Shu – Ha – Ri, die drei Stufen der Meisterschaft

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Wahrheiten als Querdenkerisches verkleidet, von Gunter Dueck
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Über dieses Thema habe ich schon einmal geschrieben (ausführlicher im Kolumnenband Jahrmarkt der Futuristik). Jetzt kam ich durch einen Leserbrief wieder darauf zurück. Als ich neulich „Bäume sollen nicht dem wechselnden Licht nachwachsen, sondern nach oben in den Himmel“ formulierte, fragte jemand, was ich denn mit „Himmel“ genau meinte. Das ist eigentlich sonnenklar, aber so ganz und gar nicht explizit, nicht wahr?

„Himmel“ ist „Ri“.

Es geht um die drei Stufen des Lernens in der japanischen Kampfkunst. Die heißen Shu, Ha und Ri. Es bedeutet so etwas wie Lehrling, Geselle und Meister, wahrscheinlich aber eher wie Lernender, Meister und Großmeister. Okay, ich drücke es so aus wie in Japan:

1.    Shu (Level1): „Gehorche.“ Grundlagen, Einführungen, Regeln, Techniken – die werden gelernt und stur eingeübt, immer wieder, ganz diszipliniert – ohne Abweichungen oder Kompromisse etwa an die eigenen Talente oder die Persönlichkeit. Diese Techniken stammen von den großen Meistern der Vorzeit, sie sind erprobt und gut (Am Ende von Level 1 steht der Erwerb des Black Belt.).
2.    Ha (Level 2): „Probiere.“ Durch Experimentieren mit anderen oder neuen Formen entwickelt sich nun ein eigener Stil. Man findet zu eigenen Formen und Techniken. Der einstige Schüler wird erwachsen – er unterwirft sich nicht mehr wie als zu trainierendes Kind den rigiden Regeln. Als Meister erwirbt der die höheren Schwarzgürtelgrade.
3.    Ri (Level 3): „Verlasse.“ Der wahre Großmeister befreit sich – löst sich von der Form, den Lehren und von den Stilen seiner Lehrer (es bleiben trotzdem seine Lehrer, aber so wie der Großvater den Vater noch lehrt).

Die Regeln auf dem ersten Level werden als quasi unveränderlich gesehen, so wie ein angehender Theologe erst einmal die ewige Bibel „auswendig lernt“.
Soll ich es noch einmal im Rahmen der Kochkunst erklären? Die unterste Stufe ist das Tütensuppenniveau: Man bereitet eine Mahlzeit exakt nach der Verpackungsvorschrift oder dem Rezept zu. In Stufe 2 variiert man die Zutaten, versteht die Rezepte als Grundvorschrift, die je nach Saison und Esser einen neuen Stil bekommen. Der ***Meister aber kennt keine Rezepte mehr und kocht Wundervolles.

So stellt man sich eben auch Bildung vor. Erst wird gnadenlos eingetrichtert (bis zum Abitur oder auch noch bis zum Master), aber schon während der Promotionszeit dürfen manche von uns einen eigenen Stil finden (wenn die nicht auch noch wie Schüler behandelt werden), danach mag man ein Genie werden. Die Vorstellung ist, dass erst die bewährten Grundlagen ins Hirn müssen. Erst Shu. Ziemlich lange Shu. Selbst die Universitäten sind heute vershut (das waren sie früher nicht; man studierte viel länger, hatte aber die Chance zum Level Ha).

Es gibt auch die andere Richtung. Das ist die Industrialisierung oder Callcenterisierung. Heute wird alles, was ohne Hilfsmittel nur Meister können (Vermögensberatung, Steuerberatung, medizinische Diagnose etc.), vom Ha-Level aus shuisiert. Man ersetzt Können und Gefühl durch Regeln, Rezepte, Computervorschriften, Computerdiagnosen und Conduct Codes. Das freundliche Lächeln von Tante Emma wird nun als antrainiertes „Hallo“ an der Kasse dargeboten. Kein Ri mehr („Ausstrahlung“), kein Ha (echte Freundlichkeit). Viele Manager, Betriebswirtschaftler und Berater leben von der Shuisierung von großen Ideen.
Sie suchen wie Trend Scouts, ob irgendwo ein Genie eine tolle Idee hatte – die schlachten sie sofort aus, indem sie sie auf großer Skala global shuisieren. Sie führen Standards ein und schulen. Sie macdonaldisieren und aldisieren.

Auf der anderen Seite wollen sich viele nach oben weiterentwickeln und ein Meister, Künstler, Unternehmer, Sportstar oder Model werden. Sie fallen dann meist auf Coaches und Lehrer herein, die ihnen weismachen, dass man alles wie ein Handwerk erlernen könne. Besonders viele Ratgeber verheißen das mögliche Erreichen des Ziels durch einfache Lektüre und ein bisschen Mitmachen. Dann werden die hoffnungsvollen Schüler auf der Stufe Shu traktiert, weiter passiert nichts.

Es gibt nur wenige Meistertrainer, die jemanden auf Stufe Ri bringen könnten – und das verlangt meistens trotz aller Übung neben großem Talent auch noch Jahre an Anstrengung und eine gewisse Geisteshaltung, wie ich sie bei Musashi, dem größten aller Samurai in etwa so gefunden habe: „Übe, als seiest du für die Neuentwicklung der Lehre selbst verantwortlich.“ – „Tue dies, als könnte es niemand anders tun.“

Gerald Hüther sagt ja immer, jedes Kind sei irgendwo hochbegabt. Ich finde es so: Viele Kinder haben eine geniale Stelle, an der sie bei Resonanz mit einem Etwas, einem Menschen oder einem Sachgebiet, eine Anlage zur Stufe Ri haben. Die müsste man fühlen können und das Kind an dieser Stelle individuell entwickeln. Und das Kind würde in einen leidenschaftlichen Rausch verfallen und üben, als sei es für die Gründung der Lehre selbst verantwortlich. Das ist Sehnsucht nach Ri. Das Kind würde in der normalen Schule eine Menge auf der Stufe Shu lernen, aber es weiß an (s)einer Stelle, was Ri ist. Und dahin wächst es als Persönlichkeit, und alles wird gut. Aber ausschließlich Shu bis zum 25. Jahr? Das wird zu spät sein.

Wenn sie das aber einem ehrgeizigen Shu-Manager zu erkennen geben, dann liest er wohl mit seinen Augen diesen Text: „Übe so hart, als könnte es niemand sonst außer dir selbst.“ Aber er übersetzt es dann doch wieder, von Ri in Shu: „Du musst bereit sein, ungezählte Überstunden zu machen.“ Und dann durchzieht mich unsäglicher Kummer. Shu-Chefs sind keine Ri-Leader. Sie verstehen den Unterschied nicht. Shu-Menschen schauen nach der Sonne und verstehen den Himmel nicht.

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www.omnisophie.com

Bei IBM nannten sie mich "Wild Duck", also Querdenker. Ich war dort Chief Technology Officer, so etwas wie "Teil des technologischen Gewissens". Ich habe mich viel um "artgerechte Arbeitsumgebungen" (besonders für Techies) gekümmert und über Innovation und Unternehmenskulturen nachgedacht. Besonders jetzt, nach meiner Versetzung in den Unruhestand, äußere ich mich oft zum täglichen Wahnsinn in Arbeitsumgebungen und bei Bildung und Erziehung ein bisschen polarisierend-satirisch, wo echt predigende Leidenschaft auf Stirnrunzeln träfe. Es geht mir immer um "artgerechte Haltung von Menschen"! Heute bin ich als freier Schriftsteller, Referent und Business-Angel selbstständig und würde gerne etwas zum Anschieben neuer Bildungssysteme beitragen. Ich schreibe also rund um Kinder, Menschen, Manager und Berater - und bitte um Verzeihung, wenn ich das Tägliche auch öfter einmal in Beziehung zu Platon & Co. bringe. Die Beiträge hier stehen auch auf meiner Homepage www.omnisophie.com als pdf-download bereit. Wer sie ordentlich zitiert, mag sie irgendwo hin kopieren. Gunter Dueck

4 Kommentare

  1. Merke: nur weil einer redet wie ein Meister, sich benimmt wie ein Meister, muss er noch lange kein Meister sein. Die Nachahmer können den Unterschied aber nicht erkennen, ausser vllt. am Verhalten des doch-nicht-Meisters, wenn er mit unüblichen Fragen und nicht vorgesehenen Situationen konfrontiert wird.

  2. Man lernt gerüchteweise ja nie aus.

    Und so verfolgt einem das Shu bis ins Grab.

    Ungünstig ist es immer, wenn man keinen Meister an seiner Seite hat. Denn dann muß man für sich das Meisterhafte vorwegnehmen. Etwa so, dass einem vor der Erlangung der Meisterhaftigkeit in der Kunst schon ein Meister in sich selbst simmulieren muß, der einem den Weg weisst die Kunst zu erlernen. Das mag zuweilen funktionieren. Auf Dauer aussichtslos – wahrscheinlich.

  3. Professionalisierung heisst ja, dass man auf Meister und Genies nicht mehr angewiesen ist. Denn man kann nur das überschaubare, nachvollziehbare, in ein Lehrbuch passende, professionalisieren. Ein Sherlock-Holmes hilft der Kriminalistik als Fach nur etwas, wenn sein Wissen , seine Methoden und sein Vorgehen “operationalisierbar” sind.
    Es gibt eine abgeschwächte Form der Meisterschaft, die im Alltag, für Erfolg und Sinngebung wesentlich wichtiger ist echte Meisterschaft. Das ist die Verbindung der eigenen Person mit der Profession. Wer eine Aufgabe, eine Profession voll wahrnehmen will, der kann sie nicht von der eigenen Person trennen. Er muss auch als Person wachsen um seiner Aufgabe voll gerecht werden zu können. Ein Grundschullehrer beispielsweise kann die Unterrichtsleitlinien, Lernziele und Unterrichtseinheiten nicht rein nach Lehrbuch unter Absehen seiner Person umsetzen. Wenn er es trotzdem tut, bleibt er unglaubwürdig. Gerade und speziell heute wo die Schule zunehmend auch gesellschaftliche Fragen abdecken will.

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