Der Wasserschaden von Wiesbaden und die Risiken der Geothermie

Erdwärme ist sauber, sicher und nahezu überall verfügbar. Immer mehr Bauherren setzen deswegen bei ihren Objekten auf Geothermie. Doch auch diese Technik hat ihre Tücken. Die Löcher im Boden können tiefe Einbruchskrater verursachen oder unter Druck stehendes Grundwasser an die Oberfläche durchbrechen lassen. Derartige Schäden zu beheben ist oft langwierig und teuer – um so wichtiger ist Vorbeugung.

Was es nicht alles gibt: Eine Erdwärme-Bohrung hat gestern vorübergehend einen echten Schlammvulkan direkt vor die Haustür des hessischen Finanzministeriums gezaubert. Einen kleinen natürlich nur, nicht so einen wie den in Indonesien, der jetzt seit drei Jahren Dörfer überflutet.  Verglichen mit anderen Weltgegenden und vor allem drängenderen Problemen erscheint das geologische Schadenspotential hierzulande vergleichsweise gering: Große Erdbeben betreffen üblicherweise weit entfernte Weltgegenden oder wenigstens die ferne Vergangenheit, und auch die hiesigen Vulkane haben seit geraumer Zeit nichts mehr von sich hören lassen.

Entsprechend gleichgültig ist deswegen auch die Einstellung gegenüber geowissenschaftlicher Expertise und ihrer praktischen Anwendung. Die entsprechenden Ämter sind unterfinanziert und zerstückelt, wie der Berufsverband Deutscher Geowissenschaftler kürzlich in feststellte. Das ist allerdings ausgesprochen kurzsichtig, denn seitdem es technisch möglich ist, Erdwärme zu nutzen, werden allerorten auf Teufel komm raus Löcher in den Boden gebohrt. Und manchmal findet man dabei auch was. Schlamm zum Beispiel.

Der Wiesbadener Ausbruch förderte laut Pressemeldungen zu Spitzenzeiten etwa 6000 Liter Wasser pro Minute, knapp ein Zehntel dessen, was der Indonesische Schlammvulkan Lusi derzeit dauerhaft ausstößt. Natürlich versiegt der Wiesbadener Ausbruch bald wieder – sein Ursprung lag in einem unter Druck stehenden Grundwasserleiter in etwas über hundert Metern Tiefe, der sicher nicht das Volumen für dauerhafte Aktivität hat. Lusi dagegen speisen hunderte Meter dicke Meeressedimente zwei Kilometer unter der Oberfläche. Der enorme Druck der Tiefe hat so viel Material an die Oberfläche gedrückt, dass sich dort ein Einsturzkrater, Caldera genannt, bildet. Wiesbaden wird allerhöchstens Setzungen im Millimeterbereich erleben – wenn überhaupt.

Zwischen beiden Ereignissen gibt es allerdings Parallelen. In beiden Fällen drang Wasser unter hohem Druck ins Bohrloch ein und riss Klüfte ins umgebende Gestein, durch die dann Auswurfmassen an die Oberfläche strömten. Dank dieses als hydrofracture bezeichneten Prozesses blieben alle Versuche erfolglos, den Schlot zu stopfen, in Hessen wie in Indonesien. Die Eruption endet erst, wenn der Druck im Reservoir abgesunken ist und der Schlot wieder kollabiert.

Die wichtigste Gemeinsamkeit ist allerdings, dass beide Schlammvulkane in die wachsende Liste menschengemachter Geo-Unfälle gehören. In Indonesien bohrte man nach Gas, in Deutschland nach Erdwärme. Ebenfalls in diese Kategorie gehört die ärgerliche Geschichte, die gerade den Bürgern von Staufen den Spaß an ihrer Altstadt etwas verdirbt. Dort ist ebenfalls Wasser in ein Geothermie-Bohrloch eingedrungen und dort auf eine Schicht Anhydrit gestoßen. Das nimmt Wasser auf und dehnt sich dabei aus. Wie lange noch? Gute Frage.

Schon länger bekannt und wesentlich drastischer sind Bergschäden durch den Abbau von Stein- und Braunkohle. Das kann ein abrutschender Tagebau sein, wie kürzlich in Nachterstedt, oder auch plötzlich zusammenbrechende Stollen, die mal eben ganze Garagen verschlucken. Der Salzstock Asse II fällt ebenfalls in diese Kategorie, mit der zusätzlichen Feinheit, dass man da für den Bergschaden nicht mal obendrauf sitzen muss. Der Grundwasserleiter eures Vertrauens bringt euch die Radioisotope frei Haus, sobald das Ding zusammengekracht ist.

Das ist allerdings erst der Anfang. Dank flächendeckender Untertunnelung liegen Teile des Ruhrgebiets fast zehn Meter unterhalb des früheren Grundwasserspiegels. Der einzige Grund weshalb Gelsenkirchen keine Seenplatte ist, sind die Pumpen die Tag und Nacht laufen. Das nennt man Ewigkeitslast, aber realistischerweise ist es nur eine Frage der Zeit, bis der Pott absäuft. Das ist dann die Mutter aller Bergschäden.

Es ist also ziemlich naiv zu glauben, man könnte nach Belieben im Boden herumbuddeln ohne negative Konsequenzen zu fürchten. Dummerweise passiert genau das derzeit bei der Erschließung der verschiedenen Formen der Geothermie. Die beteiligten Unternehmen beschäftigen natürlich hauseigene Geologen, aber die werden im Zweifel wenig geneigt sein, einen Auftrag wegen möglicher unterirdischer Risiken abzulehnen. Zumal es wieder Geld kostet, diese Risiken überhaupt zu finden.

Vor gerade mal zwei Wochen fragte der Berufsverband Deutscher Geowissenschaftler in der schon zitierten Erklärung, „ob Katastrophenereignisse wie in Köln (Einsturz des Stadtarchives), Staufen (Hebung der gesamten Altstadt) oder Kamen (Einsturz eines Wohnhauses durch Erdwärmebohrung) durch eine profitunabhängige Beratung und fachliche Begleitung durch geowissenschaftliche Fachbehörden hätten verhindert werden können“. Diese Karte des Hessischen Landesamtes für Umwelt und Geologie jedenfalls kennzeichnet die Wiesbadener Innenstadt als problematisch. Sicher ist jedenfalls, dass der Staat momentan nicht in der Lage ist, solche Projekte ausreichend zu prüfen und fachlich zu begleiten. Zu uneinheitlich sind die Strukturen, von den Ressourcen ganz zu schweigen.

Deutschland braucht dringend eine unabhängige Einrichtung, die den geologischen Sachverstand und auch die Ressourcen hat, die Risiken solcher Projekte unabhängig einzuschätzen. Alles andere kann verdammt teuer werden. Bis – siehe oben – zum drohenden Totalverlust ganzer Städte. Was, wenn der Schlammvulkan von Wiesbaden nicht aufgehört hätte, Wasser zu speien?

Lars Fischer

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Ich bin gelernter Chemielaborant und habe ab 1999 in diesem Beruf gearbeitet. Anschliessend habe ich an der Uni Hamburg Chemie studiert. Seit dem Abschluss Ende 2006 veröffentliche ich Beiträge in meinem Fischblog und verkaufe Artikel an andere Publikationen. Seit 2008 wohne ich im Raum Heidelberg und bin bei Spektrum der Wissenschaft für das Blogportal Scilogs verantwortlich. Daneben arbeite ich als freier Journalist und Redakteur unter anderem für die digitalen Angebote von Spektrum, veröffentliche auf verschiedenen Social-Media-Plattformen und experimentiere mit Mobile Reporting. Zu meiner Webseite

7 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. DANKE! Wichtiger Blogbeitrag!

    Eigentlich nicht zu fassen, welche Kosten Fachleute produzieren, wenn sie meinen Kosten sparen zu wollen….

    und auch nicht zu fassen, dass eine schlechte Erfahrung nicht ausreicht um endlich ins Nachdenken zu kommen…..

    Generell scheint es so zu sein, dass eine Gefahren- und Risikoabschätzung unterlassen wird. Ich habe den Eindruck, dass dies leider alle Wissenschaftsbereiche in ihrer Praxis bzw. praktischen Umsetzung betrifft.

  2. @Missverständnis…

    Ich will es einmal so sagen: ich beobachte in meinen Fachbereichen dasselbe wie hier: die in der Praxis tätigen Fachleute kommen zu Fehlurteilen und unabhängige Fachleute, welche jene abhängig tätigen Fachleute überprüfen (könnten) existieren quasi nicht. D.h. ich stimme mit Dir überein…

    Hinzu kommt, dass nicht selten die vermeintlich unabhängige Wissenschaft sich den wirtschaftlichen Interessen ihrer Auftraggeber aus Eigennutz unterordnet: Hochschulpolitik, Professor (Un)tat & Wissenschaftlerdasein in Deutschland

    Beispiele aus meinen Tätigkeitsbereichen:
    1.Eine Studie über Kinderheime. Jene unabhängige Studie einer Hochschule ist kurz nach ihrem Erscheinen wieder in der Versenkung verschwunden. Grund: die Betreuung in deutschen Kinderheimen ist oft noch schlechter, wie jene Familienverhältnisse aus welchen die Kinder geholt worden waren….das wäre ein triftiges Argument gegen Fremdunterbringungen. Diese wiederum sind jedoch mittlerweile ein wichtiger volkswirtschaftlicher Faktor. Es gibt schlicht viele Heime und diese müssen existieren, d.h. sie brauchen Kunden…..

    2. Studie zur Qualität familiengerichtlicher Gutachten:
    Vor mehr als 10 Jahren gab es eine Studie zur Qualität der Gutachten in familiengerichtlichen Verfahren: auch diese Studie ist in den „Schubladen“ gelandet. Ihr Ergebnis: über 50% der Gutachten erfüllen keinerlei wissenschaftliche Ansprüche und waren nicht brauchbar….dennoch hatten diese für Familien schwere Folgen, d.h. einen Kindes- und Sorgerechtsentzug zur Konsequenz…

    Im Gerichtsalltag kommt es dennoch quasi nicht vor, dass ein Gericht ein Gutachten wegen mangelnder Wissenschaftlichkeit und Beweiskraft ablehnt…..

  3. Marktwirtschaftliche Strukturen

    Wenn staatliche Strukturen in neoliberaler Art weggespart werden, gibt es für die Allgemeinheit eben Schaden. Bei Gelbschwarz
    ist dabei mit einer Wende zum Besseren zu rechnen?

  4. Wozu das Rad neu erfinden?

    Deutschland HAT bereits eine Behörde, welche mit Schverstand das Risiko solcher Projekte abzuschätzen verpflichtet ist.

    Jedes größere Geothermieprojekt muss im Bergamt genehmigt werden und die Geologen in den entsprechenden geologischen Landesämtern, bei denen diese Anträge üblicherweis landen haben Ahnung.

    Alle benannten Unfälle beruhen auf einem kleinen Haken: Das Bergamt bzw. Landesamt muss erst ab einer gewissen Teufe involviert werden.

    Wobei Staufen schon ein Sonderfall ist: Selbst einem blutigen Anfänger sollte klar sein, dass man nicht open-hole durch Anhydrit bohren darf.

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