Nachrichten bleiben besonders

In letzter Zeit höre ich wieder vermehrt, Zeitungen, Magazine, Rundfunk und TV sollten mehr positive Nachrichten bringen, nicht immer nur Mord und Totschlag, Gewalt und Krieg. Nicht wenige wundern sich, weshalb Unfälle mit Flugzeugen oder Zügen mehr Raum erhalten als die tägliche Fülle von Autounfällen.

Im Augenblick, da ich dies schreibe, berichten wohl alle Medien von dem Zusammenstoss zweier Züge bei Bad Aibling. Viele Verletzte, bisher werden acht Tote gemeldet. Laut Statista gab es 2014 im Bundesgebiet 3.366 Verkehrstote1. Das macht etwas mehr als 9 pro Tag. Jeden Tag. Aber hören wir jeden Tag von diesen Toten oder von den Hunderttausenden, die im normalen Strassenverkehr jedes Jahr verletzt werden?

Ich bin sehr froh, dass wir [fast] nur schlechte Nachrichten hören.

Tagesjournalismus – bis zu einem gewissen Grad jeder Journalismus – lebt vom Aussergewöhnlichen. Das tägliche Einerlei, unser gewöhnliches Leben, mit all seinen Freuden und Langweiligkeiten, interessiert die Leser nicht. Die meisten Menschen wollen nicht wissen, wie viele Säcke Reis gestern – im Zeitalter des Internets: im nächsten Moment – umgefallen sind. Dafür fallen einfach zu viele um.

Nachrichten sind per Definition eben die Dinge, die nicht jeden Tag passieren. Theoretisch sollten sie auch eine Relevanz für die Zukunft haben, z.B. uns darüber nachdenken lassen, wie wir unser Handeln ändern können, damit etwas möglichst nicht passiert. Aber das bleibt selbst für politische Nachrichten, die ganz handfeste Auswirkungen auf unser Leben haben, weitgehend akademisch.

Die Routine des Lebens als Quell der Erkenntnis des Allzumenschlichen bleibt Dichtern und Romanciers überlassen. Selbst sie reichern ihre Werke mit Sonderheiten an, vor allem vor der Moderne. Charles Dickens beschreibt nicht einfach das Leben armer Menschen, ausgebeutet in einer höchst hierarchischen Gesellschaft, in der jeder für sich kämpft. Er nutzt Plots, Twists und Figuren, die ohne Schwierigkeiten in einem Kolportageroman Karl Mays Platz fänden.2

Wenn nun Nachrichten vor allem aus Krieg und Katastrophen und Verbrechen bestehen, sagt mir das, dass wir alles in allem in einer recht ruhigen Welt leben. Das ist ein abstrakter Gedanke, der den betroffenen Menschen nicht hilft, der uns aber einordnen lässt, wie es wirklich um Deutschland, Europa und die Welt steht.

Stellen Sie sich vor, sie lebten in einem Land, dass sich im Krieg befindet. Vor allem an den Rändern seiner Existenz feuert Artillerie auf Infanterie, rollen Panzer aufeinander zu, explodieren Granaten. Tag aus, Tag ein. Stunde um Stunde. Ohne Unterlass. Nachrichten, Film und Literatur werden darüber wenig Worte verlieren. Im Gegenteil, sie werden eine heile Welt aufbauen, sie werden das Schöne in den Mittelpunkt stellen. zum einen aus Propaganda – ‘Uns geht’s ja super!’ –, zum anderen, weil diese heile Welt besonders ist. Wo sie denn wahr ist.

Falls Sie sich das nicht vorstellen können, schauen Sie sich Filme und Wochenschauen aus den 1940ern an, arbeiten Sie sich durch die Tageszeitungen. Oder lesen Sie George Orwells 1984, in dem er genau so eine Welt beschreibt, in der sogar die Sprache massiv verändert wird, um vom immerwährenden Krieg abzulenken, um eine schöne, heile Welt weit weg von den Schlachtfeldern zu zeigen.

Den täglichen Wahnsinn auf deutschen Strassen bekommen wir als Nachricht serviert, einmal im Jahr, wenn die Statistiken vorliegen, sowie bei einem

Achtung!

aussergewöhnlichen Unfall, meist ausserorts, oft auf Autobahnen – wo am wenigsten passiert. Zugunglücke oder Flugzeugabstürze sind viel seltener und darum allein eine Nachricht wert. Zusätzlich bieten sie einen erhöhten Schauerwert, da ein Unfall zu vergleichsweise vielen Opfern führt. Was auch die Definition für ‘aussergewöhnlich’ für den Unfall im Strassenverkehr wäre.

Kurz zur Erinnerung: Bisher acht – 8 – Tote beim Zugunfall nahe Bad Aibling, jeden Tag neun – 9 – Tote im Strassenverkehr.

Notes:
1. 10. Februar 2016: Der Klarheit wg. aus ‚Tote‘ ‚Verkehrstote‘ gemacht.
2. Die Ähnlichkeiten sind nicht zufällig, sie liegen nicht zuletzt in der Arbeits- und Veröffentlichungsweise beider Autoren.

Nach dem Abitur habe ich an der Universität Hamburg Anglistik, Amerikanistik, Soziologie und Philosophie studiert. Den Magister Artium machte ich 1992/93, danach arbeitete ich an meiner Promotion, die ich aus verschiedenen Gründen aufsteckte. Ich beschäftige mich meist mit drei Aspekten der Literatur: - soziologisch [Was erzählt uns der Text über die Gesellschaft] - technisch [Wie funktioniert so ein Text eigentlich] - praktisch [Wie bringen wir Bedeutung zum Leser] Aber auch theoretische Themen liegen mir nicht fern, z.B. die Frage, inwieweit literarische Texte außerhalb von Literatur- und Kunstgeschichte verständlich sein müssen. Oder simpler: Für wen schreiben Autoren eigentlich?

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Im Krieg und der Phase der Aufwiegelung zum Krieg wird der Feind dämonisiert und als Unmensch und Ungeziefer dargestellt – so geschehen in den Jugoslawienkriegen oder beim Bürgerkrieg in Ruanda. Auch die Juden wurden vor dem Krieg vom Stürmer jahrelang dämonisisert. Dass Nachrichten, Film und Literatur darüber [über den Krieg] wenig Worte verlieren und im Gegenteil eine heile Welt aufbauen“ kommt auch vor, gelingt aber heute meistens nicht, weil der heutige Krieg kaum noch geschützte Bereiche zulässt und Nachrichten von der Front bis ins sichere Heimatland vordringen (z.b. von Vietnam in die USA).

    Zustimmen kann ich zu „Nachrichten sind Dinge, die nicht jeden Tag passieren“ und „sollten sie eine Relevanz für die Zukunft haben“

    Positive Nachrichten sind tatsächlich Nicht-Nachrichten, wenn sie nur ein positives Weltbild aufrechterhalten sollen und keine eigentlichen Nachricht übermitteln.
    In jedem Fall schafft regelmässiger Nachrichtenkonsum aber ein Weltbild. Dazu gehört das Bild über die Verhältnisse in anderen Ländern. Wie die Braslianer oder Engländer sind das haben die meisten über die Tagesnachrichten und ein paar Hintergrundsartikel und -sendungen, aufgenommen. Sehr tief geht dieses so geschaffene Bild aber meist nicht.
    Bessere Medien liefern hier ein tieferes, differenzierteres Bild. Gute Medien dürfen auch positive Nachrichten vermitteln, wenn diese Nachrichten zum Verständnis unserer Welt beitragen und klar machen was erreicht wurde. Solche positive Nachrichten wären etwa die Veränderung der Lebenserwartung in den letzten 100 Jahren aufgeschlüsselt nach Regionen oder die Entkriminalisiserung der Homosexualität.
    Nachrichten, ob positiv oder negativ, sind immer auch ein Anlass, ein Anstoss , sich noch weiter zu informieren.Heute ist das weit einfacher als früher. Wer von Luftangriffen auf Aleppo liest, kann sich heute in wenigen Minuten ein gutes Bild machen, etwas was noch vor 20 Jahren schwierig gewesen wäre.

  2. Ich frage mich, wann eine Nachricht gut ist und wann sie schlecht ist.

    Wenn ein Flugzeug abstürzt und wie durch ein Wunder bleiben alle Insassen unverletzt – ist das dann eigentlich eine schlechte (Flugzeugabsturz) oder eine gute Nachricht (keine Folgen)? Gefühlsmäßig würde ich das eher unter die schlechten Nachrichten einordnen – wir sprechen ja auch vom Glück im Unglück und seltener vom Unglück im Glück.

  3. Den täglichen Wahnsinn auf deutschen Strassen bekommen wir als Nachricht serviert

    Ist das denn wirklich Wahnsinn oder nur der Tatsache geschuldet, dass jeden Tag unfassbar viele Menschen unterwegs sind? In Deutschland gibt es derzeit rund 3.000 – 4.000 Verkehrstote pro Jahr. Das ist immer noch zuviel, aber die Zeiten, da diese Zahl fünfstellig war, liegen noch nicht weit zurück.

    Wenn nun Nachrichten vor allem aus Krieg und Katastrophen und Verbrechen bestehen, sagt mir das, dass wir alles in allem in einer recht ruhigen Welt leben. Das ist ein abstrakter Gedanke, der den betroffenen Menschen nicht hilft, der uns aber einordnen lässt, wie es wirklich um Deutschland, Europa und die Welt steht.

    Dem stimme ich zu, s. auch Steven Pinker, „Gewalt“.

  4. Zitat: Nachrichten bleiben besonders weil sie umso mehr Information transportieren, je mehr sie sich vom Rauschen unterscheiden, je weniger erwartet die Nachricht also ist. Was man ohnehin schon weiss oder was sich aus den üblichen Schlussfolgerungen ergibt, ist keine Nachricht – auch nicht im informationstheoretischen Sinn.

    Nachrichten unterscheiden sich aber nicht nur im Informationsgehalt, sondern auch in der Informationsebene, Verbrechen, Unfälle, Wetter- und Verkehrsgeschehnisse (Stau auf der …) sowie gesellschaftlicher Klatsch bilden die unterste Ebene. Ereignisse auf dieser untersten Ebene sind einer tieferen Analyse nicht wert und haben keine Folgen für die Zukunft.
    Eine höhere Nachrichtenebene ist erreicht, wenn das Geschehnis uns etwas anders einschätzen lässt oder gar unser Weltbild verändert. Der jüngste „islamistische“ Terrorakt in Paris kann etwa als Vordringen von Unsicherheit und Krieg bis nach Europa interpretiert werden. Noch höhere Informationsebenen sind erreicht, wenn sie uns Strukturen unserer Welt sichtbar machen, die wir vorher nicht wahrgenommen haben.