Die größte Gefahr für einen Astronauten besteht darin, zu ertrinken

1. Brief                          Bloggewitter_Kinder_logo

Lieber Max,

erinnerst Du Dich noch an Deine Frage letztes Jahr? Bei meiner Geburtstagsfeier in Bernau am Chiemsee? Ich meine jetzt nicht die, ob Badstuber oder Mertesacker der bessere Verteidiger ist. Auch nicht die, was mehr wiegt, ein Kilo Blei oder ein Kilo Wolle (haha, Scherzkeks). Und auch nicht die, ob sich Nutella gut als Pizzabelag eignet (An der Stelle waren wir getrennter Meinung, wenn ich mich recht entsinne, mir war irgendwie Salami lieber).

Bild: Credit Piero Masztalers Cartoons. Mehr von Masztalers superlustigen Cartoons hier: http://www.schoenescheisse.de/tag/astronauten/

Bild Piero Masztaler. Mehr von Masztalers superlustigen Cartoons gibt es hier.

Nein, ich mein eine andere Frage. Die Frage nämlich: was ist das Gefährlichste für einen Astronauten bei einem Raumflug? Ich glaube, ich hab einfach nur so hergebetet, was man so in der Zeitung liest, oder was man in diesen lausigen Dokumentationen auf NTV sieht. Dort werden die Astronauten nämlich immerzu gebraten. Entweder durch eine Explosion der Rakete beim Start. Oder durch die Strahlung im Weltraum. Oder durch Verglühen in der Erdatmosphäre. Bei NTV gibt es dazu noch dauernd Explosionsgetöse und diese „Wutsch-Geräusche“ wenn etwas schnell fliegt. Bei der Zeitung muss man sich die Feuerbälle und das „wutschen“ selber dazu denken.

Ich hab aber jetzt ein paar Monate nachgedacht und bin zu meiner definitiv ultimativen Schlussfolgerung in dieser Frage gekommen. Die lautet: Die größte Gefahr für einen Astronauten besteht darin, zu ertrinken. Die zweitgrößte besteht darin, die Taucherkrankheit zu bekommen. Bei der drittgrößten bin ich mir nicht so ganz sicher, aber es könnte Hitzschlag sein, Schwermut (da sagt man heute Depression dazu) oder eine Sache, die ich jetzt mal den Wohngemeinschafts-Effekt nenne.

Um Dir das zu erläutern, werde ich Dir in der nächsten Zeit einige Briefe schreiben. Im Abstand von einer Woche, damit es Dir nicht zu viel auf einmal wird. (Ups, Du hast mich durchschaut. Du könntest natürlich locker viel mehr lesen. Es sollte natürlich eher heißen: damit es MIR nicht zu viel wird.

Am besten fangen wir mit der Geschichte mal ganz unten an. Oder fast ganz unten.

Bereits in 5.500 Meter Höhe ist die Luft nur noch halb so dick wie am Chiemsee oder bei euch daheim in Kehlheim. Spätestens ab 9.000 Metern macht unser Körper schlapp. Da ist die Luft so dünn, dass wir nicht mehr genügend Sauerstoff bekommen. Ein paar Stunden in dieser Höhe, und wir sind tot. Da oben können es nur noch Leute wie Reinhold Messner oder Gerlinde Kaltenbrunner für eine kleine Weile aushalten. Man nennt das deshalb die TODESZONE Klingt gruslig. Ist gruslig. Und stimmt.

Bis etwa 12.000 Meter hilft noch eine Sauerstoffmaske (natürlich nur mit Sauerstoff. Maske alleine bringt gar nix, außer dass es krass aussieht). Aber auch damit wird dann bald der Luftdruck zu niedrig, um damit richtig atmen zu können. Oberhalb von 19.000 Metern müssen Menschen einen Druckanzug tragen, das ist eine sparsamere Ausführung von einem Raumanzug. Am besten ist aber auch da schon ein richtiger Raumanzug.

Eigentlich beginnt der Weltraum schon in der Höhe, in der Du mit Deinen Eltern jedes Jahr nach Malaga fliegst. Also in etwa 12.000 Metern Höhe. Nur 10 Zentimeter rechts von Deinem Fensterplatz im Flugzeug könntest Du keine zwei Minuten lang überleben, so kalt ist es da draußen und so dünn ist die Luft. Tatsächlich fliegst in deinem gemütlichen Airbus A 320 schon durch 80-prozentigen Weltraum.

Der RICHTIGE Weltraum beginnt aber erst in 100 Kilometern Höhe. Das ist jetzt nicht so, dass der liebe Gott mit dem Lineal eine Linie gezogen und ein Schild aufgestellt hat auf dem steht: „Obacht: Ab hier Weltraum. Beschweben auf eigene Gefahr“. Auf die Sache mit den 100 Kilometern ist ein Physiker namens Theodore von Kármán gekommen, und die meisten anderen Leute fanden das eine klasse Idee und deswegen blieb das so. (Die Strichelchen auf den beiden a’s in seinem Namen bedeuten übrigens, dass Du da betonen musst. KArmAn). Aber irgendeine besondere Bedeutung haben die 100 Kilometer eigentlich nicht. Man hat es vor allem wegen der schicken runden Zahl genommen. Es hätten auch genauso gut 82,5 Kilometer sein können oder 125,3 Kilometer. Da wär auch nicht weniger Weltraum gewesen. Wie auch immer: die Linie, die eigentlich der liebe Gott hätte ziehen sollen, heißt deswegen heute ihm zu Ehren die „Kármán -Linie“.

Um im Weltraum forschen und arbeiten zu können, müssen Menschen ihre Umwelt mitnehmen. Und damit meine ich nicht den Kaktus, die Petunie und die Frösche aus dem Gartenteich, sondern vor allem ihre Atembedingungen. Das geschieht mit Hilfe des Lebenserhaltungssystems des Raumschiffes. Das Lebenserhaltungssystem besteht aus mehreren Geräten, die dafür sorgen, dass immer frische Luft da ist, die richtige Temperatur und Luftfeuchtigkeit herrscht und giftige Stoffwechselgase, Käsefüßegeruch und Pupser aus der Luft beseitigt werden, und dass am Ende wieder alles frisch nach Pfefferminz riecht und sich die Astronauten rundum wohlfühlen.

Jetzt ist es aber so, dass die Astronauten nicht immer im Raumschiff drinnen bleiben und sich dort wohlfühlen können. Manchmal müssen sie auch dringend raus. Und das nicht etwa, um aufs Kloo zu gehen, sondern zum Forschen, Bauen und Reparieren. Und damit fangen ernsthafte Probleme an.

Wenn Du nämlich Dein Raumschiff in Jeans und kurzem Hemd verlassen wolltest, dann käme es nacheinander zu folgenden nicht besonders angenehmen Ereignissen:

  • Innerhalb von Sekunden würde explosionsartig alle Luft aus Deinem Körper entweichen.
  • Aufgrund des nicht vorhandenen Luftdrucks würde das Blut und alle Körperflüssigkeiten zunächst kochen, aber schon fast in derselben Sekunde gefrieren.
  • Alles Körpergewebe würde wegen der darin enthaltenen Flüssigkeiten ausdehnen.

Immerhin, es wäre ein relativ gnädiges Ende. Bis auf die ersten fünfzehn Sekunden natürlich, in denen Du Deinen Untergang bei Bewusstsein miterleben würdest. Nach etwa einer Minute wäre aus Dir ein bis zur Unkenntlichkeit entstelltes, beinhart gefrorenes Stück Fleisch geworden, gegen das der tiefgefrorene Kabeljaurücken vom Bofrost noch richtig schick aussieht.

Somit ist eines klar: um sich im Weltraum außerhalb eines schützenden Raumschiffes aufhalten zu können, muss man entweder ein Selbstmörder mit Hang zum Besonderen sein, oder aber man muss die passenden Klamotten zur Hand haben. Und die Bekleidungsvorschriften im Weltraum erlauben nichts anderes als einen Raumanzug.

Der erste Raumanzug kam übrigens mit dem Post.

Nein, das ist jetzt kein Fehler. Ich hab nicht das Geschlechtswort falsch geschrieben. Der Raumanzug kam nämlich nicht mit DER Post sondern er kam mit WILEY Post. Sein Name spricht sich „Wei-lie Po-ust“. Das war ein Amerikaner, der ein bisschen wie ein Pirat aussah, denn er hatte nur ein Auge. Und irgendwo passte das auch zu ihm, denn er war tatsächlich ein ziemlich wilder Kerl. Aber das erzähl ich Dir im nächsten Brief. In der Zwischenzeit kannst Du schon den Namen ein üben. Und Dich schon mal zum Thema Raumanzüge einlesen. Wenn Du diesen (HIER DRAUFKLICKEN) Beitrag von Ute Gerhard liest, erfährst Du schon einiges über diese Dinger und wie man sie verwendet.

So, ich muss jetzt Schluss machen. Und ich sehe, dass ich der Beantwortung der Frage, warum die größte Gefahr für einen Astronauten darin besteht, zu ertrinken, noch nicht besonders nahe gekommen bin. Und ich fürchte, dass ich im nächsten Brief überhaupt erst einmal berichten muss, warum die möglicherweise drittgrößte Gefahr für einen Astronauten im Weltraum darin besteht, einen Hitzschlag zu erleiden. Und auch das nur, wenn nach der Geschichte von DEM Post noch Platz ist. Schau mer mal, und bis in Kürze.

Mit spacigen Grüßen

Dein Onkel

Eugen

 

P.S. Und hier geht’s zum zweiten Brief, und hier zum Dritten.

 

Eugen Reichl

Ich bin Raumfahrt-Fan seit frühester Kindheit. Mein Schlüsselerlebnis 1963. Ich lag mit Masern im Bett. Und im Fernsehen kam eine Sendung über Scott Carpenters Mercury-Raumflug. Dazu der Kommentar von Wolf Mittler, dem Stammvater der TV-Raumfahrt-Berichterstattung. Heute bin ich im "Brotberuf" bei Airbus Safran Launchers in München im Bereich Träger- und Satellitenantriebe an einer Schnittstelle zwischen Wirtschaft und Technik tätig. Daneben schreibe ich für Print- und Onlinemedien, u.a. für Astronomie Heute, Raumfahrt Concret und vor allem für mein eigenes Portal, "Der Orion", das ich zusammen mit meinen Freundinnen Maria Pflug-Hofmayr und Monika Fischer betreibe. Ich trete in Rundfunk und Fernsehen auf, bin Verfasser und Mitherausgeber des seit 13 Jahren erscheinenden Raumfahrt-Jahrbuches des Vereins zur Förderung der Raumfahrt (VFR). Aktuell erschien in diesen Tagen beim Motorbuch-Verlag "N1 - Moskaus Mondrakete". Bei diesem Verlag sind in der Zwischenzeit insgesamt 16 Bücher von mir erschienen, zwei davon werden inzwischen auch in den USA verlegt. Daneben halte ich etwa 20 mal im Jahr Vorträge bei den verschiedensten Institutionen im In- und Ausland. Mein Leitmotiv stammt von Antoine de Saint Exupery: Wenn du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Menschen zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge zu verteilen und Arbeit zu vergeben, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem weiten unendlichen Meer. In diesem Sinne: Ad Astra

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Eugen Reichl

    Vielen Dank, Walter und Mona. Ich werde am Ende der kleinen Serie die ich hier geplant habe, in einem Extrabeitrag auf die Ergänzungen, Hinweise und Berichtigungen eingehen. Aber zunächst kann ich den Lesern nur empfehlen, sich in den von Walter und Mona genannten Seiten umzusehen. Die „Ask Ethan“ Seite ist ja echt gruslig. Ich finde da auch bestätigt, wie im „Brief“ oben erzählt, dass man nach etwa 15 Sekunden bewusstlos wird. Gruslig finde ich auch, dass man tatsächlich Tierversuche durchgeführt hat, um das auszuprobieren, wenngleich es immerhin schon ein halbes Jahrhundert her ist.
    Monas Link ist sehr informativ und eine schöne Lektüre für einen grauen Sonntagvormittag. Und es bereitet schon ein wenig auf Wile Post vor, über den ich im nächsten Beitrag etwas erzählen werde.

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