Pharma bleibt eben Pharma – Boirons Drohgebärden und der Mangel an Forschungswille

Boiron, ein hochprofitables Unternehmen und der weltweit größte Hersteller von Homöopathika, muss sich eigentlich nicht um ein gutes Image kümmern. Die Alternativmedizin als Gegenentwurf zur etablierten, vermeintlich von den Interessen skrupelloser Industrieller durchwirkten „Schulmedizin“ genießt den Ruf des Sanften, Ganzheitlichen und Antikapitalistischen.

Bis vor ein paar Tagen, als der Homöopathie-Riese auf die hirnrissige Idee kam, den italienischen Blogger Samuele Riva mit einer Klage zu drohen. Dieser hatte es doch tatsächlich gewagt, das vorgebliche Grippe-Mittel Oscillumcoccinum zu kritisieren, indem er vorrechnete, dass von den Entenlebern und Entenherzen, die die Wirksamkeit ausmachen sollten, nach abertausendfacher Verdünnung kein Deut übrig bleiben dürfte. Außerdem postete er ein Bild des Produkts mit der treffenden Unterschrift „Beschädigt ernsthaft die Intelligenz“. Das war genug Blasphemie, um Boiron dazu zu verleiten, mit Drohbriefen gegen den Provider des Bloggers vorzugehen. Die Übersetzung des Schreibens aus dem Italienischen ins Englische kann man hier einsehen, die schönsten Stellen hier noch einmal auf deutsch:

Die Inhalte der Internetpublikationen sind unwahr und herabsetzend gegenüber der Homöopathie und unserem Unternehmen, und beschädigen nachhaltig den Ruf unseres Unternehmens […] und verursacht ernsthafte Schäden, die in einem Gerichtsverfahren ermittelt werden könnten. Sie als Manager des Blogs […] sind verantwortlich für die Kontrolle über den Inhalt und damit […] mitverantwortlich für die Rufschädigung. Im Angesicht der ganzen Angelegenheit fordern wir sie auf, […] die Inhalte, die mit „Samuele“ gezeichnet sind und Bilder unserer Produkte und alle Bezüge zu unseren Medikamenten und unserer Firma, unverzüglich und in keinem Fall später als in den kommenden 24h zu entfernen. Darüber hinaus verwarnen wir sie bezüglich der unautorisierten Verwendung von Bildern unserer Produkte und den Logos unseres Unternehmens. Wir verwarnen Sie schlussendlich, zu verhindern, dass Mr Samuele, Autor der zitierten rufschädigenden Artikel, auf sein Blog blogzero.it zugreifen kann.  [Übersetzung der englischen Übersetzung von mir]

Boiron drohte also mit rechtlichen Konsequenzen. Das war ausgesprochen dämlich, Ulrich Berger kommentierte trocken: „Dumm wie Boironstroh“.

Der Streisand-Effekt tut inzwischen sein Übriges. Inzwischen hat das so große Kreise gezogen, dass nach der unglaublichen Resonanz in der Blogosphäre sogar das renommierte British Medical Journal darüber berichtete, und unter anderem auch das Handelsblatt, Gulli.com und die italienische Ausgabe von WIRED .

Als Konsequenz sieht sich Boiron nicht nur einem Imageverlust gegenüber, sondern auch einer Klage in den USA: Weil nämlich in dem Endprodukt kein einiziges Molekül der beworbenen Wirkstoffe Entenleber und Entenherz enthalten ist, und darüber hinaus diese Inhaltsstoffe gar nicht gegen Grippe wirksam seien, dürfe Oscillo auch nichts als Grippemittel beworben werden.

Homöopathika – hochprofitabel auch ohne Wirksamkeitsnachweis

Die Industrie der alternativmedizinischen Präparate ist schon längst Big Business und unterscheidet sich im Grunde nicht von Pfizer, Hoechst und Bayer. Allein mit Oscillococcium setzt Boiron angeblich jährlich zweistellige Millionenbeiträge um – eine sehr profitable Ente ist das gewesen, die für die Urtinktur sterben musste – eine Ente sollte bei einer Verdünnung von 1:10400 schließlich für alle je verkauften Oscillo-Packungen ausreichen. Die Gewinnorientierung lässt die Pharmaindustrie, alternativ wie konventionell, mitunter zweifelhafte Wege beschreiten. Eher harmlos: Beide geben mehr für die Werbung aus, als für die Forschung, aber bei Boiron ist das Ungleichgewicht besonders krass. Ganze 21% der 520 Millionen Euro jährlichen Jahresgewinns gehen für das Marketing drauf, nur 0,8% fließen in die Forschung. Bei den normalen Pharmariesen sind das immerhin noch zwischen 15 und 25%.

Die „alternativen“ Konzerne haben es eben besonders leicht, wenn es um den Nachweis einer Wirkung ihrer Produkte geht. Muss die klassische Pharmafirma nach wahnsinnig teuren, mehrstufigen Studienverfahren noch ungewünschte Ergebnisse zurückhalten, um ein Medikament zu schönen, ersparen sich die Wasserschüttler diesen Aufwand ganz und können direkt in die Vermarktung ihrer wirkstofffreien Präparate übergehen. Zumindest in Deutschland sind über den so genannten „Binnenkonsens“ im Arzneimittelgesetz §25 und §105 die Sonderregeln für homöopathischen und anthroposophischen Hokuspokus festgelegt:

Für [Phytotherapeutika, anthroposophische und homöopathische Arzneimittel] sieht das deutsche Arzneimittelgesetz vor, dass in der Entscheidung über die Erteilung bzw. Verlängerung einer Vermarktungserlaubnis die „medizinischen Erfahrungen“ bzw. „die Besonderheiten“ dieser Therapierichtungen zu berücksichtigen. [Zitat: Wikipedia]

Darüber hinaus müssen Homöopathika nur zugelassen werden, wenn eine Indikation festgelegt wird. Die deutsche Homöopathie-Union schreibt dazu:

In der Einzelmittel-Homöopathie verzichtet man aufgrund des individuellen Einsatzes, der Vielfalt von Ausgangsstoffen, Potenzen und Darreichungsformen auf die Zulassung und bedient sich der Registrierung.

De facto muss wohl kaum ein Homöopathikum durch eine Zulassung. In dem vereinfachten Registrierverfahren nach Richtlinie 2001/83/EG Artikel 13 (2) muss kein Wirksamkeitsnachweis erbracht werden. Das muss man sich mal vorstellen! Die Motivation zur Investition in die Forschung ist damit verständlicherweise recht niedrig. Die Forschung, die betrieben wird, treibt mitunter kuriose Blüten, die eventuell Gegenstand eines späteren Beitrags sind.

Vielleicht kann man Boiron abschließend im Interesse seiner Anteileigner nur dazu raten, etwas Imbecilium C200 zu nehmen – das soll mitunter Wunder gewirkt haben. Für den Rest der Bevölkerung kann es nur gut sein, wenn bekannter wird, dass Homöopathika im Grunde nur Abzocke und Aberglaube sind.


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Martin Ballaschk ist Biologe, enthält Glutamat und ist auch noch stolz drauf! Er bloggt hier über Dinge, die ihn erstaunen, aufregen oder die er einfach für sich und seine Mitmenschen aufarbeiten möchte. Beruflich als Kommunikator an einem Berliner Forschungszentrum, hier privat.

8 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Hm die Homoöpathie beruht doch auf der Annahme das Ähnliches mit Ähnlichen geheilt wird (similia similibus curentur).
    Momentan frage ich mich persönlich wie viel Entenherz und Entenleber ich fressen müsste um grippeähnliche Symptome zu erzeugen. Wäre wohl eher ein Mittel gegen Brechreiz 😉

  2. Immunologie

    Dass Ähnliches mit Ähnlichem geheilt wird, trifft vor allem in der Immunologie zu, wo man Teile von Krankheitserregern als Schutzimpfung verabreicht.

    Im Gegensatz zur Homöopathie kann man aber in der Immunologie die Bildung der entsprechenden Antikörper genau nachweisen (zumeist mit dem ELISA).

  3. Fragen

    Was heißt die „medizinischen Erfahrungen“ bzw. „die Besonderheiten“ dieser Therapierichtungen zu berücksichtigen ? Wenn damit der Placeboeffekt und mögliche Schäden durch Nicht-Behandlung gemeint sind, dann frage ich mich warum ich dann nicht für bestimmte Krankheiten nicht-homöopathische Placebos verkaufen darf und dabei verschweige, dass es Placebos sind? Oder darf ich das?

    Welche „Forschung“? Ich möchte gerne wissen was Boiron mit den 0,8% des Jahresgewinns macht, die es in die „Forschung“ steckt.

  4. Nicht ganz dasselbe

    Es gibt doch einen Unterschied zwischen Pfizer, Hoechst und Bayer einerseits und Quacksalbern andererseits: erstere betreiben Forschung auf wissenschaftlicher Grundlage, letztere nicht.

  5. @A.G.Pym

    Vermutlich auch nur, weil sie dazu gezwungen sind. Immerhin werden diese Firmen nicht etwa von Wissenschaftlern geleitet, sondern von Geschäftsleuten, Managern und Buchhaltertypen. Meiner bescheidenen Meinung nach sind die schon völlig überfordert, wenn es um Medikamentenentwicklung über Jahrzehnte geht. Zukäufe statt echter Innovationen im wichtigeren Forschungsbereich sind da an der Tagesordnung …

    Diese Leute wollen in erster Linie verkaufen – womit sich auch die irre hohen Marketing- und Werbeetats erklären. Es übersteigt aber schlicht deren Horizont, dass man ohne Neuentwicklungen auch schlecht etwas neu verkaufen kann.

  6. @ Joe Dramiga: Forschung

    Hallo Joe,

    ich habe jetzt noch ein wenig gesucht, und konnte nichts zur Forschung Boirons finden. Die 0,8% Investition in „Research & Development“ sind wohl eher der Entwicklung neuer Placebo-Accessoires zuzurechnen … Ich stelle mir sowas wie lustige neue Verpackungen oder besonders attraktiv oder gleichmäßig klappernde Globuli vor …

    Ich habe mich von dem „research“ in R&D zur Annahme verleiten lassen, die machten Froschung. Kann gut sein, dass das nur „development“, also Produktentwicklung ist.

    Andererseits soll es ein forschendes „Institut Boiron“ geben, allerdings habe ich dazu keinerlei brauchbare Information auftreiben können.

  7. @Joe

    Soweit ich weiß kann ein Arzt ihnen auch Placebos verschreiben. Die erzählen immer es sei für alte Leute die etwas Zuwendung bräuchten, aber ich glaube, dass das bei Rückenschmerzen(Hexenschuss etc.) eingesetzt wird. Das Verhalten meines ehemaligen Hausarztes war zumindest vorbildlich was eine placebobehandlung anging.
    1. mal rückenschmerzen:
    wirbel einrenken, spritze setzen, physiotherapie gleich in der praxis, mit massageliegen, elektromassagen, schröpfgläser alles in einem waschgang
    2. mal rückenschmerzen:
    wirbel einrenken, größere spritze setzen, usw.usf.
    3. mal rückenschmerzen:
    wirbel einrenken, minimini spritze setzen, usw.usf.

    das ganze ist zwar vollkommen übertrieben, aber äußerst wirksam (auch wenn wirbeleinrenken reichen würde)
    beim spritzensetzen macht er auch immer darauf aufmerksam, dass er mehr und mehr spritzt und beim dritten mal eine neues mittel in winzigster dosierung setzt. das muster entspricht der reihenfolge des placeboeffekts von schwach bis stark.
    schmerzbehandlung ist ideal für eine placebobehandlung

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