Tempel des Wissens?

Wo, fragt der Spiegel derzeit auf seiner Homepage, sind eigentlich die spirituellen Zentren der säkulär-wissenschaftlichen Weltanschauung?

Drei Wortmeldungen sind schon eingegangen. Der Vorschlag von Spiegel-Redakteur Hilmar Schmundt liegt nahe, wenn nicht gar nahe am Klischee: Das British Museum. Die Geologin Hildegard Westphal votiert für die K/T-Boundary in Stevns Klint, der Historiker Rainer Kiesow hält dagegen ein etwas konfuses Plädoyer für Bologna, den Standort der ersten Universität Europas.

Tempel sind Symbole, Platzhalter – aber Platzhalter wofür? In der Religion stehen sie für die Gegenwart des jeweiligen Gottes, verkörpern seine Größe und Macht und all den ganzen anderen Kram. Der Ursprung der großen Wallfahrtsorte der Religion jedoch liegt nicht in abstrakter Symbolik, sondern in konkreten historischen[1] Bezügen: Hier hat der Heilige seinen Fußabdruck hinterlassen, also ist dieser Ort heilig.

In der Wissenschaft dagegen gibt es keine Heiligkeit, die gegebenenfalls auf einen Ort übergeht wie Reifenabrieb bei einer Vollbremsung. Wenn man einen bestimmten Ort herauspickt, dann muss man sich schon gut überlegen, wieso. Oder genauer gesagt: Wofür dieser Ort steht, und wofür ein Ort stehen muss, um ein Symbol für Wissenschaft zu sein.

Was also ist Wissenschaft?
Die Universität, vetreten durch die erste ihrer Art, steht für systematischen Austausch und Weitergabe von Wissen, und für seine Internationalität. Irgendwo habe ich gelesen, dass die Gelehrten des Mittelalters die ersten wahren Europäer gewesen seien. Der Lebenslauf von Kepler sei ein Beispiel: Graz, Prag, Linz, Regensburg… Und immer wieder Universitäten. So gesehen sind alle Universitäten in Wirklichkeit nur Zweigstellen der Universität an sich, der metaphysischen Stätte des Wissens. Und Bologna ist ihr Anfang.

Die Geologin präsentiert die entgegengesetzte Sicht: Nicht Quelle und Ursprung der Erkenntnis, nicht ihre Entstehung sei der wahre Kern der Wissenschaft, sondern vielmehr das Produkt selbst: Die Verbindungen zwischen allen Dingen der Welt, das Verborgene, das die Wissenschaft sichtbar macht. Wissenschaft verleiht den Dingen Dimensionen über ihre bloße Erscheinung hinaus. Ein dünnes Band bröseligen Tonsteins erzählt dem Eingeweihten die Geschichte vom Untergang einer Welt und vom Aufstieg einer anderen, und von der Kette des Lebendigen, von der wir ein Teil sind.

Spiegel-Redakteur Hilmar Schmundt dagegen nimmt die Idee des Tempels ziemlich wörtlich. Wie weit für ihn die Analogie geht, verrät er in seiner Einleitung, in dem er vom „säkulären Glauben an Wissenschaft und Forschung“, was ja nun am Kern der Sache meilenweit vorbei geht. Dementsprechend sakral geht es zu: Ein Raum, in dem Wissen und Wissenschaft präsent sind, und als Allerheiligstes der Lesesaal. Dort wird man, wie es sich für einen Tempel gehört, zum ein-Geweihten. Hat das wirklich etwas mit Wissenschaft zu tun?

Hat es, und zwar quasi hintenrum: Der Reichtum eines Museums spiegelt den Reichtum der Welt, erzeugt Staunen, Unglaube, Neugier. Den psychologischen Urgund jeder Wissenschaft.

(K)ein Heiligtum dem Zweifel?
Sind wir damit dem Tempel der Wissenschaft näher? Keinesfalls! An allen Vorschlägen ist Richtiges, aber die ganze Geschichte hat einen schweren Geburtsfehler: Der Spiegel fragt, irregeleitet, nach einem Ort des Glaubens. Ein Ort des Glaubens kann jedoch nie ein Ort der Wissenschaft sein.

Stellen wir das vom Kopf auf die Füße und suchen nach den Orten des Zweifels und des ungläubigen Staunens. Kann es so einen Ort überhaupt geben? Muss es ihn geben?

Ich sage, es gibt kein spirituelles Zentrum der wissenschaftlichen Welt, und es kann, es darf auch keines geben. Heilige Orte nageln eine Idee im Gestern fest, sie beanspruchen die universelle Gültigkeit dessen, was sie heilig macht.

Und in der Wissenschaft ist nichts endgültig.

 

 

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[1] mehr oder weniger…

Ich bin gelernter Chemielaborant und habe ab 1999 in diesem Beruf gearbeitet. Anschliessend habe ich an der Uni Hamburg Chemie studiert. Seit dem Abschluss Ende 2006 veröffentliche ich Beiträge in meinem Fischblog und verkaufe Artikel an andere Publikationen. Seit 2008 wohne ich im Raum Heidelberg und bin bei Spektrum der Wissenschaft für das Blogportal Scilogs verantwortlich. Daneben arbeite ich als freier Journalist und Redakteur unter anderem für die digitalen Angebote von Spektrum, veröffentliche auf verschiedenen Social-Media-Plattformen und experimentiere mit Mobile Reporting. Zu meiner Webseite

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Glaubenssache

    Wieso ist in der Wissenschaft eigentlich nichts endgültig? Wenn beispielsweise Wissenschaftler irgendwann einmal alle Funktionen des Gehirns kennen, dann ist auch Schicht im Schacht in der Hirnforschung und vielleicht wird eine neue Wissenschaft daraus, die Möglichkeiten des hirns (künstliche Intelligenz usw.) erforscht. Ebenso würde das, sagen wir, in der Archäologie laufen wenn mal alles ausgegraben ist, wovon wir zugegebenermaßen weit entfernt sind. Aber man sollte die Wissenschaft nicht immer als ewiges Konstrukt bezeichnen, denn auch das ist reine Glaubenssache. Man sollte da sehr aufpassen, nicht im Selbstzweck zu versinken.

  2. Sehr schöner Artikel!

    Lieber Lars,

    ich finde, das ist ein klasse Artikel – gerade auch, weil er zum Weiterdenken reizt!

    Und da stimme ich Dir einerseits zu, dass es wohl kaum ein „endgültiges“ säkular-wissenschaftliches Zentrum geben kann, weil ja auch stets neue Erkenntnisse, Wege und damit neue „Zentren“ möglich werden.

    Ein wenig widersprechen möchte ich Dir in dem Satz: „Heilige Orte nageln eine Idee im Gestern fest, sie beanspruchen die universelle Gültigkeit dessen, was sie heilig macht.“

    Es ist schon wahr, dass heilige Orte historisches oder mythologisches Geschehen lokal „verankern“ – das ist aber etwas ganz anderes als „festnageln“. Wenn z.B. Juden auf den Messias harren (und von der „kommenden Welt“ lehren), Muslime auf den jüngsten Tag oder Christen „Dein Reich komme…“ beten, so ist damit immer auch eine Zukunftsorientierung verbunden, die keinesfalls selbstverständlich war und ist. In den meisten Natur- und antiken Religionen (und bis heute z.B. im Buddhismus) galt der Zeitverlauf als wesentlich zyklisch, ein ewiges Werden und Vergehen. Schon die Vorstellung, es gebe einen Schöpfungspunkt und von dort aus eine gerichtete Entwicklung, ggf. sogar einen (Erkenntnis-)Fortschritt, war eine keinesfalls zwangsläufige religiöse Option, die aus den Tempeln, Synagogen, Kirchen und Moscheen kam.

    Umgekehrt erhebt natürlich auch die Aussage „In der Wissenschaft ist nichts endgültig“ – Wahrheits- und Endgültigkeitsanspruch, ist also paradox. Empirisch ist nichts endgültig beweisbar, eine Falsifizierung bleibt immer möglich. Gerade diese Eigenschaft zeichnet ja die wissenschaftliche Erkenntnis aus und zeigt zugleich, dass auch sie (nach heutigem Stand der Erkenntnistheorie) immer auf letztlich unbeweisbaren Axiomen ruhen dürfte.

    Glauben und Wissenschaft sind also sehr wohl zu unterscheiden – im Sinne absoluter Wahrheiten „endgültig“ zu trennen gelingt aber wohl nicht. Ausgesprochene und unausgesprochene Überschneidungen werden immer bleiben.

    Wie sagte doch neulich Dawkins (!) im Stern?

    „Auch ich reagiere quasi religiös, wenn ich zu den Sternen aufsehe, zur Milchstraße und mir das Universum vorzustellen versuche. Das Gefühl, dass ich dann empfinde, könnte man fast so etwas wie Anbetung nennen.“

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