Der Inquisitor und der Manager

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Wahrheiten als Querdenkerisches verkleidet, von Gunter Dueck
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Der Großinqusitor sagte zum Manager, der beim Foltern eines Gefangenen erschauerte: „Solange die Angeklagten noch schreien, gibt es Potential. Wenn sie erst einmal schweigen, gestehen sie nichts mehr. Dann ist das Spiel für beide Seiten unglücklich gelaufen.“ Schrille Angst erfüllte die Gruft, ein Quetschen war zu hören.

Und er fuhr ungerührt fort: „Früher haben wir die Anklagen gegen die vielen Menschen selbst vorbereitet und geführt. Das ist furchtbar viel Arbeit. Heute lassen wir wahllos die scheinbar unschuldigsten Menschen unter Folter die Anklage selbst finden. Der Aufwand und die Mühe für uns sanken beträchtlich.“

„Und kommen dabei genug Anklagepunkte zusammen?“, fragte der Manager den Großinqusitor.

„Wir haben unsere Methoden so perfektioniert, dass wir praktisch jeden zu Recht anklagen können. Wir könnten die Inquisitoren noch durch Maschinen ersetzen. Wissen Sie, wir sind zu wenige in der Führungsschicht. Wie halten Sie es in Ihrem Unternehmen?“

„Ich? Wir? Sind wir eine Anklagebehörde?“ Der Manager schaute ratlos.

„Haha, Sie schauen doch immer am Jahresende, ob die Mitarbeiter genug geleistet haben und dann denken Sie sich unter endlosen Mühen neue Arbeitsaufträge und Ziele für alle Ihre vielen Mitarbeiter aus und verkünden sie ihnen. Das ist doch entsetzlich!“

„Das ist normales Management, Signore Cruentatore. Die Ziele wollen sorgfältig erwogen sein. Management ist ein anspruchsvoller Job, den wir sehr ernst nehmen.“

„Management! Papperlapapp! Sie verschließen sich dem Fortschritt! Warum beschimpfen Sie die Mitarbeiter nicht tüchtig, dass sie so elend schlecht gearbeitet haben? Dass sie die Ziele nicht annäherend erfüllten?“, lachte der Großinquisitor.

„Manche haben doch die Ziele erfüllt – soll ich da etwa schimpfen? Ich tu das nicht!“

„Oh Sie Einfaltspinsel! Sie müssen natürlich unerreichbare Ziele setzen, irgendwelche, die Sie aus der Luft greifen. Dann erniedrigen Sie auf dieser Basis alle Mitarbeiter. Sie können das natürlich nicht tun, wenn die Ziele erreichbar waren. Das wäre dumm.“

„Und dann?“ Der Manager wurde neugierig.

„Das Erniedrigen ist wie das Foltern bei uns, das verstehen Sie nicht, he? Na? Dann weinen die Mitarbeiter und heulen. Jetzt aber geben Sie ihnen einen hellen Schimmer der Hoffnung. Sie fragen die Mitarbeiter, was denn eigentlich der Erreichung der Ziele im Wege stand. Das wollen Sie von Ihnen wissen – und Sie versprechen, sie dann laufen zu lassen. Aber nicht etwas schwamming Allgemeines, sondern etwas, was die Mitarbeiter selbst betrifft. Sie werden staunen, wie sie sich vor Ihnen auskotzen und allen Dreck aus der Firma auftischen. Es ist wie der Eiter und das schwarze Blut hier“, und dabei deutete er mit dem Kopf zur Seite, wo der Gefangene gerade ein zähes Geständnis ausspuckte. „Das muss eine große Freude sein. Und nun, wenn alles draußen ist, fragen Sie ihn, was der Mitarbeiter SELBST unternommen hat, dass der Erreichung seiner Ziele NICHTS entgegenstand.“

Der Manager wusste sofort: „Nichts haben sie unternommen, die Mitarbeiter, gar nichts!“ – „Na, das ist eben ihre Schuld! Dazu doch die Erniedrigung! Da haben Sie doch Ihre Anklagepunkte! Und nun schicken Sie die Mitarbeiter wieder mit denselben unerreichbaren Zielen weg. Als Schwerstbürde für das nächste Jahr! Dann werden die Mitarbeiter kreativ und erledigen alles, so gut sie können – natürlich ohne das Ziel zu erreichen. Das Ziel darf nur nicht so sehr hoch sein, dass sie apathisch werden.“ Der Großinquisitor zeigte wieder auf den Gefangenen. „Sonst läuft es unglücklich für beide Seiten.“

Der Manager verstand: „Ich muss also nur Mondziele erfinden! Keine konkret ausgearbeiteten! Das ist ja toll. Am besten ein Teamziel in den Sternen für alle zusammen, sollen sie doch sehen, wie sie es hinbekommen! Und ich bin die Mühe los, die Arbeit einzuteilen und zu organisieren! Hey, da kann ich jetzt manchmal vielleicht einen Tag im Jahr Urlaub nehmen! Im Grunde braucht man mich ja gar nicht mehr, weil ich jetzt keine ehrliche Arbeit mehr erledige!“

„Sag ich ja“, schloss der Großinquisitor. „Wir hier ersetzen alles durch Maschinen.“

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Bei IBM nannten sie mich "Wild Duck", also Querdenker. Ich war dort Chief Technology Officer, so etwas wie "Teil des technologischen Gewissens". Ich habe mich viel um "artgerechte Arbeitsumgebungen" (besonders für Techies) gekümmert und über Innovation und Unternehmenskulturen nachgedacht. Besonders jetzt, nach meiner Versetzung in den Unruhestand, äußere ich mich oft zum täglichen Wahnsinn in Arbeitsumgebungen und bei Bildung und Erziehung ein bisschen polarisierend-satirisch, wo echt predigende Leidenschaft auf Stirnrunzeln träfe. Es geht mir immer um "artgerechte Haltung von Menschen"! Heute bin ich als freier Schriftsteller, Referent und Business-Angel selbstständig und würde gerne etwas zum Anschieben neuer Bildungssysteme beitragen. Ich schreibe also rund um Kinder, Menschen, Manager und Berater - und bitte um Verzeihung, wenn ich das Tägliche auch öfter einmal in Beziehung zu Platon & Co. bringe. Die Beiträge hier stehen auch auf meiner Homepage www.omnisophie.com als pdf-download bereit. Wer sie ordentlich zitiert, mag sie irgendwo hin kopieren. Gunter Dueck

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