. In der Anreicherung wird dieser Anteil auf 3% gesteigert. Es verbleibt abgereichertes Uran, dessen Anteil am Isotop 238U höher ist als im Natur-Uran.

    Atommüist wieder etwas anderes, denn es handelt sich hier nicht um abgebrannte Brennelemente mit Spaltprodukten. Anscheinend haben die Franzosen abgereichertes Uran als Rohstoff deklariert, womit es exportfähig war.

    Ob das klar illegal, eine rechtliche Grauzone oder die Nutzung einer Gesetzeslücke war, ist mir nicht bekannt – dazu würde mich die Meinung eines Experten interessieren. Ich bin allerdings schon der Meinung, dass so etwas unterbunden werden sollte. Selbst wennes den Buchstaben des Gesetzes entsprechen sollte, die Intention des Gesetzes ist meines Wissens, dass jeder seinen Müll selbst entsorgen sollte, und dazu sollten auch Abfälle gehören, die bei der Brennstoffherstellung anfallen.

  48. @Michael Kahn

    „Die Reaktion in Deutschland auf einen Unfall in einem Kernkraftwerk in Ostasien war nun einmal hysterisch. Strahlungsmessgeräte waren in kürzester Zeit bundesweit ausverkauft. Das ist eine Tatsache.“

    Leider schreibt die „Welt“ nicht, wie viele der „300 bis 500 Euro teuren Geräte“ verkauft wurden. Ich kann mir kaum vorstellen, dass sie massenhaft verkauft wurden, daher finde ich auch die Schlussfolgerung von der „hysterischen Reaktion der Deutschen“ falsch.

    „Anscheinend haben Sie offenbar selbst eingesehen, dass Ihre Beschreibung des in der in der Sächsischen Zeitung zitierten Experten als „sogenannter Experte, der die Radonexposition als harmlos abtut“ unangebracht war. Hatten Sie zuvor mehr als nur die Überschrift des Artikels gelesen?“

    ??? Haben Sie meinen letzten Kommentar nicht gelesen, oder nicht verstanden?

    „Ich habe keinerlei Interesse an Unterstellungen und würde es sehr begrüßen, wenn die ganze Debatte sachlicher geführt würde.“

    Kann ich nur unterstreichen!

    Zum Export nuklearer Abfälle:

    „Anscheinend haben die Franzosen abgereichertes Uran als Rohstoff deklariert, womit es exportfähig war.“

    Es wurde meines Wissens nicht als Rohstoff, sondern als Wertstoff deklariert. Frankreich hofft ja, es irgendwann mal wiederverwenden zu können. Man glaubt bis zum Jahr 2040 eine Möglichkeit dafür gefunden zu haben. Wie man dann die durchgerosteten Fässer aus Russland wieder zurückbekommt dürfte spannend werden.

  49. @Mona

    Zu den Strahlungsmessgeräten: Was Sie oder ich uns vorstellen können oder wollen, ist eher irrelevant. Ich habe mal spaßeshalber bei conrad.de nachgeschaut, die Dinger sind laut der Webseite noch bis Mai 2012 (!) ausverkauft. Das ist doch wohl ein ziemlicher Ansturm. Rational erklärbar ist er nicht.

    Allerdings ist das auch nicht der einzelne Punkt, an dem sic Irrationalität bemisst, ich habe andere genannt. Das werde ich aber jetzt nicht noch einmal herbeten. Man kann es ja oben nachlesen.

    Zum anderen Punkt, den französischen Expotrten abgereicherten Urans:

    Es wurde meines Wissens nicht als Rohstoff, sondern als Wertstoff deklariert. Frankreich hofft ja, es irgendwann mal wiederverwenden zu können.

    Ich halte es für ausgesprochen unwahrscheinlich, dass die Wiederverwertung jemals ernsthaft erwogen oder erwüscht wurde. Ich wüsste auch nicht, was die damit noch anfangen wollen … panzerbrechende Waffen oder Trimm-Massen?

    Das schien mir wie eine klassische vorgeschobene Behauptung, um eine Exportgenehmigung zu erhalten. Soweit ich weiß, ist der französische Staat inzwischen eingeschritten und hat dieser Praxis durch die Firma Areva ein Ende gesetzt.Das ist ja wohl auch das Mindeste.

    Es kommt mir allerdings reichlich unwahrscheinlich vor, insbesondere angesichts der Verflechtungen zwischen Staat und Industrie in Frankreich, dass dies der Regierung nicht bereits bekannt war.

  50. Atommüll als Wertstoff @Michael Kahn

    „Ich halte es für ausgesprochen unwahrscheinlich, dass die Wiederverwertung jemals ernsthaft erwogen oder erwüscht wurde. Ich wüsste auch nicht, was die damit noch anfangen wollen … panzerbrechende Waffen oder Trimm-Massen?“

    Sehe ich auch so, warum sonst hätten sie Russland so viele Millionen Euro für die „Aufbewahrung“ des „Wertstoffs“ gezahlt. Insgesamt sparen die Energiekonzerne aber trotzdem, denn sie müssen den Atommüll ja nun nicht mehr zwischenlagern oder anderweitig entsorgen.

    „Das schien mir wie eine klassische vorgeschobene Behauptung, um eine Exportgenehmigung zu erhalten. Soweit ich weiß, ist der französische Staat inzwischen eingeschritten und hat dieser Praxis durch die Firma Areva ein Ende gesetzt.Das ist ja wohl auch das Mindeste.“

    Ja, da handelt es sich m.E. um eine Gesetzeslücke, wie Sie weiter oben auch schon vermuteten. Übrigens hat auch Deutschland Atommüll nach Russland verschoben.

    http://www.fr-online.de/politik/atomabfaelle-in-richtung-russland/-/1472596/3392702/-/index.html

    http://www.videogold.de/wurde-illegal-atommuell-nach-russland-entsorgt/

    Ob es mit dieser Praxis inzwischen ein Ende hat, kann ich nicht sagen. Ein Deutsches Gesetz scheint dem nicht entgegenzustehen. Nutzer der Kernenergie müssen zwar die Entsorgung des anfallenden Atommülls im eigenen Land sicherstellen und Atommüllexporte sind auch verboten worden, doch scheint sich in Bezug auf den besagten „Wertstoff“ nicht viel geändert zu haben, denn im Nov. 2010 kritisierten die Grünen: „Da es nach der Richtlinie im privatwirtschaftlichen Ermessen liegen darf, welche Stoffe als Atommüll oder „Wertstoff“ deklariert werden, ermöglicht sie der Atomwirtschaft letztlich versteckte Billigentsorgungen im EU-fremden Ausland.“

    Quellen:

    http://www.kotting-uhl.de/cms/default/dok/359/359699.oettingers_endlagerrichtlinie_gefaehrlic.html

    http://www.wdr.de/tv/bab/sendungsbeitraege/2010/1110/atommuell.jsp

    Und damit komme ich auch zu der scheinbaren „Irrationalität“ der Atomkraftgegner. Viele davon sehen die Gefahr ja eher im Atommüll, als im AKW selbst. Natürlich geht es hier um viel Geld und deshalb mischte in der Vergangenheit auch schon mal die Mafia mit um problematische Abfälle, wie Atommüll, zu „entsorgen“.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Radioaktiver_Abfall#Illegale_Entsorgung

    Atomkraft wird von vielen Menschen mit undurchschaubaren und kriminellen Machenschaften assoziiert, wenn man an die vielen Lügen und Verschleierungstaktiken denkt, verwundert das nicht. Würde die Atomindustrie mit offenen Karten spielen, gäbe es bedeutend weniger „Irrationale“. Aber das geht anscheinend nicht, solange es kein Endlager gibt. Und beim Thema Endlager tauchen dann auch schon die nächsten ungeklärten Fragen auf…

  51. @Mona

    Zum Thema der Exporte und des ungeklärten Verbleibs nuklearer Abfälle:

    Ja, da handelt es sich m.E. um eine Gesetzeslücke, wie Sie weiter oben auch schon vermuteten. Übrigens hat auch Deutschland Atommüll nach Russland verschoben.

    Auch da geht es – schon die ersten zwei Worte in dem Videobeitrag sagen es – um abgereichertes Uran, also um besagte Gesetzeslücke. Diese Art von „Entsorgung“ wäre bei abgebrannten Brennelementen ohnehin verboten. So eine Gesetzeslücken kann man aber auch schließen (und man sollte es auch, je schneller, desto besser).

    Ich halte es nicht für besonders hilfreich, jede Art von radioaktivem Abfall unter dem Begriff „Atommüll“ zu subsumieren. Es ist ausgesprochen wichtig, worum es sich im Einzelfall handelt, nicht nur bei dieser Mafia-Geschichte, sondern auch, wenn es darum geht, gesetzliche Rahmenbedingungen zu schaffen, die die Unternehmen zwingen, die Entsorgung in Länder mit laxeren Vorschriften oder die Verklappung auf hoher See zu unterlassen.

    Die Langlebigkeit der Radionuklide in abgebrannten Brennelemente ist ein wichtiger Punkt, ohne Frage. Aber Wiederaufarbeitungsanlagen verringern diese Langlebigkeit um Größenordungen. Genau gegen die Wiederaufarbeitung gehen aber die Gegner der Kernenergie vor, in Deutschland mit Erfolg.

    Erst wird ein wichtiger Beitrag zur Lösung des Problems verhindert, dann wird darauf bestanden, dass das Problem nicht gelöst ist.

    Ich verstehe sehr gut die Befürchtungen vieler Menschen gegen die beteiligten Großunternehmen, denn ich teile sie. Allerdings sehe ich das Problem nicht so sehr in den Handlungen am Rande der Legalität oder weit im Bereich der Illegalität. Das kann man schnell aufdecken, wenn man es ernsthaft versucht.

    Viel schwerwiegender finde ich Pannen in den Abläufen, die einfach nicht sein dürfen. Die werden aber auch nicht offenbar, wenn „mit offenen Karten gespielt wird“, was auch immer Sie damit meinen.

    Ich meine schwerwiegende Lücken im Sicherheitsmanagement, wie die, die 2004/5 dazu führte, dass ein Leck in der WAA Sellafield in Großbritannien monatelang unbemerkt blieb oder die (für sich gesehen nicht schwerwiegenden und eigentlich leicht abzustellenden) Mängel, die zum Fukushima-Unglück führten. So etwas darf eine strikte, unabhängige staatliche oder vielleicht sogar supranationale Atomaufsicht nicht durchgehen lassen.

    Man darf sich nicht vormachen, dass dies ein Problem allein der Nuklearindustrie ist. Industrieunternehmen müssen streng beaufsichtigt werden, je strenger, um so größer das Schadenspotenzial ihrer Produkte oder Herstellungsverfahren ist.

    Wenn die erneuerbaren Energien so ausgebaut werden, dass sie den Energiebedarf der Welt zu einem großen oder gar überwiegenden Tail decken, dann wird das auch eine gewaltige Industrie darstellen, bei der es um seh viel Geld geht.

    Heute gehen viele naiverweise davon aus, dass die erneuerbaren Energien irgendetwas an sich haben, dass die daran beteiligten Unternehmen und Menschen besser macht. Das halte ich für einen Trugschluss. Es mag so scheinen, so lange die Industrien noch klein und unbedeutend sind, und solange man nicht allzu genau hinschaut.

    Die ökologischen Auswirkungen der Energiepflanzenproduktion sind jetzt schon offenbar, siehe u.a. hier und hier. Aber auch die sozialen Folgen sind massiv. Vetrtretbar ist das nur, wenn der Anbau auf Brachland erfolgt, anstatt auf ansonsten für die Nahrungsmittelproduktion eingesetztem Ackerland oder auf Land, das durch Abholzung von Regenwald „gewonnen“ wurde. Da aber erstens gar nicht so viel geeignetes Brachland verfügbar und zweitens der kommerzielle Anreiz hoch ist, geschieht genau diese vetrtetbare Anbauform nicht – falls sie denn überhaupt ausreichende Mengen gestatten würde. Über die Auswirkungen großer hydroelektrischer Projekte haben wir schon geredet.

    Fazit: Immer ist eine strenge gesellschaftliche Kontrolle erforderlich, sonst sined die Folgen verheerend. Da sollte man nicht blauäugig sein und die eine Energieform verteufeln, der anderen gedoch einen Bonus geben, denn damit macht man sich etwas vor.

    Ich meine nicht, dass die Gesellschaft vor der Industrie die Waffen strecken sollte. Es kann doch nicht die Lösung sein, dass man am Ende gar nichts mehr machen kann, nur weil jemand Schindluder treiben könnte. Wir müssen schon noch die Zügel in der Hand behalten. Dazu ist eine nüchterne Betrachtung unerlässlich, und auch, dass der Einzelne sich informiert.

  52. Rückschau auf Wackersdorf @Michael Kahn

    Herr Kahn, Sie überraschen mich. Anscheinend sind wir in der Sache gar nicht so weit voneinander entfernt, wie ich anfangs dachte. Auch ich finde es notwendig gesetzliche Rahmenbedingungen zu schaffen, die eingehalten werden müssen. Und das man Pannen in den Abläufen von AKWs früher erkennen muss, wird auch kein Mensch bestreiten.

    In Bezug auf Wiederaufarbeitungsanlagen schreiben Sie: „Die Langlebigkeit der Radionuklide in abgebrannten Brennelemente ist ein wichtiger Punkt, ohne Frage. Aber Wiederaufarbeitungsanlagen verringern diese Langlebigkeit um Größenordungen. Genau gegen die Wiederaufarbeitung gehen aber die Gegner der Kernenergie vor, in Deutschland mit Erfolg.
    Erst wird ein wichtiger Beitrag zur Lösung des Problems verhindert, dann wird darauf bestanden, dass das Problem nicht gelöst ist.“

    Ob das Problem durch eine Wiederaufarbeitungsanlage restlos beseitigt wird, möchte ich bezweifeln, da Wiederaufbereitung kein Recycling ist. „Die Menge des Atommülls wird durch Wiederaufbereitung nicht geringer: das Volumen wird sogar noch erheblich vergrößert und die Handhabbarkeit erschwert. So fällt der größte Teil der radioaktiven Stoffe nach der Aufbereitung als Flüssigkeit an, die selbst nach ihrer Verglasung für eine Endlagerung weniger geeignet ist als die ursprünglichen Brennelemente. Letztere werden in Wiederaufbereitungsanlagen mechanisch zerkleinert und in Salpetersäure aufgelöst, um dann durch chemische Prozesse Plutonium vom übrigen Atommüll abzutrennen.
    Aufgrund der extrem hohen Strahlungsbelastung müssen diese Prozesse teilweise vollautomatisch hinter meterdicken Betonwänden ablaufen. Verglichen mit Kernkraftwerken geben Wiederaufbereitungsanlagen im Normalbetrieb erheblich größere Mengen radioaktiver Substanzen an die Umwelt ab.“

    Quelle:
    http://www.planet-wissen.de/natur_technik/atomkraft/atommuell/wiederaufbereitungsanlagen.jsp

    In diesem Link ist am Ende auch die Rede davon, dass die Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf verhindert wurde. Dazu möchte ich noch einiges sagen:

    Obwohl man seinerzeit jahrelang nach einem Standort für eine Wiederaufarbeitungsanlage suchte, verhinderten Landesregierungen und Bevölkerung dies immer wieder. Angeblich gab man dann eine Studie in Auftrag, wo in Deutschland die ärmste und willigste Bevölkerung zu finden sei, und so kam man auf den Taxölderner Forst bei Wackersdorf. In der Gegend lebten fast nur Kleinbauern, das Land dort ist nicht gerade fruchtbar, deshalb mussten die Leute zusätzlich pendeln. Viele Männer arbeiteten unter der Woche auf weit entfernten Baustellen, während sich die Frauen um den Nebenerwerb (Kleinbauernhof) und die Kinder kümmerten. 1981 erklärte die bayerische Staatsregierung unter Franz-Josef Strauß der Bevölkerung, dass die Wiederaufbereitungsanlage nicht gefährlicher als eine Fahrradspeichenfabrik sei. 1985 entschied sich dann die Deutsche Gesellschaft für Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen (DWK) endgültig für das Projekt.

    Zuständig für die Genehmigungen war der Landrat Hans Schuierer aus Schwandorf. Obwohl man seinen Ort regelrecht mit Geld überschüttete (als zinslose Vorauszahlung für zukünftig zu erwartende Gewerbesteuern), weigerte er sich, die Pläne für die Anlage zu unterschreiben, da ihm nach Durchsicht der Pläne Zweifel an der Ungefährlichkeit der Anlage kamen. Die bayrische Landesregierung ändert daraufhin das Verwaltungsrecht, um in solchen Fällen von oben durchgreifen zu können (Lex Schuierer) und überzog den Landrat mit Disziplinarverfahren.

    1987, ein Jahr nach Tschernobyl, gab es, da der Bebauungsplan im Nachhinein immer wieder abgeändert wurde, 881.000 Einsprüche. Die Anhörung der Betroffenen gestaltete sich dann zur kompletten Farce, da wegen der Menge der Einsprüche sowieso nicht alle Betroffenen angehört werden konnten, erklärte das bayerische Umweltministerium die Anhörung nach fünf Wochen einfach für beendet. Auch wurde von der Regierung mit Verärgerung zur Kenntnis genommen, dass sich unter den Gegnern auch hochkarätige Wissenschaftler befanden, die mit ihrer Sachkenntnis die DWK-Vertreter in Argumentationsnot brachten.

    Am Baugelände kam es unterdessen zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen, stellenweise demonstrieren 100.000 Menschen gegen die WAA. Darunter waren aber nicht nur „Chaoten“, sondern auch viele Konservative aus der einheimischen Bevölkerung. Die bayrische Regierung wusste sich nicht anders zu helfen und verbot die Demonstrationen einfach, auch wurde das bayerische Polizeigesetz geändert, damit man Demonstranten vorsorglich bis zu 14 Tage in Gewahrsam nehmen konnte. Die Dorfbewohner wurden verstärkt observiert und manche Bauernhöfe wurden bis zu zwanzigmal von der Polizei durchsucht, da man dort Demonstranten vermutete, die im Heustadel übernachteten.

    Am 31. Mai 1989 wurden die Bauarbeiten überraschend eingestellt. Die beteiligten deutschen Firmen hatten sich zusammen mit Frankreich für eine gemeinsame Wiederaufarbeitungsanlage in La Hague entschieden, da das für sie billiger war, als eine eigene Anlage.

    Siehe auch: http://de.wikipedia.org/wiki/Wiederaufarbeitungsanlage_Wackersdorf

    Die Verflechtungen der Regierung mit den beteiligten Firmen, die Aushebelung von demokratisch legitimierten Gesetzen und das brutale Vorgehen von Staat und Polizei haben tiefe Wunden bei der Bevölkerung hinterlassen, viele glaubten in einem Polizeistaat zu leben und nicht in einer Demokratie.
    Letztendlich muss man sich da schon fragen, ob ein Staat dem Volk seine „Segnungen“ mit der Brechstange verordnen darf.

    Zu den Erneuerbaren schreiben Sie: „Heute gehen viele naiverweise davon aus, dass die erneuerbaren Energien irgendetwas an sich haben, dass die daran beteiligten Unternehmen und Menschen besser macht. Das halte ich für einen Trugschluss.(…) Die ökologischen Auswirkungen der Energiepflanzenproduktion sind jetzt schon offenbar,(…) Aber auch die sozialen Folgen sind massiv. „

    Da kann ich Ihnen nur recht geben und natürlich muss man auch da genau hinschauen, denn Leute die aus Profitgier ganze Landstriche verwüsten gibt es zuhauf, die findet man nicht nur in der Atomindustrie. Wahrscheinlich werden das Geschäft mit den Erneuerbaren über kurz oder lang sowieso die großen Energiekonzerne machen, da bin ich mir fast sicher.

  53. @Mona

    Herr Kahn, Sie überraschen mich. Anscheinend sind wir in der Sache gar nicht so weit voneinander entfernt, wie ich anfangs dachte.

    Wahrscheinlich ist diese Annahme symptomatisch für die gesamte Debatte in unserem Land. Meine Meinung ist ganz einfach knapp zusammenzufassen: Wir haben hier nicht die Wahl zwischen einer guten und einer schlechten Option. Alle Optionen haben sehr gravierende Nachteile. Diese lassen sich in gewissem Umfang technisch beherrschen. Und genau an diesem Punkt entstehen die Meinungsunterschiede. Wenn es darum ginge, vor jedem Ort auf ein paar Feldern Windkraftwerke aufzustellen und damit wäre die Sache geritzt, wäre ich sofort dafür, das so zu machen.

    Einen fundamentalen Meinungsunterschied zwischen Ihnen und mir gibt es bezüglich der Schreibweise meines Nachnamens. Da muss ich aber wirklich darauf bestehen, dass ich Recht habe und ich lasse in diesem Punkt nicht mit mir verhandeln.

    Zur Wiederaufarbeitung: Niemand, ich schon gar nicht, hat behauptet, dass die Wiederaufarbeitung das Problem nuklearer Abfälle „restlos beseitigt“. Was ich schrieb, war, dass damit das Problem der Langlebigkeit um Größenordnungen verringert wird.

    Die Möglichkeiten der Transmutation sollten weiter erforscht werden, und ich rechne – wenn auch nicht in Deutschland, aber doch weltweit – mit Fortschritten in der Entwicklung von Kernkraftwerkslinien der vierten Generation, z.B. hier und hier (letzteres Konzept war wohl auch die Anwendung, die von der französischen Firma Areva als vorgeschobener Anwendungszweck für deren abgereichertes Uran „in 40 Jahren“ angegeben wurde).

    Die Historie von Wackersdorf ist mir wohlbekannt, wie jedem, der in jener Zeit gelebt hat. Es geht in der Tat nicht an, dass bim Durchsetzen eines Projekts die Demokratie den Bach ‚runtergeht, wobei das auch eine Menge damit zu tun hat, wie ein Projekt vermittelt und eingeführt wird.

    Die Einstellung der Pläne zur Wiederaufarbeitung haben nicht allein (aber auch) mit dem jahrelangen Widerstand zu tun. Ein wichtiger Grund war aber zusätzlich, dass die Industrie kein Interesse hatte. Die Verringerung der Langlebigkeit von Abfall ist nicht von kommerziellem Interesse, solange man nicht, &aeuml;hnlich wie mit Strafsteuern auf Schadstoffemissionen, auch deren Produktionn teurer macht. Das war aber nicht der Fall (aber man hätte so etwas tun sollen). Solange nun Natururan bilig verfügbar ist und man Mischoxid aus der Wiederaufarbeitung in Frankreich und England beziehen kann, ist jeglicher Anreiz weg, sich die Kosten für die wiederaufarbeitung aufzuhalsen und dazu auch sonst eine Menge Ärger.

    Zu den zukünftigen „Big Players“ im EE-Geschäft. Ihre Prognose, dass die heutigen großen Enetrgiekonzerne diesen Markt unter sich aufteilen werden, teile ich mit Einschr&aeuml;nkungen. Aber ich finde es nicht ausschlaggebend, wie die Firmen nun heißen. Es werden große Firmen sein, und man wird ihnen genau auf die Finger schauen müssen.

  54. @ Michael Khan

    Ich stimme Ihnen uneingeschränkt zu! Den „fundamentalen Meinungsunterschied“, den es bezüglich der Schreibweise Ihres Nachnamens gab, bitte ich zu entschuldigen. Für die Zukunft gelobe ich Besserung, schließlich will ich mir nicht den Zorn des Khan zuziehen. 🙂

  55. Gas- Kohleförderung wie ein Super-Gau?

    Wirklich sein sehr interessanter Artikel.
    Aber ist Gas- und Kohleförderung nun so gefährlich wie ein Super-Gau? Insbesondere in betracht der austretenden Strahlung?
    Ich mein das Rhein-Main Gebiet wäre doch dann unbewohnbar wenn Biblis einen Super-Gau hätte oder nicht?
    Ich konnte auch nicht finden wie radioaktiv Atommüll ist um es vergleichen zu können.
    Mir scheinen die Punkte in diesem Artikel alle richtig zu sein.
    Doch frage ich mich: Sind die erwähnten Strahlenwerte nicht wensentlich geringer als bei einem Super-Gau oder hoch radioaktiven Atommüll?

    Mit freundlichen Grüßen

    Thorsten Biegner

  56. Irrlichternde Panik

    Zahlen, Zahlen, … – man kommt einfach nicht darum herum. Betrachtet wird das Risiko bis zum 75. Lebensjahr an Lungenkrebs zu sterben pro 1000 Personen. Man findet durch mehrere Studien belegt etwa folgende Zahlen:

    -Raucher (0 Bq pro m3): 101 Todesfälle
    -Raucher (800 Bq pro m3): 216 Todesfälle
    -Nichtraucher (0 Bq pro m3): 4 Todesfälle
    -Nichtraucher (800 Bq pro m3): 9 Todesfälle

    Die durchschnittliche Radonbelastung beträgt in Deutschland übrigens 49 Bq pro m3. Das ist ein 16tel der in den Studien betrachteten 800 Bq pro m3.

    Bevor man sich also über das Radon aufregt, sollte man erst einmal das Rauchen verbieten. Leider findet sich im Artikel hierzu kein Hinweis. Immerhin wird geschrieben, was seit mehr als 30 Jahren bekannt ist, dass Kohlekraftwerke mehr Radioaktivität emittieren als Atomkraftwerke.

    „Möglicherweise trägt Radon auch zur kindlichen Leukämie bei.“ Das ist nun eine Aussage, die in den Bereich „irrlichternde Panik“ gehört. „Möglicherweise werde ich Morgen von einem Meteoriten erschlagen“, eine ähnlich nicht von der Hand zu weisende wahre Aussage.

    Die Frage: Was ist an diesem Artikel rational?

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