Baby Innovation

BLOG: WILD DUECK BLOG

Wahrheiten als Querdenkerisches verkleidet, von Gunter Dueck
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„Was ist das, Innovation, Kurt?“ – „Wieso, Hedwig?“ – „Hier steht, sie haben ein Erkältungseis erfunden. Es ist blau gefroren, schmeckt aber frostsicher und soll die lockere Zunge lösen.“ – „Das ist wirklich eine Innovation, Hedwig, etwas Neues.“ – „Wir sollten auch mal was Neues anfangen.“ – „Denkst du an eine neue Stellung?“ – „Nein, ich wünsche mir ein Baby.“

„Wozu brauchen wir eins? Wir haben kaum was zum Leben.“ – „Die Meiers haben sogar ganz und gar nichts zu fressen, aber sie ziehen sich jetzt schon jahrelang zwei Kinder auf, damit die Abitur machen und für sie arbeiten. Sie haben diese Idee damals in einem Ferienprospekt gelesen. Wir arbeiten noch mühselig selbst und verdienen eigentlich unser Leben nicht. Ein Baby ist doch so etwas wie eine Innovation, oder?“ – „Ja, ja, Hedwig, aber zur Innovation gehört leider immer eine Investition. Bevor du Geld scheffelst, musst du erst etwas Neues bauen.“ – „Das meine ich ja. Ein Baby mit Abitur.“ – „Aber das dauert fast 20 Jahre. Werden wir das durchhalten?“ – „Ja. Wenn man es erst mal hat, muss man es doch.“ – „Aber überleg mal, es bringt im ersten Quartal keinen Profit und kostet. Im zweiten auch nicht. Wie viele Quartale bis zum Abitur? Moment, pfui, der Taschenrechner ist schleimig, was ist das?“ – „Ich habe ausgerechnet, wie viele Eier ich aufschlagen muss, damit ich vier Eigelb und vier Eiweiß bekomme.“ – „Aha. Acht Eier wär’ auf der sicheren Seite. Warte mal. Ich drücke für jedes Schuljahr viermal plus und zähle …uuih. 75. Du, Hedwig, in unserer Niedriglohnfirma lebt keiner 75 Quartale lang!“ – „75, du hast Recht. Ich habe in der Baumschule gelernt, dass Walnussbäume 75 Quartale brauchen. Aber ab dann nussen sie wie verrückt gratis, wie Kinder mit Abi.“

„Hmmh. Lass uns das mit dem Baby einmal nachrechnen. Nehmen wir ein Baby als Grundidee. Ich habe hier eine Liste von Fragen aus meiner Firma, wenn wir eine neue Idee haben. Dann fragt der Chef die ab, anschließend lacht er uns aus. Warte. Hier. Erste Frage: Ist die Idee neu? – Hallo, Hedwig, ist sie neu?“ – „Nein, Kurt.“ – „Haha. Haben andere Leute ähnliche Pläne wie du?“ – „Ja, Kurt.“ – „Haha. Hast du die Möglichkeit, schneller ein Baby zum Abi zu bringen als die Konkurrenz?“ – „Nein, Kurt.“ – „Ha-ha. Haha! Zum Kugeln! Ist es sicher, dass das Baby überhaupt 75 Quartale lebt und dann auch Abitur macht?“ – „Nein und nein! Was soll das, Kurt!“ – „Hahahahaha! Kann ein anderer kommen und dir das Baby wegnehmen, wenn es Profit abschlägt?“ – „Es kann heiraten und andere als uns mästen.“ – „Und dann sitzen wir leer da! Hedwig! Dann kommt so ein Fifi oder eine Tusse und heiratet uns den Gewinn von 20 Jahren weg! Das Baby ist nicht proprietär! Hedwig, können wir das Baby patentieren?“ – „Nein, Kurt, außer es sieht dir ähnlich, aber das würde keinen Profit bringen.“ – „Hahaha, schau selbst in den Spiegel. Was passiert, wenn das Baby selbst so denkt wie wir und wieder ein Baby bekommt, aber keinen Profit?“ – „Oh, Kurt! Oh Kurt! Das wäre eine Katastrophe! Das würde unser Leben ganz abtreiben!“ – „Lass mich weiter fragen: Gibt es weitere Unsicherheitsfaktoren, Hedwig?“ – „Kurt – mit normalen Kindern geht immer alles schief, das weißt du doch. Es ist volles Risiko. Du musst es wollen! Wie Meiers. Der ihre Kinder lernen wie blöde. Schau sie bloß an! Erst waren sie ganz klein und niedlich und jetzt können sie schon Baukasten und Topflappen. Man muss aus dem Neuen etwas zu machen verstehen. Deutschland braucht Innovationen, das steht in der Zeitung. Und Kinder auch, sagen sie. Viele, sagen sie! Wir kombinieren das als Doppelidee, Baby und Innovation, da haben wir auch die doppelte Chance!“ – „Doppelte Chance, das wären bei pessimistischer Schät-zung noch 38 Quartale – ich hab’s! Können wir nicht wie Madonna ein fertiges gutes Baby kaufen, was dann zum Glück gar nicht von uns abstammt? Mein Chef fragt immer – hey, wir sind mit dem Fragebogen nicht fertig! Frage: Kann man die Innovation schon billig fertig einkaufen von Leuten, die die Innovation schon zufällig gemacht haben und deren Wert nicht kennen? Wir machen dann nicht selber was Neues, sondern wir puzzeln weiter so rum wie bisher und nehmen einem Blöden sein Baby billig ab.“ – „Hoffentlich ist das Baby dann nicht blöd, aber sonst könnten wir das selbst machen. Wir könnten auch etwas Größeres adoptieren, was große Hoffnungen hat, Kurt.“ – „Einen Ministranten zum Beispiel – die sind nicht so habgierig mit dem Preis. Ja! Gut! Oder wir machen eine feindliche Übernahme von einem tollen verkannten teilbegabten Abiturienten, beleihen ihn bei einer Bank und leben vom Restgeld.“ – „Heißt das hedgen, Kurt?“ – „Ich glaube. Oder Fond, Hedwig.“ – „Kurt, Fond ist von Lacroix, das hatten wir zur Hochzeit, was Flüssiges.“ – „Man macht den Abiturienten flüssig? Kann man auch einen vergeistigten Duseldoktor kaufen, der noch an der Uni ist und gar nicht weiß, dass er je arbeiten wird? Den machen wir überflüssig!“

„Das ist zu promeniert für uns, Kurt, aber so Blagen wie bei Meiers könnten mir aber schon gefallen.“ – „Haben Meiers die Kinder einfach so ge-kriegt oder auch per Buyout bekommen?“ – „Ja! Sie hatte mit Kindern nichts am Hut, sagt sie, nur Prospekte ausgetragen. In einem stand, dass Kinder in vielen Urlaubsländern das einzige Kapital sind, weil sie dort noch keine Shareholder zu kaufen haben. Im Westen machen Kinder außerdem viel älter, so dass man was von der Rente hat, wenn du Witwe bist.“ – „Und wie machen Meiers den Kids das Abi?“ – „Habe ich sie gefragt, Kurt. Die Meier rollt – das glaubst du nicht – total eingebildet mit den Augen, als wenn sie in der Kirche wär’ und heulen müsste vor Rührung. Dann stößt sie aus: Es ist immer mein Baby, sagt sie. Es ist meine Liebe, jedes Baby.“ – „Das kostet wenigstens nichts. Im Grunde sind Meiers doof wie Bohnenstroh, lassen sich Kinder passieren und haben dann noch so däm-liches Glück mit dem Profit. Bei uns in der Firma ist einer, der redet immer von seinem lieben Baby, er meint aber sein Projekt. Er rollt die Augen. Und wir müssen erst ganz neu anfangen!“ – „Das Billigste wäre, wir kaufen jemanden wie dich, Kurt.“ – „Haha, mehr als mich hast du nie bekommen können, und so einer würde hier nur mitessen, Hedwig.“ – „Wir könnten ihn zwingen, Abitur zu machen, wenn er schon mitisst.“ – „Was schaust du mich so an?“ – „Hier steht noch eine Frage von dei-nem Chef, die hast du nicht vorgelesen! Frage: Kann die Innovation aus eigener Kraft geschafft werden?“ – „Hahaha, Hedwig! Hahahaha! Ha! Ha! Du jedenfalls nicht!“

Gunter Dueck

Veröffentlicht von

www.omnisophie.com

Bei IBM nannten sie mich "Wild Duck", also Querdenker. Ich war dort Chief Technology Officer, so etwas wie "Teil des technologischen Gewissens". Ich habe mich viel um "artgerechte Arbeitsumgebungen" (besonders für Techies) gekümmert und über Innovation und Unternehmenskulturen nachgedacht. Besonders jetzt, nach meiner Versetzung in den Unruhestand, äußere ich mich oft zum täglichen Wahnsinn in Arbeitsumgebungen und bei Bildung und Erziehung ein bisschen polarisierend-satirisch, wo echt predigende Leidenschaft auf Stirnrunzeln träfe. Es geht mir immer um "artgerechte Haltung von Menschen"! Heute bin ich als freier Schriftsteller, Referent und Business-Angel selbstständig und würde gerne etwas zum Anschieben neuer Bildungssysteme beitragen. Ich schreibe also rund um Kinder, Menschen, Manager und Berater - und bitte um Verzeihung, wenn ich das Tägliche auch öfter einmal in Beziehung zu Platon & Co. bringe. Die Beiträge hier stehen auch auf meiner Homepage www.omnisophie.com als pdf-download bereit. Wer sie ordentlich zitiert, mag sie irgendwo hin kopieren. Gunter Dueck

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