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Jeder Hochbegabte ist anders – Interview mit Tanja Gabriele Baudson

„Hier in Deutschland gibt noch starke Vorbehalte, dass man nicht gleichzeitig gute Wissenschaft machen und interessant darüber schreiben kann.“ sagt Tanja Gabriele Baudson. Dass man allerdings durchaus forschen und allgemeinverständlich dazu kommunizieren kann, demonstriert die Psychologin und Begabungsforscherin von der Universität Duisburg-Essen in ihrem Blog „Hochbegabung“.

Was hat dich motiviert, ein Blog zu verfassen?

Zum Blog kam ich mehr oder weniger wie die sprichwörtliche Jungfrau zum Kinde: Die Karg-Stiftung fragte, ob ich nicht Lust hätte, das damals schon vorhandene Blog zu erweitern. Götz Müller, mit dem ich über lange Jahre gemeinsam gebloggt habe, berichtete aus seiner eigenen Praxis; ich als Begabungsforscherin übernahm den wissenschaftlichen und forschungsmethodischen Teil, denn da sitze ich ja sozusagen an der Quelle. Ich muss sagen, mein „Baby“ ist mir über die Jahre sehr ans Herz gewachsen!

Nutzt dir dein Blog auch bei deiner wissenschaftlichen Arbeit?

Man kann interessante Befunde verbreiten. Das, was Wissenschaftler machen, ist echt cool (naja, zumindest finden wir Wissenschaftler das 😉 ), das will ich gern vermitteln. Im Blog kommt es zu einem unmittelbaren Kontakt mit teilweise ganz anderen Leuten als an der Uni, wo man ja hauptsächlich mit Kolleg/innen und Studierenden zu tun hat. Was das Thema des Blogs betrifft, sehe ich das Problem, dass diejenigen, die wirklich Ahnung von der Materie haben, sich zu selten öffentlich äußern (einige wenige tun das häufig, aber das sind, wie gesagt, nur einige wenige); das eröffnet denjenigen mit einem soliden Halbwissen natürlich einen großen Spielraum. Über das Thema Hochbegabung wird leider nach wie vor noch viel Unhaltbares publiziert.

Tanja Gabriele Baudson

Bild: Claus Martin

Denkst du, dass es deiner Arbeit auch schaden könnte?

Ich glaube, nach wie vor gibt es in Deutschland noch viele Vorbehalte gegenüber einer „Popularisierung“ von Wissenschaft, und die Frage, ob das karriereschädlich ist und junge Wissenschaftler die Massenmedien gar eher meiden sollten, wie Norbert Bolz das postuliert hat, hast Du in Deinem eigenen Blog ja auch schon diskutiert. Mal gespannt, wie sich das so entwickeln wird.

Das Thema „Hochbegabung“ ist sehr konkret und eigentlich sehr speziell. Hattet ihr von Anfang an vor, nur dieses eine Thema zu behandeln?

Ja, das ergab sich aus der Arbeit der Karg-Stiftung, die sich ja genau mit diesem Thema befasst. Aber zum einen bietet ein so interdisziplinäres Thema viele Anknüpfungsmöglichkeiten. Die Hochbegabungsforschung ist ja in vielen Disziplinen zu Hause – allein in der Psychologie finden sich Anknüpfungspunkte in die Differentielle und Persönlichkeitspsychologie, die Diagnostik und die Pädagogische Psychologie, über die Forschung zu Hochbegabtenklischees auch in die Sozialpsychologie, von den ganzen Anwendungsdisziplinen (Pädagogik, Didaktik etc.) ganz zu schweigen. Auch die Soziologie liefert spannende Aspekte, um das Phänomen besser zu verstehen. Das ist toll, weil sich dadurch viele Querverbindungen ziehen lassen – eine Disziplin reicht ja eigentlich nie, wenn man einen Gegenstand begreifen will. Viele Themen unseres Alltags haben direkt oder indirekt auch mit Begabungsidentifikation und -entfaltung zu tun – egal, ob es um die Exzellenzinitiative geht, steigende Burnout-Raten oder ganz allgemein die Frage, was uns glücklich macht. So speziell ist das Thema, glaube ich, gar nicht.

Welchen Artikel aus deinem Blog sollten die Menschen denn unbedingt lesen?

Vielleicht den, den ich im Anschluss an die #distractinglysexy-Debatte geschrieben hatte: „Nicht die Emotion ist unprofessionell, sondern die Welt, in der sie existiert“. Das scheint auf den ersten Blick zwar wenig mit Hochbegabung zu tun zu haben, illustriert aber m.E. sehr schön, welche Schwierigkeiten sich auf dem Weg zur Potenzialentfaltung stellen können, und zeigt, glaube ich, auch ganz gut mein Bestreben, scheinbar sehr disparate Dinge im Zusammenhang zu sehen.

Hast du das Gefühl, dass die Wissenschaftsblogs von den Naturwissenschaft dominiert werden?

Es gibt sehr viele naturwissenschaftliche Blogs, ja. Dass sie dominieren, würde ich jedoch nicht sagen – das hat für mich so eine aktive Konnotation, als wäre es die Intention der Naturwissenschaften. Das Phänomen reflektiert meines Erachtens vielmehr den Zeitgeist: Das naturwissenschaftliche Paradigma hat aktuell klar den stärksten Stand, weil es dem Bedürfnis nach Kausalitäten, Quantifizierbarkeit etc. besonders gut entgegenkommt; und klar interessieren sich die Leute auch für das, was verspricht, die Welt besonders gut zu erklären. (Abgesehen davon sind Naturwissenschaften aber auch einfach toll 😉 )
Das naturwissenschaftliche Paradigma ist inzwischen auch in anderen Wissenschaften angekommen. Die Psychologie beispielsweise begreift sich ja schon sehr lange als empirische Wissenschaft; aber auch in Fächern wie der Pädagogik werden quantitative Ansätze, Evidenzbasierung etc. immer wichtiger. Das hat Vorteile – kein Ansatz kann schließlich für sich beanspruchen, die Wahrheit gepachtet zu haben, und nach der streben wir ja hoffentlich alle 😉 , aber aus meiner Sicht könnten auch die Naturwissenschaften durchaus von geisteswissenschaftlichen Ansätzen profitieren, insbesondere von einem stärkeren Bewusstsein der Tatsache, wie stark aktuelle Befunde abhängig sind von gesellschaftlichen, kulturellen und historischen Kontexten. Wie war gleich die Frage?

Ich stelle lieber eine andere: Wäre es lohnend, wenn viel mehr Wissenschaftler (egal ob Natur- oder aus anderen Bereichen) selbst bloggen würden?

So pauschal würde ich das nicht sagen (typische Wissenschaftler-Antwort, oder? 😉 ) – und ich tue mich schwer damit, Kolleg/innen Vorschriften machen zu wollen. Jeder Jeck ist anders, sagt der Kölner, und gute Beiträge kommen nur dann zustande, wenn die Schreibenden es gleichzeitig können und wollen. Ich fände es auf jeden Fall schön, wenn sich mehr Kollegen und Kolleginnen daran wagen würden; aber noch wichtiger fände ich mehr Aufgeschlossenheit gegenüber Wissenschaftsblogger/innen. Gerade hier in Deutschland gibt es da, das hatte ich oben ja schon mal ganz knapp angerissen, noch starke Vorbehalte, dass man nicht gleichzeitig gute Wissenschaft machen und interessant darüber schreiben kann. Ich glaube das nicht. „Research is Me-Search“, so hat es mein sehr geschätzter Kollege Manfred Schmitt einmal formuliert; und anderen die Begeisterung für das zu vermitteln, was man macht, ist doch eine der schönsten Sachen der Welt.

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Im angloamerikanischen Raum ist man da schon deutlich weiter – allein schon die Lehrbücher sind lebensnäher und unterhaltsamer, und für amerikanische Kolleginnen und Kollegen ist es, so meine Wahrnehmung, viel selbstverständlicher, sich auch über soziale Medien zu äußern. Im deutschsprachigen Raum ist „Wissenschaftssprache“ immer noch bevorzugt kompliziert, mithin ein Distinktionsmerkmal, was eine ziemliche Hürde darstellen kann für alle, die nicht entsprechend sozialisiert sind – Bourdieu lässt grüßen. Aber zum Glück ändert sich da auch einiges, habe ich das Gefühl (ich hoffe, das liegt nicht allein an meiner Filterbubble). Vielleicht erleben wir hier gerade einen Paradigmenwechsel und müssen, um Max Planck frei zu zitieren, einfach noch ein bisschen warten, bis die Vertreter des alten Paradigmas aussterben. Abgrenzung und Ausgrenzung sind keine Qualitätsmerkmale guter Wissenschaft.

Hattet ihr schon Probleme mit Kritik aus Leserschaft/den Kollegen angesichts der vermutlich manchmal durchaus kontroversen Thematik (Kindererziehung, Ausbildung, etc)?

Klar, das bleibt nicht aus. Ab und an kommen da auch mal persönliche Angriffe, wobei ich eigentlich glaube, dass da viel Projektion dabei ist: Da hat jemand ein Problem, das sich dann mit einer solchen Intensität gegen mich oder auch gegen andere Kommentatoren richtet, die in keiner Relation zum Auslöser steht. Solche Kommentare veröffentliche ich nicht. Für mein Blog habe ich klare Vorstellungen von einer konstruktiven Diskussionskultur – und wer inhaltlich nichts beitragen, sondern nur Stunk machen will, darf das gern woanders tun. Das Internet ist ja zum Glück groß. Insgesamt bin ich mit meinen Kommentator/innen aber sehr glücklich – das sind Leute, die mitdenken und von denen ich auch viel lerne.

Welche Ansprüche stellst du denn selbst an einen gelungenen Blog-Artikel?

Dass er fachlich korrekt und nachvollziehbar sein sollte, ist selbstverständlich. Relevanz ist ein weiteres Kriterium; auch soll er die Diskussion befördern und die Leserschaft zum Nachdenken anregen. Was einen gelungenen Blogbeitrag überdies im Gegensatz zu klassischeren wissenschaftlichen Formaten auszeichnet, ist seine Authentizität: Ich finde, die Person dahinter darf durchaus durchschimmern.

Allerdings! Sie darf nicht nur durchschimmern, sie soll bzw. muss das sogar tun, wenn man eine direkte und persönliche Verbindung zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit aufbauen will. Vielen Dank für das Gespräch und noch viel Erfolg mit der „Hochbegabung“.

Veröffentlicht von

Florian Freistetter

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

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  2. Zitat:

    Über das Thema Hochbegabung wird leider nach wie vor viel Unhaltbares publiziert.

    Das wäre dann eine Erklärung für die vielen Vorurteile, die es in der Öffentlichkeit bezüglich Hochbegabung gibt? Dass nämlich die Öffentlichkeit letztlich das denkt, was in den Zeitungen und Zeitschriften über das Thema Hochbegabung geschrieben wird. Oder ist es nicht vielmehr so, dass viele (oder mindestens einige) Journalisten, die über Hochbegabung schreiben bereits mit einem Vorurteil starten, dass sie das, was ohne die meisten schon denken einfach etwas eingängiger formulieren und damit bestehende Vorurteile bestärken?

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