Zur Internationalen Open-Access-Woche

Heute ist es genau ein Jahr her, dass ich meine Open-Access-Petition beim Bundestag eingereicht habe. Die haben nicht nur knapp 24000 Leute mitgezeichnet, es gab auch ein erfreuliches Presseecho und vor allem nachhaltiges Interesse aus der Politik (nochmal besonderen Dank an Christian Reinboth). Wir werden sehen, was am Ende dabei heraus kommt, aber der Zwischenstand ist ermutigend.

Global gesehen ist Open Access nach wie vor auf dem Vormarsch. Nach aktuellen Analysen ist inzwischen etwa ein Fünftel der wissenschaftlichen Fachliteratur in der einen oder anderen Weise öffentlich zugänglich, fast täglich beschließt irgendeine prominente Wissenschaftsrganisation, Open Access zu fördern und PLoS verdient demnächst wohl zum ersten mal Geld mit OA, dank seiner Cash Cow PLoS ONE. Nicht schlecht. 

Ich verstehe die aktuelle Kritik an PLoS ONE sowieso nicht: Seit Jahren jammern die Leute rum, dass unkonventionelle und zukunftsweisende Ergebnisse nur schwer zu veröffentlichen sind, weil die Herausgeber zu konservativ sind und am liebsten Resultate aus Mainstream-Forschungsgebieten publizieren. Jetzt auf einmal soll so ein Journal, bei dem wissenschaftliche Korrektheit das einzige Kriterium ist, schlecht sein, weil es nicht nach "Relevanz" sortiert? Get a grip!

Mit Open Access ist es ein bisschen wie mit dem Sex: Der Erfolg zeigt, dass die Vorteile erheblich sein müssen, aber warum genau es besser ist, lässt sich gar nicht so einfach festnageln. Der Streit um den Nutzen von Open Access ist jedenfalls nach wie vor nicht geschlichtet, und schon gar nicht aus Sicht der meisten Wissenschaftler. Denen ist das ganze Thema genau bis zu dem Tag scheißegal, an dem das ganze zusammengefummelte System aus Abo-Kollaborationen und Nationallizenzen zusammenbricht und jeder Forscher nur noch die Journals bekommt, die sich seine Bibliothek leisten kann. Dann ist Weltuntergang.

So lange der Zugang selbst gewährleistet ist, und das ist bei wohlgenährten Wissenschaftlern der westlichen Welt bisher der Fall, bleibt der wichtigste Anreiz, dass offen zugängliche Veröffentlichungen möglicherweise häufiger zitiert werden als diejenigen hinter einer Paywall. Der neueste Versuch, diesen Zusammenhang hieb- und stichfest nachzuweisen, kam pünktlich zum Start der Open-Access-Woche von Harnad et al., die 27000 Artikel aus knapp 2000 Journals ausgewertet haben. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass die frei zugänglich archivierten Artikel etwa um die Hälfte häufiger[1] zitiert werden. Eine ausführliche Kritik der Studie mit aufschlussreichen Antworten von Stevan Harnad steht bei Martin Fenner im Blog.

Widersprechende Studien gibt es natürlich auch, und die zeigen zumindest, dass der Zitiervorteil zwischen verschiedenen Fachgebieten ziemlich inhomogen ist. Dass der Vorteil im Prinzip existiert, kann man aber getrost als gegeben betrachten. Das gilt übrigens auch für den sehr erfreulichen Effekt, dass Open Access Wissenschaftlern aus ärmeren Ländern besseren Zugang zu aktueller wissenschaftlicher Literatur ermöglicht. Den Nachweis haben Evans und Reimer schon vor fast zwei Jahren in Science geführt. Allein dafür hat es sich schon gelohnt. Und dafür, dass Scherze wie dieser hier in Zukunft seltener werden, weil die Wissenschaftler endlich Eigentümer ihrer eigenen Forschung bleiben.

Es ist eigentlich ein bisschen Schade, dass die Open-Access-Bewegung keinen Geburtstag feiern kann. Je nachdem ob wir ab der Gründung von ArXiv zählen oder BMC und PLoS als Stunde Null ansetzen, landen wir bei etwa zehn oder knapp 20 Jahren. Auf jeden Fall hat die Bewegung seither mit begrenzten Mitteln erstaunlich viel erreicht. So viel, dass man sich anlässlich dieser jetzt zum vierten Mal stattfindenden Internationalen Open-Access-Woche schon fast fragen kann: Wie geht es danach weiter?

[1] Wenn ich hier nicht auf die seltsamen Logarithmen im Paper reinfalle. Warum machen die sowas?

Lars Fischer

Veröffentlicht von

www.fischblog.com

Ich bin gelernter Chemielaborant und habe ab 1999 in diesem Beruf gearbeitet. Anschliessend habe ich an der Uni Hamburg Chemie studiert. Seit dem Abschluss Ende 2006 veröffentliche ich Beiträge in meinem Fischblog und verkaufe Artikel an andere Publikationen. Seit 2008 wohne ich im Raum Heidelberg und bin bei Spektrum der Wissenschaft für das Blogportal Scilogs verantwortlich. Daneben arbeite ich als freier Journalist und Redakteur unter anderem für die digitalen Angebote von Spektrum, veröffentliche auf verschiedenen Social-Media-Plattformen und experimentiere mit Mobile Reporting. Zu meiner Webseite

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Bei mir an der Uni laufen auch gerade einige Open-Access-Vorträge und überall hängen Poster darüber. Insgesamt eine sehr gute Sache, die auf jeden Fall fortgesetzt werden muss!

  2. open access Woche

    kann man sich noch in die Liste eintragen? Würde meine Unterschrift sofort druntersetzen, da ich deine Ansichten teile!

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