Zeit zum Denken – Pilger-Zeit

Traditionell pilgern Christen in der Karwoche nach Jerusalem oder nach Rom … und das Pilgern ist ein Ritus, der alle großen Religionen eint. Muslime pilgern einmal im Leben nach Mekka, Hindi pilgern einmal im Jahr zum Ganges, im Buddhismus gibt es wohl ähnlich zahlreiche Pilgerwege wie im Christentum. Es scheint also, dass hier ein ganz menschliches Prinzip zugrunde liegt, das alle Religionen in ihre Praktiken integriert haben. 

Als ich in Afrika unterwegs war, erlebte ich die reinigende Wirkung des Gehens selbst. Auch völlig ohne religiösen Hintergrund ist das allen Menschen zu empfehlen: In der Wüste geht man ziemlich allein. Wie heutzutage bei Covid-Beschränkungen trifft man relativ dort immer extrem selten andere Menschen. Man bekleidet sich nur mit einem laken-artigen großen Tuch, das im Wind um den Körper weht, man schläft auf einer ca. 3 cm dicken Matte (gegen Skorpione) unter freiem Himmel (3000-Sterne-Hotel) und ernährt sich von dem, was man mitnehmen kann (Nudeln, Reis) oder in Oasen unterwegs kaufen kann (Zwiebeln, Karotten, Datteln). 

Man lernt, sich auf das Wichtigste zu beschränken und auf den eigenen Körper zu achten, denn man will ja Erkrankungen und Schwächen vorbeugen. Man geht, lauscht in sich physisch und psychisch hinein und denkt entweder an gar nichts (um den Kopf frei zu kriegen) oder über die Dinge, die mehr Zeit zum Verarbeiten brauchen als man sie im Alltag hat. 

Ein paar Dromedare tragen des Wanderers kleine Reisetasche (und viel anderes Zeug, das nicht zum Wanderer gehört). Die Menschen gehen neben den Dromedaren (reiten müssen nur Kranke) oder über die Dünen, um schönere Blicke über die Landschaft zu haben.
weit und breit fast niemand – und so weit das Auge reicht: Sand
Sand und Steine – eine einzelne Pflanze, aber die ist giftig

Im Gehen denken

Wenn man in dieser leeren Weite einem Menschen begegnet, ist das einzige, das zählt, dass dort ein Artgenosse ist: ein Mensch, der ebenso einsam durch die Wüste geht. Es ist völlig egal, welche Hautfarbe, Haarfarbe, Augenfarbe, welche Religion, welches Geschlecht und welche politischen Ansichten und welche Auffassung vom Leben dieser Mensch hat. Wichtig ist nur, dass man sich einen Menschen trifft. Die erste Frage ist stets “Geht es dir gut? Brauchst du Wasser?”

Manchmal denke ich, diese Erfahrung würde jedem Menschen gut tun. 

Die meisten Menschen, die ich dort in der Wüste traf, hatten ein Problem oder eine große Entscheidung, das sie gehend mit sich selbst diskutieren wollten. Die Ruhe vor Sensationsnachrichten oder Nachrichten im Allgemeinen, kein Smartphone oder Laptop dabei zu haben und nicht alle paar Minuten von irgendwem (Familie, Kollegen) angesprochen zu werden, war es, das die Sehnsucht dieser Menschen nach der Wüste weckte: Top-Manager, Lehrkräfte von Schulen/ Berufsschulen, Journalisten … oder einfach Großstadtbewohner. Man geht und denkt und das gleichmäßige, nicht gehetzte Gehen hat etwas Meditatives. “Der Weg ist das Ziel,” d.h. Wege gibt es dort nicht, das Gehen selbst ist das Ziel.   

Nicht jede/r wagt es, irgendwo im nirgendwo ganz allein, ohne Karte und ohne GPS und HighTech zu bewegen (ist ja auch nicht ganz ungefährlich) bzw. auf sich gestellt zu wandern. Zudem sind solche touristischen Reisen derzeit ja nicht möglich.  

Pilgern können Sie auch religionslos und “vor der Haustür”

Allerdings ist derzeit der Bedarf nach Orientierung, nach der Ruhe zum Nachdenken übers eigene Leben und künftige Entwicklungen besonders groß. Wenn auch Sie sich einmal befreien möchten, denken Sie doch mal über eine Pilgerreise in Ihrer Nähe nach: Der Frühling bietet ja durch die Feiertage von Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten mehrere Gelegenheiten zu Kurzzeit-Trips. 

Man muss nicht gleich zum Extrem gehen – z.B. in der Wüste wandern oder den Mount Everest besteigen. Auch die heimischen Berge und das platte Land in Mitteleuropa bieten dazu die Möglichkeiten: Sie könnten

Der Phantasie sind da keine Grenzen gesetzt. Wichtig ist, dass man sich a) nicht stören lässt, sondern ein paar Tage den Freiraum zum Alleinsein schafft und b) sich dabei physisch und psychisch auf sich selbst konzentriert. 

Dann hat man danach auch wieder genug Kraft, sich um alle anderen zu kümmern – nicht zu viel über andere Menschen nachzudenken, sondern egal wie “du” aussieht vor allem zu fragen “brauchst du Wasser?”

Veröffentlicht von

"physics was my first love and it will be my last physics of the future and physics of the past" Die Autorin ist seit 1998 als Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik, Wissenschaftsgeschichte und Fachdidaktik (neue Medien). Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde.

5 Kommentare

  1. Schöner Beitrag, vielen Dank. Und gewiss kann man “religionslos Pilgern” – aber religionslos Denken kann frau & man nicht. Warum? Weil Denken nun mal eine geistige Tätigkeit ist. Und Geist ist nun mal eben nicht materiell – und daher naturreligiös. Anders sonst: welche Veranlassung hätte ein “Staubkorn”, über sich selbst zu reflektieren, gar noch in der Wüste? Wäre nicht logisch.

    • Klar kann man religionslos pilgern, nur ohne Spiritualität geht’s nicht – im Sinne der Logik, die unserer Intellektualität entspricht, ist geistige Reflektion seltsam, aber im Sinne der schöpferischen Spiritualität, die der mehr oder weniger Bewusststeinsentwicklung entspricht, ist es durchaus denkbar, daß auch ein Staubkorn über die Reflexion hinaus reflektiert. 🙂

      • Ganz Ihrer Meinung – obwohl hier – wie ich finde – die Begriffe etwas durcheinander geraten: warum sollte “im Sinne der Logik, die unserer Intellektualität entspricht, () geistige Reflexion seltsam” sein?

        Das geht schon allein deshalb nicht, weil – wie ich zumindest meine – Logik die einzige Instanz ist, die jenes “seltsam” konstatieren könnte.

        Spricht nicht letztlich aus Ihrem Satz die üblich gewordene Trennung der Begriffe “Spiritualität” – mit dem man sich aus der unverstandenen Religionsgeschichte retten möchte – vom “Geist”? – wie ich glaube, mit wenig Aussicht auf aussagerelevanten Erfolg.

        Will man aber die Religionsgeschichte verstehen, müsste man sich mit der Frage beschäftigen, warum der Pharao in seiner Pyramide kleine Goldfliegen, simulierte Brotleiber oder ausgestopfte Ibisvögel mit ins Grab nahm, und trotzdem nicht dumm war.

        Wahr ist jedenfalls: will das Staubkorn denken (denken ist Geist in Identität mit Spiritualität), muss zum “positiven Materialismus” – der eigentlich ein Geist-negierender ist, noch etwas Anderes, Entscheidendes dazu kommen. Und tut es Gott sei Dank auch.

        Genau das macht uns aus: auch und insbesondere in der Wüste … Mit freundlichen Grüßen!

  2. Pilgern ist etwas Besonderes. Auf dem Jakobsweg durch Nordspanien nach Santiago de Compostella. Man trifft auf dem Weg überraschend viele junge Leute. Man erkennt sie sofort am Rucksack und an der Muschel.
    Mein Cousin ist die Strecke gelaufen, nach einem Schlaganfall bei dem er halbseitig am Arm gelähmt war und das eine Bein nachzog. Nach der Pilgerroute ging es ihm wieder viel besser.
    Ich selbst bin nur eine sehr kurze Strecke gelaufen um das Gefühl zu erfahren. Wahrscheinlich war die Strecke zu kurz, deswegen erlaube ich mir kein Urteil.

    Wer etwas sinnvolles und vorallem Unterhaltsames darüber lesen will, von einem Comiker, Hape Kerkeling, mit seinem Buch „Ich bin dann mal weg.“
    Wer eine Frau fürs Leben sucht, der sollte die Pilgerreise machen. Die Frauen denken genauso.

  3. @Alleinsein mit Natur

    Der alltägliche Lebensbetrieb im Miteinander und mit Arbeit braucht Pausen. Selbsterfahrung und Naturerfahrung sind wichtig, will man sein wirkliches Leben auf diesem Planeten auch mal einfach für sich betrachten. Was ist man selbst? Wer ist denn die Natur, lebt die, und wie bin ich hier eigentlich verbunden damit?

    Dafür muss man wohl rausgehen, mit Zelt, Kocher und Vorräten sich eine Zeit nehmen allein mit der Natur. Nicht auf Leistungstour dabei gehen, und Kilometer und Höhenmeter machen. Einfach nur stückweise weitergehen, und immer neue Blickwinkel erschließen, diese dann aber erst mal in sich aufnehmen, und gründlich verweilen.

    In Skandinavien war ich früher viel unterwegs, da gibt es noch viel Platz, und man darf in der Natur zelten, was die Sache einfacher macht. Aber es tut auch mal einfach der Stadtpark um die Ecke, da ist man zwar weniger allein, kennt sich aber gut aus, und kann dieselbe Natur über die Jahre beobachten, wie sie sich entwickelt. Was zunächst an Sturmschäden Zerstörung mit sich brachte, bereichert über die Jahre dann doch den Park, die Lichtungen werden erst von Gebüsch überwuchert, um dann nach Jahrzehnten als neuer Wald den früher sauber gepflegten Park dann doch immer mehr zu einem neuen Urwald zu machen.

    Hier in Dortmund im Fredenbaumpark haben sie vor kurzem ganz viele neue Bänke aufgestellt, das ist total gut. In der Großstadt ist man ja gewohnt, andere Menschen auch einfach auszublenden, so kann man sogar in einem gut besuchtem Park Naturerfahrungen machen. Bänke sind hierbei ganz wichtig.

    Beim letzten Spaziergang habe ich noch eine Tüte voll frischer Brennnesseln mitgenommen, die sind als Gemüse kurz gekocht ganz lecker, und das beste Mittel gegen Frühjahrsmüdigkeit. Nächste Woche gehts in einen anderen Wald weiter weg, da kenn ich eine Stelle, wo Bärlauch wächst. Lauchkraut, Beinwell und Wegerich gibts erst später, auch hier im Fredenbaumpark, aber noch mehr davon am Kanal.

Schreibe einen Kommentar